Interview mit Anne Sharevich

19.11.2009 – Anne Sharevich ist so etwas wie der Paradiesvogel unter den Schachspielerinnen. Mit ihren langen blonden Haaren zieht die Weißrussin auf jedem Turnier die Objektive der Fotografen auf sich und umgekehrt hat die 24-Jährige einen speziellen Sensor für das Klicken von Fotokameras entwickelt, dessen Reichweite deutlich höher liegt als bei anderen. Allerdings ist die 24-Jährige seit vielen Jahren auch eine der besten Schachspielerinnen ihres Landes und wird deshalb und wegen ihrer positiven und fröhlichen Ausstrahlung gerne zu TV-Shows eingeladen oder für Sportmagazine in Szene gesetzt. Am 26.November ist die Großmeisterin ein der vier Teilnehmerinnen bei der ND-Frauengala und trifft auf Anna Muzychuk, Elisabeth Pähtz und Marie Schöne. Im Interview mit Dr. René Gralla erläutert sie, warum die Frauen aus Osteuropa im Schach viel ehrgeiziger und erfolgreicher sind. Interview beim ND...Ungekürzter Nachdruck...

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Das Interview erschien in der Tageszeitung "Neues Deutschland".

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung 

 

 

Interview mit Anne Sharevich
Kompromisslos auf Sieg



Dreimal hat sie schon die Damenmeisterschaft von Belarus (Weißrussland) gewonnen: die 23-jährige ANNA SHAREVICH (23) aus dem weißrussischen Brest. Die Frauengroßmeisterin, die bei der 4. Internationalen ND-Schnellschachgala am 26.11.2009 in Berlin die schärfste Konkurrentin der Titelverteidigerin und für Slowenien spielenden WGM Anna Muzychuk (19) aus der Ukraine sein wird, beantwortet die Fragen von CHESSBASE-Autor DR. RENÉ GRALLA.

DR. RENÉ GRALLA: Haben Sie noch Ihren Kater, der „Chess“ heißt?

ANNA SHAREVICH: Der ist leider im vergangenen Frühjahr gestorben. An seine Stelle getreten ist jetzt „Archi“, genannt nach dem schottischen Schriftsteller Archibald Joseph Cronin.



DR. R.GRALLA: Cronin ist vor allem bekannt geworden durch seinen 1935 erschienenen sozialkritischen Bergarbeiterroman „Die Sterne blicken herab“. Und wie sieht es mit Schach aus? Liebt auch „Archi“ das königliche Spiel, so wie Vorgänger „Chess“?



ANNA SHAREVICH: Das ist doch normal. Wir sind eine Schachfamilie, und wie Sie wissen, gleichen sich die Tiere ihren Besitzern an. Alle Bewohner dieses Hauses lieben Schach!

DR. R.GRALLA: Haben Ihre beiden Brüder am Brett eine Chance gegen Sie?

ANNA SHAREVICH: Sie sind schwächer als ich, aber nicht schlecht.



DR. R.GRALLA: Schach haben Sie von Ihrem Vater gelernt. Trainieren Sie noch immer mit ihm?

ANNA SHAREVICH: Ja, er ist bis heute mein Coach. Er kennt wie kein zweiter alle kritischen Augenblicke während einer Partie, und gleichzeitig ist er vertraut mit meinem persönlichen Stil.

DR. R.GRALLA: Viele junge Spitzensportlerinnen im Schach kommen aus osteuropäischen Nationen, so wie Sie aus Weißrussland und Anna Muzychuk aus der Ukraine. Können Sie uns das erklären?

ANNA SHAREVICH: Die Länder der ehemaligen Sowjetunion haben ausgezeichnete Schachschulen aufgebaut, außerdem sind unsere Trainer sehr konsequent und dulden keine Halbheiten. Und die Frauen hier haben stets ein klares sportliches Ziel vor Augen – sie wollen gewinnen! Die Mädchen in Westeuropa sind eher auf einen gut bezahlten Job fixiert.

DR. R.GRALLA: Woher dieses Interesse am Schach unter jungen Frauen in Osteuropa?

ANNA SHAREVICH: Erfolge im Sport – und dazu zählen wir nun mal ohne Einschränkung auch Schach! – bringen dir Respekt ein, und Medaillengewinne sind einfach super. Und Sport gilt als legitime Berufswahl, selbst wenn die Bezahlung leider nicht immer gut ist.



DR. R.GRALLA: Mädchen, die nicht von einer Modelkarriere träumen, sondern Großmeisterinnen werden möchten, und die lieber komisch geformte Figuren hin und her schieben, anstatt in die Disco zu gehen: Ist das nicht seltsam?

ANNA SHAREVICH: Natürlich haben die Teenys bei uns ähnliche Träume wie überall auf der Welt: Ruhm und Erfolg, als Popstar gefeiert zu werden. Trotzdem ist auch Schach eine echte Option. Wobei es allerdings gleichzeitig sinnvoll wäre, nicht total auf das Spiel zu setzen, sondern sich neben Schach auch andere Möglichkeiten offen zu halten. Falls du irgendwann merken solltest, dass du sportlich an Deine Grenzen stößt.

DR. R.GRALLA: Die meisten jungen Frauen in Westeuropa haben bloß MTV und Castingshows im Kopf, finden Schach langweilig. Warum ticken die Osteuropäerinnen anders?

ANNA SHAREVICH: Das ist eben eine grundsätzlich andere Haltung, sich sportlichen Herausforderungen generell – und nicht allein bezogen auf Schach – zu stellen. Du musst wirklich hart arbeiten, um im Sport etwas zu erreichen. Popstarfantasien von Prominenz und Geld sind da viel bequemer.

DR. R.GRALLA: Und Sie? Sind Sie ausschließlich Schachprofi? Oder basteln Sie parallel an einer Ausbildung?

ANNA SHAREVICH: Ich stehe kurz vor meinem Diplom als Sportlehrerin.



DR. R.GRALLA: Mit Blick auf die bevorstehende ND-Damenschachgala: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

ANNA SHAREVICH: Du musst immer versuchen, dein Bestes zu geben.

DR. R.GRALLA: Favoritin ist die Vorjahressiegerin Anna Muzychuk. Können Sie die für Slowenien startende Ukrainerin schlagen?

ANNA SHAREVICH: Nichts ist unmöglich.
 

 

 

 

 

 



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