Inselschach

16.07.2004 – Howard Staunton wäre gerne (inoffizieller) Weltmeister geworden, scheiterte aber an Adolf Anderssen. Immerhin gab er einem Figurensatz seinen Namen. Zeitweise war der beste Spieler auf den britischen Inseln ein Inder, Sultan Khan, der England auf den Schacholympiaden mit Erfolg am ersten Brett vertrat. Mit Tony Miles kratzte erst wieder in den 80er Jahren ein Engländer an der Weltspitze. Nigel Short scheiterte 1993 an Kasparov. Und nun schaffte es der favorisierte Michael Adams nicht, Kasimdzhanov zu bezwingen. Wie im Fußball, ist es für England oder einen Engländer anscheinend sehr schwierig Welt-oder Europameister zu werden. Glaubt man Anand, müssen die Engländer sich beeilen. Falls das Schach sich tatsächlich dem Ende zuneigt. Conrad Schormann macht sich Gedanken. Mehr...

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Inselschach
Von Conrad Schormann

Weltmeister Rustam Kasimdschanow – der zweite Rustam, der das Schach aufmischt. Rustam Kamsky, der erste, bevorzugte grobere Methoden. Die Erzählungen über den Erzeuger von Wunderkind Gata Kamsky ähneln denen vom Vater des britischen Wunderstürmers Wayne Rooney – die beiden Exboxer alleine in einem Raum, wahrscheinlich flösse Blut. Den britischen Großmeister Nigel Short wollte Rustam Kamsky verprügeln, weil der seinem hüstelnden Sohn während ihrer Partie ein Glas Wasser angeboten hatte. „Damit Ruhe ist.“ Rustam meinte, Short habe Kamsky junior bloßgestellt. Dass er selbst seinen Sohn bloßstellt, kam ihm nicht in den Sinn.

Das Bild vom blassen, verhuschten Wunderkind mit Riesenbrille (Modell Kiew 1972) ist in Millionen Schachspielerhirne eingebrannt wie das Motiv vom erstickten Matt. Heute ist Gata Kamsky nicht mehr fremdbestimmt – oder er hat den Boss gewechselt, und seine Frau und sein Kind kommandieren ihn jetzt. Jurist sei er, heißt es, besitze Geld, fahre ein dickes Auto und trage Kontaktlinsen. Sogar eine Ankündigung kursierte, er wolle in der Schachwelt dafür sorgen, dass alles gut wird. Er hätte viel zu tun.

Gata hat nach Jahren wieder am Brett gesessen, bei einer Schnellschachturnierserie in New York. Den Großen des Schachs ist er seit zehn Jahren nicht begegnet. Zwei Anläufe zur Schachweltmeisterschaft hatte ihm sein Vater gewährt. Gata scheiterte, und Rustam verkündete, sein Sohn werde jetzt Arzt. Die Kamskys verschwanden.

Rustam Kasimdschanow macht derzeit schlauere Züge als beide Kamskys. 128 der weltbesten Spieler waren zur FIDE-K.o.-Weltmeisterschaft angetreten. Der Usbeke blieb übrig nach einem packenden 3:3 (vier entschiedene Partien) im Finale gegen den Briten Michael Adams und einem dramatischen Tie-Break. Das Internet hat Schachspieler auf den Titelgewinn des 52. der Weltrangliste vorbereitet. Usbekistan ist etwas größer als Kalifornien, und die englische Schreibweise „Kasimdzhanow“ ist unlogisch. Beides haben wir gelernt, während „Kasim“ einen Favoriten nach dem anderen im Tie-Break niederrang.

Der angehende Deutsche Kasimdschanow lebt mit Frau und Kind in Solingen, dort spielte er bis jetzt. Nächste Saison schachert der FIDE-Weltmeister in der zweiten Bundesliga West beim Godesberger SK als Lukas Podolski des Aufstiegsfavoriten. Am Tag nach dem Titelgewinn warf ein ehemaliger Clubkamerad dem neuen Weltmeister Undank gegenüber dem Solinger Mäzen vor.

Die Godesberger freuen sich über einen Weltmeister als Spielertrainer. Den ersten Heimkampf des Stars kündigen sie auf ihrer Internetseite an. Auf den Schachservern und auf der FIDE-Seite hatten Abertausende die Nervenschlacht gegen den favorisierten Michael Adams, Nummer sechs der Welt, verfolgt, darunter Viswanathan Anand, die Nummer zwei, der auf dem Fritz-Server fürs Volk kommentierte.

Schach stirbt, hatte Viswanathan Anand in einem Interview während der ersten Partie angedeutet. Wörtlich hat er das nicht gesagt, weil das Amateurschach blüht. Anand beschreibt, wie Schach auf höchstem Niveau stirbt, am Rande der Perfektion. Weiß findet keinen Vorteil, Schwarz gleicht aus, Remis. So verlaufen immer mehr Partien unter den weltbesten Großmeistern. „Vishy“ und seine Kollegen fragen einander mit Computerhilfe ausgetüftelte Zugfolgen ab. Haben beide ihre Hausaufgaben gemacht, endet die Partie schnell unentschieden. Je mehr schnelle Unentschieden, desto weniger Zuschauer, desto weniger Sponsoren. Anand beschreibt das zweite fundamentale Problem des Schachs neben dem Skandal, dass Schachspieler keinen allseits anerkannten Weltmeister vorzeigen können.

Der mehrfache Sportler des Jahres in Indien hat beide Probleme erörtert mit Frederic Friedel aus Hamburg, Kommerzmann und Journalist zugleich. Wie ein Patient telefonierte der Schachmeister mit einem der anerkanntesten Schachmacher, der den Arzt gab. Während sie plauderten, waren beide daheim per Internet mit Muammar Gaddafis Wohnzimmer in Tripolis verbunden und schauten dem FIDE-Finale zu.

Anand und seine Kollegen brauchen Medizin, wollen sie nicht mutieren zum Remismacher, den keiner sehen will. „Frisches Blut“ fordert der Inder als Erste Hilfe. Die Etablierten (Kasparow, Kramnik, Anand, etc.) will er in künftigen Turnieren mit den Wunderkindern zusammensetzen, damit die jungen Köpfe neue Varianten ins Spiel bringen und Zuschauer locken. Vladimir Kramnik, ein anderer der drei Besten, leidet auch unter beiden Krankheiten. Sein Rezept gegen die Remisseuche hat er in einem Interview erklärt: die Eröffnungen vorgeben und die weltbesten Großmeister zwingen, ausgefallene Züge zu spielen. Anders als Anand verliert Kramnik kein Wort über neue Spieler im elitären Zirkel der Spitzenturniere - Schachpolitik. Der Russe spielt bald gegen den Ungarn Peter Leko, Ex-Wunderkind und Nummer vier der Welt, um die Dannemann-Weltmeisterschaft; der private Titel, den Kramnik Gary Kasparow abgenommen hat.

Die Weltmeisterbürde belastet Kramnik. Er spielt den Titel noch einmal für viele Schweizer Franken aus, aber er weiß, dass das System stirbt, dessen König er ist (Dannemann weiß das nicht, oder sie wollen die Wiedervereinigung sponsern). Wenn das Spitzenschach nicht bald reformiert wird, erliegt auch Kramnik der Weltmeister- und der Remiskrankheit. Soll er den Titel nach dem Wettkampf gegen Leko einsetzen für einen Neuanfang? Soll er sich daran klammern wie ein versinkender Seemann an die Mastspitze?

Der Russe und sein ungarischer Kontrahent stehen zudem unter einem  öffentlichen Druck, den es nie gab bei einem Duell um die Weltmeisterschaft. Sie dürfen sich nicht viele kurze Remisen erlauben, am besten keine. Kasimdschanow und Adams haben die Messlatte unerreichbar hoch gelegt.

Aus Sicht eines computerisierten Weltklassespielers ist die Endlichkeit des Schachs Schuld an der Remismisere zwischen Spielern wie Kramnik und Leko. Nach 150 Jahren Turnierschach und Heimanalyse sind die Möglichkeiten, das Spiel zu eröffnen, weitestgehend erforscht. Weiß steht in der Ausgangsstellung etwas besser, weil er zuerst zieht, der „Anzugsvorteil“. Der Vorteil ist denkbar klein und verflüchtigt sich schnell. In den meisten Eröffnungen gleicht präzises schwarzes Spiel die Partie aus, mal früher, mal später.

Tausende „Eröffnungen“, „Systeme“ und „Varianten“ hat das Turnierschach geboren. Anand, Kramnik oder Kasparow bewegen sich in einem Bruchteil dieses Dschungels. Alles andere halten sie für nicht mehr spielbar – Schwarz gleicht aus. Die Eröffnungstheorie ist explodiert, seit alle Partien in Datenbanken erfasst werden und jeder Spieler mit Schachprogrammen wie „Fritz“ seinen Computer zum Großmeister machen kann.   

Friedel und Anand haben Medizin gegen die Remiskrankheit diskutiert. „Shuffle-chess“ könnte eine sein, vor der Partie wird die Stellung der Figuren auf der Grundreihe ausgelost. Diese Schachart hat der Amerikaner Robert James Fischer ersonnen. Der unbesiegte Ex-Weltmeister hat vor 30 Jahren Medizin für eine Krankheit entwickelt, an die kein anderer glaubte. Ironischerweise bezeichnen es die Computer-Anands von heute, auf einem Niveau nahe der Perfektion, als sinnloses „to shuffle“, wenn einer der Ihren in komplett ausgeglichenen, „blutleeren“ Stellungen weiterspielt.

Anand würde nicht öffentlich sagen, dass er Fischerschach ablehnt. Als experimentelle Alternative probiert er es  – in Mainz, wo Großmeister jeden August für viel Geld und mit viel Öffentlichkeit Fischerschach zelebrieren. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel kommt nicht nur fürs Pressefoto. Der Politker spielt Schach auf starkem Amateurniveau (Elo-Zahl etwa 2.100). Im Fischerschach hat der ehemalige Oberligaspieler dem Weltranglistensiebten Alexander Grischuk (2.700) ein Remis abgerungen. Das wäre dem Russen im klassischen Schach nicht passiert, trotz Beutels Oberligavergangenheit. Wegen solcher Partien graust es Anand vor Fischerschach: „In manchen Stellungen passiert nichts.“

Vielleicht müssen die besten Schachspieler in 100 Jahren trotzdem die Grundstellung ändern, wenn sie weiter um Vorteil kämpfen wollen. Die Theoretiker arbeiten unermüdlich, um das klassische Schach zu bezwingen. „Schwarz gleicht aus“, mag 600 Jahre nach Erscheinen des ersten Schachbuchs das Urteil der Menschheit über ihr königliches Spielt sein, dann ist der „Probierstein des Gehirns“ (Goethe) abgewetzt.

Noch geht was mit Weiß, das hat das FIDE-Finale gezeigt. Damit das lange so bleibt, muss Kramniks Vorschlag bei Top-Turnieren wahr werden. Die Organisatoren werden den Spielern Eröffnungen vorgeben, nach Los oder nach Abstimmung. Organisator und Zuschauer würden profitieren. Letztere bekämen Nachmittags eine E-Mail mit den Eröffnungen des Abends. Während der Livepartie könnte der Sponsor den Kommentator Eröffnungsbücher oder -CDs vorstellen lassen.

Oberbürgermeister Beutel etwa muss bei allem Talent Schach studiert haben, um seine Wertungszahl über 2.000 zu hieven. Als Zuschauer einer Partie Kramnik gegen Anand entginge ihm dennoch das meiste. Deren erste 20,30 Züge entstammen der Theorie und der Heimanalyse. Kein Oberligaspieler weiß genug und kaum einer versteht genug vom Schach, um diese Nuancen am Rande der Perfektion zu begreifen. Kramniks Idee führt die Großmeister früher auf unbekanntes Terrain, tausende Schachfans würden für ihre Lieblingseröffnung abstimmen.

Für den Neuanfang und als erste Operation am lebendigen Patienten macht Anands Vorschlag Sinn. „Alle an einen Tisch bringen“ ist aus seiner Sicht der logische erste Zug. Wenn sie sitzen, müssen sie nur noch Schach spielen: die Wiedervereinigungs-WM. Mit am Tisch: Jeder, der einen Weltmeistertitel getragen hat oder trägt, dazu ein Wunderkind und ein Wunderopa. Leko dürfte mitspielen, wenn er gegen Kramnik gewinnt, dazu Anand, die Ex-FIDE-Weltmeister Alexander Khalifman und Ruslan Ponomarjow sowie der Sieger von Tripolis.

Anatoli Karpow würde seinen letzten großen Auftritt zelebrieren. Fischer? Zeit und Ort sollten wir ihm mitteilen. Smyslow, Weltmeister 1957/58, würde als Ehrengast beklatscht. Kasparow, seit 20 Jahren Nummer eins der Weltrangliste, sollte mitspielen. Mit seiner Teilnahme könnte er der Schachwelt ein besseres „Monument schenken“ als eine Reihe teurer Bücher. Und er könnte es noch einmal mit allen aufnehmen, einer der drei Favoriten wäre er allemal. Wenn er keine Zeit hat, würden wir ihn vor dem Turnier zum „besten Spieler aller Zeiten“ und „Ehrenweltmeister“ küren und ihm einen blattgoldenen Lorbeerkranz umhängen. Als Politiker, Filmstar und Autor kommt Kasparow ohne den Titel über die Runden.

Zum Feld der (Ex)Weltmeister käme der kleine Magnus Carlsen, der zuletzt mehrfach die internationalen Nachrichtenagenturen beschäftigt hat, und der nimmermüde Viktor Kortschnoi, der meistrespektierte aktive Schachspieler, der Seniorenpreise entrüstet zurückweist. Diese Ausnahmegroßmeister treten doppelrundig an, jeder gegen jeden. Großes Schach und viele Geschichten am Rande wären garantiert, der Sieger ist Weltmeister. Er könnte Dannemann- (Bertelsmann-, Deutsche-Bank-)Weltmeister heißen, wenn unabhängige Organisatoren saubere Wege finden, den Titel zu vermarkten. Wichtiger ist: alle Beteiligten erkennen an, dass dieser Schachweltmeister der einzige ist, bis er seinen Titel verteidigen muss.

Keiner will, dass das Spitzenschach stirbt. Wahrscheinlich wären alle Genannten für so einen Neuanfang zu gewinnen oder zu einem Verzicht zu bewegen. Alle kennen die Krankheiten, die Therapien und die Probleme, und sie wissen, es eilt. Geld ist ein Problem. Das Profischach lebt von verstreuten Sponsoren und dem Weltschachbund FIDE mit seinem reichen, zwielichtigen Präsidenten, der die Weltmeisterkrankheit fördert. Es fehlt ein als integer anerkannter Organisator mit einem seriösen Sponsor in der Hinterhand.

Potenzielle Organisatoren gibt es in Deutschland; in Dresden etwa (Schacholympiade, etc.) oder in Dortmund (Leko!). Viswanathan Anand hat einen Organisator aus Hamburg am Hörer. Frederic Friedel könnte die Wiedervereinigungsweltmeisterschaft organisieren. Er kennt die Handynummern aller Beteiligten und hat den bemüht unparteiischen Softwareproduzenten „Chessbase“ im Rücken, den einzigen Branchenriesen. Die Chessbase-Leute träumen von der Wiedervereinigung. Ihre Firma muss wollen, dass es dem Schach gut geht. Friedel lässt Anand spüren, dass er dessen Not versteht und überlegt, wie er den Weltranglistenzweiten demnächst nach seiner Pfeife tanzen lassen könnte: „Und wenn ich dir das Königsgambit gäbe? Würde dich das stören?“ „Ja, aber du könntest es beiden geben.“ K.o.-System, zwei Partien Königsgambit, jeder ein Mal Weiß – für die Spieler mag das an Zockerei grenzen, für  Zuschauer ist das eine grandiose Variante.

Als Organisator des Neuanfangs hätte Friedel (und jeder andere) den mächtigsten Gegner, den ein Schachspieler haben kann: Kirsan Iljumschinow, millionenschwerer Präsident der armen Republik Kalmückien und des Weltschachbundes FIDE. Der kalmückische Hobbyspieler hat die Not manch bedürftiger Schachnation gelindert, um an die Spitze zu kommen. Als Schachpräsident setzt er seit 1995 die FIDE für seine politischen und geschäftlichen Interessen ein. In Westeuropa ist Iljumschinow nicht vorzeigbar. Dieser Mann besitzt den anderen Weltmeistertitel, gibt ihn nicht her und tritt nicht zurück – das Ende der Weisheit aller Visionäre. Die einzige Lösung ist unrealistisch. Alle Spieler müssten die Iljumschinow-FIDE für bedeutungslos erklären.

Nur Top-Ten-Mitglieder können sich das leisten, Tripolis hat das gezeigt. 1,5 Millionen Euro hat Iljumschinows Schachfreund Gaddafi für das umstrittene Spektakel in seiner Hauptstadt springen lassen. Die Spielergewerkschaft ACP konnte ihren Großmeistern nicht ernsthaft raten wegzubleiben – außer den jüdischen. Die hatte Gaddafi-Sohn Mohammed zu unerwünschten Personen erklärt.

Solche Skandale diskutieren Anand und Friedel nicht öffentlich. Sie schauen zu beim Finale von Tripolis und reden über Schach, während der Brite und der Usbeke (Schwarz) die erste von sechs Partien spielen. „Kasimdschanow hat ausgeglichen, das wird bald Remis“, prophezeit Anand. Die beiden Spieler bestätigen seine Prognose eine halbe Stunde später.

Iljumschinow konnte mit beiden Finalisten leben. Hätte Adams gewonnen, einer der wenigen Teilnehmer aus der Kramnik-Anand-Liga, wäre er gerne zu diplomatischen und Geschäftsbesuchen nach Großbritannien aufgebrochen. Jetzt winkt ihm Gary Kasparow als FIDE-Weltmeister. Der Weltranglistenerste soll gegen Kasimdschanow spielen.

Wie die internationale Clique der Fußballfunktionäre die Rückpassregel erfunden hat, hat der FIDE-Präsident eine gute Idee in zehn Jahren gehabt – die K.o.-Weltmeisterschaft. Jedes seiner K.o.-Turniere bot spannende Zweikämpfe, Außenseitersiege und andere Dramen, und weltweit glühten die Drähte, aus denen das Internet gestrickt ist. Internet und Schach sind füreinander geschaffen. Kasparows Niederlage 1997 gegen Deep Blue ist das relativ meistbeachtete Internet-Ereignis aller Zeiten, IBM wirbt bis heute damit. Ein wochenlanger Zweikampf voller Remisen kann diese Dimension nicht erreichen.

Das Jahrhundert der Titanenkämpfe hat denkwürdige Duelle produziert, von den Großvätern Lasker und Steinitz über die kalten Krieger Fischer und Spassky bis zu Apparatschik Karpows Kampf gegen den jungen Rebell Gary Kasparow. Das war vor dem Internet und vor der Remisseuche.  Anand lobt das K.o.-System und legt dar, dass sich in der vermeintlichen Lotterie am Ende die Besten durchsetzen. Wie jetzt Michael Adams, Großmeister von der schachbegeisterten Insel, der dritte Brite, der um die Weltmeisterschaft spielt.

Mit einem K.o-Turnier beginnt die Geschichte der Weltmeisterschaften – in England. Die erste WM 1851 in London (eigentlich: das erste große internationale Turnier mit den vermeintlich weltbesten Spielern) wurde im K.o.-Modus entschieden. Der deutsche Lehrer Adolf Anderssen gewann und galt fortan als Weltmeister.

Andersson gegen Staunton, 1851 ...

Anderssen gegen Staunton, 1857...

Der Shakespeareaner Howard Staunton hatte das Turnier organisiert. Staunton galt als Favorit, war Anderssen aber nicht gewachsen. Trotzdem hat er seinen Namen in der Schachgeschichte verankert. Ein Verwandter, Tischler und Schachlaie, schnitzte Schachfiguren. Staunton beriet ihn, damit die Holzpuppen die idealen Maße haben. Später verkauften die Stauntons ihre Schachspiele mit Staunton-Autogramm. Die so genannten Staunton-Maße gelten bis heute, die Verbände empfehlen sie als Ideal. 

England gebar die Staunton-Maße, aber nie einen Weltmeister. In den 30er-Jahren kam  das britische Schach ungewollt und plötzlich zu einem Weltklassespieler. Im Gefolge seines Herrn tauchte der Diener Sultan Khan auf. Lesen, Schreiben und Englisch sprechen konnte der Leibeigene nicht. Aber er beherrschte virtuos eine indische Schachart, die der europäischen ähnelte. Ohne theoretische Kenntnisse, ohne Vorbereitung nahm es Sultan Khan mit den besten Spielern seiner Zeit auf – Capablanca, Aljechin, Euwe. Er brauchte Hilfe, um die Partien mitzuschreiben, am Brett war er auf Augenhöhe. Die englische Nationalmannschaft führte Sultan Khan vier Jahre lang.

Sultan Khan gegen Capablanca...

Colle gegen Sultan Khan, 1930...

Sultan Khan gegen Aljechin, 1933...

Dann ging er zurück nach Indien und wurde nie wieder am Schachbrett gesehen.

Jahrelang brachte das Inselschach nicht einen Großmeister hervor. Dann wurde es einem Mäzen zu bunt: 5.000 Pfund für den ersten englischen Großmeister. Tony Miles gewann das Geld und viele Partien gegen erlesene Gegnerschaft. Weltmeister Anatoli Karpow bezwang der schillernde T-Shirt-Träger 1980 mit der Anfängereröffnung 1...a7-a6 – ein Affront und Karpows bekannteste Niederlage.

Karpow gegen Miles, 1983...

Ablösen konnte Miles Karpow nicht, Kasparow war besser: „Ein Monster mit einhundert Augen, das alles sieht“, schmeichelte Miles nach einer 0,5:5,5-Wettkampfniederlage.

Short gegen Timman, 1991...

Den seinerzeit unbezwingbaren Kasparow forderte Miles' Landsmann Nigel Short 141 Jahre nach Howard Stauntons WM-Ambitionen. Kasparow wusste, dass er gegen Short antritt, bevor der Brite sein finales Qualifikationsmatch gewonnen hatte: „It will be Short, and it will be short“, sagte Kasparow und verleitete seinen Herausforderer zu einem folgenschweren Fehler, bevor er ihn am Brett abfertigte. Kasparow und Short kehrten dem Weltverband FIDE und seinem zwielichtigen Präsidenten (damals ein anderer) den Rücken und organisierten das Londoner Match privat. Die FIDE organisierte ein neues WM-Match ohne die beiden, seitdem steigt die Zahl der Exweltmeister. Kasparow und Short mag der Deal einige britische Pfund gebracht haben, das Spitzenschach leidet  unter Titelwirrwarr und scheiternden Vereinigungsversuchen.

Die Großmeister ächteten Short einige Jahre. Inzwischen ist der Cricketfan, ehemalige Rocker und Oliven-Allergiker zu einem der wenigen Popstars des Schachs geworden – und zum Olivenbauern in Griechenland. Sportlich hat er fast zu alter Stärke gefunden.

Seine Elo-Zahl kletterte knapp über die 2.700-Grenze, die die Zugehörigkeit zur Weltklasse markiert. In Tripolis erlebte Short einen Rückschlag. Die Stellung des Polen Michail Krasenkow belagerte er geduldig, um seinen kleinen Vorteil zu verwerten. Kurz vor dem Ende beging er einen Anfängerfehler und verlor.

Als dritter Brite in 150 Jahren griff in Tripolis Michael Adams nach der Krone und der Chance, an einem Turnier um den alleinigen Titel beteiligt zu sein. Der beste britische Schachspieler (Elo 2.731) hatte sich relativ glatt bis ins Finale manövriert. Sein Gegner „Kasim“, mit 2.652 Elo Nummer 24 des Turniers, spielte sich unspektakulär, aber präzise und mutig ins Finale. Selbst den Bulgaren Veselin Topalow hat er aus dem Weg geräumt. Topalow hatte in Tripolis 9,5 Punkte aus zehn Partien eingefahren, „wie ein Messer durch warme Butter“, sagt Anand voller Respekt für den Kollegen.

Rustam Kasimdschanow stoppte den scharfen Bulgaren auf seinem Weg zum Sechs-Partien-Match um den Titel  FIDE-Weltmeister. Der Sieger soll gegen Kasparow spielen, dieser Sieger soll gegen den Sieger aus Kramnik-Leko den einzig wahren Weltmeister ermitteln; die Prager Pläne für das weitere Geschehen, ausgetüftelt unter viel öffentlichem Lamento. Experten fürchten, dass Kasparow nicht gegen Kasimdschanow spielen wird. Wenn er doch antritt und gewinnt – was wahrscheinlich ist - steht zu befürchten, dass der FIDE-Präsident alles weitere blockiert. Er hätte mit Kasparow den einzigen Schachstar als Weltmeister. Die FIDE hat das Match gegen Kasimdschanow angekündigt. Tatsächlich dürften Zeit, Ort, Finanzierung und Intention Kasparows ungeklärt sein.

Viswanathan Anand sitzt in Madras telefonierend am Computer, Frederic Friedel in Hamburg. Sie plaudern und schauen zwei Männern zu, die in Tripolis Schach spielen. Das zeigt: Über den Ort müssen die Veranstalter kommender Turniere nicht nachdenken. Im Notfall spielen bis auf die Lokalmatadore alle zu Hause. Entweder im Wohnzimmer oder öffentlich, um den Auftritt zu vermarkten für zusätzliches Preisgeld.

 

 

 

 


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