Interview mit Carsten Hensel

23.10.2006 – Das Neue Deutschland veröffentlichte zum Wochenende ein Interview mit Carsten Hensel, in dem der Manager von Kramnik noch einmal die Streitpunkte des Matches in Elista resümiert und einige während des Matches gemachte Behauptungen richtig stellt. Die angedrohte Klage gegen die FIDE sei durch Kramniks Wettkampfsieg im sportlichen Sinne zwar hinfällig geworden. Dennoch prüfe man, ob man trotzdem juristisch tätig werden möchte. Die Aktionen des Topalow-Teams seien eine Schmutzkampagne zu Lasten von Kramnik gewesen, um Unruhe in sein Umfeld zu tragen. Elista als Austragungsort und die Gastfreundschaft der Kalmücken wurde von Hensel hingegen gelobt. Ob der Mensch-Maschine- Wettkampf im November gegen Deep Fritz ebenfalls erfolgreich gestaltete werden kann, hänge davon ab, ob sich Kramnik rechtzeitig erholt. In jedem Fall werde der Kampf gegen die Maschine schwerer als gegen Topalov. Interview beim ND...Interview mit Carsten Hensel...

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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.
 

Nachspiel vor Sportgericht?
Schwere Vorwürfe: »Kramnik sollte gezielt beschädigt werden« 
 
Im kalmückischen Elista hat der Russe Wladimir Kramnik (31) jüngst den Bulgaren Wesselin Topalow (31) besiegt und die Wiedervereinigungs-WM des Weltschachbundes FIDE für sich entschieden. Vorausgegangen war ein Nervenkrieg, gepaart mit bizarren Betrugsvorwürfen. Ob das Lager des neuen Weltmeisters jetzt noch an Plänen festhält, die FIDE zu verklagen, das hat ND-Mitarbeiter RENÉ GRALLA von Kramniks Manager CARSTEN HENSEL (48) wissen wollen.

ND: Bereits vor dem Tiebreak-Finale kündigten Sie an, dass Wladimir Kramnik gegen die FIDE juristisch vorgehen werde. Nun aber hat Kramnik gewonnen. Ist eine Klage damit hinfällig geworden?
HENSEL: Das werden wir mit unseren Anwälten in Ruhe überlegen. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass die Verletzung der Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre durch die Veröffentlichung von Videoaufnahmen aus Kramniks Ruheraum, die ihn in Matchpausen zeigen, näher beleuchtet werden muss. Da sind Dinge vorgefallen, die sich einfach nicht gehören.

Verlangen Sie Schadensersatz beziehungsweise Schmerzensgeld?
Eine Schmutzkampagne ist losgetreten worden, die Wladimir Kramnik in eine Ecke gestellt hat, als ob er betrügen würde. Sie ist ausgelöst worden durch die Herausgabe der Videoaufzeichnungen an das Team Topalow. Da sollte man schon ganz genau schauen, wer hier was getan hat. Das ist sehr wichtig. Den Schaden, der am Image eines Mannes wie Kramnik entstanden ist, können wir nicht auf sich beruhen lassen. Jetzt werden wir noch einmal eingehend den Sachstand besprechen.

Der Manager Topalows hatte die Häufigkeit von Kramniks Toilettenbesuchen während einer Partie moniert und unterstellt, der würde dort per Taschencomputer die Lage analysieren. Dabei ist bekannt, dass Kramnik an einer rheumatischen Arthritis leidet und deswegen viel trinken muss.
Kramnik kann tausend Gründe gehabt haben, das WC zu benutzen. Er durfte rein- und rausgehen, wann immer er wollte. Dieses Recht war ihm vertraglich zugesichert worden. Überdies zeigen die Videoaufnahmen eindeutig, dass Kramnik in der dritten Partie, an der sich der Konflikt entzündet hatte, nicht 50 mal auf der Toilette war, sondern 18 Mal. 18 Mal während einer fünfstündigen Partie ist durchaus nicht ungewöhnlich.

Unverständlich bleibt, wie ein derart privates Video den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat.
Das ist ein schwebendes Verfahren, da kann ich im Moment nichts sagen. Nur so viel: Mir liegen Dokumente vor, die das Who-is-who in dieser Geschichte belegen.

War »Toilet-Gate« der Versuch des Topalow-Lagers, Kramnik psychologisch zu verunsichern?
Zweifellos. Man wollte Unruhe hineintragen in Kramniks Umgebung. Ich habe deutliche Hinweise darauf, dass eine gezielte Strategie entwickelt worden ist, um Kramnik zu schädigen.

Entsprechend eindrucksvoll ist die sportliche Leistung Kramniks.
Kramnik ist nach Elista der Undisputed World Champion, der unbestrittene Weltmeister. Ich kenne ihn seit 15 Jahren: Er ist eine Persönlichkeit, er hat Würde. Und er fordert Respekt ein: Er lässt nicht zu, dass bestimmte Grenzen überschritten werden. Die Dramaturgie in Elista hat klar gemacht, wer Kramnik ist. Gleichzeitig dürfte der Wettkampf auf diese Weise unsterblich geworden sein.

Mit 2,5:1,5 im Tiebreak nach 6:6 aus 12 Runden gewinnt Kramnik _ so die offizielle Zählung der FIDE, die Partie 5 dem Konto des Bulgaren zugeschlagen hat, weil Kramnik nicht angetreten war. Welche Schlussbilanz machen Sie auf?
Die Wertung der FIDE erkennen wir nicht an; ob wir die anfechten, werden wir prüfen. Vor der Schachgeschichte hat Kramnik den Wettkampf mit 6:5 gewonnen.

Topalow dürfte nach dem Skandal, den sein Gefolge initiiert hat, als Sportsmann erledigt sein.
Zumal er es nicht einmal mit dem geschenkten Punkt geschafft hat, Kramnik zu besiegen. Topalow ist ein phantastischer Schachspieler und ein großer Gegner. Aber Topalow muss Revue passieren lassen, was passiert ist. Wenn er ins seriöse Geschäft zurückkommen will, sollte er sich überlegen, welchen Manager er künftig beschäftigt.

Ist Topalow von seinen Beratern manipuliert worden?
Selbstverständlich hat Topalow die Vorgänge zu verantworten. Er wusste auch vieles – obwohl ich nicht glaube, dass er alles wusste.

Es gibt Gerüchte, dass Topalow einst bei der FIDE-WM in San Luis (Argentinien) getrickst habe.
So weit möchte ich nicht gehen. Wir haben Topalow nie unterstellt, dass er unerlaubte Hilfsmittel eingesetzt hat.

War der Veranstaltungsort Elista eine glückliche Wahl?
Die Organisation war mit Sicherheit das Beste, was wir im Rahmen eines WM-Kampfes je gesehen haben. Die Menschen in Kalmückien haben sich größte Mühe gegeben, den Spielern alles erdenklich Gute zu tun. Probleme hatten wir allein mit bestimmten Leuten innerhalb der FIDE.

Kramnik tritt vom 25. November bis 5. Dezember in Bonn gegen das Computerprogramm »Deep Fritz« der Hamburger Softwareschmiede ChessBase an. Ihre Prognose?
Das wird viel schwerer als das Match gegen Topalow. Die modernen Computer sind von vornherein haushohe Favoriten. Wie Kramnik abschneidet, hängt nicht zuletzt davon ab, ob er sich nach dem anstrengenden Wettkampf in Elista schnell genug wieder regenerieren kann. Vielleicht markiert das Ereignis in Bonn die letzte Chance, die ein Mensch im Schach gegen Computer hat.

 

 

 

 

 

 

 



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