Interview mit Bobby Fischers Anwältin in Aargauer Zeitung

03.03.2005 – Die Schweizer Aargauer Zeitung publizierte ein von Dr. René Gralla geführtes Interview mit der japanischen Anwältin von Bobby Fischer Masako Suzuki. Fischer wird seit mehr als einem halben Jahr wegen Passvergehens im Internierungslager Ushiko festgehalten. Die japanischen Behören möchten dem Wunsch der USA nachkommen und Fischer dorthin abschieben. Dagegen prozessiert Fischer. Inzwischen hat der Exweltmeister von Island einen Pass erhalten. In Kürze wird eine Entscheidung des japanischen Gerichts erwartet. Frau Suzuki ist sich nicht sicher, ob die japanischen Behörden Fischer nach Island ausreisen lassen: "Ich hoffe nicht, dass Japan schäbig handelt". Scotsmann: Icelandic Passport for Bobby Fischer... Zur Aargauer Zeitung...Interview mit Masako Suzuki...

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2019 mit 7,4 Mio. Partien und über 70.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!

Mehr...

Nachdruck aus der Aargauer Zeitung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Bobby Fischer zur Not auch essen, - gekocht oder gebacken..."?!

Island will Bobby Fischer aufnehmen, aber Japan will den ehemaligen Schachweltmeister nicht aus der Haft entlassen. Rechtsanwältin Masako Suzuki kämpft seit sieben Monaten für das exzentrische Genie:

"Ich hoffe nicht, dass Japan schäbig handelt"
Von Dr. René Gralla

TOKIO/AARAU - Hängepartie in Japan: Noch immer wird Robert James Fischer, genannt "Bobby", im Internierungslager Ushiku festgehalten. Am 13. Juli 2004 war der ehemalige Schwachweltmeister auf Tokios Flughafen Narita verhaftet worden, weil die USA die Gültigkeit seines Reisepasses widerrufen hatten. Washington verlangt Fischers Auslieferung und will den 61-jährigen vor Gericht stellen; bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen dem einst gefeierten Helden der Nation, der 1972 im Alleingang die seinerzeitige Vorherrschaft der Sowjets am 64-Felder-Brett durch einen Sieg über Boris Spasski in Reykjavik gebrochen hatte.

Amerikas Justiz beschuldigt den einstigen Vorzeigesportler, ein UN-Embargo verletzt zu haben, als Fischer 1992 ein Wiederholungsmatch gegen Spasski im damaligen Jugoslawien austrug. Inzwischen bietet freilich Island, das die Fischer-Story als Teil seiner modernen Saga betrachtet, dem Verfolgten Aufnahme und Bleiberecht an; eine Offerte, die in Tokio wiederum auf taube Ohren stößt. Deswegen hat "Bobby" Fischer jetzt einen Brief an Halldor Blöndal, Präsident des isländischen Parlaments "Althingi", geschrieben und die Staatsbürgerschaft der nordischen Nation beantragt. Dr. René Gralla sprach für die Schweizer „Aargauer Zeitung“ (www.azag.ch) mit Fischers Anwältin Masako Suzuki (31) über die jüngste Wendung in der Dauer-Affäre.

Aargauer Zeitung: Seit mittlerweile sieben Monaten ist Bobby Fischer in Japan interniert; sein körperlicher Zustand soll sich verschlechtert haben.

Masako Suzuki: Die Haft belastet ihn und seine Gesundheit. Ihm wird oft schwindelig.

AZ: Zwischenzeitig schien eine elegante Lösung des Falles in Sicht, nachdem Reykjavik dem Ex-Weltmeister Einreise und Bleiberecht angeboten hat. Entsprechend beantragten Sie namens Ihres Mandanten Haftentlassung und Ausreise nach Island; aber Japans Justizministerium hat das Gesuch abgelehnt. Ihre Stellungnahme dazu, Frau Suzuki?

Suzuki: Jeder Mensch genießt nach internationalem Recht die Freiheit, ein Land zu verlassen. Dieses Grundrecht wird auch von der japanischen Verfassung garantiert. Obendrein verstößt die Weigerung des Justizministeriums, Herrn Fischer ausreisen zu lassen, gegen die gängige Praxis der Einwanderungsbehörden. Üblich ist nämlich: Soll ein Ausländer  sein Herkunftsland abgeschoben werden und stehen dem Einwände entgegen, während ein drittes Land zur Aufnahme bereit ist, hat das Justizministerium normalerweise stets die Abreise gestattet.

AZ: Nun bemüht sich Fischer sogar um die isländische Staatsbürgerschaft. Dafür müsste aber das Parlament in Reykjavik ein Sondergesetz verabschieden. Sind Sie optimistisch, dass diese Ausnahmeregelung im Althingi eine Mehrheit findet?

Suzuki: Ich möchte keine Prognose abgeben. Ich bin Laie, was Islands Rechtssystem und innenpolitische Situation betrifft.

AZ: Ist Fischers Hilferuf an Island nicht vielmehr sein letzter verzweifelter Versuch, eine Deportation in die Vereinigten Staaten doch noch zu verhindern?

Suzuki: Der Ausdruck „letzter Versuch“ ist nicht korrekt. Im Gegenteil: Fischers Appell an Reykjavik setzt Tokio stärker unter Druck.

AZ: Das müssen Sie uns erklären. Wie wird denn Japan reagieren, falls Islands Althingi tatsächlich eine Lex Fischer beschließen sollte?

Suzuki: Sobald er isländischer Staatsbürger ist, wird es für das Justizministerium in Tokio schwierig, die Ausreise weiter zu versagen, weil Island dann ja die Heimat von Herrn Fischer ist. Vielleicht versuchen sie jedoch, eine andere Ausrede zu finden; als Bürgerin Japans hoffe ich allerdings aufrichtig, dass Japans Regierung nicht eine derart schäbige Sache macht.

AZ: Als Japans Justizministerin kürzlich während einer Pressekonferenz gefragt worden ist, ob Tokio Herrn Fischer gehen lasse, falls Island dessen Immigration gestatte, soll Frau Chieko Nohno "ja, ja" gemurmelt haben. Warum der neuerliche Rückzieher? Hat sich Japan dem Druck aus Washington gebeugt?

Suzuki: Es liegt auf der Hand, dass die Vereinigten Staaten seit Anbeginn des Falles Druck ausüben. Nach der offiziellen Verlautbarung hat Frau Nohno erklärt, dass sie zustimme, die Änderung des Ausreisezieles - Island an Stelle einer Deportation in die USA - in Betracht zu ziehen. Ich nehme freilich nicht an, dass sie ernsthaft beabsichtigte, irgendetwas dafür zu tun; und tatsächlich hat sie bis jetzt auch noch nichts unternommen.

AZ: Ein hoch gestellter japanischer Regierungsmitarbeiter wird von Agenturen mit den folgenden Worten zitiert: "Wir können" Herrn Fischer "so lange behalten, wie wir wollen“.

Suzuki: An ein derart explizites Statement erinnere ich mich nicht. Zweifellos aber beharrt das Justizministerium auf der Rechtsposition, dass es einen Ausländer, dessen Deportation verfügt worden ist, zeitlich unbegrenzt festhalten kann, bis die Anordnung vollzogen wird.

AZ: Der erwähnte Offizielle soll außerdem noch hinzugefügt haben: „Wir können ihn essen, wenn es uns beliebt.“ Wie ist denn dieser bizarre Nachsatz zu verstehen?

Suzuki: Ich fürchte, da liegt ein Missverständnis vor; nach meinen Informationen ist diese Bemerkung nicht gefallen. Unbestritten hat sich aber ein Vertreter des Justizministeriums vor einigen Dekaden dahingehend eingelassen, ihnen stünde angeblich auch frei, „Ausländer zu essen, gekocht oder gebacken“; der spielte seinerzeit auf eine Redewendung in Japan an: nämlich „das Recht“ zu haben, „jemanden nach Belieben zu essen, gekocht oder gebacken“.

AZ: Frau Miyoko Watai, Präsidentin des japanischen Schachverbandes, und Herr Fischer wollen heiraten. Würde die geplante Eheschließung Fischers Auslieferung an die USA verhindern?

Suzuki: Das Deportationsverfahren ist formell noch gar nicht in Gang gesetzt worden. Und es ist unmöglich, in Bezug auf Herrn Fischer eine Auslieferung vorzunehmen; denn das Delikt, das er angeblich begangen hat, ist in Japan keine Straftat. Eine ernst gemeinte Eheschließung mit - wie im Fall von Herrn Fischer - einer Bürgerin Japans ist ein positiver Faktor für die Entscheidung, ob einem Ausländer das Aufenthaltsrecht in Japan gewährt wird.

AZ: Wann wird die Hochzeit sein?

Suzuki: Frau Watai und Herr Fischer haben ihren Heiratswunsch bereits vor einigen Monaten zur amtlichen Registratur angemeldet. Die endgültige Anerkennung seitens des Justizministeriums steht noch aus.

AZ: Frau Suzuki, wäre Ihre Arbeit leichter, wenn sich Herr Fischer für seine antisemitischen Ausfälle und verbalen Angriffe gegen die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entschuldigen würde?

Suzuki: Sollte er das tun und würde ihm das tatsächlich helfen, dann wäre es ganz offenkundig, dass Herr Fischer allein aus politischen Gründen verhaftet worden ist. Was bedeutet, dass die Maßnahmen der USA und der japanischen Regierung als illegal zu betrachten sind.

AZ: Mit Bobby Fischer vertreten Sie eine lebende Schachlegende. Spielen Sie selber Schach, Frau Suzuki? Oder die besondere japanische Schachversion, nämlich das Shogi?

Suzuki: Weder das eine noch das andere.

 

 

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren