Interview mit Carmen Kass

16.08.2004 – Estland ist mit 1,4 Mio. Einwohnern nicht gerade überbevölkert. Doch das kleine Land, seit Kurzem EU-Mitglied, versteht es, charmant auf sich aufmerksam zu machen. So wählte man das Super-Model Carmen Kass zur Präsidentin des Schachverbandes. Sicher wird dies der Bewerbung Talinns als Austragungsort der Schacholympiade 2008 nicht schaden. Bei den Chess Classic Mainz nutze die 25-Jährige geschickt ihren Auftritt, um für die estnische Hauptstadt und den estnischen Verband zu werben. Auch sonst entspricht die Tochter eines Schachlehrers nicht den Klischees, die einige von Models vielleicht haben könnten. Dr. René Gralla führt ein Interview mit der Präsidentin des estnischen Schachverbandes, das in der vergangenen Wochenendausgabe von neues Deutschland erschien. Neues Deutschland...Interview mit Carmen Kass...

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Das folgende Interview erschien in Neues Deutschland, Ausgabe vom 14./15.August 2004. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
 

Die Schöne und das Brett
Topmodel Carmen Kass zu den Chancen Tallinns, die Schacholympiade 2008 zu holen



Carmen Kass mit Weltmeisterin Antoaneta Stefanova bei den CC Mainz
Fotos: Hartmut Metz (Chess Classic Mainz), Natalia Kiseleva

Jetzt ist es losgegangen, Olympia, endlich – aber während die Spiele in Athen laufen, werden schon die Weichen gestellt für das nächste Völkerfest des Sports. Wobei es dabei um den Denksport geht. In dieser Beziehung hat sich bisher Dresden große Hoffnungen gemacht, die Bewerbung um die Schacholympiade 2008 gegen die Konkurrenzstadt Tallinn zu gewinnen. Bis zur Mobilisierung einer Geheimwaffe durch die Esten: Die haben jetzt nämlich das internationale Topmodel Carmen Kass zur Präsidentin ihres Schachbundes gekürt.

Die 25-jährige Baltin wurde vom Magazin Vogue 2000 zum „Model of the Year“ gewählt. Sie soll mit ihrem blonden Charme die Schacholympiade nach Tallinn holen. ND-Mitarbeiter Dr. René Gralla hat dazu Carmen Kass befragt – die übrigens ganz ausgezeichnet Schach spielen kann. Während des Sommerturniers „Chess Classic Mainz 2004“ verwirrte sie in einer Blitzpartie den Ex-Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien derart gnadenlos, dass er ihr ein Remis anbot.   

Nichts ist weniger glamourös als die Welt der Schachfunktionäre, wo ältere Männer in schlecht sitzenden Anzügen regieren. Sie, Frau Kass, stammen aus der Welt des Glamours: Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet Schachfunktionärin zu werden?

Weil ich eine Leidenschaft für das Spiel habe. Mein Vater ist Schachlehrer gewesen, und ich habe das Spiel von ihm als kleines Kind gelernt. Zwischendurch habe ich eine andere Karriere gemacht; aber jetzt habe ich wieder die Möglichkeit, die Leidenschaft meiner frühen Jugendtage zu pflegen.

Haben Sie jemals daran gedacht, professionell Schach zu spielen?

Um ehrlich zu sein: nein. Als ich herangewachsen bin, habe ich mir nie vorstellen können, dass das tatsächlich ein Berufsweg sein könnte.

Aber Ihr Vater ist doch Schachlehrer gewesen: Da hätte dieser Gedanke vielleicht nahe liegen können?!

Ich weiß nicht: ein Schachlehrer zu sein, das habe ich nun doch nicht als eine richtige Karriere ansehen können.

Nun aber die überraschende Wende: Sie sind Präsidentin des Schachverbandes von Estland geworden. Wie haben Ihre Kollegen in der Model-Welt darauf reagiert?

Die sind ziemlich schockiert.

Mit Ihrem neuen Job treten Sie an, alle Vorurteile gegenüber Models zu widerlegen …

… wenn Sie darauf anspielen wollen, dass Models angeblich dumm sind: Die meisten Models sind 13, 14, 15 Jahre alt; sie müssen noch dumm sein.

Warum, bitte, müssen diese Models noch dumm sein?

Weil sie jung sind.

Aber in dem Alter kann man doch auch schon etwas wissen?!

Nein; im Alter von 13, 14, 15 Jahren müssen die Mädchen wirklich noch Kinder sein.

Vielleicht können künftig Sie, Frau Kass, ein Vorbild sein für alle Mädchen, die vom Beruf des Models träumen. Sie beweisen, dass Modeln super ist – aber dass die Mädchen gleichzeitig auch ihre geistigen Fähigkeiten entwickeln sollen.

Ich hoffe, dass ich vielen Mädchen eine Idee vermitteln kann: Wenn sie modeln wollen, dann ist das großartig; dann könnte das ein Sprungbrett für etwas anderes sein. Aber es gibt noch sehr viel mehr im Leben; und die Mädchen dürfen nicht denken, dass Modeln etwas für ein ganzes Leben ist. Modeln ist eine Karriere für eine begrenzte Zeit - und deswegen sollten sie sich besser auf eine Alternative vorbereiten.

Und dafür könnte Schach eine gute Methode sein – um den Verstand zu trainieren?


Carmen Kass und Peter Svidler

Absolut. An allen Schulen sollten die Kinder Schach lernen.

Einige Kritiker tun Ihre Wahl zur Präsidentin des Schachbundes von Estland als reines PR-Manöver ab. Das allein darauf abziele, mehr Aufmerksamkeit zu erregen für die Schach-Olympia Bewerbung 2008 der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Leute, die so argumentieren, suchen in Wahrheit selber die PR, die sie ablehnen. Reine PR ist nicht der Grund, warum ich jetzt an der Spitze unseres Schachverbandes stehe. Trotzdem sind die Dinge natürlich so, wie sie sind: Indem ich das Amt übernommen habe, ergeben sich selbstverständlich PR-Effekte. Wenn die nützlich sind für unsere Olympia-Bewerbung, wenn die sich für unsere Kampagne einsetzen lassen: ja, klar, dann sind diese PR-Effekte auch gewollt. Alles geht Hand in Hand.


Carmen Kass als Ehrengast in Mainz. Organisator Hans-Walter Schmitt beobachtet den Anschnitt der Schachtorte

Gerade ist Estland Mitglied der EU geworden – und schon wollen Sie Dresden die Schach-Olympiade 2008 wegschnappen. Finden Sie das nett?

Hier geht es doch nicht darum, Dresden etwas wegzuschnappen. Das ist ein fairer Wettbewerb.

Diese Konkurrenz wird für Dresden aber nun sehr schwer – wegen der Extra-Werbung, die Tallinn mit Ihrer Person kriegt, Frau Kass.

Ich wünsche den Dresdnern alles Gute, für alles, was sie tun müssen, wie auch immer; ansonsten ist das nicht mein Job. Ich werde versuchen, mein Bestes für Estland zu geben. Aber wir sind keine Feinde, wir sind ganz einfach Mitbewerber: Wer dabei den besseren Job macht, der macht den besseren Job. Und ich kann nicht voraussagen, wer das sein wird.

Sie arbeiten weiter als Model, pendeln zwischen New York und Paris. Wie können Sie das mit Ihrer neuen Aufgabe als Schachbund-Präsidentin vereinbaren?

Damit habe ich kein wirkliches Problem. Irgendwie schaffe ich das schon. Für meinen Beruf bin ich sowieso ständig unterwegs; da macht es keinen echten Unterschied, dass ich jetzt auch für Schach viel reise. Ich reise sowieso: für Schach oder für das Modeln, das bleibt sich gleich.

Müssen Sie sich nicht öfter mal in Ihrem Büro in Tallinn aufhalten?

Dass ich Präsidentin der estnischen Schach-Federation bin, bedeutet nicht, dass ich ständig in Estland sitze. Wenn man eine Führungspersönlichkeit im Schach ist, heißt das wirklich nicht, dass Sie an einen Ort gebunden sind und allein dort etwas machen. Sie müssen die Dinge ständig in Bewegung halten – und also auch sich selber - , damit Schach im allgemeinen wachsen und wachsen kann.

Nachdem Sie zur Präsidentin des estnischen Schachverbandes aufgestiegen sind und viel mit Schach zu tun haben: Werden Sie selber auch künftig mehr Schach spielen?

Unbedingt. Außerdem möchte ich auf jeden Fall sehr gerne Unterricht nehmen – wobei sich da allerdings nun tatsächlich die Zeitfrage stellt.

Vielleicht brauchen Sie gar nicht mehr so viel Training? Eine Blitzpartie zwischen Ihnen und dem Sieger der Chess Classic Mainz 2004, Viswanathan Anand, ist sensationell Unentschieden ausgegangen; Anand hat Ihnen das Remis angeboten.


Kass gegen Anand.

Er hatte etwas weniger Zeit als ich auf der Uhr. Eigentlich fehlten ihm nur noch zwei Züge, denke ich, um mich matt zu setzen (lacht).

Vielleicht wegen Ihrer überwältigenden Persönlichkeit am Brett?

Wer weiß, wer weiß. Ich war glücklich, gegen ihn ein Remis zu schaffen, das passiert einem nicht jeden Tag. Ich bin überhaupt glücklich gewesen, gegen Anand zu spielen; nicht jeder hat die Chance, mit Großmeistern zu spielen. Vor dem Spiel hatte ich viel Angst, und ich war sehr nervös; während des Spiels konnte ich kaum nachdenken oder Luft holen … aber es war großartig!

Vielleicht machen Sie auf diese Weise anderen Schachspielerinnen Mut, sich dazu zu bekennen, am Schachbrett auch psychologische Mittel einzusetzen? Entsprechend hat ja neuerdings übrigens auch die russische Großmeisterin Maria Manakowa kein Problem mehr damit, sich als Sexsymbol zu präsentieren.

Überall in der Gesellschaft funktioniert das. Warum also nicht auch am Schachbrett?

Beginnt damit eine Trendwende? Früher haben Schachsportlerinnen eher versucht, ihre Weiblichkeit zu leugnen. Inzwischen haben wir aber die ehemalige Vize-Weltmeisterin und amtierende Europameisterin Alexandra Kosteniuk aus Russland, die ausgezeichnet Schach spielt und gleichzeitig modelt. Da ist deren Landsfrau Maria Manakowa, die sich eine sexuelle Revolution am Schachbrett wünscht; sie hat sich sogar nackt für das Titelbild des russischen Yellowblattes Speed fotografieren lassen …

… tatsächlich?! Wow!

Und wir haben Sie, Frau Kass – vielleicht sind Sie die Avantgarde einer neuen Generation junger Frauen, die keine Probleme mehr damit haben, Sex und Schach miteinander zu verbinden?

Das hoffe ich. Frauen sind ganz allgemein im Schach bisher nicht vollständig akzeptiert worden. Was immer sich abspielt, wenn Männer Schach spielen: Das ist die Art der Männer. Also sollten auch wir Frauen das Schach nach unseren eigenen Regeln spielen. Und dabei alle Register ziehen.

Gerade Alexandra Kosteniuk hat freilich konservative Geister erbost, weil die Spielerin auch erotische Fotos von sich veröffentlicht hat. Diese Puristen meinen, dass Sex im seriösen Schach nichts zu suchen hat, sondern das Spiel verdirbt.

Hat Alexandra Kosteniuk etwa nackt gespielt?! Wenn die Persönlichkeit eines Spielers derart schwach ist, dass er sich vom attraktiven Äußeren einer Frau verunsichern lässt, dann sollte er kein Großmeister sein.

Immerhin: Wenn eine gut aussehende Schachspielerin eigene Fotostrecken veröffentlichen lässt, dann schafft sie für sich mehr Publicity als ihre Konkurrenz, die vielleicht weniger attraktiv ist.

Ich finde das wichtig. Schach ist während einer langen Zeit außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung gewesen. Damit aber Schach in der Welt an Bedeutung gewinnt und auch das Einkommen der Spieler steigt, brauchen wir dafür mehr Aufmerksamkeit.

Und dafür ließe sich auch die Schönheit der vielen attraktiven Schachsportlerinnen einsetzen?

Absolut!

Sie haben das brasilianische Topmodel Giselle Bundchen bereits auf dem Catwalk ausgestochen – indem Sie, Frau Kass, in mehr als 20 Laufsteg-Shows aufgetreten sind. Wollen Sie nicht jetzt auch Frau Bundchen zum letzten entscheidenden Duell am Schachbrett fordern?

Ich glaube nicht, dass Giselle Bundchen spielen kann. (lacht)

Nach Ihrem Remis beim Blitzen in Mainz gegen Anand: Gibt es für Sie noch weitere Traumpartner im Schach?

Kasparow und Fischer.

Bei Robert James Fischer würde es da momentan praktische Probleme geben, nach der Verhaftung des Ex-Weltmeisters in Japan, um ihn an die USA auszuliefern. Mögen Sie, Frau Kass, vielleicht mit Ihrem Charme den Präsidenten George W. Bush dazu bewegen, Fischer zu begnadigen?

Nun, ich denke, Amerika ist im Moment viel zu verrückt. Die müssen sich erst beruhigen. Warten wir die Wahlen im November ab; dann werden wir sehen, was mit Herrn Fischer passiert.

Interview:  Dr. René Gralla 

 

 

 

 

 

 

 



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