Interview mit Alexander Moissenko

12.03.2009 – Hinter Russland nimmt wohl die Ukraine den zweiten Platz als größte Schachnation ein. Der ukrainische Verband zählt 70 Großmeister - nur Russland und Deutschland haben mehr. Im Schnitt der zehn besten Spieler liegt die Ukraine auf Rang zwei der Länderwertung. Der größte Erfolg gelang der ukrainischen Mannschaft bei der Schacholympiade in Calvia als sie Gold gewann. Hinter den Topstars Ivanchuk, Karjakin und Ponomariov gehört Alexander Moiseenko zum Kreis der zehn besten Spieler. Dem 28-jährigen gelang jüngst ein schöner Erfolg mit dem geteilten ersten Platz beim starken Aeroflot Open. Anatsasiya Karlovich sprach mit dem ukrainischen Spitzenspieler, der u.a. erläutert, warum das ukrainische Schach so stark ist und auch zum Fall Mamedyarov/Kurnosov Stellung nimmt. Zum Interview...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

"Alle starken Spieler sind Fanatiker."
Interview mit Alexander Moissenko...

Alexander Moiseenko wurde am 17. Mai 1980 in Severomorsk, Russland, geboren und ist seit 2001 Großmeister. Vor kurzem belegte er beim Aeroflot Open den geteilten ersten Platz. Als Mitglied der ukrainischen Nationalmannschaft gewann er bei der Schacholympiade 2004 eine Goldmedaille. Er genießt den Ruf eines kämpferischen Spielers und hat bereits zahlreiche Turniere gewonnen: Die Canadian Open 2003, 2004 und 2008, Cappelle La Grande 2006, das World Open 2008 und viele mehr. Anastasya Karlovich sprach mit dem ukrainischen Spitzenspieler.

 



Du hast schon oft am Aeroflot Open teilgenommen. Hast Du geglaubt, dass Du dieses Jahr so erfolgreich sein würdest?

Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Ich war bereits fünf Mal beim Aeroflot Open dabei, aber hatte noch nie eine so hohe Performance-Zahl. Ich habe mich intensiv auf das Turnier vorbereitet und ein gutes Ergebnis angestrebt, aber natürlich habe ich nicht geglaubt, dass ich am Ende geteilter Erster werde. Ich habe einfach meine Partien gespielt und versucht, mein Bestes zu geben, um die meisten Punkte zu holen.

Welche Bedeutung hat ein so gutes Ergebnis für Dich?

Ich habe schon viele Turniere gewonnen und oft eine bessere Performance-Zahl erzielt als hier. Aber wäre ich alleiniger Sieger gewesen, dann hätte ich gesagt, das war das beste Turnier meiner Karriere.

Wie hast Du es geschafft, in einem so starken Turnier keine einzige Partie zu verlieren?

Das Aeroflot Open ist ein besonderes Turnier, weil Siege und Niederlagen sehr viel zählen. Wenn man verliert und ins Minus rutscht, dann kann man das nur schwer aufholen, weil man Gegner bekommt, die fast so stark sind wie die, die man bekommen würde, wäre man im Plus. Das Niveau ist so hoch, dass man leicht bis zum Ende des Turniers in der hinteren Tabellenhälfte bleibt. Ein guter Start ist wichtig und ich habe gleich in der ersten Runde gegen GM Ildar Khairullin gewonnen.

Ich würde nicht sagen, dass ich risikoscheu gespielt habe. In meiner Partie gegen Pavel Ponkratov, dem einzigen IM unter meinen Gegnern, hatte ich große Probleme. In Eröffnung und Mittelspiel hatte er die Initiative, aber am Ende konnte ich das Geschehen diktieren. Aber ich würde auch nicht sagen, dass ich besonders viel Glück hatte, denn gegen Gabriel Sargissian hatte ich großen Vorteil und habe den Gewinn verpasst. Es war eine lange Partie und nach sechs Stunden konnte ich einfach nicht mehr klar denken.

Fiel es Dir schwer, nach der Partie gegen Sargissian wieder ins Gleichgewicht zu kommen?

Ja, das war nicht leicht. Die Partie gegen Pashikian am Tag darauf war mühsam.

Viele GMs spielen nicht gerne früh am Morgen. Wie denkst Du über Morgenrunden? Fiel Dir die letzte Runde schwer?

Ich habe nichts gegen morgendliche Partien. Ich wache in der Regel früh auf, aber ich weiß, dass viele Schachprofis damit Probleme haben. In der letzten Partie habe ich versucht, mein Bestes zu geben, denn die Chance, ein solches Turnier zu gewinnen, bekommt man nicht oft. Mein Gegner in der letzten Runde war ein junger Chinese (2540 ELO), der bereits vier starke GMs mit über 2600 Elo geschlagen hatte. Ich spielte nicht schlecht und konnte gewinnen.

Du hast in der Nähe der berühmt/berüchtigten Partie Mamedyarov – Kurnosov gesessen. Außerdem hast Du im Verlaufe des Turniers gegen Kurnosov gespielt. Was sagst Du zu der Angelegenheit?

Ich sehe keinen besonderen Grund, Kurnosov der Computerhilfe zu verdächtigen. Ich glaube, dass Mamedyarovs Zweifel ihn daran gehindert haben, ruhig zu bleiben und deshalb hat er diese Partie unter seinem Niveau gespielt. Gegen mich lief Kurnosov in eine vorbereitete Variante. Einmal hat er 40 Minuten nachgedacht und dann ein paar phantastische Züge gefunden, die auch ein Computer nicht auf Anhieb sieht. Obwohl ein paar seiner Züge den ersten Vorschlägen des Computerprogramms entsprachen, konnte ich sehen, wie angestrengt er nachdachte, und deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass er Computerhilfe benutzt hat. Auf jeden Fall sollte man Kurnosov nicht unterschätzen. Er ist ein sehr solider Spieler, der vor kurzem ein starkes Turnier in Hastings gewonnen hat. Er glaubt an sich und wenn ihm seine Stellung gefällt, dann nimmt er kein Remis an.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine merkwürdige Geschichte aus meiner Praxis. Gegen Peter Svidler habe ich einmal 20 Züge so gespielt, wie Fritz es tun wollte – dann habe ich aufgegeben. Nun, damals waren die Schachprogramme noch nicht so stark wie heute. Aber ich glaube, selbst heutzutage finden die Computer manch gute Züge nicht, die ein starker Großmeister findet.

Welcher Spieler hat Dich in diesem Turnier beeindruckt?

Ehrlich gesagt, habe ich auf die Partien der anderen nicht besonders geachtet, da ich mich auf meine Partien konzentriert habe. Aber dennoch kann ich sagen, dass mich einmal mehr Bacrots Endspieltechnik beeindruckt hat. Auch junge Spieler wie Kurnosov, Pashikian, die Brüder Zhigalko, eine Reihe chinesischer Spieler und Tatiana Kosintseva haben gezeigt, was sie können.


Am Frauenschach ist Alexander Moiseenko immer interessiert!

Von wem hast Du Schach gelernt und wie hat sich Deine Karriere entwickelt?

Meine Mutter hat mir Schach beigebracht und mit sechs bin ich dann in die Schachgruppe in den Pionierpalast in Severomorsk gegangen. 1989 zog ich mit meiner Familie nach Charkov in der Ukraine und trainierte dort in der Schachschule. Mein erster Trainer war V. Viskin, der jetzt in Deutschland lebt. Shmuter und Karpman haben mich ebenfalls trainiert. Mit 17 habe ich angefangen, Jura an der nach Yaroslav dem Weisen benannten Staatlichen Juristischen Fakultät zu studieren und dort gab es einen starken Schachclub. Spätere Großmeister wie Pavel Eljanov, Alexander Zubarev, Eduard Andreev widmeten sich hier dem Schach. Trainer war der berühmte GM Vladimir Savon. Er hat mir viel beigebracht, aber leider ist er jetzt schon tot. Unser Klub hat viel für das Schach getan. Einmal haben wir zum Beispiel 24-Stundenmarathons für die besten Schachspieler Charkovs organisiert (Baadur Jobava war einer der Teilnehmer). Durch die gute Atmosphäre in unserem Verein und dem Wettbewerb zwischen den jungen Spielern wurde ich ein starker Großmeister mit Elo 2580. Natürlich ging es bei mir wie bei jedem Schachspieler auf und ab. Zum Beispiel lief es 2007 nicht besonders gut für mich, aber dann konnte ich im Sommer 2008 fünf starke Turniere hintereinander gewinnen. Vielleicht lag das daran, dass ich eine andere, reifere, Einstellung zum Schach hatte. Ich habe einfach mehr an meinem Schach gearbeitet.

Du hast eine Ausbildung zum Anwalt gemacht. Warum hast Du Dich dafür entschieden, Schachprofi zu werden?

Ich habe mich dafür entschieden, weil ich einfach gerne Schach spiele. In welchem anderen Beruf sind die Leute denn so sehr dabei, dass sie noch stundenlang über ihre Arbeit sprechen, wenn der Arbeitstag schon lange vorbei ist? Meiner Meinung nach sind praktisch alle starken Schachspieler Fanatiker. Vor kurzem habe ich in der türkischen Liga gespielt und mir fiel auf, dass buchstäblich alle Spieler nach Ende ihrer eigenen Partien ins Internet gegangen sind, um dort Partien aus anderen Turnieren zu verfolgen.

Wie bereitest Du Dich auf Turniere vor?

Ich arbeite vor allem mit dem Computer, aber lese auch gerne Schachbücher. Ich bin sicher, Bewertungen wie +0,45 oder -0,34 werden Bücher nicht ersetzen. Dvoretskys Bücher haben mich stark beeinflusst. Oft arbeite ich auch mit Pavel Eljanov zusammen, der zugleich ein guter Freund von mir ist. Aber ich habe auch schon mit meinen Mannschaftskollegen Ruslan Ponomariov und Sergey Karjakin zusammengearbeitet.


Pavel Eljanov und Alexander Moiseenko

Kannst Du ein paar Deiner Partien nennen, die typisch für Deinen Stil sind?

Es ist immer schwer, seinen eigenen Stil zu beschreiben. Wahrscheinlich bevorzuge ich dynamisches oder taktisches Schach, das aber eine gesunde positionelle Basis haben muss. Ich bringe gerne Bauernopfer, um Initiative zu bekommen. Wenn man einen Eindruck von meinem Stil bekommen möchte, dann würde ich vorschlagen, sich Partien von mir anzuschauen, die große sportliche Bedeutung hatten. Zum Beispiel meine Partien gegen Evgeniy Miroshnichenko und Mikhail Gurevich beim in Canadian Open 2007. Beim Aeroflot Open war das die Partie aus der letzten Runde gegen den Chinesen Zhou Weiqi.

Welche anderen Interessen außer Schach hast Du noch?

Ich mag Sport, vor allem Tischtennis, Tennis, Schwimmen, Skifahren. Außerdem spiele ich gerne Billard, aber meistens ziehe ich dort den Kürzeren. Ich singe gerne und singe auch während der Partien oft innerlich vor mich hin. Einmal habe ich vergessen, wo ich war und angefangen, die sowjetische Nationalhymne laut zu singen. Ich schätze Humor und lache gern.


Auf dem Tennisplatz

Viele Schachspieler meinen, Du siehst Vladimir Kramnik ähnlich. Kam es deswegen schon einmal mal zu Missverständnissen?

Ja, das habe ich natürlich auch schon gehört. In Kanada bat mich der Veranstalter einmal, ein paar Exemplare von Yakov Damskys Buch über Kramnik an Schachfans zu überreichen. Irgendwo dort war auch ein Bild von Kramnik und viele Leute haben geglaubt, ich sei das und mich um ein Autogramm gebeten.

Was sind Deine nächsten Pläne?

Ende März findet in Charkov der 11. Rektor Cup statt. Das ist ein Vergleichskampf zwischen den beiden besten Vereinen der Ukraine und ich spiele für meinen Verein der Juristischen Fakultät. Dass Spieler wie Ruslan Ponomariov, Pavel Eljanov und Vladimir Beliavsky teilnehmen, zeigt wie schwer dieses Turnier werden wird. Im April spiele ich dann wie üblich für Saratov in der Russischen Liga.

Spielst Du außer in der russischen und in der ukrainischen Liga noch in anderen Ligen?

Ich spiele auch für israelische und spanische Vereine. Ich weiß, dass viele ukrainische Spieler in der Bundesliga spielen, aber dazu hatte ich noch keine Gelegenheit.

Wie erklärst Du das phänomenale Niveau des Schachs in der Ukraine? Gelegentlich wird gesagt, dass “junge Großmeister hier wie Pilze nach einem Sommerregen aus der Erde schießen”.

Dafür gibt es meiner Meinung eine Reihe von Gründen. Zunächst einmal die großartige Basis des Schachs in der Sowjetunion. Zweitens ist die Ukraine geographisch nicht weit von anderen europäischen Ländern entfernt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnten ukrainische Spieler unterschiedlichster Spielstärke zu Turnieren nach Polen, Tschechien und Deutschland fahren. Im Gegensatz zu vielen russischen Spielern. Es ist nicht ganz leicht, von, sagen wir einmal, Sibirien in irgendein europäisches Land zu kommen. Der dritte Grund ist natürlich ökonomischer Natur. Die Lage in der Ukraine ist immer noch schwer. Normale und feste Jobs sichern einem meist ein stabiles niedriges Einkommen und das ist in westeuropäischen Ländern anders. Deshalb konzentrieren sich ukrainische Schachspieler stärker auf das Schach, weil sie wissen, dass sie erfolgreiche Profis werden können. Eine große Rolle bei der Entwicklung des ukrainischen Schachs haben auch Schachzentren wie das in Kramatorsk gespielt. Dank der Bemühungen von Vladimir Grabinsky gibt es auch viele Talente, die aus Lvov kommen. Und natürlich ist auch Charkov ein solches Zentrum.

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren