Indisches Caro-Kann für Erfolgshungrige

13.09.2017 – Die Vorstoßvariante ist bei den meisten 1.e4-Spielern erste Wahl gegen Caro-Kann. Hier kann Weiß mit 4.h4 oder 4.Sc3 gefolgt von 5.g4 schnell zur Sache kommen - oder aber mit 4.Sf3 flexibel agieren. Der indische Supergroßmeister Vidit Gujrathi zeigt auf seiner zweiten Caro-Kann DVD, wie Schwarz die weißen Attacken abwehren und sein eigenes Spiel aufziehen sollte. "Im Moment ganz klar das beste Material in Sachen Eröffnungstheorie" schreibt FM Wiechert in seiner Rezension.

The Fashionable Caro-Kann Vol.2 The Fashionable Caro-Kann Vol.2

Das dynamische Spiel, basierend auf einem starken strategischen Fundament, hat mich von jeher fasziniert, und ich habe auf diesen DVDs die Varianten vorgeschlagen, die ich auch persönlich in der Praxis bevorzuge.

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Vidit Gujrathi: The Fashionable Caro-Kann Vol.2: Advance Variation 3.e5 Bf5

Rezension von FM Hans Wiechert

Auch die zweite Caro-Kann-DVD von Vidit Gujrathi, seit September 2017 mit Elo 2702 übrigens erstmals Mitglied des erlauchten Kreises der „Supergroßmeister“ (d.h. Spieler mit über 2700 Elo), hat es in sich. Nachdem in der ersten DVD (siehe meine Rezension unter http://de.chessbase.com/post/so-spielt-man-heute-caro-kann) die Hauptvariante nach 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sd2/c3 dxe4 4.Sxe4 Lf5 und diverse andere Varianten (z.B. der „immergrüne“ Panow-Angriff) unter die Lupe genommen wurden, handelt die zweite DVD ausschließlich von der Vorstoßvariante, die nach den Zügen 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 entsteht. Diese wird von vielen Spielern als die für Schwarz kritischste Variante gegen Caro-Kann angesehen, von daher ist es kein Wunder, dass ihr eine ganze DVD gewidmet ist. Vidit empfiehlt dem Schwarzen den Zug 3...Lf5, verzichtet also auf den anderen großen Variantenkomplex nach 3...c5. Das dann folgende Material widmet sich allen wichtigen weißen Möglichkeiten mit Ausnahme des harmlosen 4.Ld3, wogegen schon Capablanca seinerzeit in seiner berühmten Partie als Nachziehender gegen Nimzowitsch (New York 1927) nachwies, dass Schwarz nichts zu befürchten hat. Hieran sieht man, dass die DVD nicht für den blutigen Anfänger geeignet ist, ein bisschen Hintergrundwissen/Spielpraxis sollte man schon mitbringen, um der DVD folgen zu können.

Zu Beginn widmet sich Vidit dem so genannten „Nunn-Schirow-Angriff“, der mit dem Zug 4.Sc3 beginnt und die Idee verfolgt, nach dem natürlichen 4...e6 mit 5.g4 Lg6 6.Sge2, was d4 überdeckt, nebst späterem h2-h4 oder auch Se2-f4 dem weißfeldrigen Läufer des Nachziehenden zu Leibe zu rücken. Diese Variante wird hauptsächlich von hyperaggressiven Angriffsspielern präferiert, insofern ist es auch wenig verwunderlich, dass neben den Namensgebern John Nunn und Alexei Schirow unter anderem Exweltmeister Garry Kasparow zu ihren Anhängern gehört und sie folgerichtig unlängst in Saint Louis im Schnellschach gegen den Tschechen David Navara aufs Brett zauberte! Vidit behandelt in zwei Clips nach 6...c5 (die beiden Alternativzüge 6...Se7 und 6...f6 werden außen vor gelassen) die weißen Alternativen 7.Le3 und 7.h4.
 

Die Ausgangsstellung des Nunn-Schirow-Angriffs nach 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.Sc3 e6 5.g4 Lg6 6.Sge2 c5

Nach 7.Le3 empfiehlt er ...Sc6, der von Navara gegen Kasparow gespielte Zug 7...Se7 wird gar nicht erwähnt – aus gutem Grund, denn nach 8.f4 h5 9.f5! exf5 10.g5 überspielte der Altmeister den tschechischen Jungstar nach Strich und Faden, nur um später die Partie in totaler Gewinnstellung noch wegzuwerfen! „Noch mal Glück gehabt!“ ist man aus Sicht Navaras geneigt zu denken, indes hätte sich der Tscheche den ganzen Ärger ersparen können, wäre er Vidits Empfehlung gefolgt, denn auf der DVD zeigt der junge Inder eindrucksvoll, dass Schwarz bei genauem Spiel nichts zu befürchten braucht, ja im Gegenteil, es ist eher der Anziehende, der sich um Ausgleich sorgen muss! Auch die Alternative 7.h4 stellt für Schwarz kein Problem dar, allerdings muss man hier schon einiges an Theorie pauken, um dem weißen Angriffswirbel den Zahn zu ziehen. Vidit zieht schlussendlich das Fazit, dass die weiße Aggression im Nunn-Schirow-Angriff verfrüht ist und einer positionellen Grundlage entbehrt, was dem Schwarzen mithilfe genauen Spiels gute Gegenchancen verspricht.

Die nächsten beiden Clips widmen sich den Nebenvarianten 4.Sd2 und 4.Le3, die relativ harmlos sind, die man aber nichtsdestrotrotz als Nachziehender kennen sollte. Vidit vermittelt die wichtigsten Spielideen gewohnt akkurat und schließt bei beiden Varianten mit dem Fazit, dass Schwarz problemlos ausgleicht.

Der folgende große Variantenkomplex besteht aus den Stellungen, die nach weißem 4.h4 (von Vidit „Fun Line“ genannt) entstehen, wonach Vidit ...h5 als Entgegnung empfiehlt.
 

Die Ausgangsstellung der „Fun Line“ nach 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.h4 h5

In insgesamt fünf Clips werden alle weißen Möglichkeiten, die sinnvollerweise in Frage kommen, abgehandelt.

Nach einem kurzen Einführungsvideo geht es im nächsten Clip zunächst um weißes 5.Lg5, wonach gemäß Vidit ...Db6 gespielt werden sollte (auch 5...f6!? wird kurz erwähnt), gefolgt von 6.Ld3 Dxd4!?, und nach 7.Sf3 Dg4! weist der Inder nach, dass Weiß nicht genügend Kompensation für den geopferten Bauern hat. Anschließend wird 5.Ld3 Lxd3 6.Dxd3 thematisiert, eine gegenwärtig besonders beliebte Modevariante, die recht giftig ist, insbesondere, wenn man sich nicht auskennt, was ich in meiner Schwarzpartie gegen IM Vadim Chernov (Karlsruhe Grenke-Open 2017) schmerzlich am eigenen Leib erfahren musste. Doch keine Sorge, Schwarz hat gute Aussichten auf Ausgleich, wenn er 6...e6?! 7.Lg5! weglässt und lieber gleich auf a5 ein Schach mit der Dame gibt. Danach verzweigt sich das Spiel, Weiß hat verschiedene Reaktionsmöglichkeiten, doch in allen Fällen schafft es der Schwarze, den Weißen so in seiner Koordination zu stören, dass er nicht zu seiner Idealaufstellung kommt (wie dies in meiner o.e. Partie gegen Chernov der Fall war). Ein sehr gelungener Clip und besonders nützlich in der Praxis! Bliebe noch das „alte“ 5.c4 übrig, was durchaus auch seine Vorzüge hat, doch auch diese Fortsetzung vermag die schwarze Stellung nicht zu erschüttern, was der Inder in zwei Clips verdeutlicht, wobei die weiße Hauptfortsetzung nach 5...e6 in 6.Sc3 Sge7 7.Sge2 besteht. Schwarz sollte dann 7...Sd7 und nicht ...dxc4 nebst ...b5 ziehen, da der Weiße dann nach aktuellem Stand der Theorie eine sehr starke Kompensation für das geopferte Material erhielte.

Der wichtigste Teil der DVD (wenn nicht gar der beiden DVDs) folgt am Schluss, nämlich das so genannte Short-System, das nach 4.Sf3 e6 5.Le2 entsteht. Weiß will sich ruhig entwickeln und seinen Raumvorteil ausnutzen, um sich später je nach Sachlage am Königs- und gegebenenfalls auch am Damenflügel breitzumachen. Schwarz hat hier massig Erwiderungsmöglichkeiten (ich persönlich konnte z.B. mit dem Karpow-Zug 5...Se7 [wieder mal gegen Chernov :)] in der Schlussrunde des Untergrombacher Opens 2017 ein Remis aus der Position der Stärke heraus erzielen und bin auch nach wie vor der Meinung, dass dieser Zug gut ist), aber Vidit betrachtet ausschließlich die Fortsetzung 5...c5, von der er der Meinung ist, dass sie Schwarz komfortablen Ausgleich liefert, was er in insgesamt fünf Clips nachzuweisen versucht. Nach einem Einführungsclip, der ungewöhnliche weiße Fortsetzungen wie 6.0-0 Sc6 7.c3 oder 7.Le3 erwähnt, folgt eine sehr ausführliche Besprechung der Hauptvariante 6.Le3 cxd4 7.Sxd4 Se7 in insgesamt vier Clips, in denen auf die Fortsetzungen 8.c4, 8.Lg5, 8.Sd2 und schließlich 8.0-0 eingegangen wird. Alle vier Clips sind qualitativ außerordentlich hochwertig, es wird der aktuelle Stand der Theorie auf eine Art und Weise vermittelt, wie ich es selten gesehen habe. Respekt! Als selbst auserkorenes Highlight und gleichzeitig „letzten Schrei“ der Theorie in der 5...c5-Variante präsentiert Vidit seine eigene Partie gegen Alexei Schirow, die letztes Jahr (2016) auf der Isle Of Man gespielt wurde. Vidit verlor die Partie schlussendlich, wird aber nicht müde, immer wieder zu erwähnen, dass dies nicht an der Eröffnung lag und teilt dem DVD-User seine Analyse mit, die in dem Urteil gipfelt, dass Schwarz in dieser Variante so gut steht so wie in allen anderen Varianten auch, will heißen, seiner Meinung nach ist es momentan am Weißen, Vorteil in der 5...c5-Variante nachzuweisen.
 

Die kritische Stellung in der Partie Schirow-Vidit, Isle Of Man 2016, ist erreicht.
Schwarz ist am Zug. Wie soll er fortsetzen? (Lösung unten!)

Anschließend wird als Zusatzfeature das Wissen des Users mit Übungsclips abgeprüft. Wie bei der ersten DVD sehr gut gelungen!

FAZIT:

Der indische Supergroßmeister (das „Fast“ können wir seit September 2017 nun also weglassen!) hat mit der zweiten Caro-Kann-DVD noch einmal eine Schippe draufgelegt und präsentiert dem Viewer den neuesten Stand der Theorie, angereichert mit weiterführenden eigenen Analysen und pädagogisch wertvollen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels. Im Moment ganz klar das beste Material in Sachen Eröffnungstheorie im Allgemeinen und Caro-Kann im Speziellen, was es auf dem Markt gibt! Kaufen!

Ich bewerte das Trainingsvideo mit der Schulnote „sehr gut“.

Lösung zu Schirow-Vidit: Weiß droht Tfd1 nebst dem starken Springermanöver Sg3-f1-e3-c4. Ein Motiv, das Vidit in der Partie entgangen war. Im Video macht er daher deutlich, dass Schwarz z.B. mit Lg7 (gefolgt von Sd4) sofort aktiv fortsetzen muss.

Vidit Gujrathi: The Fashionable Caro-Kann Vol.2: Advance Variation 3.e5 Bf5

  • Videospielzeit: 3 Std. 48 min (Englisch)
  • Interaktiver Test mit Videofeedback
  • Extra: Ausführliche Analysen plus Datenbank mit 50 Musterpartien

    29,90 €

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