Interview mit Carissa Yip

von Tatiana Flores
18.02.2022 – In einem Exklusivinterview mit Tatiana Flores spricht Carissa Yip, Nummer zwei der US-Frauenrangliste und Nr. vier der Mädchenweltrangliste über ihre Schachkarriere, ihren Sieg bei der US-Frauenmeisterschaft 2021, ihre akademische Laufbahn, über ihre wichtigsten Partien und natürlich auch über die denkwürdigsten Schach-Momente! | Foto: Austin Fuller (Saint Louis Chess Club)

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Interview mit WGM & IM Carissa Yip

Die US-amerikanische Schachspielerin Carissa Yip wurde am 10. September 2003 in Boston geboren, lernte im Alter von sechs Jahren das Schachspiel von ihrem Vater und war in kurzer Zeit in der Lage, ihren Lehrer zu schlagen. 

Bald folgten nationale sowie internationale Erfolge und Rekorde: beste 8-jährige Spielerin der USA, jüngste Spielerin in der Geschichte, die sich von der USCF (United States Chess Federation) für den Experten- sowie für den Nationalen Frauen Meister Titel qualifizierte und mit zehn wurde sie zur jüngsten Spielerin, die einen Großmeister besiegt hat. In 2020 wurde Carissa Yip der IM Titel verliehen und in 2019 der WGM Titel. Letztes Jahr gewann sie die US-Frauenmeisterschaft 2021 mit 8 ½ Punkten in 11 Partien; ganze 1½ Punkte Vorsprung vor der Zweitplatzierten.


Was mögen Sie am Schach am meisten?

Ich glaube, es ist die Möglichkeit zu reisen, die Welt zu sehen und dadurch auch viele verschiedene Leute kennenzulernen. Mit vielen habe ich mich sogar angefreundet und das ist etwas, was mir sehr viel bedeutet.

Welche sind die größten Vorteile, die Sie durch das Schach in Ihrem Leben erfahren haben?

Ich glaube, es ist, wie ich schon sagte, einerseits die Tatsache, dass ich durch das Schach spielen, sehr viele Menschen getroffen habe, und andererseits glaube ich, dass Schach mein Gehirn und meine Art zu denken positiv beeinflusst hat, da ich schon spiele, seitdem ich ein Kind bin. Ich bin auch davon überzeugt, dass es mir dabei geholfen hat, eine gute Grundlage für kritisches, rationales Denken und Fähigkeiten zur Problemlösung zu entwickeln.

Sie sind die jüngste Amerikanerin in der Geschichte, der es gelungen ist, sich den IM Titel zu erspielen. Würden Sie sagen, dass es bis zum jetzigen Zeitpunkt Ihr größter Erfolg gewesen ist?

Ja, definitiv! Ich habe, seitdem ich 12 oder 13 bin, hart dafür trainiert und es ist bis jetzt wahrscheinlich der größte Erfolg meiner Schachkarriere zusammen mit dem Sieg bei der U.S Frauenmeisterschaft letztes Jahr natürlich.

Sie sicherten sich letztes Jahr schon eine Runde vor dem Ende des Turniers den Sieg bei der US-Frauenmeisterschaft 2021 mit einer sehr starken Performance. Wie war diese ganze Erfahrung für Sie und welche Erwartungen haben Sie für die diesjährige US-Meisterschaft?

Es war tatsächlich eine sehr interessante Erfahrung, weil es das erste Turnier seit 2019 war, das am Brett stattfand; die 2020 Edition wurde online gehalten. Die Turniere sind während der Pandemie immer kompliziert und ziemlich anders, und ich habe diese zwei letzten Jahre nicht an vielen teilgenommen. Es war außerdem interessant, weil die U.S Meisterschaft normalerweise im Frühling stattfindet, was mit meinen Frühjahrsferien immer etwas übereinstimmte, aber letztes Jahr wurde das Turnier mitten in meinem ersten Semester organisiert. Ich schätze es sehr, dass mir meine Schule erlaubt, zu Schachturnieren zu fahren, aber sie erlauben es normalerweise nur fünf Tage im Jahr dafür frei zu nehmen und das Turnier war zwei Wochen lang! Also musste ich erst einen speziellen Antrag stellen, sobald uns die Daten mitgeteilt wurden. Alleine zu dem Turnier zu kommen, war ein gewaltiger Aufwand. Auf der anderen Seite bin ich sehr mit meiner Schule beschäftigt, sodass ich während mehrere Monate (zwei oder vielleicht auch drei) nicht viel trainieren konnte. Dadurch war ich in den ersten Runden etwas eingerostet und ich glaube, das hat man an meinen Partien auch gesehen. Letztendlich konnte ich meine Form zurückfinden und habe dann angefangen, gut zu spielen.

In der diesjährigen U.S Frauenmeisterschaft hoffe ich, den Titel erfolgreich verteidigen zu können. Ich bin mir nicht sicher, wann das Turnier stattfinden wird, weil die Pandemie noch im Gange ist und ob sie überhaupt vor Ort oder online veranstaltet werden wird… Das ist alles, was ich dazu im Moment sagen kann. Ich glaube, es hängt auch ein bisschen vom Glück ab, aber ich nehme an, die Konkurrenz wir mehr oder weniger die gleiche sein wie dieses Jahr, und hoffentlich werde ich teilnehme können und gut spielen.

IM Carissa Yip in der 5ten Runde der US-Frauenmeisterschaft 2021 im St. Louis Chess | Foto: Austin Fuller

Wie würden Sie Ihren Spielstil beschreiben?

Ich glaube, mein Spielstil ist definitiv taktisch oder aggressiv. Ich würde mich selbst nicht wirklich eine solide Spielerin nennen, dafür schwanke ich zu viel. Die Beurteilung meiner Stellungen verändert sich auch schnell, was nicht immer gut für mich ist (lacht), aber ich versuche alles dynamisch und riskant zu halten. Ich glaube, das ist gut in dem Sinne, dass ich in meinen Partien nie den Eindruck habe, dass es wirklich vorbei ist. Es gibt immer irgendwelche Tricks, Taktiken, für die ich mich entscheiden kann und viele würden gewisse Stellungen für verloren halten, aber genau da denke ich mir, dass solange es noch etwas Hoffnung gibt, alles noch geht. Ich glaube, ich meistere am besten Stellungen, die voller Leben, Möglichkeiten und Ideen sind.

Erzählen Sie mir bitte etwas über Ihre wichtigsten Partien und denkwürdigsten Schachmomente.

Ich würde sagen, zwei meiner denkwürdigsten Partien waren einmal die, die ich gegen Ju Wenjun beim Cairns Cup 2020 gewonnen habe und ich glaube, dass allgemein dieses Turnier ein sehr wichtiges für mich war, weil ich am Anfang sehr schlecht gespielt habe. Ich habe meine vier ersten Partien verloren und das war superpeinlich für mich! Es war das erste Mal, dass ich an so einen Frauen-Elite-Tournier teilgenommen habe mit den besten und stärksten Spielerinnen der Welt, und ich habe es wirklich nicht gut gemacht. Zum Glück konnte ich mich dann in der zweiten Hälfe zusammenreißen und dann kam mein persönliches Highlight des Turniers und zwar gegen Ju Wenjun mit den schwarzen Figuren zu gewinnen. Das war sicherlich eines der Highlights meiner bisherigen Karriere zusammen mit dem Mal, als ich das erste Mal gegen einen Großmeister gewonnen habe. Ich war gerade mal zehn Jahre alt, aber kann mich noch ziemlich gut an die Partie erinnern; es war nicht die Beste, die ich je gespielt habe, aber trotzdem ein sehr wichtiger Moment für mich.

 

 

Welche Zukunftspläne und Ziele haben Sie für Ihre Schachkarriere und akademische Laufbahn?

Was das Schach angeht, würde ich auf jeden Fall mindestens GM werden wollen. Das ist sozusagen der nächste Schritt. Ich hoffe, dass ich, während ich mich um meine akademische und berufliche Laufbahn kümmere, weiterhin Schach spielen kann. Ich werde nächstes Jahr mit der Uni anfangen, also mache ich mir letztens besonders darüber viele Gedanken. Ich weiß noch nicht genau, was ich mal machen möchte, aber es bleibt mir noch reichlich Zeit, um mich zu entscheiden und alles in Betracht zu ziehen. Momentan tendiere ich zu einem Studium mit so etwas wie Informatik und entweder Philosophie oder Geschichte als Nebenfach.

Yip in der 7ten Runde der US-Frauenmeisterschaft 2021 | Foto: Lennart Ootes

Wie schaffen Sie es, erfolgreich das Schach mit der Schule zu kombinieren?

Ich versuche jeden Tag etwas Zeit fürs Schachtraining zu finden. Letztens war es ziemlich hektisch mit meinem letzten Schuljahr und allem Drumherum, aber ich hoffe, bald wieder in die Routine zu kommen und jeden Tag ein paar Stunden zu finden, um an meinem Schach zu arbeiten.

Welche Turniere und Projekte haben Sie für dieses Jahr geplant?

Ich bin mir, was die Turniere für dieses Jahr angeht, nicht sehr sicher, da gerade alles noch online stattfindet; aber ich bin in Kontakt mit einigen Leuten, arbeite weiterhin, um mich zu verbessern und hoffe, dass wenigstens im Sommer Turniere, wo ich mir einige Normen holen kann, organisiert werden. Ich glaube, das ist gerade der Plan und wir werden sehen, welche Turniere am Ende stattfinden oder nicht, weil jetzt gerade es auch niemand wissen kann.

Was würden Sie gerne in der Schachwelt verbessern oder verändern?

In den letzten Jahren hat sich die Einstellung der Schach-Gemeinschaft gegenüber Frauen in der Schachwelt verbessert, aber die könnte definitiv noch weiter gehen. Also was ich gerne sehen würde, sind mehr Frauen, die Schach spielen und weniger Menschen, die sie nicht mögen.

IM Carissa Yip spielt gegen WIM Ashritha Eswaran in der 9ten Runde der US-Frauenmeisterschaft 2021 | Foto: Austin Fuller (Saint Louis Chess Club)

Vielen Dank für Ihre Zeit Frau Yip. Das ChessBase Team und ich wünschen Ihnen ein erfolgreiches Schachjahr!

Tatiana Flores für ChessBase. Das Interview wurde per Zoom auf Englisch geführt, übersetzt und transkribiert.

 


Tatiana Flores wurde 1998 in Andorra geboren und zog, als sie 14 war, mit Ihrer Familie nach Deutschland. Sie arbeitet als Schach-Journalistin, Dichterin und mehrsprachige Autorin. Sie begeistert sich neben dem Schachspielen auch für Literatur und Musik.

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