Input für die Menschheit

10.11.2003 – "Hochtechnologie verändert die Welt". PeopleSoft, nach SAP der weltweit größte Hersteller von Unternehmenssoftware, wollte sich diese These am Beispiel des Schachs von Garry Kasparov erläutern lassen. Zum Abschluss einer großen Konferenz in Barcelona ("PeopleSoft Connect EMEA 2003") zeigte Garry Kasparov gemeinsam mit Frederic Friedel (ChessBase) vor rund 1000 Zuschauern, wie Schach durch die technische Entwicklung maßgeblich beeinflusst wurde: von der Erfindung des Buchdrucks über die ChessBase Partien-Datenbanken bis zum Internet-Schachserver schach.de. Zum Duell gegen X3D Fritz sagte Kasparov: "Schach ist derzeit das einzige Gebiet, auf dem Mensch und Maschine sich wirklich messen können, weil es am Ende ein Ergebnis gibt. Ich hoffe, dass dies ein weiterer "Input" ist, den das Schachspiel der Menschheit geben kann." Eine Reportage von Nadja Woisin

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Letzte Vorbereitungen für die Rede bei PeopleSoft. Garry Kasparov ist zwar ein Technik-Freak, aber ein Redemanuskript auf Papier sollte es dann doch sein. So begann er dann auch seine Rede mit den Worten: "Es tut mir leid, wenn ich hier  bei diesem High-Tech Kongress mit Papierzetteln auftauche, aber die alten Gewohnheiten sterben eben langsam."   

Autogramm-Session mit Garry Kasparov. Er signierte auch "Fritz&Chesster", denn "It is a nice game". Sein Sohn Vadim spielt auch mit "Fritz&Chesster". Sein Lieblingsspiel ist das Sumo-Ringen. 

Garry Kasparov und seine Frau Julia

Im Kongreßzentrum wird die Show vorbereitet. Das PeopleSoft - Team testen zusammen mit Frederic Friedel (2. v.l.) und Benjamin Bartels (3. v.l.) Projektion und Internetzugang zu schach.de

Garry Kasparov kommt zur Generalprobe. Ihn erinnerte der gewaltige Saal mit 1.500 Plätzen an seine Partien gegen Anatoly Karpov in der 80er Jahren, die in ähnlich großen Hallen der damaligen Sowjetunion gespielt wurden.

Was hat Schach in der letzten Zeit am meisten verändert? Das Internet! Schwer beeindruckt war das PeopleSoft Publikum, als Frederic Friedel auf dem Globus alle eingeloggten Spieler auf schach.de anzeigen konnte. Garry Kasparov wollte es genau wissen: wer ist jetzt online? Frederic zoomte auf Europa und und befürchtete, daß vor allem in Deutschland am frühen Nachmittag die Spieler noch in den Büros sitzen und nicht auf schach,de spielen könnten. Aber es sah dann ganz anders aus. Garry Kasparov: “Not everybody is in the office in Germany!" Als Frederic immer weiterzoomte und einzelne Spieler identifizierte, lachte Kasparov: "So: Be aware!“ 

Be aware-Video zum Anklicken

Garry Kasparov über das Match gegen X3D Fritz in New York:

"Fred erwähnte gerade Fritz. In drei Wochen werden wir zum ersten mal nicht Freunde sein, sondern Gegner. Denn ich werde mal wieder gegen einen Computer antreten und diesmal ist es das Programm Fritz 8, das auf einem Rechner mit X3D Technologie laufen wird, was für den menschlichen Spieler ganz neue Schwierigkeiten mit sich bringt. Wie Sie auf dem Foto sehen können, werde ich ohne Schachbrett spielen und durch eine 3D-Brille auf die Figuren auf dem 3D-Schachbrett schauen. Das ist gar nicht so leicht, denn wie gesagt: wir brauchen immer noch unsere Zettel mit dem Redemanuskript, um uns sicher zu fühlen . Und genauso ist es auch mit den Schachfiguren. Wir bewegen sie zwar gar nicht, aber sie geben uns ein Stück Geborgenheit."

“Ich bin nicht sicher, ob ich Fritz in New York schlagen kann. Aber für mich ist das Wichtigste zu wissen, dass ich jede Partie von Fritz kenne. Die Ausgangsbedingungen sind also für beide Seiten die selben. Es ist übrigens bemerkenswert, wenn man überlegt, dass jedes Schachprogramm seinen eigenen ganz eigenen Charakter besitzt. Ich könnte beispielsweise sehr leicht Fritz von Junior unterscheiden. Der eine kommt aus Israel und der andere aus Deutschland und sie sind sehr verschieden. Ausgesprochen verschieden sogar! Junior ist aggressiver, Fritz solider. Vielleicht ist das eine Parallele zur jeweiligen nationalen Eigenart...”  

Nach seinem Vortrag antwortete Garry Kasparov auf Fragen aus dem Publikum. Ausführlich antwortete er auf die Frage, ob es  einen "Deep Blue II" geben würde.

"Ich möchte ja nicht grob werden, ich spreche hier ja als Wissenschaftler. Aber ehrlich gesagt, von der wissenschaftlichen Warte aus betrachtet war "Deep Blue" ein Fake. Für jede wissenschaftliche Untersuchung benötigt man ausreichendes Datenmaterial. Wenn ich die Partien von Fritz analysieren möchte, so stehen mir all seine Partien seit 1992 zur Verfügung, von Junior alle Partien seit 1994, oder von Shredder seit 1995 und von Hiarcs auch seit eben diesem Jahr. Ich verfüge über tausende Partien, die von diesen Programmen gespielt wurden und zwar von Version 1.0 bis 8.5. Ich habe also einen absoluten Überblick; kann den Entscheidungsfindungsprozess des Programms für seine Züge genau nachvollziehen. Selbst wenn die Maschine einen sehr ungewöhnlichen Zug machte, könnte ich immer anhand von Informationen aus der Vergangenheit nachvollziehen und nachprüfen, welche Rolle dieser Zug in der Vergangenheit schon einmal gespielt hat.

Aus wissenschaftlicher Sicht gab es nie einen Deep Blue. Er spielte in Philadelphia sechs Partien gegen mich. Danach gab es ein neues Programm mit dem selben Namen und es spielte in New York sechs Partien gegen mich. Es war keinerlei Information verfügbar und gab auch keine Veröffentlichungen. Natürlich fragten wir nach Ausdrucken der Zugberechnungen. Die waren jedoch nicht zu bekommen. Danach wurde der Rechner einfach zerlegt. Mein Kommetar dazu: Sie haben einfach den letzten unbestechlichen Zeugen umgebracht. Es ist also so ein bißchen "Ich sage - Die sagen" Aber am Ende waren es dann das "Deep Blue"-Team, das sich den Erfolg auf seine Fahne schreiben konnte und das war in der Tat eine Tragödie für das Schach. Ich weiß nicht, ob ich ein guter Wissenschaftler bin oder nicht. Ich weiß nur, dass IBM am Ende mehrere Millionen Marketingwert eingestrichen hat. Ihre Botschaft an den Rest der Welt war ganz einfach: Unser Computer hat den Weltmeister geschlagen!  Die Geschichte ist aus, der Wettbewerb Mensch - Maschine ist vorbei! Was natürlich eine dreiste Lüge ist. Dieser Wettbewerb absolut nicht vorbei.

Wir können beweisen, und zwar wieder mal wissenschaftlich - vielleicht mit einigen Abstrichen, aber doch wissenschaftlich - das Deep Fritz oder Deep Junior heute besser sind als Deep Blue. Nehmen wir beispielsweise die sechs Partien, die Deep Blue gegen Garry Kasparov gespielt hat: Wenn Sie diese Partien analysieren, werden Sie merken, dass Deep Fritz und Deep Junior im allgemeinen bessere Züge machen. Außer in ganz vereinzelten Augenblicken, von denen ich vermute, dass hier Menschenhand mit im Spiel war. Plötzlich zeigt Deep Blue einen Anflug von Genialität an einer Stelle, an der Deep Fritz und Deep Junior immer noch bei ihrem normalen Durchschnitt sind. 

Es ist also mehr als schwierig für mich, Kommentare irgendeiner Art abzugeben, weil Deep Blue schlichtweg von der Bildfläche verschwunden ist. Er hat sich einfach in Luft aufgelöst. Es gibt ihn nicht mehr. Aber was mich wirklich glücklich gemacht hat, war die Tatsache, dass ich bei meinem Match gegen Deep Junior in New York im Januar dieses Jahres feststellen konnte, dass das Interesse der Menschen am Duell Mensch - Maschine immer noch vorhanden ist. Die Menschen haben Deep Blue nicht vergessen und ich werde andauernd nach ihm gefragt. Sie sehen diese Art von Matches als einen wichtigen Schritt nach vorne in die Zukunft. Sie sind sich durchaus bewusst, dass es diesmal nicht um eine Maschine geht, die versteckt wird; von der ein Terminal hier steht und der andere auf der anderen Straßenseite und ein Dritter sonst wo, und das alles besser beschützt als das Pentagon Headquarter. Es geht nämlich diesmal um einen Computer, den Sie in irgend einem Geschäft bekommen können und Sie haben die Software, die Sie sogar im Internet kaufen können. Hier geht es um Verbesserungen und Programmierer, die nicht von einem  Mega-Konzern bezahlt werden, sondern um Leute, die einfach ihr Talent benutzen. Und dieses Programm spielt eben gegen den besten Spieler. Das Publikum ist immer noch sehr interessiert daran und sehr aufgeregt. Und heute können wir die Partien analysieren. Sie können ganz leicht herausfinden, warum Fritz einen bestimmten Zug gemacht, sagen wir, Läufer b5 und warum Junior ihn abgelehnt hat. 

Ich versichere Ihnen, ich fühle mich sehr wohl und kann mich absolut mit diesem Programm identifizieren. Irgendwie ist das jetzt ein großer Trost für uns. Vielleicht werden diese Matches eines Tages auf einen ganz einfachen Test reduziert werden - heute spielen wir noch vier oder sechs Partien und schauen, wer von beiden die größere Anzahl gewinnt -  aber es wird auf folgenden ganz einfachen Test hinauslaufen: Kann der beste menschliche Spieler an seinem besten Tag das beste Programm schlagen. Nur eine einzige Partie.

Warum sollten wir anstreben, ein besonders langes Match zu spielen? Ein langes Match ist ein Nachteil für uns Menschen: Es könnte uns übel sein, wir könnten Kopfschmerzen bekommen, ein Familienproblem haben, oder was auch immer. Wir könnten enttäuscht sein, z. B. von der Politik, oder ähnliches. Die Maschine spielt immer auf dem selben Niveau. Deshalb ist es von fundamentaler Bedeutung für uns, herauszufinden, ob der beste menschliche Schachspieler die Maschine an seinem besten Tag schlagen kann. Und ich denke, dies wird noch eine ganze Zeit lang der Fall sein. Ich glaube nicht, dass ich noch Zeuge davon werden werde, wie der menschliche Weltmeister in dieser Art von Wettbewerb resignieren wird. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Für mich ist das ganze eher ein gegenseitiger Nutzen: Es ist kein Duell Mensch gegen Maschine, sonder vielmehr geht es darum, wie wir Computerschach für unterschiedlichste Experimente zu nutzen, mit dem Ziel, mehr über die künstliche Intelligenz zu erfahren. Schach ist derzeit das einzige Gebiet, auf dem Mensch und Maschine sich wirklich messen können, weil es am Ende ein Ergebnis gibt. Ich hoffe, das dies ein weiterer "Input" ist, den das Schachspiel der Menschheit geben kann."     


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