Inselschach
Von Conrad Schormann
Weltmeister
Rustam Kasimdschanow – der zweite Rustam, der das Schach aufmischt. Rustam
Kamsky, der erste, bevorzugte grobere Methoden. Die Erzählungen über den
Erzeuger von Wunderkind Gata Kamsky ähneln denen vom Vater des britischen
Wunderstürmers Wayne Rooney – die beiden Exboxer alleine in einem Raum,
wahrscheinlich flösse Blut. Den britischen Großmeister Nigel Short wollte Rustam
Kamsky verprügeln, weil der seinem hüstelnden Sohn während ihrer Partie ein Glas
Wasser angeboten hatte. „Damit Ruhe ist.“ Rustam meinte, Short habe Kamsky
junior bloßgestellt. Dass er selbst seinen Sohn bloßstellt, kam ihm nicht in den
Sinn.
Das Bild vom blassen, verhuschten Wunderkind
mit Riesenbrille (Modell Kiew 1972) ist in Millionen Schachspielerhirne
eingebrannt wie das Motiv vom erstickten Matt. Heute ist Gata Kamsky nicht mehr
fremdbestimmt – oder er hat den Boss gewechselt, und seine Frau und sein Kind
kommandieren ihn jetzt. Jurist sei er, heißt es, besitze Geld, fahre ein dickes
Auto und trage Kontaktlinsen. Sogar eine Ankündigung kursierte, er wolle in der
Schachwelt dafür sorgen, dass alles gut wird. Er hätte viel zu tun.
Gata hat nach Jahren wieder am Brett
gesessen, bei einer Schnellschachturnierserie in New York. Den Großen des
Schachs ist er seit zehn Jahren nicht begegnet. Zwei Anläufe zur
Schachweltmeisterschaft hatte ihm sein Vater gewährt. Gata scheiterte, und
Rustam verkündete, sein Sohn werde jetzt Arzt. Die Kamskys verschwanden.
Rustam
Kasimdschanow macht derzeit schlauere Züge als beide Kamskys. 128 der weltbesten
Spieler waren zur FIDE-K.o.-Weltmeisterschaft angetreten. Der Usbeke blieb übrig
nach einem packenden 3:3 (vier entschiedene Partien) im Finale gegen den Briten
Michael Adams und einem dramatischen Tie-Break. Das Internet hat Schachspieler
auf den Titelgewinn des 52. der Weltrangliste vorbereitet. Usbekistan ist etwas
größer als Kalifornien, und die englische Schreibweise „Kasimdzhanow“ ist
unlogisch. Beides haben wir gelernt, während „Kasim“ einen Favoriten nach dem
anderen im Tie-Break niederrang.
Der angehende Deutsche Kasimdschanow lebt
mit Frau und Kind in Solingen, dort spielte er bis jetzt. Nächste Saison
schachert der FIDE-Weltmeister in der zweiten Bundesliga West beim Godesberger
SK als Lukas Podolski des Aufstiegsfavoriten. Am Tag nach dem Titelgewinn warf
ein ehemaliger Clubkamerad dem neuen Weltmeister Undank gegenüber dem Solinger
Mäzen vor.
Die Godesberger freuen sich über einen
Weltmeister als Spielertrainer. Den ersten Heimkampf des Stars kündigen sie auf
ihrer Internetseite an. Auf den Schachservern und auf der FIDE-Seite hatten
Abertausende die Nervenschlacht gegen den favorisierten Michael Adams, Nummer
sechs der Welt, verfolgt, darunter Viswanathan Anand, die Nummer zwei, der auf
dem Fritz-Server fürs Volk kommentierte.
Schach
stirbt, hatte Viswanathan Anand in einem Interview während der ersten Partie
angedeutet. Wörtlich hat er das nicht gesagt, weil das Amateurschach blüht.
Anand beschreibt, wie Schach auf höchstem Niveau stirbt, am Rande der
Perfektion. Weiß findet keinen Vorteil, Schwarz gleicht aus, Remis. So verlaufen
immer mehr Partien unter den weltbesten Großmeistern. „Vishy“ und seine Kollegen
fragen einander mit Computerhilfe ausgetüftelte Zugfolgen ab. Haben beide ihre
Hausaufgaben gemacht, endet die Partie schnell unentschieden. Je mehr schnelle
Unentschieden, desto weniger Zuschauer, desto weniger Sponsoren. Anand
beschreibt das zweite fundamentale Problem des Schachs neben dem Skandal, dass
Schachspieler keinen allseits anerkannten Weltmeister vorzeigen können.
Der mehrfache Sportler des Jahres in Indien
hat beide Probleme erörtert mit Frederic Friedel aus Hamburg, Kommerzmann und
Journalist zugleich. Wie ein Patient telefonierte der Schachmeister mit einem
der anerkanntesten Schachmacher, der den Arzt gab. Während sie plauderten, waren
beide daheim per Internet mit Muammar Gaddafis Wohnzimmer in Tripolis verbunden
und schauten dem FIDE-Finale zu.
Anand und seine Kollegen brauchen Medizin,
wollen sie nicht mutieren zum Remismacher, den keiner sehen will. „Frisches
Blut“ fordert der Inder als Erste Hilfe. Die Etablierten (Kasparow, Kramnik,
Anand, etc.) will er in künftigen Turnieren mit den Wunderkindern
zusammensetzen, damit die jungen Köpfe neue Varianten ins Spiel bringen und
Zuschauer locken. Vladimir Kramnik, ein anderer der drei Besten, leidet auch
unter beiden Krankheiten. Sein Rezept gegen die Remisseuche hat er in einem
Interview erklärt: die Eröffnungen vorgeben und die weltbesten Großmeister
zwingen, ausgefallene Züge zu spielen. Anders als Anand verliert Kramnik kein
Wort über neue Spieler im elitären Zirkel der Spitzenturniere - Schachpolitik.
Der Russe spielt bald gegen den Ungarn Peter Leko, Ex-Wunderkind und Nummer vier
der Welt, um die Dannemann-Weltmeisterschaft; der private Titel, den Kramnik
Gary Kasparow abgenommen hat.
Die
Weltmeisterbürde belastet Kramnik. Er spielt den Titel noch einmal für viele
Schweizer Franken aus, aber er weiß, dass das System stirbt, dessen König er ist
(Dannemann weiß das nicht, oder sie wollen die Wiedervereinigung sponsern). Wenn
das Spitzenschach nicht bald reformiert wird, erliegt auch Kramnik der
Weltmeister- und der Remiskrankheit. Soll er den Titel nach dem Wettkampf gegen
Leko einsetzen für einen Neuanfang? Soll er sich daran klammern wie ein
versinkender Seemann an die Mastspitze?
Der Russe und sein ungarischer Kontrahent
stehen zudem unter einem öffentlichen Druck, den es nie gab bei einem Duell um
die Weltmeisterschaft. Sie dürfen sich nicht viele kurze Remisen erlauben, am
besten keine. Kasimdschanow und Adams haben die Messlatte unerreichbar hoch
gelegt.
Aus Sicht eines computerisierten
Weltklassespielers ist die Endlichkeit des Schachs Schuld an der Remismisere
zwischen Spielern wie Kramnik und Leko. Nach 150 Jahren Turnierschach und
Heimanalyse sind die Möglichkeiten, das Spiel zu eröffnen, weitestgehend
erforscht. Weiß steht in der Ausgangsstellung etwas besser, weil er zuerst
zieht, der „Anzugsvorteil“. Der Vorteil ist denkbar klein und verflüchtigt sich
schnell. In den meisten Eröffnungen gleicht präzises schwarzes Spiel die Partie
aus, mal früher, mal später.
Tausende „Eröffnungen“, „Systeme“ und
„Varianten“ hat das Turnierschach geboren. Anand, Kramnik oder Kasparow bewegen
sich in einem Bruchteil dieses Dschungels. Alles andere halten sie für nicht
mehr spielbar – Schwarz gleicht aus. Die Eröffnungstheorie ist explodiert, seit
alle Partien in Datenbanken erfasst werden und jeder Spieler mit
Schachprogrammen wie „Fritz“ seinen Computer zum Großmeister machen kann.
Friedel und Anand haben Medizin gegen die
Remiskrankheit diskutiert. „Shuffle-chess“ könnte eine sein, vor der Partie wird
die Stellung der Figuren auf der Grundreihe ausgelost. Diese Schachart hat der
Amerikaner Robert James Fischer ersonnen. Der unbesiegte Ex-Weltmeister hat vor
30 Jahren Medizin für eine Krankheit entwickelt, an die kein anderer glaubte.
Ironischerweise bezeichnen es die Computer-Anands von heute, auf einem Niveau
nahe der Perfektion, als sinnloses „to shuffle“, wenn einer der Ihren in
komplett ausgeglichenen, „blutleeren“ Stellungen weiterspielt.
Anand würde nicht öffentlich sagen, dass er
Fischerschach ablehnt. Als experimentelle Alternative probiert er es – in
Mainz, wo Großmeister jeden August für viel Geld und mit viel Öffentlichkeit
Fischerschach zelebrieren. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel kommt nicht
nur fürs Pressefoto. Der Politker spielt Schach auf starkem Amateurniveau (Elo-Zahl
etwa 2.100). Im Fischerschach hat der ehemalige Oberligaspieler dem
Weltranglistensiebten Alexander Grischuk (2.700) ein Remis abgerungen. Das wäre
dem Russen im klassischen Schach nicht passiert, trotz Beutels
Oberligavergangenheit. Wegen solcher Partien graust es Anand vor Fischerschach:
„In manchen Stellungen passiert nichts.“
Vielleicht müssen die besten Schachspieler
in 100 Jahren trotzdem die Grundstellung ändern, wenn sie weiter um Vorteil
kämpfen wollen. Die Theoretiker arbeiten unermüdlich, um das klassische Schach
zu bezwingen. „Schwarz gleicht aus“, mag 600 Jahre nach Erscheinen des ersten
Schachbuchs das Urteil der Menschheit über ihr königliches Spielt sein, dann ist
der „Probierstein des Gehirns“ (Goethe) abgewetzt.
Noch geht was mit Weiß, das hat das
FIDE-Finale gezeigt. Damit das lange so bleibt, muss Kramniks Vorschlag bei
Top-Turnieren wahr werden. Die Organisatoren werden den Spielern Eröffnungen
vorgeben, nach Los oder nach Abstimmung. Organisator und Zuschauer würden
profitieren. Letztere bekämen Nachmittags eine E-Mail mit den Eröffnungen des
Abends. Während der Livepartie könnte der Sponsor den Kommentator
Eröffnungsbücher oder -CDs vorstellen lassen.
Oberbürgermeister
Beutel etwa muss bei allem Talent Schach studiert haben, um seine Wertungszahl
über 2.000 zu hieven. Als Zuschauer einer Partie Kramnik gegen Anand entginge
ihm dennoch das meiste. Deren erste 20,30 Züge entstammen der Theorie und der
Heimanalyse. Kein Oberligaspieler weiß genug und kaum einer versteht genug vom
Schach, um diese Nuancen am Rande der Perfektion zu begreifen. Kramniks Idee
führt die Großmeister früher auf unbekanntes Terrain, tausende Schachfans würden
für ihre Lieblingseröffnung abstimmen.
Für den Neuanfang und als erste Operation am
lebendigen Patienten macht Anands Vorschlag Sinn. „Alle an einen Tisch bringen“
ist aus seiner Sicht der logische erste Zug. Wenn sie sitzen, müssen sie nur
noch Schach spielen: die Wiedervereinigungs-WM. Mit am Tisch: Jeder, der einen
Weltmeistertitel getragen hat oder trägt, dazu ein Wunderkind und ein Wunderopa.
Leko dürfte mitspielen, wenn er gegen Kramnik gewinnt, dazu Anand, die
Ex-FIDE-Weltmeister Alexander Khalifman und Ruslan Ponomarjow sowie der Sieger
von Tripolis.
Anatoli Karpow würde seinen letzten großen
Auftritt zelebrieren. Fischer? Zeit und Ort sollten wir ihm mitteilen. Smyslow,
Weltmeister 1957/58, würde als Ehrengast beklatscht. Kasparow, seit 20 Jahren
Nummer eins der Weltrangliste, sollte mitspielen. Mit seiner Teilnahme könnte er
der Schachwelt ein besseres „Monument schenken“ als eine Reihe teurer Bücher.
Und er könnte es noch einmal mit allen aufnehmen, einer der drei Favoriten wäre
er allemal. Wenn er keine Zeit hat, würden wir ihn vor dem Turnier zum „besten
Spieler aller Zeiten“ und „Ehrenweltmeister“ küren und ihm einen blattgoldenen
Lorbeerkranz umhängen. Als Politiker, Filmstar und Autor kommt Kasparow ohne den
Titel über die Runden.
Zum
Feld der (Ex)Weltmeister käme der kleine Magnus Carlsen, der zuletzt mehrfach
die internationalen Nachrichtenagenturen beschäftigt hat, und der nimmermüde
Viktor Kortschnoi, der meistrespektierte aktive Schachspieler, der
Seniorenpreise entrüstet zurückweist. Diese Ausnahmegroßmeister treten
doppelrundig an, jeder gegen jeden. Großes Schach und viele Geschichten am Rande
wären garantiert, der Sieger ist Weltmeister. Er könnte Dannemann-
(Bertelsmann-, Deutsche-Bank-)Weltmeister heißen, wenn unabhängige Organisatoren
saubere Wege finden, den Titel zu vermarkten. Wichtiger ist: alle Beteiligten
erkennen an, dass dieser Schachweltmeister der einzige ist, bis er seinen Titel
verteidigen muss.
Keiner will, dass das Spitzenschach stirbt.
Wahrscheinlich wären alle Genannten für so einen Neuanfang zu gewinnen oder zu
einem Verzicht zu bewegen. Alle kennen die Krankheiten, die Therapien und die
Probleme, und sie wissen, es eilt. Geld ist ein Problem. Das Profischach lebt
von verstreuten Sponsoren und dem Weltschachbund FIDE mit seinem reichen,
zwielichtigen Präsidenten, der die Weltmeisterkrankheit fördert. Es fehlt ein
als integer anerkannter Organisator mit einem seriösen Sponsor in der
Hinterhand.
Potenzielle Organisatoren gibt es in
Deutschland; in Dresden etwa (Schacholympiade, etc.) oder in Dortmund (Leko!).
Viswanathan Anand hat einen Organisator aus Hamburg am Hörer. Frederic Friedel
könnte die Wiedervereinigungsweltmeisterschaft organisieren. Er kennt die
Handynummern aller Beteiligten und hat den bemüht unparteiischen
Softwareproduzenten „Chessbase“ im Rücken, den einzigen Branchenriesen. Die
Chessbase-Leute träumen von der Wiedervereinigung. Ihre Firma muss wollen, dass
es dem Schach gut geht. Friedel lässt Anand spüren, dass er dessen Not versteht
und überlegt, wie er den Weltranglistenzweiten demnächst nach seiner Pfeife
tanzen lassen könnte: „Und wenn ich dir das Königsgambit gäbe? Würde dich das
stören?“ „Ja, aber du könntest es beiden geben.“ K.o.-System, zwei Partien
Königsgambit, jeder ein Mal Weiß – für die Spieler mag das an Zockerei grenzen,
für Zuschauer ist das eine grandiose Variante.
Als Organisator des Neuanfangs hätte Friedel
(und jeder andere) den mächtigsten Gegner, den ein Schachspieler haben kann:
Kirsan Iljumschinow, millionenschwerer Präsident der armen Republik Kalmückien
und des Weltschachbundes FIDE. Der kalmückische Hobbyspieler hat die Not manch
bedürftiger Schachnation gelindert, um an die Spitze zu kommen. Als
Schachpräsident setzt er seit 1995 die FIDE für seine politischen und
geschäftlichen Interessen ein. In Westeuropa ist Iljumschinow nicht vorzeigbar.
Dieser Mann besitzt den anderen Weltmeistertitel, gibt ihn nicht her und tritt
nicht zurück – das Ende der Weisheit aller Visionäre. Die einzige Lösung ist
unrealistisch. Alle Spieler müssten die Iljumschinow-FIDE für bedeutungslos
erklären.
Nur Top-Ten-Mitglieder können sich das
leisten, Tripolis hat das gezeigt. 1,5 Millionen Euro hat Iljumschinows
Schachfreund Gaddafi für das umstrittene Spektakel in seiner Hauptstadt springen
lassen. Die Spielergewerkschaft ACP konnte ihren Großmeistern nicht ernsthaft
raten wegzubleiben – außer den jüdischen. Die hatte Gaddafi-Sohn Mohammed zu
unerwünschten Personen erklärt.
Solche Skandale diskutieren Anand und
Friedel nicht öffentlich. Sie schauen zu beim Finale von Tripolis und reden über
Schach, während der Brite und der Usbeke (Schwarz) die erste von sechs Partien
spielen. „Kasimdschanow hat ausgeglichen, das wird bald Remis“, prophezeit
Anand. Die beiden Spieler bestätigen seine Prognose eine halbe Stunde später.
Iljumschinow
konnte mit beiden Finalisten leben. Hätte Adams gewonnen, einer der wenigen
Teilnehmer aus der Kramnik-Anand-Liga, wäre er gerne zu diplomatischen und
Geschäftsbesuchen nach Großbritannien aufgebrochen. Jetzt winkt ihm Gary
Kasparow als FIDE-Weltmeister. Der Weltranglistenerste soll gegen Kasimdschanow
spielen.
Wie die internationale Clique der
Fußballfunktionäre die Rückpassregel erfunden hat, hat der FIDE-Präsident eine
gute Idee in zehn Jahren gehabt – die K.o.-Weltmeisterschaft. Jedes seiner
K.o.-Turniere bot spannende Zweikämpfe, Außenseitersiege und andere Dramen, und
weltweit glühten die Drähte, aus denen das Internet gestrickt ist. Internet und
Schach sind füreinander geschaffen. Kasparows Niederlage 1997 gegen Deep Blue
ist das relativ meistbeachtete Internet-Ereignis aller Zeiten, IBM wirbt bis
heute damit. Ein wochenlanger Zweikampf voller Remisen kann diese Dimension
nicht erreichen.
Das Jahrhundert der Titanenkämpfe hat
denkwürdige Duelle produziert, von den Großvätern Lasker und Steinitz über die
kalten Krieger Fischer und Spassky bis zu Apparatschik Karpows Kampf gegen den
jungen Rebell Gary Kasparow. Das war vor dem Internet und vor der Remisseuche.
Anand lobt das K.o.-System und legt dar, dass sich in der vermeintlichen
Lotterie am Ende die Besten durchsetzen. Wie jetzt Michael Adams, Großmeister
von der schachbegeisterten Insel, der dritte Brite, der um die Weltmeisterschaft
spielt.
Mit einem K.o-Turnier beginnt die Geschichte
der Weltmeisterschaften – in England. Die erste WM 1851 in London (eigentlich:
das erste große internationale Turnier mit den vermeintlich weltbesten Spielern)
wurde im K.o.-Modus entschieden. Der deutsche Lehrer Adolf Anderssen gewann und
galt fortan als Weltmeister.
Andersson gegen Staunton, 1851 ...
Anderssen gegen Staunton, 1857...
Der Shakespeareaner Howard Staunton hatte
das Turnier organisiert. Staunton galt als Favorit, war Anderssen aber nicht
gewachsen. Trotzdem hat er seinen Namen in der Schachgeschichte verankert. Ein
Verwandter, Tischler und Schachlaie, schnitzte Schachfiguren. Staunton beriet
ihn, damit die Holzpuppen die idealen Maße haben. Später verkauften die
Stauntons ihre Schachspiele mit Staunton-Autogramm. Die so genannten
Staunton-Maße gelten bis heute, die Verbände empfehlen sie als Ideal.
England
gebar die Staunton-Maße, aber nie einen Weltmeister. In den 30er-Jahren kam das
britische Schach ungewollt und plötzlich zu einem Weltklassespieler. Im Gefolge
seines Herrn tauchte der Diener Sultan Khan auf. Lesen, Schreiben und Englisch
sprechen konnte der Leibeigene nicht. Aber er beherrschte virtuos eine indische
Schachart, die der europäischen ähnelte. Ohne theoretische Kenntnisse, ohne
Vorbereitung nahm es Sultan Khan mit den besten Spielern seiner Zeit auf –
Capablanca, Aljechin, Euwe. Er brauchte Hilfe, um die Partien mitzuschreiben, am
Brett war er auf Augenhöhe. Die englische Nationalmannschaft führte Sultan Khan
vier Jahre lang.
Sultan Khan gegen Capablanca...
Colle gegen Sultan Khan, 1930...
Sultan Khan gegen Aljechin, 1933...
Dann ging er zurück nach Indien und wurde
nie wieder am Schachbrett gesehen.
Jahrelang brachte das Inselschach nicht
einen Großmeister hervor. Dann wurde es einem Mäzen zu bunt: 5.000 Pfund für den
ersten englischen Großmeister. Tony Miles gewann das Geld und viele Partien
gegen erlesene Gegnerschaft. Weltmeister Anatoli Karpow bezwang der schillernde
T-Shirt-Träger 1980 mit der Anfängereröffnung 1...a7-a6 – ein Affront und
Karpows bekannteste Niederlage.
Karpow gegen Miles, 1983...
Ablösen konnte Miles Karpow nicht, Kasparow
war besser: „Ein Monster mit einhundert Augen, das alles sieht“, schmeichelte
Miles nach einer 0,5:5,5-Wettkampfniederlage.
Short gegen Timman, 1991...
Den
seinerzeit unbezwingbaren Kasparow forderte Miles' Landsmann Nigel Short 141
Jahre nach Howard Stauntons WM-Ambitionen. Kasparow wusste, dass er gegen Short
antritt, bevor der Brite sein finales Qualifikationsmatch gewonnen hatte: „It
will be Short, and it will be short“, sagte Kasparow und verleitete seinen
Herausforderer zu einem folgenschweren Fehler, bevor er ihn am Brett abfertigte.
Kasparow und Short kehrten dem Weltverband FIDE und seinem zwielichtigen
Präsidenten (damals ein anderer) den Rücken und organisierten das Londoner Match
privat. Die FIDE organisierte ein neues WM-Match ohne die beiden, seitdem steigt
die Zahl der Exweltmeister. Kasparow und Short mag der Deal einige britische
Pfund gebracht haben, das Spitzenschach leidet unter Titelwirrwarr und
scheiternden Vereinigungsversuchen.
Die Großmeister ächteten Short einige Jahre.
Inzwischen ist der Cricketfan, ehemalige Rocker und Oliven-Allergiker zu einem
der wenigen Popstars des Schachs geworden – und zum Olivenbauern in
Griechenland. Sportlich hat er fast zu alter Stärke gefunden.
Seine Elo-Zahl kletterte knapp über die
2.700-Grenze, die die Zugehörigkeit zur Weltklasse markiert. In Tripolis erlebte
Short einen Rückschlag. Die Stellung des Polen Michail Krasenkow belagerte er
geduldig, um seinen kleinen Vorteil zu verwerten. Kurz vor dem Ende beging er
einen Anfängerfehler und verlor.
Als dritter Brite in 150 Jahren griff in
Tripolis Michael Adams nach der Krone und der Chance, an einem Turnier um den
alleinigen Titel beteiligt zu sein. Der beste britische Schachspieler (Elo
2.731) hatte sich relativ glatt bis ins Finale manövriert. Sein Gegner „Kasim“,
mit 2.652 Elo Nummer 24 des Turniers, spielte sich unspektakulär, aber präzise
und mutig ins Finale. Selbst den Bulgaren Veselin Topalow hat er aus dem Weg
geräumt. Topalow hatte in Tripolis 9,5 Punkte aus zehn Partien eingefahren, „wie
ein Messer durch warme Butter“, sagt Anand voller Respekt für den Kollegen.
Rustam Kasimdschanow stoppte den scharfen
Bulgaren auf seinem Weg zum Sechs-Partien-Match um den Titel FIDE-Weltmeister.
Der Sieger soll gegen Kasparow spielen, dieser Sieger soll gegen den Sieger aus
Kramnik-Leko den einzig wahren Weltmeister ermitteln; die Prager Pläne für das
weitere Geschehen, ausgetüftelt unter viel öffentlichem Lamento. Experten
fürchten, dass Kasparow nicht gegen Kasimdschanow spielen wird. Wenn er doch
antritt und gewinnt – was wahrscheinlich ist - steht zu befürchten, dass der
FIDE-Präsident alles weitere blockiert. Er hätte mit Kasparow den einzigen
Schachstar als Weltmeister. Die FIDE hat das Match gegen Kasimdschanow
angekündigt. Tatsächlich dürften Zeit, Ort, Finanzierung und Intention Kasparows
ungeklärt sein.
Viswanathan Anand sitzt in Madras
telefonierend am Computer, Frederic Friedel in Hamburg. Sie plaudern und schauen
zwei Männern zu, die in Tripolis Schach spielen. Das zeigt: Über den Ort müssen
die Veranstalter kommender Turniere nicht nachdenken. Im Notfall spielen bis auf
die Lokalmatadore alle zu Hause. Entweder im Wohnzimmer oder öffentlich, um den
Auftritt zu vermarkten für zusätzliches Preisgeld.