Interview mit Bartlomiej Macieja

29.12.2004 – Vor dem zweiten Weltkrieg war Polen eine bedeutende Schachnation. Danach waren viele Spieler gestorben oder hatten das Land verlassen. Zu Zeiten des kommunistischen Regimes wurden im Schach nur einige wenige Spieler gefördert; insgesamt stagnierte die Entwicklung. Nach dem Wechsel änderte sich dies bald dramatisch, besonders als 1998 mit Macieja der erste Pole an einer FIDE-Weltmeisterschaft teilnahm und Jacek Gdański 1989 Vizeweltmeister U20 wurde. Seitdem boomt Schach auch in Polen. Beim Schnellschachturnier in Warschau nahmen viele junge Talente teil. Der ebenfalls noch junge Bartlomiej Macieja (28) ist bereits eine der Führungsfiguren und Idol der Jugend. Thomas Lemczyk führte ein aufschlussreiches Interview mit dem Großmeister und ACP-Sekretär über die Schachentwicklung in unserem Nachbarland. Zum Interview...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Interview mit GM Bartłomiej Macieja
Das Gespräch führte Thomas Lemanczyk


Macieja

Einen Tag nach Beendigung des Warschauer Turniers ergab sich die Möglichkeit, mit Großmeister Macieja ein Interview zu führen.

Frage: Wie fühlst Du Dich nachdem das Turnier vorbei ist?

Macieja: Leider konne ich mich am Samstag nicht für die ersten 16, die das Finale untereinander ausspielten, qualifizieren. Bei über 400 Teilnehmern, darunter etwa 30 Großmeistern, gab es eine riesige Konkurrenz. Ein gutes Ergebnis war da nicht ausreichend, nur ein sehr gutes.

Am Sonntag dann, im B-Turnier, wurde ich 8. Ein normales Ergebnis. Ich sehe es viel positiver als mein Ergebnis vom Samstag.

Frage: Du hattest auch außerschachlich viel zu tun während des Turniers?

Macieja: Ich stellte den Kontakt mit den ausländischen Gästen her, verteilte Einladungen und Informationen. Leider nahmen einige gemeldete Spieler nicht teil. Dies wurde zum Großteil dadurch verschuldet, daß eine polnische Airline, die AIR POLONIA. In einigen Fällen habe ich mich bemüht, selbst Ersatzflüge zu finden, aber das klappte nicht in jedem Fall, so ist es z. B. sehr traurig, daß Jonathan Speelman nicht nach Warschau kommen konnte.

Frage: Wie schätzt Du den Stellenwert des Turniers ein?

Macieja: Ich denke, daß es zu den 5 stärksten Aktivschachturnieren in der Welt gehört. Und seine Stärke wächst jährlich. In den vergangenen Jahren spielten hier beispielsweise Shirov, Ponomarev, Bareev, Ivanchuk, Svidler, nur um ein paar bekannte Namen zu erwähnen.

Für das nächste und übernächste Jahr hat die ECU unser Warschauer Turnier zur offiziellen Europameisterschaft im Aktivschach erklärt. Wir erwarten, daß etwa 500 Spieler, darunter sicherlich etwa 100 Großmeister, kommen werden. Vermutlich wird es das größte Aktivschachturnier der Welt werden. Für Spieler, die es sich vormerken wollen: das Turnier beginnt traditionell am Wochenende in der Vorweihnachtswoche.

Frage: Bitte erzähle etwas über Dich, Deine Erfolge, Dein Privatleben.

Macieja: Fangen wir mit den sportlichen Erfolgen an. Ich wurde 1998 Großmeister. An meinem 21. Geburtstag verlieh mir die FIDE auf dem Kongress in Elista den Titel. Ein schönes Geburtstagsgeschenk. Seitdem ich 1998 als erster Pole seit 1954 mich über das Zonenturnier zur WM in Las Vegas qualifiziert hatte, versuche ich, die polnische Nummer 1 zu werden. Im Jahr 2000 habe ich das Zonenturnier sogar gewonnen und mich für die WM in New Delhi qualifiziert, wo ich unter die letzten 16 gelangte und gegen den späteren Sieger Vishy Anand mit 1,5-0,5 unterlag. Auch an den letzten Weltmeisterschaften in Moskau 2001 und Tripolis 2004 nahm ich teil.

Mein größter sportlicher Erfolg ist der Sieg bei der Europameisterschaft in Batumi 2002. Im gleichen Jahr schlug ich Judit Polgar in einem Schnellschachmatch in Budapest mit 5-3. 2001 bin ich zum ersten Mal in die Top 100 der Welt gelangt.

Im Jahr 2004 wurde ich erstmals Polnischer Meister und konnte - auch erstmals - vom 01. April 2003 bis zum 31.September 2004 die polnische nationale Liste anführen. Seitdem hat mich Krasenkow wieder überholt. Nun zu mir privat. Ich bin Physikstudent an der Warschauer Universität. Alle Examen sind bestanden, ich schreibe momentan an meiner Magisterarbeit.  Nebenbei treibe ich viel Sport, dabei liebe ich alle Aktivitäten: Schwimmen, Radfahren, Fußball, Volleyball. Meine momentan liebsten Beschäftigungen sind Basketball, Tennis und Tischtennis. Ich bin unverheiratet. Die exakten Wissenschaften, die Naturwissenschaften, haben es mir angetan. Ich beschäftige mich gerne mit allem, was Logik und Mathematik zur Grundlage hat. Ich bin ein großer Fan des Internets und von Computern. Das Internet bietet mir die Möglichkeit mit Menschen in der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Vielleicht widme ich dem Computer sogar etwas zu viel Zeit.

Frage: Welche Sprachen sprichst Du?

Macieja: Außer Polnisch spreche ich Russisch und Englisch. Momentan lerne ich Spanisch, eine Sprache, die mir willkommen ist, da ich oft Gast in Südamerika bin, wo ich des öfteren weder mit Englisch noch mit Russisch (ganz zu schweigen von Polnisch) weiterkam. Ich habe 40 Länder gezählt, in denen ich schon gewesen bin. Bis auf Australien schon auf jedem Kontinent.

Frage: Das polnische Schach hat eine lange Tradition. Könntest du in Kürze etwas darüber sagen?

Macieja: Da muß man weit ausholen. Das Vorkriegspolen war eines der stärksten Schachländer. Die Nationalmannschaft war sehr erfolgreich auf den damaligen Schacholympiaden, darunter Goldmediallen.. Nachdem der 2. Weltkrieg beendet war, lebten aber viele der Spieler nicht mehr oder sie kehrten, wie beispielweise Najdorf, nicht nach Polen zurück.

Als Folge sank das allgemeine Spielniveau für lange Zeit beträchtlich, an ein Anknüpfen an die früheren Erfolge war nicht zu denken. Erst Bogdan Śliwa, der 1954 als erster Pole vor mir über das Zonenturnier hinauskam, war international erfolgreich, errang den Großmeistertitel allerdings niemals. Erster Großmeister des Nachkriegspolens wurde Włodzimierz Schmidt, der jahrzehntelang das polnische Schach dominierte. Diese polnische Schachlegende wurde insgesamt 7 Mal polnischer Meister, nahm von 1962 bis 1994 an 14 Schacholympiaden teil und (ein unerreichbarer Rekord für alle Zeiten) wurde 17 Mal polnischer Blitzmeister.

Sein stärkster Konkurrent, Aleksander Sznapik, der Anfang der 90er Jahre mit Schach aufhörte, wurde niemals Großmeister. Zweiter Großmeister wurde Adam Kuligowski, der allerdings auch seit 15 Jahren kein Schach mehr spielt. Alexander Wojtkiewicz, der 1988 aus Riga nach Polen kam und nach Gewinn zweier polnischer Meisterschaften 2002 in die USA zog, wurde der dritte polnische Nachkriegsgroßmeister. 1993 dann der vierte: Robert Kuczyński.


Heute hat Polen 17 Großmeister und eine ganze Reihe sehr junger IMs (z. B. Rdasław Wojtaszek und Mateusz Bartel), die in Kürze dazustossen werden. Diese Zahl wächst beständig. Drei Polen zählen zu den Top 100 in der Welt. Ich war der erste in Polen Geborene, der es dorthin schaffte.

Frage: Nur 4 Großmeister in 50 Jahren. Dann ein sagenhafter Boom innerhalb weniger Jahre. Wie ist das zu erklären?

Macieja: Einer der Gründe ist der Systemwandel. Der Kommunismus beendete seine Existenz. Im Kommunismus gab es keine Motivation besser zu werden. Es war allein wichtig, zu den 16 Besten in Polen zu gehören. Jeder von ihnen erhielt mehr oder weniger die gleichen, damals sehr guten Bezüge, die ein ordentliches Leben erlaubten. Dies bremste allerdings die Ambitionen. Möglichkeiten im Ausland zu spielen gab es so gut wie gar nicht. Im Westen durfte man sowieso nicht spielen. Viele Spieler besaßen nicht einmal einen Reisepaß. Man mußte sie abgeben und die Behörden entschieden, ob man ins Ausland reisen durfte. Auch ausländische Trainer waren undenkbar. Nur unter größten Schwierigkeiten durften sie einreisen.

Erst seit Ende der 80er Jahre konnten sowjetische Trainer einreisen – und kurze Zeit darauf stellten sich Erfolge ein. Der eigentliche Boom setzte ein, nachdem Jacek Gdański 1989 Vizeweltmeister U20 wurde. Sein Erfolg bewog viele Eltern dazu, ihre Kinder in einem Schachklub anzumelden. Ab dieser Zeit gab es viele Erfolge in der Jugend. Ich gehöre zu dieser Generation, 1991 wurde ich 3. bei der Jugend-WM U14. Meine Altergenossen sind die Großmeister Kempiński, Soćko und Kamiński. Bei den Frauen die Großmeisterinnen Dworakowska, Zielińska und Bobrowska (jetzt Soćko).

Dies war die erste Welle einer erfolgreichen Jugendgeneration. Momentan erleben wir eine zweite Welle, die Medaillen sammelt, angeführt von Wojtaszek und Zawadzka. Bei der Jugend-WM 2004 waren wir mit 5 Medaillen, darunter 3 Mal Gold, das erfolgreichste Land.

Offene Grenzen und Perspektiven, die es vorher so nicht gab, haben das ermöglicht. Noch Anfang der 90er jahre waren wir bei den Schacholympiaden etwa Dreißigster. Seitdem meine Generation in der Nationalmannschaft spielt (1998, bei meiner ersten Teilnahme, wurden wir 15.) suchen wir den Anschlus an die besten 10. Sobald Wojtaszek und seine Altersgenossen ins Nationalteam dazustoßen werden, haben wir Chancen auf eine Medaille.

Frage: Du hast von russischen Trainern für polnische Jugendliche gesprochen. Hattest Du welche?

Macieja: Ja. Von 1992 bis 1995 war Großmeister Ratmir Cholmov mein Trainer, dann seit 1995 Großmeister Vitaly Tseshkovsky. Seit 2002 arbeite ich außerdem mit Judit Polgar, wobei dies ein beiderseitiges Training ist.

Frage: Zurück zu Radosław Wojtaszek, den Du erwähntest. Er zeigte im Warschauer Turnier ein großes Talent, schlug u. a. Nigel Short. Was darf man von ihm erwarten?

Macieja: Radosław wurde letztes Jahr, 17-jährig, Vizeweltmeister U18. Dieses Jahr errang er den Europameistertitel U18 und den Weltmeistertitel U18, wurde anschließend 4. bei der Jugend-WM U20. Bei der letztjährigen Europameisterschaft wurde er Zweiter hinter dem Sieger Mateusz Bartel, 4. wurde Zbigniew Pakleza. Alle spielten übrigens in Warschau mit. Ich erwähne diese Generation polnischer Talente hier einmal ausdrücklich namentlich.

Wojtaszek spielte großartig in Warschau, wo er Dritter wurde. Es zeichnet ihn sehr aus, daß er nicht bloß im Jugendschach Erfolge hat, sondern es auch mit Erwachsenen gut aufnehmen kann. Am Samstag wurde er Sieger der Qualifikationsgruppe mit 7 aus 8, gewann dann am Sonntag seine Finalgruppe und qualifizierte sich für die KO-Kämpfe. Mit Schwarz mußte er in der letzten Runde Nigel Short, der einen halben Punkt mehr hatte, besiegen um die Gruppe zu gewinnen. Es gelang ihm! Man wird bald mehr von Wojtaszek hören.

Frage: Du bist kein Unbekannter in Deutschland. Wie oft warst Du dort?

Macieja: Das erste Mal 1992 bei der Jugend-WM U16 in Duisburg, aber seit drei Jahren spiele ich für Wattenscheid in der Bundesliga. Ich spiele in vielen Ligen (in Spanien, Griechenland, der Tschechei und Polen), aber die deutsche ist die deutlich stärkste. Nur hier durfte ich mit so starken Spielern wie Svidler oder Adams spielen.

Frage: Du engagierst Dich für die ACP (Association of Chess Professionals). Was genau machst Du dort?

Macieja: Ich bin Sekretär der ACP. Dies ist eine neue Organisation, die nicht nur Spieler (IMs und GMs) aufnimmt, sondern, gemäß den Statuten, alle interessierten Menschen, die einen großen Teil ihrer Aktivitaten dem Schach widmen, wie Schiedsrichter, Journalisten , Organisatoren usw.

Frage: Die Einführung der neuen verkürzten Spielzeit durch die FIDE wurde sehr kontrovers, weitestgehend sehr widerwillig durch die Schachgemeinschaft aufgenommen. Wie stehst Du selbst dazu?

Macieja: Die Einführung der verkürzten Spielzeit halte ich für ganz sinnlos, sogar für kontraproduktiv. Das Niveau der Schachpartien sinkt drastisch. Es ist nicht zu sehen, was es stattdessen an Positivem bringt – die Turniere verkürzen sich nicht sondern dauern nach wie vor die gleiche Anzahl an Tagen. Das Argument der FIDE ist, daß man damit mehr Sponsoren interessieren würde. Durch 4stündiges Spiel wird Schach nicht fernsehtauglich - es ist inzwischen eine Internetangelegenheit geworden – je länger eine Partie dauert, desto mehr Zuschauer schalten sich zu. Eine Partie, die 7 Stunden dauert findet mehr Zuschauer im Internet als eine 4stündige Partie. Der Sponsor erfährt bei längerer Spieldauer eine größere Resonanz.

Frage: Wie steht die ACP dazu?

Macieja: Eine kürzlich gemachte Umfrage (alles kann nachgelesen werden auf der Seite www.chess-players.org)  ergab, daß eine überwältigende Mehrheit von 154 befragten Mitgliedern der eindeutigen Meinung ist, eine 7stündige Spielzeit unter Fischer-Modifikation, d. h. 100 min/40 Züge + 50 min/20 Züge + 10min für den Rest, wobei 30 Sekunden vom ersten Zug an addiert werden, sei ideal.

Frage: Würdest Du uns noch etwas zu den Plänen der ACP sagen wollen?

Macieja:  Wir orientieren uns an der Vereinigung der Tennisspieler, der ATP, und versuchen, deren Tenniswertungssystem aufs Schach anzuwenden. Jedes Jahr gibt es eine ganze Reihe hochkarätiger Turniere, die in eine besondere Wertung eingehen. Dies gibt es auch bei uns – am Ende des Zyklus’ 04/05 (näheres bitte auf unserer Seite) gibt es eine Reihe qualifiziertre Spieler, die ein Finalturnier der ACP, zu Ende 2005, ausspielen werden.

Frage: Was sind Deine unmittelbar nächsten Pläne?

Macieja: Ich spiele Ende des Jahres ein sehr gut bestztes Turnier in Oslo (das stärkste Turnier in der Geschichte Norwegens, 15. Kategorie), dann Ende Januar 2005 ein nochmals riesenstarkes Turnier auf den Bermudas (16.-17. Kategorie).

Wir danken für das Gespräch.

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren