Interview mit Anatoly Karpov

30.10.2006 – Als Mexiko City mit einem Schachfestival und einem Rekordversuch im Massensimultan schon jetzt auf seine Gastgeberrolle beim kommenden geplanten Weltmeisterschaftsturnier 2007 hinwies, war Anatoly Karpov einer der Ehrengäste. In einem Interview mit Dagobert Kohlmeyer äußerte sich der Ex-Weltmeister zum Aufschwung, den das Schach auch in Süd- und Mittelamerika erlebt. Auch in Russland gehe es mit dem Schach nach 15 Jahren Stagnation wieder aufwärts. Die letzte russische Schulschachmeisterschaft habe 82.000 Teilnehmer gehabt. Schließlich nimmt Karpov auch zum WM-Kampf in Elista Stellung. Kramniks Sieg würde dem russischen Schach nützen. Die Besetzung einiger wichtiger Posten in der FIDE sei suboptimal gelöst. In Bezug auf die Vergabe des Titels solle die FIDE zum ursprünglichen System zurückkehren, meint Karpov. Interview mit Anatoly Karpov...

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Schachboom in Mexiko - Rückkehr zur klassischen WM - nicht nur Computer
Interview mit Anatoli Karpow
Von Dagobert Kohlmeyer



Anatoli Karpow ist auch nach Beendigung seiner großen Karriere ein Globetrotter des Schachs. Als Ehrengast des „Festival de Ajedrez 2006“ in Mexiko-City war er ein gefragter Gesprächspartner der Medien. Schachreporter Dagobert Kohlmeyer aus Berlin nutzte natürlich auch die Gelegenheit zum Interview.

Was sagst du zum Schachleben in Lateinamerika?

Wir erleben momentan einen großen Aufschwung. In dem Teil von Amerika, wo wir uns gerade befinden, sind sie im Schulschach einfach Spitze. In Mexiko war ich in zwei Provinzen und habe mir das angesehen. Sie haben schon ein staatliches Programm angenommen. Ich war in Mazatlan und in Idalgo (nahe Mexiko-City). Dort haben sie schon seit langem Schach im Unterricht. Ein kubanischer Trainer ist dort. Er bildet auch Pädagogen für diese Schachschulen aus.

Und in anderen Ländern des Subkontinents?



In den größten Städten Argentiniens tut man das auch schon seit über zehn Jahren, in Venezuela gibt es sehr gute Ansätze. Wenn es in Argentinien nicht politische Probleme geben würde, wären sie jetzt schon weiter. Und sie könnten das im Landesmaßstab tun. Ich habe mit dem Bildungsminister darüber gesprochen, der bedauerte, dass sie auf Grund ihrer inneren Probleme zuletzt nicht weiter gekommen sind.

So wie in Brasilien?

Ja, dort läuft das staatliche Schulschach-Programm schon das dritte Jahr. Ich bin da gewesen und präsentierte das Programm seinerzeit in vier Provinzhauptstädten. Das war 2003. Ich reiste damals von Norden nach Süden durchs ganze Land. Und das Internet ist überall hilfreich, man kann ja auch über große Entfernungen hinweg per Web Schachunterricht geben.

Du bist zum dritten Mal in Mexiko. Kannst du dich vielleicht an eine lustige Begebenheit erinnern?

Sicher. 1972 brachte ich von meiner ersten Reise einen Flasche Tequilla mit. Wir lebten zu der Zeit in Leningrad und hatten Handwerker im Haus. Nach getaner Arbeit fragten die Schlosser meine Mutter: „Mamascha, hast du keinen Wodka für uns?“ Sie verneinte und bot ihnen in ihrer Not den nicht gekühlten Tequilla an. Die Männer nahmen nur einen Schluck davon, verzogen das Gesicht und sagten: „Was ist das denn für ein furchtbarer Selbstgebrannter!“

Bringst du noch immer Souvenirs von deinen Reisen mit?

Nein, seit etlichen Jahrzehnten nicht mehr. Wohin damit?

Mitte des Monats ist das Schach-Duell in Elista zu Ende gegangen und dein Landsmann Wladimir Kramnik einziger Weltmeister geworden. Dein Kommentar dazu.



Ein Glück für das Weltschach und für Russland. Ich hatte auch auf Wladimir gesetzt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kriselte unser Schach. Wir haben in Russland 15 Jahre verloren, was das Trainingssystem und die Wettbewerbe für junge Talente angeht. Jetzt kommen wir zurück. Die Schulschach-Meisterschaft in diesem Jahr hatte 82 000 Teilnehmer. Ich selbst habe 22 Schachschulen in Russland. Gut, dass wir wieder den Weltmeister stellen.

Wer hat in Elista das bessere Schach gespielt?

Kramnik zeigte, dass er in Matches besser ist. Topalows vorherige Turniererfolge haben dem Bulgaren nichts genützt. Im Schach musst du objektiv sein. Du kannst erzählen, was du willst, dass du Druck gemacht und besser gestanden hast. Es nützt alles nichts, wenn du nicht realistisch bist und im entscheidenden Moment deine Chancen nutzt.

Schiedsrichter Geurt Gijssen, den du seit langem kennst, war in Elista nicht zu beneiden. Hat er einen guten Job gemacht?



Ich weiß nicht, ob man ihm etwas anlasten kann. In erster Linie hat natürlich das Appellationskomitee falsch gehandelt. Der Schiedsrichter muss im Prinzip darauf achten, dass die Regeln während des Matchs nicht geändert werden. Dafür ist er Referee um zu sagen, „hier, das steht auf dem Papier und man kann die Regularien nur ändern, wenn der FIDE-Kongress einen entsprechenden Entschluss fasst.“ Aber niemals im Verlauf eines WM-Matchs. Selbst Iljumschinow könnte das nicht. Für mich hat keiner während des Wettkampfes das Recht, irgendetwas zu ändern. Danach, bitte schön, kann der Präsident, der Präsidialrat oder der Kongress der FIDE eingreifen und Veränderungen vornehmen.

Iljumschinow war ja, als es eskalierte, zwei Tage in Sotschi.

Da ist großer Schaden angerichtet worden für das Schach. Aber Iljumschinow kam noch mit einem blauen Auge davon. Aber ich hoffe, er hat aus der Sache gelernt.

Hat der Kreml Druck ausgeübt, nach dem Motto: „Das Match muss auf jeden Fall weiter gehen!“

Ich weiß nicht. Auf jeden Fall haben sie Iljumschinow klargemacht, dass er anwesend sein muss, wenn sich bei ihm zu Hause so ein Skandal abspielt.

Waren Kirsans Entscheidungen nicht halbherzig?


Ja. Wenn er den einen Beschluss des Appellationskomitees zurücknimmt und Kramnik seinen Waschraum wieder benutzen kann, dann muss er auch die andere Entscheidung aufheben, ihm eine Niederlage anzukreiden. Es war eine skandalöse Situation, ihm den Punkt wegzunehmen. Ein Glück für das Schach ist, dass Kramnik gewonnen hat und damit ein großer Konflikt entschärft wurde.

Die Vereinigung der Schachwelt ist jetzt vollzogen, aber die Probleme und Auseinandersetzungen gehen, wie man sieht, weiter…


Es ist vieles unklar, das stimmt. Fest steht wohl nur, dass Kramnik nächstes Jahr beim WM-Turnier in Mexiko nicht spielen wird. Das wäre eine Dummheit. Er ist Weltmeister und kann auf seinen künftigen Herausforderer warten. Topalow hingegen sollte als Verlierer des Finales von Elista die Möglichkeit erhalten, sich im nächsten WM-Zyklus wieder zu qualifizieren.

Laut Reglement geht das eigentlich nicht. Was meinst du, wird Topalow im Herbst 2007 die WM in Mexiko-City mitspielen?



Ich weiß nicht, wie es wird, aber er sollte einen Platz im Turnier bekommen. Es kann doch nicht sein, dass einer der stärksten Spieler, der nur im WM-Duell unterlag, im nächsten Zyklus keine Chance mehr erhält. Schau in die Schachgeschichte! Früher war der Vizeweltmeister automatisch für die Kandidatenkämpfe qualifiziert. Deshalb hat Topalow nach meiner Meinung alle Rechte. Nach den momentanen Festlegungen der FIDE fällt er jetzt durch, was nicht richtig ist. Leute, die beim Turnier in San Luis hinter ihm waren, können spielen, er aber nicht. Völliger Nonsens. So ein Beschluss kann nur Schwachköpfen einfallen, die nicht sehr viel Gehirn haben.

Was denkst du, kehrt die FIDE zum klassischen WM-System zurück?

Sie sollte es dringend tun! Der Weltmeister im Schach muss in einem Wettbewerb bestimmt werden, an dem nicht mehr als zwei Spieler teilnehmen. Also in einem Zweikampf. Ein Turnier ist etwas ganz anderes. Dort spielen Leute, die sich qualifizieren möchten. Und wenn wir einen Weltmeister wollen, der von allen anerkannt wird, dann muss man auf jeden Fall in der letzten Etappe ein Match organisieren.

Die FIDE hat in den vergangenen Jahren viel Unsinn gemacht. Sie braucht- wie wir sehen - dringend neue Leute!





Keine Frage, aber das ist nicht mein Problem.

Dennoch gefragt: Was rätst du ihnen als einer der selbst die Schachkrone trug und schon so lang im Geschäft ist?

Die Föderation braucht saubere und ehrliche Persönlichkeiten. Gibt es sie nicht, dann ist, wie wir sehen konnten, alles möglich. Einer wie Asmaiparaschwili durfte niemals Vizepräsident werden. Als Spieler ist er ein bekannter Betrüger. Deshalb hatte er noch viel weniger in der Jury von Elista etwas zu suchen. Ein Mann, der das Schach schon oft in Misskredit gebracht hat, gehört nicht in die Chefetage des Weltverbandes. Er hat keinerlei persönliche Eignung dafür. Aber es herrscht dort Vetternwirtschaft. Asmai ist u.a. mit Makropoulos befreundet.

Wann stellst du dich denn zur Wahl als FIDE-Präsident? Hat es dich sehr getroffen, dass vor der Olympiade in Turin Kirsan Iljumschinow und nicht du von der Russischen Schachföderation als Kandidat für die Wahl nominiert wurde?

Das ist so nicht richtig. Ich möchte mal die Gelegenheit nutzen, um etwas klarzustellen. So wie das im Frühjahr in der Presse wiedergegeben wurde, stimmt es nicht. Fakt ist, dass unser Verband in Moskau gar keinen Beschluss über eine Nominierung gefasst hat, erst im allerletzten Moment. Und weil es so lange gedauert hat, zog ich vorher meine Kandidatur zurück. Daraufhin hat der Verband natürlich lljumschinow ins Rennen geschickt.

Welche Beziehung hast du zu Vizepremier Alexander Shukow, der auch russischer Schachpräsident ist?

Wir haben ein gutes Verhältnis.

Noch einmal zurück nach Mexiko-City. Welche Wirkung hat so ein Ereignis wie das Schachfestival am Sonntag?

Die Veranstaltung hat das Interesse für unser Spiel sicher vergrößert. Schach ist in dieser Region auf dem Vormarsch, das ist klar. Sie haben viele Talente in Mittelamerika, vielleicht werden schon bald noch mehr Großmeister aus ihnen hervorgehen. Schon früher haben sie in Mexiko Simultan-Rekorde aufgestellt und damit das Schach populärer gemacht. Egal, ob die Bestmarke erreicht wurde oder nicht, es ist eine echte Werbung für unser Spiel und die beste Propaganda für die Zukunft. Mexiko zeigt mit seinem Schulschachprogramm, dass sie sehr große Möglichkeiten haben, hier weiter voranzukommen. Künftige Erfolge werden nicht ausbleiben.

Du hast auf dem Zócalo stundenlang Bücher signiert wie ein Weltmeister. Welche Rolle spielt heute noch Schachliteratur in einer Welt, die immer mehr vom Computer beherrscht wird?



Eine große. Ich bin ein Verfechter des Lesens. In Büchern kann man viel Interessantes finden. Schachspieler, die nur am Computer sitzen und Daten herunterladen, sind arm dran. Es ist schädlich, wenn es zu einseitig wird. Natürlich ist der Computer gut, um Informationen zu liefern. Das betrifft nicht nur Eröffnungen, er analysiert auch sehr gut kritische Positionen usw. Doch wenn man dann am Brett sitzt, ist das ein ganz anderes Bild, viel angenehmer für den Menschen.

Also eher Skepsis gegenüber dem Computer?



Es hält sich die Waage. Die Rechner veränderten viel im Schach. Gut ist die große und schnelle Verbreitung von Schachereignissen und Schachwissen im Internet. Bei der Endspielanalyse hilft der Computer auch, aber es führt dazu, dass die eigenen Analysen des Menschen schwächer werden. Alle früheren Weltmeister waren große Endspielkünstler. Heute ist das nicht unbedingt so.


 

 

 

 

 



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