Interview mit Eberhard Gienger

11.11.2009 – In den Siebziger Jahren war Eberhard Gienger der wohl beste deutsche Turner. Insgesamt 36 mal wurde er zwischen 1971 und 1981 Deutscher Meister. 1974 wurde er Weltmeister am Reck und 1976 gewann er die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Montreal. Vom Reckturnen ist es der Sprung anscheinend nicht weit zum Fallschirmspringen, dem Giengers besondere Leidenschaft gilt. Sein anderes Hobby blieb dagegen weitgehend unbekannt. Schon zu seinen aktiven Turnierzeiten spielte er gerne Schach. Nun ist Eberhard Gienger Politiker geworden und Mitglied des Bundestages. Als am vergangenen Samstag in Berlin das Politikerturnier gespielt wurde, nahm Gienger dort gerne teil. Dagobert Kohlmeyer nutzte dies zu einem Gespräch. Eberhard Giengers Webseite...Zum Interview...

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„Man muss auf jedem Gebiet strategsich denken“
Interview mit Eberhard Gienger über seine Liebe zum Schach, Turnen und Fallschirmspringen

Von Dagobert Kohlmeyer

Beim diesjährigen Turnier „Politiker spielen Schach“ in Berlin feierte Eberhard Gienger Premiere. Der ehemalige Turnweltmeister sitzt seit 2002 für die CDU im deutschen Bundestag. In den Pausen zwischen den Partien sprach Dagobert Kohlmeyer mit dem 58-jährigen Gienger, der die Vielseitigkeit in Person ist und die Extreme liebt.

Wann haben Sie das letzte Mal Schach gespielt?

Vielleicht vor fünf Jahren. Wo genau, weiß ich gar nicht mehr. Ich spielte mit meinen Söhnen. Das war relativ einfach. Ich selbst habe das Spiel mit etwa sieben Jahren von meinem Vater gelernt.

Mussten Sie in ihrer aktiven Zeit als Spitzenturner auf Schach verzichten?

Nein, im Gegenteil. Damals spielte ich mit meinem Trainer Eduard Friedrich während langer Zug- oder Busfahrten zu den Wettkämpfen unendlich viele Partien. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir 1973 in China waren. Da sind wir vom Schachbrett überhaupt nicht weggekommen. Es war so ein kleines Steckschach, das wir auf unseren Reisen immer dabei hatten.

Nicht wenige Sportler spielen Schach. Der Erfolgstrainer Felix Magath zum Beispiel sieht zwischen Fußball und Schach viele Gemeinsamkeiten. Finden Sie das auch?

Ja, sicher. Man muss doch auf jedem Gebiet strategisch denken. Ich glaube schon, dass dies auch im Sport nützlich ist und etwas bewirkt. Schach ist ein so tolles Spiel, finde ich, weil es ohne Würfel abgeht. Die Idee dahinter ist sensationell. Man sollte dem Erfinder heute noch dankbar sein.

Kennen Sie die Weizenkornlegende vom Erfinder des Schachs?

Nein, noch nicht. Die können Sie mir ja bei Gelegenheit mal erzählen.

Bewegen Sie die Figuren auf dem Brett auch so meisterhaft wie sie früher am Reck geturnt haben?

In letzter Zeit hatte ich wenig Übung. Ich meine, vom optischen Eindruck der Figurenbewegung her, würde ich sagen, ja. Aber was die Strategie, die Spielzüge und das Vorausdenken angeht, da habe ich durchaus noch meine Defizite.

Sie haben nach Ihrer Ausbildung zum Diplom-Sportlehrer noch Russisch studiert. Wie kam es dazu?

Nach dem Sportstudium wollte ich gern Englisch studieren, aber da war kein Platz für mich. Die Proseminare waren alle besetzt, es gab aber einen Intensivkurs Russisch. Ich war ja damals schon öfter zu Wettkämpfen in der Sowjetunion, konnte mich aber mit den Leuten, mit denen ich gern gesprochen hätte, nicht unterhalten. Ich dachte, wenn du Russisch studierst, kannst du das tun. So habe ich angefangen, es hat mir viel Spaß gemacht, und ich bin dabeigeblieben.

Wir könnten das Interview also jetzt in Russisch weiterführen?

Пожалуйста, если хотите. (Bitte, wenn Sie wollen). Die Sprache half mir auch beim Schachspielen. Die Russen sind ja die größte Schachnation. Sie spielen überall, wo man hinguckt: auf der Straße, in Parks usw. Und ich habe 1971 mit dem damaligen Turn-Europameister Viktor Klimenko nach dem Training auch Schach gespielt. Viktor hat im Mehrkampf und am Boden etliche Titel geholt.

Sie haben im Leben viel ausprobiert und sind dabei auch Risiken eingegangen. Ich denke da vor allem ans Fallschirmspringen, das zu Ihren großen Leidenschaften gehört.

Ja, ich tue es noch heute, und zwar verschärft. Noch immer mit großer Begeisterung, weil ich Extremsport liebe. Auch mein Unfall im Mai 2000 konnte mich nicht davon abhalten. Es passierte in Köngen bei Esslingen.

Die Folgen waren ja sehr heftig. Können Sie bitte nochmal schildern, was damals geschah?

Etwa zehn Meter vor der Landung erwischte mich eine starke Windböe, und mein Schirm drehte sich. In Sekundenbruchteilen musste ich eine Entscheidung treffen. Ich hatte die Wahl zwischen schlecht und sehr schlecht. Die Landung hätte mich entweder in eine Menschenmenge geworfen oder in ein Gebäude. Beides erschien mir nicht erstrebenswert.


Foto: Wikipedia

Was haben Sie getan?

Ich habe gesehen, unter mir ist etwas Platz und drehte mich nochmal um 180 Grad. Inzwischen war ich aber zu tief und bin in der Kurve aufgeschlagen, ohne dass der Schirm sich wieder richtig geöffnet hat. Deshalb bin ich sehr hart gelandet.

Mit welchen Verletzungen?

Ich hatte einen Stauchbruch im rechten Fuß, eine Fraktur im linken Oberschenkel, Brüche an den Füßen, am Becken und einen offenen Bruch am Ellenbogen. Außerdem war das Fersenbein angebrochen und zwei Rippen gebrochen. Aber Lebensgefahr bestand nicht.

Haben Sie heute noch Schmerzen?

Im rechten Fuß ein bisschen. Aber es ist auszuhalten.

Wer hat sie damals wieder zusammengeflickt?

Ich bin in einem Stuttgarter Krankenhaus von Professor Holz operiert worden, und die Rehabilitation erfolgte bei Professor Armin Klümper in Freiburg.

Sie hatten freundschaftliche Beziehungen zu vielen Turnern, auch aus der DDR. Einem haben Sie sogar bei der Flucht geholfen. Wann und wo war das?

1975 bei den Turn-Europameisterschaften in Bern. Ich habe Wolfgang Thüne, der die DDR verlassen wollte, in mein Auto geladen, und wir fuhren zur Grenze. Es war nur ein Zöllner dort, der geguckt hat. Wir haben angehalten und die Pässe vorgezeigt. Wolfgang saß auf dem Rücksitz. Da noch andere Turner im Wagen waren, fiel es nicht auf, dass wir seinen Pass nicht vorgezeigt haben. Wir zeigten einen anderen einfach zweimal vor. Es klappte, ich musste nicht Gas geben, um die Grenze zwischen Schweiz und BRD schnell zu überwinden.

Und weiter?

Dann habe ich Wolfgang bei einem Freund abgegeben und fuhr noch am gleichen Abend in die Schweiz zurück. Dort zeigte ich mich überall, um nicht aufzufallen. Thüne arbeitet heute in den alten Bundesländern als Turntrainer, wir haben gelegentlich noch Kontakt.

Sie riskieren also gern etwas, ob beim Fallschirmspringen oder als Fluchthelfer. Wie weit geht Ihr Wagnis auf dem Schachbrett?

Ich weiß nicht, es hängt davon ab, welche Gegner ich erhalte. Hier beim Turnier werden ja sieben Runden gespielt. Es hängt immer vom Kontrahenten ab. Aber ich habe keine Angst und rochiere zum Beispiel erst dann, wenn es nötig ist.

Sie haben in Ihrem Leben schon alles Mögliche gemacht. Warum sind Sie auch noch Politiker geworden?

Im Jahre 2001 wurde ich von Matthias Wissmann gefragt. Damals war ich kein CDU-Mitglied und hatte von Politik so viel Ahnung wie eine Geis von einer Taschenuhr. Drei Monate lang überlegte ich mir die Sache. Ich sprach vor allem mit meiner Frau. Denn wir hatten zu Beginn unserer Ehe vereinbart, dass wir uns öffentlich politisch nicht engagieren. Und ich musste auch eine erhebliche Summe für den Wahlkampf organisieren. Nicht alles konnte durch Spenden aufgebracht werden.

Hat es sich ausgezahlt?

Ja, denn ich finde Politik spannend. Mann muss sie aber mit aller Konsequenz betreiben. Ich habe neun Monate lang alle Wahl-Veranstaltungen mitgemacht, auch morgens um 6.30 Uhr an Bahnhöfen Prospekte verteilt. Ich holte dann 44,6 Prozent der Stimmen und bin direkt in den Bundestag gekommen. Es gibt dort so viele Politikfelder, dass man von Langeweile nicht reden kann. Ich denke, dass ich hier eine interessante Aufgabe übernommen habe.

An welchen Rädern drehen Sie, was ist Ihre Spezialstrecke?

Ich bin ordentliches Mitglied im Ausschuss für Sport. Jetzt habe ich weitere vier Jahre vor mir. Als einzelner Abgeordneter kann man zwar nicht am großen Rad der Politik drehen, wohl aber in seinem Wahlkreis durchaus behilflich sein.


Eberhard Gienger mit Ministerpräsident Oettinger Foto: http://www.gienger-mdb.de

Sie haben ungewöhnlich viel erlebt. Wann veröffentlichen Sie Ihre Memoiren?

Ich schrieb schon mal etwas Ähnliches in jungen Jahren. Es waren Erlebnisberichte, also verschiedene Kapitel über meine sportliche Laufbahn. Das habe ich während meiner aktiven Zeit getan. Jetzt könnte ich durchaus nochmal nachlegen, denn inzwischen ist ja in meinem Leben einiges passiert.

Haben Sie noch einen besonderen Traum?

Ja, einmal zusammen mit Claudia Schiffer an einem Fallschirm vom Himmel zu schweben. Ich habe schon sehr viele Tandemsprünge absolviert. So manche schöne Frau lag dabei auf mir, zum Beispiel die Miss Germany von 1992, Ines Kuba. Und Claudia Schiffer ist für mich noch immer der Inbegriff von Schönheit. Ich bin ihr aber noch nicht begegnet.


Ines Kuba (copyright: www.ineskuba.de )

Da müssten Sie nach London fahren, dort lebt sie. Aber vielleicht hat Frau Schiffer Höhenangst. Ich jedenfalls habe welche.

Die kann ich Ihnen beim Fallschirmspringen nehmen. Als Reporter fliegen Sie doch auch mit dem Flugzeug. Haben Sie Angst dabei?

Nein, überhaupt nicht.

Na bitte. Weil Sie losgelöst von der Erde sind. Es wird einem nur mulmig, wenn man mit der Erde verbunden ist. Zum Beispiel stehe auch ich nicht gern oben auf einem 10-Meter-Sprungturm. Aber an einem Fallschirm hängend, empfindet man diese Angst nicht, sondern nur Freude. Ich lade Sie zu einem gemeinsamen Sprung ein!

Das muss ich mir noch überlegen. Aber herzlichen Dank für das Gespräch!

 

 


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