Interview mit Frank Brady

10.11.2012 – Frank Brady, zeitweise Geschäftsführer der USCF, Turnierorganisator und bis vor Kurzem noch Präsident des Marshall Chess Clubs, kannt Bobby Fischer von klein auf. Als Teenager ging Fischer täglich in den Manhatten Chess Club und spielt dort von Mittags bis Mitternacht. Dann holte ihn seine Mutter ab. Bisweilen besuchte Fischer aber auch den Marshall Chess Club. Brady hatte zu Fischer, der keine engen Freunde hatte, eine gute Beziehung, sah ihn aber auch zuletzt 1972 in Island. Für seine Fischer-Biografie, die im Mai auch auf Deutsch erschien, besuchte Brady Island zum zweiten Mal und sprach mit den Schachfreunden, die Fischer in den letzten Jahren begleitet haben. Im Interview mit Dagobert Kohlmeyer skizziert der Fischer-Biograf den komplizierten Charakter des 11. Weltmeisters und erzählt, wie es in den USA zur Fischermania kam. Zum Interview...

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„Er tat, was er wollte und wann er es wollte”
Interview mit Bobby Fischers Biograph Frank Brady

Von Dagobert Kohlmeyer

Er ist einer der wenigen Menschen, die Bobby Fischers Talent bereits erkannten, als dieser ein kleiner Junge war. Die Rede ist von Professor Frank Brady aus New York. Der inzwischen 78-jährige Medienwissenschaftler und Buchautor arbeitet noch heute an der dortigen St. John‘s Universität. Brady hat Fischers Lebensweg lange Zeit hautnah und später aus der Ferne akribisch verfolgt. Seine großartige Biografie „Endspiel - Bobby Fischer“, in den USA voriges Jahr preisgekrönt, ist 2012 auch in Deutschland erschienen und fand ein breites Echo. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem Autor.


Frank Brady

Mr. Brady, sind Sie noch immer Präsident des Marshall Chess Clubs in New York?

Ich war es fünf Jahre lang, bin aber vor kurzem zurückgetreten. Denn ich habe einen Vertrag über ein neues Buch. Dieses große Projekt wird mich etwa zwei Jahre lang beschäftigen. Es hat jedoch nichts mit Schach zu tun. Wegen des großen Arbeitsaufwands habe ich das Präsidentenamt aufgegeben, bin aber noch Mitglied des Marshall Chess Clubs, in den ich einst als 13-jähriger Junge eintrat.

Sie kannten Bobby Fischer schon früh?

Seit er zehn Jahre alt war. 1953 spielte Bobby in einer Amateurmeisterschaft mit. Da war er jüngster Teilnehmer und ich stellvertretender Turnierdirektor. Ich habe mit seiner Mutter Regina gesprochen. Ihn beobachtete ich nur, denn er war das „Baby“ in diesem Wettbewerb.



Wann folgten die nächsten Begegnungen mit Bobby?

1956 spielten wir im gleichen Turnier, es gab noch keine persönliche Unterhaltung. Ich sah aber seine Partien. Er spielte erfolgreicher als ich und belegte einen besseren Rang. Zwei Jahre später kam er mit seiner Mutter in mein Büro. Ich war damals Geschäftsführer der US-Schachföderation. Sie wollten wissen, ob der Verband ihn finanziell unterstützt, damit er in verschiedenen Turnieren spielen kann.

Wie oft besuchte der Junge die Schachklubs in New York?

Die Fischers lebten in Brooklyn, und deshalb kam er mehr zum Manhattan Chess Club als zum Marshall Chess Club. Wenn Sommerferien waren, erschien er dort jeden Tag. Bobby tauchte etwa um 13 Uhr auf und blieb nicht selten bis Mitternacht. Seine Mutter hat ihn dann abgeholt, und sie fuhren mit der Metro zurück.



„Endspiel“ ist nicht ihr erstes Buch über Fischer. Schon früh haben Sie über ihn geschrieben.

Ja. Mein erstes Buch über Bobby Fischer kam 1964 heraus. Ich schrieb das Porträt eines Wunderkinds. Eine Biographie war es noch nicht.

Wann trafen Sie Fischer zum letzten Mal?

Das letzte Mal sah ich ihn 1972 in Reykjavik. Ich blieb dort länger, weil ich an einer neuen Ausgabe meines damaligen Buchs arbeitete. Als ich am Eingang seines Hotels stand, kam Fischer mit seinem Bodyguard Saemi Palsson heraus. Ich ging hinein, und Bobby meinte spöttisch: „Das ist Brady, der letzte Mann in Island.“



Dies war tatsächlich Ihre letzte Begegnung?

So ist es. Am nächsten Tag reiste Fischer ab, und ich blieb noch ein paar Wochen, bis ich dann weiter zur Olympiade nach Skopje fuhr. Aber 2008 nach Bobbys Tod flog ich noch einmal nach Island, um all die Menschen zu treffen, die ihm aus dem Gefängnis geholfen haben. Ich wollte auch herausfinden, wie er dort die letzte Zeit lebte. In Reykjavik interviewte ich etwa 15 Leute.



Hatten Sie auch Kontakt mit Boris Spasski?

Ja. Er ist ein sehr netter Mann und war damals 1972 in Reykjavik freundlicher zu mir als Fischer. Als Spasski 1974 sein WM-Kandidatenmatch in Puerto Rico gegen Robert Byrne spielte, habe ich jeden Tag im Radio darüber berichtet. Ich interviewte dort auch Boris. Als ich später an meinem Buchmanuskript arbeitete, hat er mir mehrmals schriftlich geantwortet.



Welches war Fischers beste Eigenschaft?

Er war ein sehr großzügiger Mensch. Nur ein Beispiel: Als ich Ende Zwanzig war, hat er mir als Teenager angeboten, Geld zu leihen. Aber ich habe es nicht angenommen. Immer wenn Bobby von einem Turnier zurück kam, wollte er mir Geschenke machen, eine Krawatte oder ähnliches. Der Mann war wirklich wohlwollend und spendabel.

Sein negativster Charakterzug?

Schlecht war, dass Fischer so intolerant sein konnte. Gingen wir zum Beispiel in ein Restaurant, und es war zu laut, dann rannte er sofort wieder heraus. Er tat, was er wollte und wann er es wollte. Andere Meinungen als seine eigene ließ er nicht gelten.

Wie sah es mit persönlichen Freundschaften aus?

Bobby hatte praktisch keine Beziehungen und lebte nur allein. Weil er nur tat, was er wollte, war es sehr schwierig, mit ihm auszukommen. So rannte er in sein Unglück.

Warum liebte Fischer das Alleinsein?

Er war sehr scheu, etwas durcheinander und paranoid. Halluzinationen aber hatte er nicht. Der Grund für Bobbys Einsamkeit war seine Schüchternheit. Deshalb zog er sich total ins Schach zurück. Andererseits durchbrach er durch das harte Wettkampfschach seine Einsamkeit.

Es heißt, er war arrogant und achtete nur starke Spieler.


Ich bin selbst ein Patzer und habe oft gegen Bobby gespielt. Ob er mich respektiert hat, weiß ich nicht. Zumindest hat Fischer sehr viel mit mir am Brett gesessen. Er war auch später bereit dazu. Bei vielen anderen, die gegen ihn spielen wollten, darunter Großmeister, sagte er: „Nein, kommt nicht in Frage. Wenn ich gegen euch spiele, dann verderbt ihr nur mein Schach.“ Für Fischer ist neben der Spielstärke wohl auch wichtig gewesen, ob ihm jemand als Person sympathisch war oder nicht.

War Bobby Fischer der beste Schachspieler aller Zeiten?


Ich denke, er war es. Sehen Sie sich seine Partien an! Sie sind sein wahres Testament. Kasparow würde wahrscheinlich nicht mit meiner Meinung übereinstimmen. Vor einigen Monaten traf ich Garri im Marshall Chess Club. Ich fragte ihn, wie wohl ein Match zwischen Bobby und ihm ausgegangen wäre. Doch weil Fischer nun tot ist, wollte Kasparow sich nicht festlegen.



Nach Bobbys WM-Sieg gab es einen riesigen Schachboom in den USA. Kann man von „Fischermania“ sprechen?

Absolut. Es war unglaublich. Plötzlich hatten die Schachmeister die Möglichkeit, Unterricht zu geben und Geld zu verdienen. Vor 1972 gab es neben Fischer in unserem Land nur wenige Leute, die mit Schach Geld machen konnten: Reshewsky, Byrne und vielleicht noch Rossolimo.

Wie stark gingen die Mitgliederzahlen in den Schachvereinen nach oben?

Oh, sehr. Im Marshall Chess Club zum Beispiel verdoppelte sie sich damals auf 600. Noch heute haben wir über 500 Mitglieder. Schach ist nach wie vor ganz populär bei uns.

Fischer wurde nach seinem WM-Sieg sogar vom damaligen Präsidenten Richard Nixon ins Weiße Haus eingeladen. Er lehnte aber ab. Warum?

Ich kann nur spekulieren. Es gab zu dieser Zeit erste Enthüllungen im Watergate Skandal, und Fischer dachte wohl, Nixon hat doch eigentlich gar keine Zeit, ihn zu empfangen. Der Präsident ist ja dann auch später zurückgetreten.

Was halten Sie von Fischers Faible für Chess 960?

Ich habe eine Theorie. Mag sein, dass sie hypothetischer Natur ist. Fischer hat sehr viel an dieser Idee gearbeitet, weil er die Schachtheorie umgehen wollte. Es gibt viele Schriften und Analysen darüber von ihm. Ich spekuliere, Bobby hat verschiedene Systeme entwickelt, die man dort anwenden kann. Wahrscheinlich wollte Fischer es dann nach den ersten Zügen wie ganz normales Schach spielen.

Es gibt viele großartige Fotos des Starfotografen Harry Benson, der solche Berühmtheiten wie die Beatles oder Muhammed Ali abgelichtet hat, auch von Fischer. Warum sind keine Bilder von ihm in Ihrem bemerkenswerten Buch?

Ich konnte sie nicht bezahlen. Kein Verlag würde das tun. Der Mann verlangte 7.000 Dollar pro Foto. Das ist viel zu teuer.

P.S. Etliche Benson-Fotos finden sich seit vielen Jahren im Internet und sind inzwischen schon „Allgemeingut“ der Schachszene geworden.



Frank Brady: Endspiel

z.B. bei Niggemann

 

 



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