Interview mit Almog Burstein

03.07.2004 – Mit der Vergabe der FIDE-Weltmeisterschaft 2004 nach Libyen zog die FIDE vielerlei Kritik auf sich. Zwar sucht Libyen seit einigen Jahren wieder den Anschluss an die Völkergemeinschaft, doch in Bezug auf die israelischen Spieler sprachen die offiziellen Vertreter des islamischen Landes mit unterschiedlichen Zungen. In einem Interview, das Dr.René Gralla führte und das heute bei Neues Deutschland erschien, äußert sich der israelische FIDE-Delegierte Almog Burstein zu den Vorgängen und kündigte eine Schadensersatzforderung des israelischen Verbandes an, die den an der Teilnahme behinderten Spielern Israels und der USA zu Gute kommen soll. Zu Neues Deutschland online...Interview mit Almog Bustein...

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2019 mit 7,4 Mio. Partien und über 70.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!

Mehr...

Schach-WM in Libyen:
Oberst Ghaddafi wollte Israels Sportler anreisen lassen - Sohn Mohammed war strikt dagegen.
Von René Gralla

Tripolis/Düsseldorf - Während in Portugal das Leder jetzt unaufhaltsam seinem ultimativen Höhepunkt entgegenrollt, rauchen in Libyen noch bis zum 13. Juli die Köpfe: Dort läuft, über das bevorstehende Ende der Fußball-EM hinaus, die WM 2004 des Weltschachbundes FIDE. Im Tripolis des Obersten Muammar al-Ghaddafi, der sich die globalen Titelkämpfe rund 1,5 Millionen Dollar kosten lässt, sorgt das Geschehen jenseits der gerne beschworenen 64 Felder freilich für mehr Wirbel als die Turnierpartien der Denk-Athleten selber. Hinhaltendes Taktieren der libyschen Seite hat nämlich dazu geführt, dass Israels Brettsportler ihre Reise nach Tripolis abgesagt haben.

Die Vorgeschichte des Skandals: Die libyschen Organisatoren erklärten zunächst schriftlich, alle WM-Qualifikanten würden Visa erhalten. Dann freilich folgte der Rückzieher: Ghaddafi-Sohn Mohammed gab eine Pressekonferenz und beschimpfte die Israelis als "zionistische Feinde", die zur WM ausdrücklich nicht eingeladen seien. Was wiederum die aufgeschreckte FIDE auf den Plan rief: Die beeilte sich zu versichern, auch israelische Sportler würden nach der Landung auf dem Flughafen Tripolis ein Visum erhalten.
Ein unwürdiges Hin und Her, für das die "Israel Chess Federation" (ICF) nun die FIDE zur Rechenschaft ziehen möchte. Dem Weltschachbund droht eine teure Klage, und der Autor René Gralla hat sich die Hintergründe in einem Interview mit Israels FIDE-Delegiertem Almog Burstein erläutern lassen. Der 54-jährige Burstein, Mitglied der liberalen Shinui-Partei, ist im Hauptberuf stellvertretender Bürgermeister von Hod Hasharon, einer 40.000 Einwohner-Stadt rund 20 Kilometer nördlich von Tel Aviv.

Herr Burstein, auf welche Rechtsgrundlage wollen Sie Ihre mögliche Klage stützen?

Nach den Statuten der FIDE muss das Gastgeberland einer WM alle Spieler gleich behandeln und ihnen insbesondere Visa für die Einreise ausstellen. Die zuständigen Behörden Libyens und der Schachverband des Landes haben diese Bedingungen nicht erfüllt.

Libyen vertritt eine andere Position. Angeblich hätten israelische WM-Teilnehmer bei der Ankunft am Flughafen Tripolis direkt vor Ort ein Visum erhalten. Warum haben die Israelis die Libyer nicht beim Wort genommen und wenigstens ausprobiert, ob das tatsächlich klappt? Anstelle gar nicht erst anzureisen und jetzt womöglich gegen die FIDE zu klagen?

Das hat einen praktischen Grund: Wir haben Probleme mit den Fluggesellschaften bekommen. Die lassen einfach keine Passagiere an Bord ohne Visum für den Flug zu einem Zielort mit Visumzwang.

Aber es gibt doch Fälle, dass ein Land einerseits die Visumpflicht vorschreibt, andererseits aber sehr wohl auch die Ausstellung eines Visums erst am Flughafen nach Ankunft möglich macht. So wie das nun die Libyer im Rahmen der Schach-WM garantieren wollten.

Liegt ein derartiger Fall vor, werden Sie am Flughafenschalter, wo Sie einchecken wollen, aber gefragt, ob Sie eine persönliche Einladung für das Reiseziel vorweisen können. Wir haben darüber mit den in Frage kommenden Fluggesellschaften gesprochen, und sie alle haben auf persönlichen Einladungen für jeden einzelnen Israeli bestanden. Und genau diese persönlichen Einladungen hat Libyen nicht gesandt.

Der Präsident des Weltschachbundes, Kirsan Iljumschinow, hat außerdem noch eine explizite Garantie abgegeben: dass auch die Israelis zur WM nach Libyen einreisen könnten. Auch das hat die Airlines nicht überzeugen können?

Genau. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Wir haben gefordert, dass es jedem Sportler gestattet sei, einen Trainer, eine Ehefrau oder eine andere Begleitperson nach Libyen mitzunehmen. Das haben die Libyer abgelehnt.

So dass die Israelis ohne jedwede Unterstützung bei der WM hätten starten müssen?

Richtig. Das wäre für unsere Delegation ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den anderen Nationen gewesen. Das konnten wir nicht akzeptieren.

Die wechselnden Signale aus Tripolis im Vorfeld der Weltmeisterschaft haben in der internationalen Presse den Verdacht genährt, dies sei ein abgekartetes Spiel der Libyer gewesen, um einen WM-Start der Israelis zu sabotieren.

Das ist endgültig offenbar geworden wenige Tage vor dem WM-Beginn am 18.Juni. Der gebürtige Israeli Vadim Milov, der seinen Wohnsitz jetzt in der Schweiz hat, wollte für die Schweiz in Tripolis spielen und hat sich rechtzeitig dafür angemeldet. Die Libyer haben sich viel Zeit genommen, darauf zu reagieren. Und erst 24 Stunden vor der Eröffnungsfeier der WM, nach viel Druck seitens des FIDE-Präsidenten Iljumschinow und anderer Offizieller, hat Vadim Milov endlich eine persönliche Einladung gekriegt. Das ist dann natürlich viel zu spät gewesen.

Libyen versucht neuerdings, sein Image als so genannter "Schurkenstaat" los zu werden. Teil dieser Strategie soll offenkundig auch die Schach-WM sein. Indem Tripolis die israelischen Sportler, wie geschehen, derart schäbig behandelt: Konterkariert man damit nicht die eigene PR-Kampagne?

Es gibt in Libyen zwei Strömungen und einen Richtungskampf zwischen Gemäßigten und Extremisten. Zu den Moderaten gehört, wie ich gerüchteweise gehört habe, auch der Staatschef, Oberst Muammar al-Ghaddafi. Der soll die Meinung vertreten haben, Libyen möge auch den Israelis Visa erteilen. Die Gegenfraktion hat das abgelehnt; zu den Hardlinern gehört auch Ghaddafis Sohn Mohammed, der als Moslem religiös deutlich extremer eingestellt ist.

Hätte man nicht voraussehen können, dass es mit israelischen WM-Kandidaten in Libyen Schwierigkeiten geben würde? Warum hat der FIDE-Präsident Iljumschinow trotzdem für eine WM in Tripolis optiert?

Ich denke, dass Herr Iljumschinow naiv genug gewesen ist anzunehmen, dass die Libyer auch die Israelis zur WM einladen würden.
Der amtierende Weltmeister im Klassischen Schach, Wladimir Kramnik aus Russland, hat mit Blick auf den Streitfall Israel in einem Interview gesagt, die FIDE hätte "einen besseren Job machen" können, als ausgerechnet Tripolis als WM-Stadt auszuwählen. Ich stimme Herrn Kramnik zu. Wenngleich ich nicht weiß, ob die FIDE überhaupt eine Alternative gehabt hat: ob also noch ein weiteres Land anstelle von Libyen bereit gewesen ist, die WM auszurichten - und ob man dennoch Libyen vorgezogen hat.

Ist das aber nicht beschämend für den Schachsport? Das Spiel ist nach Fußball und Leichtathletik eine der wichtigsten Wettkampfdisziplinen der Welt: Warum war es da nicht möglich, für die WM 2004 ein besseres Gastgeberland als ausgerechnet Libyen zu finden?

Lassen Sie uns ehrlich sein: Das hat etwas mit dem Grundproblem zu tun, Schach medienwirksam zu verkaufen. Unser Denkspiel ist nicht vergleichbar mit anderen, visuell zugänglichen Sportarten - denen jeder zusehen kann, ohne das Geschehen als solches vollständig zu erfassen, ja sogar ohne die Regeln zu kennen. Schach ist anders: Sie können das Spiel nicht genießen, wenn Sie selber kein Schachspieler sind. Folglich sind kommerziell orientierte Firmen am Schach nur wenig interessiert, und es ist generell schwierig, Sponsoren für Schach zu finden. Geschweige denn WM-Ausrichter.

Abgesehen von den besprochenen Querelen: Bei der WM in Libyen fehlen obendrein die Superstars. Von den internationalen Top Ten sind nur zwei angetreten, ehemalige Weltmeister oder gar der bisherige Titelträger der FIDE, der Ukrainer Ruslan Ponomarjow, machen einen weiten Bogen um Tripolis. Und die Israelis sind nicht dabei - die von der Spielstärke her gleich hinter den Russen liegen: Ist dieser Wettbewerb dann überhaupt eine echte Weltmeisterschaft?

Nur offiziell ist das eine WM. Aber die Schachwelt weiß: Das ist keine richtige Weltmeisterschaft.

Der Champion im Klassischen Schach, Wladimir Kramnik, hat eine spezielle Meinung zu dieser Libyen-WM: Das sei im Ergebnis kaum mehr als eine "Amateur-WM".

Ja, vielleicht hat er recht.

Gegenwärtig erwägt die "Israel Chess Federation" (ICF), im Namen ihrer Mitglieder, die in Tripolis unerwünscht gewesen sind, die FIDE zu verklagen. Was verlangt die ICF ?

Wir fordern eine angemessene Kompensation für jene Sportler, die auf die WM verzichten mussten. Die Höhe des Schadensersatzes richtet sich nach den potenziellen Preisgeldern, die unsere Spieler in Tripolis hätten gewinnen können; das wären dann mindestens 10.000 Dollar pro Athlet. Alternativ soll die FIDE ein Ersatzturnier mit einem besonderen Preisfonds organisieren: nicht nur für die Israelis, sondern auch für alle anderen Sportler, die den Austragungsort Tripolis abgelehnt haben, zum Beispiel die Amerikaner.

Mittlerweile hat Israel mit seiner Kritik an der WM in Libyen eine überraschende Verbündete gefunden: die syrische Schachmäzenin Nahed Ojjeh, der in Paris ein eigener Klub gehört. In einer ungewöhnlich scharfen Stellungnahme hat Madame Ojjeh die libyschen Manöver, die faktisch zum WM-Ausschluss der Israelis geführt haben, als "Provokation" bezeichnet: "Niemals zuvor in der Geschichte des Schachs" sei "eine Weltmeisterschaft so tief gesunken". Dieses Statement ist deswegen besonders pikant, weil Madame Ojjeh spezielle familiäre Verbindungen hat, die der Milliardärswitwe einen direkten Zugang eröffnen zum Zentrum der Macht in Damaskus - wo man Israel ja bisher nicht besonders wohl gesonnen war. Haben Sie, Herr Burstein, schon mit Madame Ojjeh gesprochen?

Noch nicht. Aber haben Sie vielleicht deren Telefonnummer?

Wir werden uns darum kümmern. Vielleicht deutet sich da ja - auf dem Umweg über das Schach - eine neue Konstellation im Nahen Osten an, zwischen Israel und Syrien ...

... das ist sehr interessant. Ich bin bereit, mit Madame Ojjeh Kontakt aufzunehmen.

 

 

Almog Burstein, geb.1950, studierte Wirtschaftswissenschaften, Politik und Verwaltung an der Universität von Tel Aviv. 1972-77 Generalsekretär des israelischen Schachverbandes, Organisator vieler Turnier u.a. war er Generaldirektor der Schacholympiade 1976 in Haifa. Internationaler Schiedsrichter und Nationaler Schachtrainer.

Von 1977 bis 1982 Generaldirektor der Computerfirma AKID, 1982-84 Abteilungsleiter der Haushaltsabteilung der Medizinischen Fakultät der Universität von Tel Aviv. 1984-94 Leiter des Univeritätsschachclubs, 1994 bis 1998 Vorsitzender des Hod Hasharon Arbeiterrats. 1999-2004 Exekutivdirketor der Liberalen Partei Israels, SHINUI, Seit 2003 Stadtratsvorsitzender der Gemeinde Hod Hasharon, seit 2004 Isarels Delegierter in der FIDE.



 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren