Interview mit Bessel Kok

06.08.2007 – Bei der letzen Wahl zum FIDE-Präsidium war Bessel Kok der Herausforderer des amtierenden Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov. Trotz einer inhaltsreichen Kampagne war er am Ende chancenlos. Ilyumzhinov war aber von den Marketingideen seines Kontrahenten so beeindruckt, dass er sich mit ihm zusammensetzte, um über eine besserer Vermarktung des Spitzenschachs zu reden. Das Ergebnis ist die Firma Global Chess, die mit dem Kapital von Ilyumzhinov gegründet wurde und vom Manager Bessel Kok geführt wird. Dr. Rene Gralla sprach mit dem früheren früheren Manager von Český Telecom und Schachliebhaber für Neues Deutschland.Interview bei Neues Deutschland...Nachdruck...

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Interview mit Bessel Kok
Von Dr. René Gralla

Wird Schach bald ein Millionengeschäft wie Boxen oder Fußball? Der niederländische Geschäftsmann Bessel Kok (65) ist Chef der in Amsterdam an den Start gegangenen Firma "Global Chess BV": Das Unternehmen soll  nach einem Bericht des Schachinformationsportals ChessBase über ein Stammkapital von 4,5 Millionen Euro verfügen und künftig vor allem die Weltmeisterschaften im schlauen Spiel professionell vermarkten. Mit Bessel Kok, der "Global Chess BV" von Prag aus leitet, wo er bis 2004 Vizepräsident der ehemals staatlichen Unternehmens Český Telecom war, spricht für die Tageszeitung „Neues Deutschland“ (ND) der Autor Dr. René Gralla.


Bessel Kok

ND: Werden wir demnächst eine Schach-WM erleben mit einer ähnlich üppigen Preisbörse wie im Boxen?

BESSEL KOK: Dass Schach mit Boxen oder Fußball gleichzieht, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht erreichbar. Vor allem in der Tagespresse findet das professionelle Schach aktuell bloß marginale Aufmerksamkeit. Und allein mit großen Anstrengungen wird es uns gelingen, die Preisfonds in die Höhe zu treiben und Profis und Veranstalter in die Lage zu versetzen, mehr Geld mit Schach zu verdienen. Grundvoraussetzung dafür ist es, Interesse in der Öffentlichkeit zu wecken und entsprechend Schach als Massensport weltweit zu etablieren. Nur wenn das gelingt, werden Sponsoren eher bereit sein, Schachwettkämpfe zu unterstützen und die jeweiligen Preisfonds aufzustocken.

ND: 2006 traten Sie an, um neuer Präsident des Weltschachbundes FIDE zu werden. Sie führten den Wahlkampf mit der zentralen Forderung "Right Move - Der richtige Zug", und die Auseinandersetzung war hart und streckenweise sehr polemisch. Aber nachdem Sie die entscheidende Abstimmung in Turin gegen den alten und neuen Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow verloren haben, ist es zu einer überraschenden Verständigung zwischen Ihnen und Kirsan Iljumschinow bekommen. Sichtbarer Ausdruck ist das gemeinsame Projekt "Global Chess BV": eine Entscheidung von Ihrer Seite, die erklärungsbedürftig ist.

KOK: Einleitend eine Klarstellung: "Global Chess" ist nicht der kommerzielle Arm der FIDE. "Global Chess" ist ein Privatunternehmen, dessen Gründungskapital zum überwiegenden Teil von Herrn Iljumschinow aufgebracht worden ist. Gleich am nächsten Tag nach dem Wahlgang in Turin traf ich Kirsan, und er gab mir eindeutig zu verstehen, dass er die Geschäftsstrategie, die ich während meiner "Right Move"-Kampagne vorgestellt hatte, gerne umsetzen würde. Es schlossen sich mehrere Monate an, in denen wir mit der FIDE darüber verhandelten, wie FIDE und "Global Chess" ihre wechselseitigen Verantwortungsbereiche gegeneinander abgrenzen würden, so dass in Zukunft keine Interessenkollisionen entstehen könnten.


Bessel Kok bei seiner Rede vor der letzten FIDE-Präsidiumswahl

ND: Für diejenigen, die Ihre ursprünglich an Kirsan Iljumschinow gerichtete Herausforderung unterstützt haben, muss es aussehen, als ob Sie Ihre loyalen Fans verkauft haben, indem Sie nach Ihrer gescheiterten Präsidentschaftskandidatur die Seiten gewechselt und sich dem Lager des Siegers Iljumschinow angeschlossen haben. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

KOK: Mir ist nicht bekannt, dass es Unterstützer gibt, die meinen, dass sie verkauft worden sind. Schließlich haben alle Leute, die für unsere Kampagne gearbeitet haben, das zu Grunde liegende strategische Programm und die Notwendigkeit verstanden, die Schachwelt dahin zu bringen, unser Spiel von einem wirtschaftlichen Blickwinkel aus zu sehen. Ich glaube, dass es ein größerer Fehlschlag für die Schachwelt gewesen wäre, wenn sich die Beteiligten nach Turin als unfähig erwiesen hätten, eine gemeinsame Plattform für Kooperation und Zusammenarbeit zu finden.

ND: Bis heute hat es die FIDE nicht geschafft, finanzstarke Sponsoren für sportliche Großereignisse zu gewinnen. Deswegen hat der amtierende FIDE-Präsident Kirsan Iljunschinow, der nebenbei noch Staatsoberhaupt der autonomen russischen Teilrepublik Kalmückien ist, in der Vergangenheit dem Vernehmen nach sogar WM-Kämpfe aus eigenen Mittel unterstützt. Warum soll Ihrer Firma "Global Chess BV" gelingen, woran die FIDE bis dato gescheitert ist?

KOK: Der Schlüssel, um das Interesse von Sponsoren zu wecken, ist ein professionelles Unternehmen, mit dem sie kommunizieren können. Außerdem müssen wir in der Schachwelt eine Umgebung schaffen, die stabil, glaubwürdig und verlässlich ist, um sich darauf einzulassen. Das wird einige Jahre dauern. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Phase des Übergangs.

ND: Wären IT-Firmen oder Investmentbanken Ihre Wunschpartner?

KOK: Wir sondieren gerade in einer Reihe von Geschäftsbereichen, von denen wir annehmen, dass dort Kooperationen mit der FIDE ideal wären. Unser Ziel ist es, für jeden Partner das geeignete Paket zu schnüren.  

ND: Wird es sich für Sponsoren jemals auszahlen, bei Schach einzusteigen?

KOK: Ja. Vorausgesetzt, wir arbeiten Hand in Hand, um Schach als wirklichen Weltsport zu etablieren und in jedem Land bis hinunter auf der Graswurzelebene zu verankern. Sobald dann eine kritische Masse erreicht worden ist, werden wir keine Probleme mehr haben, Sponsoren zu werben.

ND: Sie sind ein erfolgreicher Businessmann. Sie waren nicht nur Vizepräsident von Český Telecom, sondern gehörten zeitweise auch der Geschäftsführung des belgischen Telekommunikationsunternehmens Belgacom an. Was bringt einen Mann der Wirtschaft dazu, sich derart zu engagieren für den eher eigenbrötlerischen Denksport Schach, der bisher kaum massentauglich ist?

KOK: Das ist ganz einfach: Die Liebe zu einem Spiel, das sowohl künstlerisch als auch kreativ ist und aus dem jeder von uns Gewinn ziehen kann, erklärt meinen Wunsch zu helfen.

ND: Schach hat ein grundsätzliches Problem: Anders als Fußball produziert das Denkspiel keine Bilder, die auch Menschen spannend finden, die nicht wissen, wie sich die Figuren bewegen. Gerade das dürfte Sponsoren abschrecken, bei Schach einzusteigen. Wie wollen Sie diese Schwierigkeit überwinden?

KOK: Es gibt keine einfache Lösung. Immerhin hat Schach ein großes Plus: Wettkämpfe können via Internet 24 Stunden am Tag live übertragen werden, und bei Topevents loggen sich weltweit auf den Servern mehrere hunderttausend Zuschauer ein. Allerdings benötigen wir auch Moderatoren, die über die Fähigkeit verfügen, fehlende Kenntnis der Regeln zu kompensieren, wenn sie Matches kommentieren.

ND: Was halten Sie von innovativen Diagrammen in 3D per Computergrafik? Farbige Pfeile zeigen Angriffe oder ein drohendes Matt an, so dass selbst Laien verstehen, was gerade auf dem Brett los ist.

KOK: Jedes Konzept, dass die Übertragung einer Begegnung im Schach leichter verständlich macht, sollte in Betracht gezogen werden.

ND: Müssten die Schachwettkämpfe nicht insgesamt auch schneller werden? Junge russische Großmeister prophezeien, dass die Zukunft dem Blitzschach gehört.

KOK: Für das Fernsehen sind 5-Minuten-Partien ein großer Vorteil, die Zuschauer haben Spaß beim Blitz. Trotzdem darf die Qualität des Spiels nicht geopfert werden. Daher sollten im Schach verschiedene Zeittakte nebeneinander akzeptiert werden; um der Einheitlichkeit willen darf keine Einheitslösung forciert werden. 

ND: In Deutschland wird momentan viel über die möglichen Gefahren so genannter „Killer-Spiele“ diskutiert. Könnte eine innovative Marketingstrategie hier das Schach als Alternative positionieren? Schließlich ist Schach ein strategisches Spiel – und könnte so den Anspruch der möglichen neuen Zielgruppe befriedigen, sich in anspruchsvollen strategischen Szenarien zu beweisen.      

KOK: Schach ist ein traditionelles Spiel, und natürlich bringen die Communities der Gamer immer wieder noch mehr und noch attraktivere interaktive Spiele und Konsolen heraus für ein Massenpublikum, das bereit ist, dafür viel Geld auszugeben. Unsere Chance ist es, Schach zugänglich zu machen als interessant, bezahlbar und verfügbar für ein breites Publikum.

ND: Könnte sich Schach insofern verwandeln in jenes "Battle Game", das Eltern in der Nacht ruhig schlafen lässt? Weil sie wissen, dass die Kids am PC nur jenes ehrwürdige Battle Game spielen, das seinen pädagogischen Wert bewiesen hat seit vielen Generationen?

KOK: Eltern schlafen gut, wenn sie wissen, dass die Kids Dinge tun, die ihnen helfen, den Charakter zu entwickeln und die eigene Lernfähigkeit. Schach könnte eine dieser wünschenswerten Fähigkeiten sein, die sich Kinder aneignen können.

ND: Ist “Global Chess BV” eigentlich eine große Firma – oder eher eine Art Task Force? Wie viele Angestellte sind für „Global Chess BV“ momentan tätig?

KOK: Heute ist „Global Chess“ ein Unternehmen mit einem kleinen Mitarbeiterstab, deren Mission es ist, Schach attraktiver zu machen, Sponsoren zu akquirieren sowie Branding und Möglichkeiten der Kommunikation und Außenwirkung zu generieren.

ND: Dopingskandale erschüttern andere Sportarten, jüngstes Beispiel ist die Tour de France 2007. Ist das nicht eine unerwartete PR-Chance, Schach als den Sport zu präsentieren, der auf jeden Fall sauber ist?!

KOK: Tatsächlich gibt es keine vergleichbaren Skandale in der Schachwelt, schließlich können die Spieler von chemischen Hilfsmitteln eine Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit kaum erwarten. Abgesehen davon aber heben wir ohnehin in unserer Marketingstrategie darauf ab, dass Schach als intellektueller Sport einen ganz entscheidenden Vorteil aufweist: nämlich der Gesellschaft dabei zu helfen, die Ausbildung der kognitiven Fähigkeiten ihrer Mitglieder zu fördern. Insofern profitieren wir davon, dass die Wertigkeit von Schach in der Öffentlichkeit ohnehin auf einem realtiv hohen Level angesiedelt ist.


Martina und Bessel Kok bei Vaclav Havels Geburtstagsfeier

ND: Die FIDE spricht für geschätzt 600 Millionen Fans, die weltweit Schach spielen. Hinzu kommen noch einmal annähernd 500 Millionen Aktive im XiangQi, der chinesischen Version des Denksports. Zusammen sind das 1,1 Milliarden Menschen, mithin eine potenzielle Zielgruppe, die Sponsoren eigentlich begeistern müsste. Wäre es deswegen nicht an der Zeit, dass die FIDE einen Dialog eröffnet mit der WXF, der World XiangQi Federation, um beiden Organisationen im Verbund eine größere Durchschlagskraft zu verleihen?

KOK: Ich kann nur für "Global Chess" sprechen, die FIDE unterfällt ja nicht meinem direkten Verantwortungsbereich. Aber ich weiß, dass der Präsident der FIDE offen dafür ist, auch mit anderen Organisationen über Sektoren zu sprechen, wo gemeinsame Entwicklungsarbeit geleistet und Marketing im kooperativen Verbund realisiert werden kann.

ND: Könnte der erste entscheidende Schritt dafür ein Treffen der Großen Drei im Weltschach sein: FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow, WXF-Präsident Timothy Fok und Sie, Herr Kok, als Chef von "Global Chess"?  

KOK: Das ist möglich. Wir werden sehen.

 

 

 

 


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