Interview mit Dronavalli Harika (1/2)

von Priyadarshan Banjan
29.11.2015 – Mit einer Rating-Zahl von 2513 ist Dronavalli Harika die Nummer zwei der indischen Frauenrangliste. Vor kurzem hat die 24-jährige die Frauenweltmeisterschaft im Online-Blitz gewonnen. Doch sie verfolgt noch größere Ziele. In einem ausführlichen Interview spricht sie über die Frauen-WM 2015, über ihre Ziele und verrät, wie sie sich auf Turniere vorbereitet. Mehr...

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Werbung für das Schach: Harika gewann die 1st FIDE World Online Women Blitz Championship,
die am 26. November in Rom stattfand. Mehr als 300 Spielerinnen aus 39 Ländern nahmen daran teil.

Priyadarshan Banjan: Du bist im Frühjahr dieses Jahres Dritte bei der Frauenweltmeisterschaft gewonnen. Aber eigentlich wolltest du Weltmeisterin werden und tatsächlich fehlte zum Titel nicht viel. Wie hast du dich auf dieses Turnier vorbereitet?

Dronavalli Harika: Es gibt einen großen Unterschied zwischen "es fehlte nicht viel" und dem tatsächlichen Titelgewinn. Ich habe vor der Weltmeisterschaft natürlich viel gearbeitet und wurde dabei von wunderbaren Freunden und Trainern unterstützt. Trotzdem würde ich gerne noch warten, bis ich mein Ziel tatsächlich erreicht habe, bevor ich allzu viel darüber erzähle.

In der entscheidenden Partie des Halbfinales spielte Harika mit Weiß gegen die spätere
Turniersiegerin und neue Weltmeisterin Marya Muzychuk und stand auf Gewinn.
Doch sie verdarb die oben abgebildete Gewinnstellung mit dem Zug 83.De3??,
der nach dem Damentausch zu einem Bauernendspiel führt, das Weiß nicht gewinnen kann!

PB: Im Halbfinale gegen Marya Muzychuk fiel die Entscheidung erst im 10+10 Tie-Break. Sicher eine große mentale und psychische Anstrengung. Denkst du noch oft daran, dass du deine Gewinnstellung mit 83.De3?? verdorben hast? Anschließend hast du mit Schwarz verloren und bist ausgeschieden?

Harika: Das tat sehr weh. Ich hatte noch mindestens zwei Minuten auf der Uhr, aber da kam alles, was zu dem 10+10 Wettkampf geführt hatte, zum Tragen -- meine erste Niederlage in den Schnellschachpartien habe ich sehr gut weggesteckt und danach energisch weiter gespielt. So konnte ich die zweite Schnellpartie irgendwie für mich entscheiden und der Tie-Break ging in die Verlängerung.

Aber das hat eine Menge emotionaler Energie gekostet. Ich war noch nicht wieder in meinem Normalzustand und hatte mich noch nicht ganz beruhigt, da fing schon die nächste Partie des 10+10 Wettkampfs an. Als ich in der ersten Partie auf Gewinn stand, brachten mich plötzlich jede Menge Gedanken und Gefühle aus dem Gleichgewicht. Besonders stark war der Gedanke, dass ich aufpassen musste, diese Möglichkeit nicht zu verderben.

Und plötzlich, aus dem Nichts, konnte ich nicht mehr ruhig denken und folgte einfach meinen Einfällen. Nachdem ich den verhängnisvollen Damenzug gemacht hatte, erkannte ich zu meinem Entsetzen, dass ich zwar zwei Bauern mehr habe, aber die Stellung trotzdem remis ist! In der zweiten Partie bin ich dann einfach nervlich zusammengebrochen.

Der verhängnisvolle Damenzug 83.De3 wurde auf Video festgehalten

PB: Wie kann man sich nach einer so bitteren Niederlage wieder auf die nächsten Partien konzentrieren?

Harika: Ich glaube, es gibt einen Grund, warum manche Dinge geschehen. Ich habe durch diese Erfahrung gelernt. In Zukunft werde ich mit solchen Situationen besser umgehen. Das ist auch genau der Grund, warum mich die Nervenstärke beeindruckt, die Marya immer wieder bei der Verteidigung schwieriger Stellungen in entscheidenden Momenten gezeigt hat. Das ist nicht leicht und mit ein Grund, warum sie verdient Weltmeisterin geworden ist.

PB: Insgesamt hast du bei der Weltmeisterschaft jedoch stark und überzeugend gespielt. Wie fällt deine Bilanz der Weltmeisterschaft aus?

Harika: Ich freue mich über die positiven Kommentare zu meinem Spiel bei der Frauenweltmeisterschaft, aber nur in einem Turnier gut zu spielen, reicht nicht aus. Ich habe mir deshalb vorgenommen, zu versuchen, das Niveau zu halten, das ich bei der Weltmeisterschaft gezeigt habe und aus meinen Fehlern zu lernen. So nahe am Titel zu sein und ihn nicht zu gewinnen, ist natürlich eine Enttäuschung, aber andererseits habe ich bei zwei Weltmeisterschaften in Folge die Bronzemedaille gewonnen. Das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass ich den Titel eines Tages tatsächlich gewinnen kann -- das ist ein realistisches Ziel.

PB: Der Modus der Frauenweltmeisterschaft ähnelt dem, für den sich Weltmeister Magnus Carlsen kürzlich ausgesprochen hat. Was hältst du von Magnus' Vorschlag und dem Modus?

Harika: Mir gefällt sein Vorschlag -- jährlich um die Weltmeisterschaft zu spielen und zwar im K.-o.-Format. Aber was der richtige und beste Weltmeisterschafts-Modus ist, wird immer wieder heftig debattiert. Da gibt es eine Reihe ganz unterschiedlicher Ansichten. Deshalb wäre es schön, wenn die FIDE ein System findet, dem Funktionäre, Spieler, Sponsoren, die Medien und die Fans zustimmen könnten.

Beim Qatar Masters 2014

PB: Schnellpartien bilden einen wichtigen Teil dieses Modus. Wie gerecht ist das? Kommen so zusätzliche sportliche Elemente ins Spiel? Und spielt das Glück eine größere Rolle?

Harika: Bis zu einem gewissen Grad spielt das Glück in jedem Turnier eine Rolle. Aber man nicht alles auf den Modus schieben. Die zweite und die dritte Runde habe ich in genau diesem Modus gewonnen und so kann ich wohl kaum behaupten, der Modus sei unglücklich, wenn ich verliere. Wenn wir die Herausforderung annehmen, ein Turnier mit diesem Modus zu spielen, dann sollten wir versuchen, einfach gut zu spielen. Wenn wir verlieren, dann liegt das einfach daran, dass unsere Gegnerin oder unser Gegner an diesem Tag besser gespielt hat.

PB: In der Presse und in den Medien herrschte große Aufregung über die Art, wie die Frauen-WM 2015 entschieden wurde. Auch der World Cup 2015, in dem Svidler in einem dramatischen Finale gegen Karjakin unterlag, sorgte für jede Menge Aufregung und Unterhaltung. Der K.o.-Modus führt zu einem viel größeren Teilnehmerfeld und viel mehr Leute aus viel mehr Ländern werden vom WM-Fieber erfasst. Die K.-o.-Wettkämpfe sorgen auch für mehr Spannung als ein Wettkampf über zwölf Partien, in dem zwei Spieler gegeneinander antreten. Glaubst du, die Spannung und die Unterhaltung, die der K.-o.-Modus bringt, sind das richtige Mittel, um Schach zu verkaufen?

Harika: Ich stimme zu, dass der K.-o.-Modus für die Zuschauer unterhaltsamer ist. Das ist etwas ganz anderes als die üblichen Turniere. Aber ein Finale, das über nur vier Partien geht, aber die Weltmeisterschaft entscheidet, klingt nicht besonders gut. Deshalb halte ich den Modus der Weltmeisterschaften der Männer auch für besser als den Modus der Frauen-Weltmeisterschaften - die Männer haben den World Cup, der zwar Teil des Weltmeisterschafts-Zyklus ist, aber eben keine Weltmeisterschaft.

Nur die Krone fehlt noch… (Frauenweltmeisterschaft 2015 in Khanty-Mansysk)

PB: Stört es dich, dass der Modus der Weltmeisterschaften permanent geändert wird?

Harika: Nein, überhaupt nicht. Ich mache mir über den Modus kaum Gedanken. Für mich zählt der Gewinn des Titels.

PB: Turniere scheinen immer härter zu werden - die Bedenkzeit wurde kürzer, dann gibt es Turniere mit einer Runde am Tag, aber auch Turniere, in denen Doppelrunden gespielt werden. Außerdem steigt das generelle Schachniveau und Spieler aller Spielstärken verstehen immer mehr vom Schach. Wie geht du mit dieser immer größer werdenden Spannung um? Kannst du während eines Turniers problemlos schlafen?

Harika: Dass Schach im Laufe der letzten Jahre immer härter geworden ist, ist gut bekannt. Als Schachprofis gewöhnen wir uns an die verschiedenen Formate, aber ich persönlich ziehe Turniere vor, in denen man eine Runde pro Tag spielt. Das Format wirkt sich nicht auf meinen Schlaf aus, aber natürlich ist es nicht leicht, wenn man einmal einen schlechten Tag erwischt hat (wenn man schlecht gespielt und verloren hat oder wenn man eine Gewinnstellung zum Remis verdorben hat) oder wenn am nächsten Tag eine wichtige Partie ansteht. Aber je mehr Erfahrung man hat, desto besser kann man damit umgehen.

Beim PokerStars Isle of Man Tournament, 2014

PB: Wie gehst du mit Niederlagen in Turnieren um? Manche Spieler weinen danach und Anand hat einmal erzählt, dass er danach ins Fitness-Center geht, um sich körperlich anzustrengen und nachts schlafen zu können. Was machst du nach einer Niederlage?

Harika: Das kommt darauf an, wie wichtig die Partie war. Aber ich muss zugeben, dass ich mit Niederlagen immer noch nicht gut umgehen kann. Aber ich arbeite daran. Normalerweise schaue ich mir ein paar Filme oder Serien an, bis ich müde bin.

PB: Großmeister erhalten bei den meisten Turnieren Startgeld und bekommen ihre Unkosten erstattet. Kriegen Männer und Frauen eigentlich unterschiedlich viel Startgeld? Und glaubst du, die Startgelder, die Frauen erhalten, sind hoch genug?

Harika: Ich bin wahrscheinlich nicht diejenige, die man hier fragen sollte. Ich will vor allem in starken Turnieren spielen, in denen die Bedingungen gut sind. Wenn ich das kann, bin ich zufrieden. Und ehrlich gesagt, bekomme ich als Frau in vielen Turnieren viel bessere Konditionen als ein Mann, dessen Elo-Zahl ungefähr so hoch oder sogar deutlich besser ist als meine. Ich genieße das, aber ich vergleiche es nicht. Aber natürlich wäre es schön, wenn Schachspieler besser bezahlt würden und die Preise höher wären - egal, ob nun für Frauen oder Männer.

– Teil 2 des Interviews folgt in Kürze –



Priyadarshan Banjan ist ein 21-jähriger Vereinsspieler und Schachjournalist aus Indien. Er ist leidenschaftlicher Schachspieler und großer Fan von Vishy Anand. Schach macht ihn glücklich und er möchte dieses wunderbare Spiel immer besser kennenlernen.
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