Interview mit dem DSB-Vize Michael S. Langer

10.03.2011 – Der Deutsche Schachbund befindet sich derzeit in einer schwierigen Phase. Der Honorarstreit mit den A-Nationalspielern konnte bisher nicht beigelegt werden. Es mangelt an Sponsoren, aber es mangelt auch an weiteren Topspielern, die dem Schachbund vielleicht Alternativen böten - Resultat einer versäumten Nachwuchs - und Spitzenspielerförderung? Die Schacholympiade vor zwei Jahren im eigenen Land hat tiefe Löcher in die Kassen gerissen, aber den Negativtrend bei der Mitgliederentwicklung nicht aufhalten können. Die vergebliche Kandidatur von Robert von Weizsäcker als ECU-Präsident und die Unterstützung des Kandidaten Karpov hat dem Ansehen des DSB in den internationalen Verbänden auch nicht geholfen. Michael S. Langer, Vizepräsident Finanzen des DSB, stellt sich den Fragen und macht dabei in Bezug auf die Spitzenspieler - und Turnierförderung auch den Vorschlag einer "Volksbefragung". Wie sehen die Leser von Chessbase-News die Unterstützung des Spitzenschachs: Sollen die Spitzensportler finanziell gefördert werden, um als Galionsfiguren Werbung für das Schach zu machen (Boris Becker-Effekt)? Wären die Schachfreunde auch bereit, für diesen Zweck Beitragserhöhungen in Kauf zu nehmen? Oder soll der Schachbund sich mehr auf das Breitenschach konzentrieren? Wie sehen die Schachfreunde die Positionen von Schachbund und Schachprofis? Bitte schicken Sie uns Ihre Meinung an umfrage@chessbase.de . Unter allen Einsendern verlosen wir je eine DVD mit Original-Signatur von Weltmeister Viswanathan Anand My Career Vol. 1, Viswanathan Anand My Career Vol. 2, Vladimir Kramnik, My Path to the Top und Nigel Short, Greatest Hits, Vol 1.). Einsendeschluss: Donnerstag, 31. März 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Veröffentlichung der Meinungen vorbehalten. Zum Interview...

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Interview mit Michael S. Langer, DSB Vizepräsident Finanzen und Präsident Niedersächsischer Schachverband



Frage: Vor etwas mehr als zwei Jahren hatten wir mit der Schach-Weltmeisterschaft und der Schacholympiade in Deutschland eine Gelegenheit, Schach zu popularisieren, die vielleicht nicht wiederkommt. Die WM wurde sehr gut in den deutschen Massenmedien aufgenommen, die Schacholympiade trotzt ausgezeichneter Erfolge der deutschen Mannschaft besonders zu Anfang, leider weniger. Ein Schachboom, oder dergleichen ist nicht entstanden. Im Gegenteil: Die Mitgliedszahlen sind rückläufig. Woran liegt das?

Michael S. Langer : Insbesondere von der Schacholympiade haben wir uns deutlich mehr positive Sogwirkung versprochen.  Leider haben sich unsere Erwartungen nicht erfüllt. In den letzten Jahren sinken die Mitgliedszahlen kontinuierlich.  Ich glaube nicht, dass man per sé einen direkten Zusammenhang zwischen Großereignissen und  die gesamte Gesellschaft betreffenden Entwicklungen herstellen kann.  Trotzdem müssen wir unser eigenes Vorgehen im Vorfeld und während der Olympiade im Nachhinein hinterfragen. Es ist uns nicht gelungen, Schach nachhaltig breit in der Öffentlichkeit zu platzieren.


Schacholympiade Dresden

Wie sieht denn die Mitgliedsentwicklung im Detail aus? Wie und wo können neue Mitglieder gefunden werden und wie ist diese Entwicklung im Vergleich zum Internetschach zu sehen? Hier kann man ja das Gegenteil beobachten- im Internet wird mehr Schach als jemals zuvor gespielt.

Der Mitgliederschwund tritt generell in allen Strukturen und Ebenen auf. Will heißen: Sowohl Groß-  als auch Kleinvereine sind betroffen. In den kleinen Vereinen macht sich das Problem stärker bemerkbar. Hier führen die Verluste oft unmittelbar zur Abmeldung von Mannschaften und es wird im letzten Schritt oft unmöglich, die Vereinstrukturen  aufrecht zu erhalten. Erschwerend kommt zum Tragen, dass die Zahl der ehrenamtlich Tätigen  ebenfalls kleiner wird und so schwer abzubremsende Abwärtsspiralen entstehen. Zum zweiten Teil der Frage. Ich würde gern eine stärkere Verknüpfung der zeitgemäßen Internetmöglichkeiten zum DSB herstellen. Auch die Einbindung weiterer bisher weitgehend parallel verlaufender Strukturen, wie etwa Schulschach, freie Schachschulen … in den DSB halte ich für notwendig und vor allem sinnvoll. Wir müssen Schachinteressierten die Gelegenheit bieten, sich ihren Zugang zum Schach selbst und variabel zu gestalten. Hierfür bedarf es einer Aufweichung unserer starren Zugangsmöglichkeiten.

Im Zuge der Schacholympiade hat sich der Schachbund finanziell weit aus dem Fenster gelehnt. Zeitweise hieß es danach, der Schachbund sei pleite. Stimmt das? Und wie sehen die Finanzen heute aus?

Der Deutsche Schachbund hat sich im Vorfeld der Schacholympiade inhaltlich und damit einhergehend auch finanziell engagiert. Über die Dauer von vier Jahren (erstmals 2005) wurden jährlich  95.000,--€ zur Finanzierung der DSB-Aktivitäten auf dem Weg zur Schacholympiade in den Haushalt eingestellt. Da im Kongress 2004 in Mainz der jährliche Mitgliedsbeitrag je Einzelmitglied „nur“ um 0,50€ angehoben wurde, musste der Restbetrag (ca.55.000,-€ jährlich) aus der Liquiditätsrücklage bestritten werden. Im Jahresabschluss 2008 blieb dem DSB ein Restvermögen von 42.000,-€ erhalten.  Dieser Betrag war nicht ausreichend, um ohne Darlehen die Ausgaben des 1. Quartals (die ersten nennenswerten Einnahmen des DSB sind die im April fließenden Mitgliedsbeiträge) abdecken zu können. Man kann es so resümieren: Nein, wir  waren nicht pleite! Ja, wir hatten Liquiditätsprobleme!

Zum zweiten Teil der Frage: In den Jahren 2009 und 2010 ist es uns gelungen, das Vermögen auf knapp 203.000,-- € aufzustocken. Wir sind erstmals seit Jahrzehnten in der Lage, ohne jedwedes Fremdkapital unsere Ausgaben im ersten Quartal zu begleichen. Dieser Umstand war durch eine ausgewogen sparsame Haushaltspolitik möglich. Für Jubelsprünge ist es aber noch zu früh. Es ist notwendig, den eingeschlagenen Kurs einhergehend mit sinnvoller Investitionsstrategie in die Kernbereiche des deutschen Schachs fortzusetzen.


Schacholympiade Khanty Mansysk


Das Jahr 2010 muss vielleicht als besonders schwieriges Jahr in der Geschichte des Schachbundes verzeichnet werden. Bei der Schacholympiade in Khanty-Mansiysk trat Deutschland ohne seine A-Mannschaft an und belegte mit Platz 64 den schlechtesten Rang seiner Geschichte. Wieso konnte mit den Spielern des A-Kaders keine einvernehmliche Regelung gefunden werden?

Wenn man die letzten Aussagen zur aktuellen Finanzsituation liest, kann man wahrscheinlich schwer nachvollziehen, dass es in erster Linie um das Thema Geld ging. Zum einen wünschten sich die Spieler eine stärkere Förderung, idealer Weise den Einsatz von zusätzlichen Trainern aus den Haushaltsmitteln heraus. Wesentlicher war zumindest zu Beginn der Diskussion aber die Honorierung der Spieler für ihren Einsatz in Khanty-Mansijsk. Die Honorare werden nicht direkt vom DSB, sondern von der für diesen Zweck gegründeten Wirtschaftsdienst GmbH gezahlt. Trotz Bemühungen von mehreren Seiten waren die Honorarforderungen der Spieler  im Vorfeld der Schacholympiade nicht erfüllbar. Der dritte und letztendlich wohl den Ausschlag gebende Aspekt war die unzureichende Kommunikation zwischen dem Gremien des DSB und den Spielern. Diesen Sachverhalt hatte nicht nur ich schon direkt nach der Olympiade angesprochen bzw. eingestanden.

Nach der Schacholympiade wurde das Gespräch mit den Spielern wieder aufgenommen.  Allerdings gibt es ganz unterschiedliche Aussagen bezüglich der Ergebnisse. Zunächst traf sich das Präsidium mit den Kaderspielern und ließ danach ein Statement veröffentlichen, das Kooperation signalisierte. Dann war auf der Schachbundseite eine Meldung des Hauptausschusses  zu lesen, in dem die Nationalspieler gerügt wurden und ein schärferer Kurs in der Auseinandersetzung empfohlen wurde. Zur Erklärung sei gesagt, dass im Hauptausschuss die Landesverbände stark vertreten sind.  Kürzlich vermeldete Vizepräsident Weyer im Video-Interview wieder Einvernehmen zwischen Spielern und Verband, währedn Arkadij Naiditsch kurz danach in einer Bundesliga-Nachbesprechung sich wieder auf Konfrontationskurs befindet. Was ist denn nun wirklich los?


Jan Gustafsson und Arkadij Naiditsch in Dresden

Das erste Treffen mit den Spielern war der Auftakt zu einer, so hoffe ich immer noch, kontinuierlichen Zusammenarbeit. Es wurden Vorschläge und Anregungen ausgetauscht, die sowohl inhaltlich als auch finanziell Perspektiven für ein erfolgreiches Miteinander realisieren sollen und können.

Im nächsten Schritt haben wir, wie in der Presse und auch im Gespräch mit den Spielern angekündigt im Hauptausschuss unseren Mitgliedsverbänden Rede und Antwort gestanden. Der vom Präsidium eingeschlagene Kurs wurde dort in Teilen kritisch-kontrovers diskutiert. Insbesondere die aus Sicht unserer Mitglieder zu wenig schützende Reaktion auf die Art und Weise der vorgetragenen Kritik an Mitarbeitern und ehrenamtlichen Vertretern wurde als nicht ausreichend bewertet. Im Verlauf der Sitzung entstand der fast einstimmig vorgetragene Wunsch, dass Arkadi Naiditsch sich öffentlich  bei Klaus Deventer und Uwe Bönsch entschuldigen solle. Dieser Wunsch kam er im Rahmen der Sitzung der Kommission Leistungssport am 04.12.2010 in Göttingen  nach. Kurz danach erneuerte er dann in einem Audiointerview auf www.schachbundesliga.de  seine massiven Vorwürfe gegen Uwe Bönsch. Zu diesem Zeitpunkt war es für das Präsidium nicht mehr vertretbar und gewollt, weitere Gespräche über seinen Wunsch, sich allein und ausschließlich um die Vermarktung der Nationalmannschaft kümmern zu wollen, zu führen.  Ein weiterer Grund, die Gespräche zu diesem Teilthema abzubrechen, war die nicht vorhandene Bereitschaft des Großteils der Mannschaft, sich von einem Mitspieler vermarkten zu lassen. Es war mein Job als Vermittler, unsere Entscheidung gegenüber Arkadi Naiditsch zu kommunizieren.  Vielleicht lässt sich sein erneuter Rundumschlag im Rahmen der Bundesliganachbetrachtung so erklären!? Amüsiert bin ich über das von Arkadi Naiditsch gewählte Vorgehen nicht. Ich sehe im Moment wenig, eigentlich keine Möglichkeiten, ihm innerhalb des DSB Gesprächspartner anzubieten, die er nicht schon öffentlich in Bausch und Bogen massiv kritisiert hat.

Das am 28.02. mit allen Nationalspielern geführte Gespräch mit den Nationalspielern verlief insbesondere wegen dieses letzten Aspektes einhergehend mit einer aus meiner Sicht unzureichenden internen Aufbereitung  nicht ohne „Knirschen“.

Nichts desto Trotz betrachte ich eine Fortsetzung der Gespräche und die gemeinsame Suche nach Kompromisslinien, die von möglichst allen getragen werden, als den einzig gangbaren Weg für das deutsche Schach!


Michael S. Langer

Es ist offensichtlich, dass das deutsche Schach im internationalen Spitzenschach sowohl in den Einzel- wie in den Mannschaftswettbewerben mehr  und mehr abgehängt wird. Seit bald 30 Jahren gibt es keinen deutschen Topspieler mehr. Ohne die Spieler, die anderswo Schach gelernt haben und später nach Deutschland eingewandert sind, sähe es noch schlimmer aus. Die Talente, die es gibt, hören früher oder später mit dem Profischach auf. Wieso ist es möglich, in Frankreich, den Niederlanden oder Polen - alles Länder mit durchaus vergleichbarer gesellschaftlicher Struktur – Topspieler aufzubauen, bei uns aber seit 30 Jahren nicht mehr?

Ich bin der Ansicht, dass es notwendig und überfällig ist, in einem Konsens mit unseren Mitgliedsverbänden ein klares Bekenntnis ergänzt um die eigenen Erwartungen zum Spitzensport zu formulieren.  Die weiteren Schritte müssten im Falle eines positiven Votums eine sukzessive angepasste wirtschaftliche Ausstattung (der in der Frage aufgeführte niederländische Verband nimmt auf Bundesebene einen 4mal so hohen Mitgliedsbeitrag wie der Deutsche Schachbund!) und eine auf dieser Ausstattung weiter zu entwickelnde Organisationsstruktur sein. Parallel bedarf es der Bereitschaft der Spieler, ihre schachliche Entwicklung auch eigeninitiativ mit hundertprozentiger Konzentration voranzutreiben.  

Gut fände ich es, ein repräsentatives Umfrageergebnis (zumindest so repräsentativ wie möglich) via „Volksabstimmung“ zur Frage „Wollen wir in Deutschland Spitzenschach und wollen wir dafür (vielleicht auch mehr) Geld ausgeben?“ zu ermitteln.

Zur Ausbildung von Spitzenspielern, die international mithalten können, werden neben guten Trainern vor allem Spielmöglichkeiten, also Turniere benötigt. Außer dem Dortmund-Turnier, das ein Eigenleben mit wenigen Einsatzmöglichkeiten für deutsche Spieler führt, gibt es in Deutschland aber kein klassisches Topturnier. Wäre es nicht auch die Aufgabe des Schachbundes, sich über den ja sehr gut funktionierenden Ligabetrieb hinaus auch um eine lebendige Turnierlandschaft für Topspieler zu kümmern? Warum wird z.B. die Deutsche Einzelmeisterschaft als Amateuropen gespielt?

Ich persönlich wünsche mir, dass die stärksten deutschen Spieler und Spielerinnen an der DEM teilnehmen. Dazu bedarf es einer Kompromisslösung zwischen den Verbänden, die durchaus zu Recht die Interessen ihrer Landesmeister vertreten und denjenigen, die sowohl sportlich interessante als auch finanziell lukrative Titelkämpfe suchen. Dass hierfür ebenso wie für andere adäquate Topveranstaltungen eine finanzielle Grundlage benötigt wird, ist selbstredend.  Zum jetzigen Zeitpunkt verfügt der Deutsche Schachbund nicht über die eigenen finanziellen Mittel, attraktive und lukrative Rundenturniere etc. selbst zu initiieren.  Und leider stehen auch externe Interessenten hierfür (und ihre Sponsoren) im Moment nicht Schlange.

Noch schlimmer sieht es eigentlich im Frauenschach aus. Relativ gesehen ist Elisabeth Pähtz die beste deutsche Spielerin überhaupt mit zwei Jugend-WM-Titeln und einem Weltranglistenplatz zwischen Rang 20 und Rang 30. Trotzdem musste sie als einzige deutsche Teilnehmerin bei der letzten Frauen-WM ohne jede Unterstützung, d.h. ohne Trainer oder Begleitung, auskommen. Die Meisterschaft der Frauen dümpelt seit mindestens zehn Jahren nur auf dem Niveau eines besseren Clubturniers dahin. Wenn man sich die deutsche Frauenrangliste ansieht, so haben die meisten Frauen in den Top 100 seit Langem überhaupt keine Turnierpartien verzeichnet. Hat der DSB kein Interesse am Frauenschach?

Der Deutsche Schachbund fördert das Frauenschach sowohl im Rahmen seiner Ausrichtung von Meisterschaften als auch anteilig im Sektor Spitzensport. Die Aussagen, die ich zum Punkt Talente in Deutschland und deren Förderung getroffen habe, sind m.E. grundsätzlich, unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Besonderheiten auch auf die Förderung des  Frauenschachs  zu übertragen.


Michael S. Langer, Melanie Ohme

In Bezug auf den Nachwuchs gibt es schlechte Nachrichten: Der politische geförderte Trend zur Ganztagsschule nimmt dem Schach wie anderen Sportarten auch, den Nachwuchs weg. Die Kinder kommen kaum noch aus der Schule heraus und die immer kleinere Restfreizeit geht für Hausaugaben und etwas Chatten bei Facebook drauf. Und welche Bedeutung hat das Schulschach in Zeiten von Ganztagsschulen und sterbenden AGs: gibt es da überhaupt eine Chance auf neue Talente und Nachwuchs? Mit welchen Konzepten will der Schachbund dagegen halten?

Ein Konzept, die meist übertragbaren Probleme im Bereich der Mitgliedergewinnung  und des langfristig angelegten „Haltens“ unserer Mitglieder direkt mit unseren Vereinen zu besprechen, sind die in Kooperation mit der DSJ durchgeführten Vereinskonferenzen. Im November fand die erste norddeutsche Konferenz in Hamburg statt. Es ist uns dort gelungen, die vorhandenen (Förderungs-) Möglichkeiten und erfolgreiche Modelle moderner Vereinsarbeit einer breiten Basis vorzustellen und in einem intensiven Austausch gemeinsam weiter zu entwickeln.  Die nächste Konferenz findet bereits am 07.05. in Barsinghausen statt.

Die Wichtigkeit von Schulen und deren Einbindung in unsere Strukturen habe ich in der Antwort zu Frage 2 schon umrissen. Ein Beispiel für eine mehr als gelungene Einbindung sind die Schachzwerge Magdeburg. In diesem 2009 gegründeten Verein, der sich vom Zweck her auf die Ausbildung von Kindern spezialisiert hat, gehen weit über 200 Kinder organisiert und dem Deutschen Schachbund gemeldet dem Schachspiel nach! In Magdeburg wird gezeigt, dass es trotz der von Ihnen beschriebenen Probleme möglich ist, Kinder an den Schachsport heranzuführen.  Ich hoffe, dass sich dieses Modell und die dahinter steckende Idee flächendeckend kopieren lassen!

Generell bin ich der Ansicht, dass erfolgreiche Modelle kommuniziert und wenn möglich multipliziert werden sollten.

In Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit kann der Schachbund kaum Ergebnisse vorweisen. Allerdings scheint es hier – außerhalb des Jugendbereichs - auch kaum Tätigkeit zu geben. Aktivitäten lassen sich nur auf der Webseite des Schachbundes feststellen. Diese wirkt insgesamt aber konzeptionslos. So ist der Schachbund auch seit Jahren ohne Hauptsponsor (Zum Vergleich: Der französische Verband erhält jährlich 200.000 Euro von einer Bank). Gerüchteweise hört man aber, es gäbe Verhandlungen mit einem möglichen neuen Hauptsponsor. Können Sie dazu etwas sagen?

Der Deutsche Schachbund kann für die nächsten drei Jahre einen neuen Hauptsponsor vorweisen! Leider sind die Summen nicht mit Frankreich vergleichbar. Nichts desto Trotz werden zukünftige Aktivitäten vom Sponsor nachhaltig unterstützt. Der Name des Sponsors und weitere Details werden zeitnah auf www.schachbund.de bekannt gegeben. Bis dahin halte ich mich an unsere mit dem Sponsor getroffene Vereinbarung, die namentliche Nennung in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Darüber hinaus verhandeln wir mit zwei weiteren potenziellen Sponsoren, die sich in ihrer Förderung auf unsere A-Nationalmannschaft konzentrieren wollen.

Im Bereich Webauftritt wären aber ja viele Verbesserungen denkbar, z.B. bessere Vereinheitlichung und Verzahnung mit den Landesverbänden, Webspace für Vereine etc. Warum passiert hier nichts, obwohl auch innerhalb des Schachbundes das Problem bekannt ist und seit Jahren Kritik auch am Webauftritt geübt wird?

Ich teile die Kritik an unserem öffentlichen Auftritt! Ich empfinde ihn als eines unserer größten Probleme. Wir sind nicht in der Lage, Inhalte und Themen des deutschen Schachbundes so aufzubereiten, dass sowohl einer breiten Öffentlichkeit als auch unseren Landesverbänden dargelegt werden kann, dass im DSB manchmal sogar erfolgreich ;-) gearbeitet wird. Gern nähme ich in meiner Rolle als Finanzchef hier Geld in die Hand, um dieses gravierende Defizit endlich nachhaltig anzugehen.  Hier ist m.E. ebenso wie in der Spitzensportförderung schnellstmöglich eine konsensuale Entscheidung ebenenübergreifend herbeizuführen.

Mit der Wahl von Professor Robert von Weizsäcker zum Präsidenten des Schachbundes verband sich viel Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation. Nach vier Jahren wird von Weizsäcker nicht noch einmal kandidieren. Mit viel Elan und guten Plänen angetreten, scheint es, als ob der scheidende Präsident in seinen Erneuerungsvorhaben  von den Strukturen im Verband ausgebremst wurde. Entscheidungen werden im Schachbund nur mit großer Schwerfälligkeit getroffen. Ist der Verband mit seiner Vielzahl von Entscheidungsträgern so überhaupt noch den Anforderungen der modernen Zeit gewachsen?

Hier möchte ich relativieren. Es ist m. E. zu einfach, die nicht umgesetzten Vorhaben ausschließlich mit unseren Strukturen zu begründen.  Ja! Wir haben föderale Strukturen mit allen Vor- und Nachteilen. Nein! Wir sind deshalb nicht automatisch handlungsunfähig. Ich behaupte, dass mit einer professionellen Kommunikationspolitik sowohl nach innen als auch nach außen wir (das Präsidium) unseren Teil zu einer ergebnisorientierten Politik des DSB leisten können und müssen. Im Rahmen dieser Politik sollte und kann es dann auch möglich sein bzw. wieder werden, konstruktiv ebenenübergreifend zusammen zu arbeiten.

Von Weizsäckers gescheiterte Kandidatur  als ECU-Präsident hat auch den DSB international beschädigt. Vor der Kandidatur wurde offenbar kein erfolgversprechender Wahlkampf geführt und es schien, als hätte man den mit den ruppigen Gepflogenheiten in FIDE und ECU nicht vertrauten von Weizsäcker vorher nicht gut beraten. Im Schachbund gibt es aber doch einige Erfahrung auf dem international rüden Schachparkett. Wieso fiel das Ergebnis trotzdem am Ende so schlecht aus? Und wie will sich der Schachbund, immerhin einer der größten Verbände der Welt, in ECU und FIDE wieder messbares Gewicht erlangen?

Ich kann den ersten Teil der Frage zum nicht Erfolg versprechenden Wahlkampf nicht beantworten. Zur Frage der Beratung:  Ich vermute, dass er und sein Ticket einen mit so viel Härte geführten Wahlkampf auf ECU-Ebene tatsächlich nicht erwartet hatten.

Für die Zukunft befürworte ich international eine Politik kleiner Schritte. Insbesondere der Ausbau und die Pflege bilateraler Beziehungen sind m. E.  der angezeigte Weg, unser Standing wieder auf ein unserem eigenen Anspruch entsprechendes Niveau anheben zu können.

In diesem Jahr werden ein neuer Präsident und ein neues Präsidium gewählt. Bisher gibt es mit Hans-Jürgen Weyer einen Kandidaten für das Präsidentenamt. Außerhalb der DSB-Strukturen ist darüber aber so gut wie nichts über die Wahlen bekannt. Die DSB-Webseite schweigt, z.B. Vielleicht können Sie hier etwas Aufklärung leisten: Wann und in welchem Rahmen finden die Wahlen statt? Wer wählt? Werden noch weitere Kandidaten erwartet? Welche Ämter werden noch per Wahl vergeben?

Seit einigen Tagen gibt es mit Herbert Bastian, dem Sprecher der Landesverbände, einen weiteren Kandidaten um das Amt des Präsidenten.

Es wird beim DSB- Kongress in Bonn am 04. Juni das gesamte Präsidium zuzüglich der Referenten gewählt. Aktiv wahlberechtigt sind die Delegierten unserer Mitgliedsorganisationen. Die Anzahl der Stimmen der einzelnen Verbände errechnet sich auf der Basis ihrer jeweiligen Mitgliedszahlen.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Das Interview führte André Schulz.

 

 

 

 

 

 


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