Interview mit Arkady Dvorkovich

21.12.2021 – Nach dem WN-Kampf Carlsen gegen Nepomniachtchi gab FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich der russischen Seite championat.com ein Interview, in dem er in bekannt offener Weise über den Verlauf und die Organisation des WM-Kampfes, Probleme bei der Durchführung, den "Fall Dubov" und die Pläne der FIDE für die nächsten Weltmeisterschaften spricht. | Fotos: Eric Rosen/ Niki Riga (FIDE)

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Übersetzung eines Interviews, das FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich in russischer Sprache der Seite Championat.com gab.

Interview mit Arkady Dvorkovich

- Der Kampf um den Weltmeistertitel ist vorbei. Was war in Bezug auf die Organisation erfolgreich und was nicht?

- Die Austragung des WM-Kampfes zusammen mit der Expo in Dubai war ein großer Erfolg. Dies half, dass sowohl die Medien als auch die Zuschauer großes Interesse zeigten. Ganz einfach, weil es auf der Expo2020 viele von ihnen gab. Wir haben sowohl live als auch über unsere Medienkanäle gesehen, wie groß der Zuspruch war. NBC Sport, Match TV und das norwegische Fernsehen waren die drei Hauptsender, aber auch Sender aus anderen Ländern haben berichtet. Der Veranstaltungsort selbst ist großartig. Das Einzige Manko war, dass sich die Spieler auf der kleinen Bühne vielleicht ein bisschen eingeengt fühlten und dass es hinter der Glasscheibe nicht genug Luft gab.

- Auch die persönlichen Räume, in die sich die Schachspieler während ihrer Partien zurückzogen, waren klein.

- In New York waren sie größer. In London waren sie so ziemlich das Gleiche. Wenn wir lernen wollen, dann sollten wir in Zukunft versuchen, die Räume für die Spieler größer zu machen. Und am besten mit frischer Luft.

- Das machte sich vor allem während der ersten Partie bemerkbar, als die Schachspieler durch den Geruch abgelenkt wurden. Es ist merkwürdig, dass die Installationsarbeiten erst einen Tag vor dem ersten Spiel abgeschlossen waren.

- Die Halle sollte natürlich mindestens ein paar Tage vor Beginn der Partien fertig sein. Das sollte so sein, nicht nur wegen der Gerüche, sondern auch um alle Funktionen zu überprüfen. Es gab keine größeren Ausfälle, aber wir mussten Kleinigkeiten wie den störenden Geruch zwischen der ersten und der zweiten Partie beheben.

- Und warum ist dies geschehen?

- Leider war die Situation unvermeidlich. Auf der Expo2020 jagte ein Ereignis das andere. In diesem Pavillon fand eine weitere Veranstaltung statt. Wir hatten den Pavillon erst drei Tage vor der ersten Runde zur Verfügung. Wir haben versucht, Alternativen zu finden, aber wir konnten nichts tun. Es waren einfach keine anderen Räumlichkeiten verfügbar. Obwohl der Raum selbst in jeder Hinsicht gut ist. Wir haben es geschafft, auch die Abschlussfeier dort durchzuführen, weil es nur elf Partien gab.

- Aber was wäre, wenn es 14 Partien gegeben hätte?

- Im Falle eines Tie-Breaks hätten wir keine Zeit gehabt, die Schlussfeier im selben Pavillon durchzuführen.  Außer am nächsten Morgen, weil wir den Raum für die nächste Veranstaltung freigeben mussten. Für die Zuschauer war der Veranstaltungsort jedoch großartig. Außerdem gab es zahlreiche Nebenveranstaltungen: Schulweltmeisterschaften, Sitzungen, Turniere zwischen den Pavillons, Turniere der arabischen Länder und der lokalen Schachklubs.

- Waren Sie enttäuscht, dass Sie nur 11 Partien bekommen haben? Ich spreche nicht von der Niederlage eines Landsmannes, sondern speziell vom Standpunkt des Präsidenten der FIDE.

- Alle waren enttäuscht, außer Magnus, denke ich. Ich wollte, dass der Kampf länger dauert. 

- Ein Thema, das die Schachgemeinschaft aufgewühlt hat: Wie korrekt war es von Dubov, einem Ausländer in einem Spiel gegen einen Russen zu helfen?

- Erstens: In allen Sportarten gibt es ausländische Trainer. Das kommt vor. Jan ist einer von ihnen. Das Besondere dabei ist, dass bekannt war, gegen wen Magnus spielen würde.

- Dubov sagte in einem Interview mit dem Spiegel, dass er schon vor dem Kandidatenturnier eine Vereinbarung mit Carlsen getroffen habe.

- Ich schließe das absolut nicht aus. Sie arbeiten schon seit langem zusammen - es ist ihre private Angelegenheit. Für Daniil war es wichtig, mit Magnus zusammenzuarbeiten, unter anderem für seine eigene berufliche Entwicklung. Er hat sich darauf eingelassen, obwohl es sich hier gegen einen russischen Schachspieler richtete. Es ist eine Frage der persönlichen Entscheidung. Ich würde das nicht tun. Für mich ist es wichtig, im Team meines eigenen Landes zu sein. 

- Ist die Forderung nach einem Rauswurf von Dubov aus der russischen Mannschaft zu viel?

- Das ist völlig übertrieben.

- Ist bekannt, ob Dubov für den FIDE Grand Prix gesetzt ist? Muss dafür ein anderer Schachspieler ausfallen?

- Ja, Daniil ist die erste Reserve, wenn ich mich richtig erinnere. Außerdem gibt es zwei Wildcards. Eine dieser Einladungen kommt von den Organisatoren und die andere vom FIDE-Präsidenten.

- Haben Sie schon eine Idee, wer es sein wird?

- Wir diskutieren darüber mit World Chess, damit wir nicht die gleiche Entscheidung treffen. Wir werden sie bald ankündigen.

- Wird ein russischer Spieler von Ihrer Seite eingeladen werden?

- Sagen wir es so: Es besteht Einigkeit darüber, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der beiden Wildcards an einen Russen gehen wird. Kaum zwei.

(Anmerkung der Redaktion: Inzwischen wurde Hikaru Nakamura vom FIDE-Präsidenten und Daniil Dubov von World Chess nominiert)

- Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Grand Prix zum vorgesehenen Zeitpunkt und am vorgesehenen Ort - in Berlin und Belgrad - stattfinden wird?

- Im Moment kann nichts garantiert werden. In Anbetracht der Tatsache, dass das Turnier nicht so groß ist und nicht so viele Teilnehmer hat, hoffe ich, dass es keine Probleme geben wird. Was Serbien angeht, bin ich sehr zuversichtlich, während Deutschland in dieser Hinsicht ein schwierigeres Land ist. Auf jeden Fall gibt es noch keine Voraussetzungen für eine Verschiebung.

- Und wenn Berlin passen muss, wird Belgrad dann das gesamte Turnier ausrichten können?

- Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, dass es eher einen Ersatzort geben wird. Russland ist immer bereit, ein Turnier auf jeder Ebene auszurichten. Wir hätten zum Beispiel die Schnellschach- und Blitzweltmeisterschaft ausrichten können, aber dann hätten wir sie wegen der WADA-Sanktionen nicht mehr Weltmeisterschaft nennen dürfen. Wir hätten ihr einen anderen Namen geben müssen, wir haben deshalb beschlossen, sie nach Warschau zu verlegen.

- Wie schwierig war die Situation, da die Schachspieler bereits Tickets für Kasachstan gekauft hatten und nun nach Polen fliegen müssen?

- Wir suchen nach Lösungen, damit alle ihre Tickets erstattet bekommen oder durch andere Tickets ersetzt werden können. Ich bin sicher, wir werden einen Weg finden. Wir stehen in Kontakt mit den Schachspielern und Fluggesellschaften. 

- Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Spanien als einziger Bewerber das Kandidatenturnier ausrichten wird? Oder gibt es weitere Bewerber?

- Es handelt sich eher um inoffizielle Informationen. Die Bewerbung Spaniens kam erst kurz nach Ablauf der Frist, so dass wir formal berechtigt sind, ihn nicht zu berücksichtigen, wenn sich etwas anderes ergibt. Die Entscheidung wird vom FIDE-Präsidium am 27. Dezember getroffen. Allerdings ist das Angebot aus Madrid ein gutes Angebot.

- Sie erwähnten inoffizielle Informationen über andere Bewerber, die das Turnier ausrichten wollen. Um welche Regionen handelt es sich?

- Verschiedene Regionen. Sowohl im Nahen Osten als auch in Amerika. Aber darauf können wir uns nicht verlassen. Erst wenn es offiziell ist. Außerdem denken wir darüber nach, wo die Frauenwettbewerbe - das Kandidatenturnier und das Weltmeisterschaftsmatch - stattfinden sollen.

- Veranlasst Sie die Erfahrung des Matches in Dubai, über das Format nachzudenken? In Bezug auf eine optimale Anzahl von Partien oder etwas anderes?

- Wir hatten hier das größte Budget, also konnten wir uns ein langes Format leisten. Wir denken, dass es die richtige Entscheidung war, was die Anzahl der Spiele angeht. Das ist anspruchsvoller und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Fehlern. Hier haben wir diese Fehler in der Mitte des Spiels gesehen, aber wenn es sie nicht gegeben hätte, wären sie angesichts der Länge des Wettkampfes auch später passiert. Über den Terminplan mit Parrien am Wochenende gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche meinen, wir sollten nach zwei Spielen wieder zu einem freien Tag zurückkehren. Nach der siebten Partie wurde sonst aus Gründen der Symmetrie ein Farbwechsel vorgenommen. Hier gibt es eine Menge zu diskutieren.

- Wozu neigen Sie?

- Beide Formate haben ihre Vor- und Nachteile. Bei der Version, die in Dubai stattgefunden hat, gibt es eine größere Ermüdung bei den Spielern. Das ist schlecht für sie, aber gut für die Zuschauer. Und wir müssen bedenken, dass wir die Spiele für Samstag und Sonntag angesetzt haben. Das geht nicht mit einem Zeitplan, bei dem jeder dritte Tag ein freier Tag ist.

- Wird auch über Zeitkontrolle diskutiert?

- Ja. Wir diskutieren darüber, ob wir es für alle offiziellen Turniere gleiche Regeln festlegen sollen: den Weltcup, das Kandidatenturnier und den WM-Kampf.

- Was sind die Bedenken? Warum sollten sie nicht vereinheitlicht werden?

- Es ist nur so, dass es traditionell keine klare Mehrheit gibt. Und in diesem Fall ist es einfacher alles so zu lassen wie es ist.  Andernfalls wird jede Änderung zu Kritik führen. Jetzt gilt es, sorgfältig zu diskutieren und einen Konsens zu finden.

- Zuschauer und Fernsehsender tun sich schwer mit einer siebenstündigen Partie. Sollte nicht aus diesem Grund eine kürzere Zeitkontrolle gewählt werden?

- Ich schließe das keineswegs aus. Auf der anderen Seite haben wir die längste WM-Partie aller Zeiten in Dubai gesehen. Das allein hat schon ein großes Interesse hervorgerufen.

- Wie zufrieden waren Sie mit der finanziellen Seite des Matches in Dubai? Wie lukrativ oder kostspielig war es?

- Wir sind zufrieden. Zunächst einmal sind wir unseren Partnern bei der Expo2020 dankbar, die den Wettkampf fast vollständig finanziert haben - etwa 90 % des Budgets. Sie wurden zum Hauptinvestor und haben, so hoffe ich, eine Gegenleistung in Form von Popularität der Veranstaltung erhalten. Es kamen viele Gäste, es wurde viel diskutiert, und es wurde viel im Fernsehen gezeigt. Für die Expo2020 ist es wichtig, dass überall über die Ausstellung gesprochen wird, auch beim Schach. Es ist ein guter Kanal, um einen Return on Investment zu erzielen. Wir haben auch andere Sponsoren angezogen und konnten zusätzliche Aktivitäten durchführen: Turniere, Konferenzen und so weiter. Wir sind definitiv nicht zu kurz gekommen. Sowohl aus visueller Sicht als auch unter Marketing- und Finanzgesichtspunkten.

- Werden Sie auch mit den Übertragungsrechten Geld verdienen?

- Das norwegische Fernsehen hat schon lange dafür bezahlt. Das gilt auch für Chessable und chess.com. Die dortigen Beträge sind recht hoch, aber sie fließen in andere Aktivitäten - das Geld war nicht speziell für das Spiel in Dubai bestimmt. Chessable zahlt Geld für eine Akademie, in der talentierte Kinder und Jugendliche aus aller Welt studieren. Wir haben in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Trainingslager für die Trainer dieser Akademie veranstaltet. Es ist nicht notwendig, einen linearen Ansatz für den Haushalt zu wählen. Es gibt eine Übereinstimmung, und dann gibt es das zusätzliche Einkommen in Verbindung mit dieser Übereinstimmung.

- Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viel Geld Sie mit Tickets verdient haben?

- Die endgültigen Zahlen sind noch nicht bekannt. Wir haben etwa 5.000 Dollar pro Partie verdient. Das Geld fließt in den allgemeinen Haushalt, aus dem verschiedene Projekte finanziert werden. Das ist kein geringer Betrag. Das ist vergleichbar mit dem, was wir in einem Jahr für die Unterstützung von Veteranen ausgeben.

Das Original-Interview bei championat.com...

 

 

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