Interview mit Georg Meier

28.06.2010 – Bei der Schacholympiade in Dresden vor zwei Jahren spielte Georg Meier noch in der Jugend-Olympiamannschaft. Inzwischen ist er in das A-Team aufgerückt und versucht, als Profi seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ob dies glücken wird, ist jedoch unklar. Andere Talente wie David Baramidze, Leonid Kritz oder Arik Braun haben sich bereits gegen diesen Weg und für ein Studium entscheiden. Im Interview mit Hartmut Metz, erschienen in der Juli-Ausgabe von Schachmagazin 64, klagt der Trierer über die profifeindliche Schachlandschaft in Deutschland. Es gebe keine Turniere, in denen sich ein deutscher Spieler jenseits von Elo 2670 entwickeln könnte. Die deutsche Meisterschaft sei auf die Amateure ausgerichtet. Auch zu seinen Meinungsverschiedenheiten mit Werder Bremen nimmt Meier Stellung. Er hatte dort im letzten Jahr keine Partie gespielt und wechselt nun zum OSG Baden-Baden. Neben dem Interview enthält die aktuelle Ausgabe von SM64 zahlreiche Turnierberichte (u.a. Astrachan, Pojkovsky, Französische Liga, Chinesische Meisterschaft) und Rubriken, neuerdings auch einen Anfängerkurs (Probeabo: 3 Ausgaben für 8,50 Euro)Schach-Magazin 64...Auszugsweiser Nachdruck...

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Interview mit Georg Meier

Nachdruck in Auszügen, mit freundlicher Genehmigung von Schach-Magazin 64

Pikanter Wechsel: Mit Georg Meier verlässt einer der deutschen Topspieler den SV Werder Bremen und schließt sich ausgerechnet dem Erzrivalen OSG Baden- Baden an. Mit dem 22-Jährigen wären die Hanseaten vermutlich Meister geworden – glaubt nicht nur Meier. Doch der Trierer saß in der vergangenen Saison kein einziges Mal in der Bundesliga am Brett. Über die Gründe und was ihm zum Vorstoß in die absolute Weltspitze noch fehlt, unterhielt sich der stets angenehm ruhig und überlegt wirkende Meier mit Hartmut Metz.

M64:
Herr Meier, was bewog Sie zum Wechsel von Vizemeister Werder Bremen zum Erzrivalen und Meister OSG Baden-Baden?

Georg Meier: Mittlerweile ist ja bekannt, dass ich Probleme in Bremen hatte. Deshalb spielte ich in der vergangenen Saison keine einzige Partie in der Bundesliga. Die Bremer wollten die vereinbarten Konditionen für meine letzte Saison dort nicht einhalten und teilten mir dies erst nach Ablauf der Wechselfrist mit, sodass keine Möglichkeit mehr bestand, den Verein zu wechseln. So musste ich leider ein Jahr warten. Und es ist klar, dass die einzige Adresse, mit der ich mich verbessere, Baden-Baden lautet. Deshalb fragte ich beim Meister an.

SM64:
Welche Probleme ergaben sich in Bremen?

Meier: In einigen wichtigen Punkten war ich gänzlich anderer Meinung als Schelz-Brandenburg – da möchte ich nicht näher darauf eingehen.

SM64: Die Zusammenarbeit vor drei Jahren begann doch so hoffnungsfroh: In Bremen wurden Sie als Vorzeigeobjekt gepriesen. Man wollte Sie besonders fördern und an die Weltspitze heranführen.

Meier: Die Idee an sich war sehr gut – nur die Umsetzung funktionierte nicht so, wie ich mir das vorstellte. Der Fokus war auch nicht zu 100 Prozent darauf ausgerichtet, dass ich mich gut entwickeln kann. Die Schachabteilung erhielt durch die Unterstützung ein positives Image. Während mir verboten wurde, in mehr als zwei ausländischen Ligen zu spielen, erfuhr ich – anders als zu Beginn versprochen – keinerlei Unterstützung beim Aufbau eines ausreichenden Wettkampfprogramms. Im Wesentlichen war ich nach wie vor auf mich allein gestellt, der Umzug nach Bremen hatte zudem logistische Nachteile. Und da ich auch Zeit aufwendete, um mich am Vereinsleben zu beteiligen, hatte das Ganze nur wenige Vorzüge für mich.

(...)

SM64: Was sagt das „gute Gefühl“: Sind die 40 Elo von dort drin, um die Schallmauer von 2700 Elo zu knacken? Oder reicht es gar bis weit vorne in der Weltspitze?

Meier:
Ich bin überzeugt davon, dass ich die 2700 und auch mehr schaffen kann. Ich weiß, woran ich arbeiten muss, um dieses Ziel zu erreichen.

(...)

SM64:
Sehen Sie weitere Nuancen, um sich zu steigern?

Meier: Klar, ich weiß ja nicht alles im Schach. Da gibt es genug, was ich noch lernen muss. Ganz allgemein gesprochen: Es gilt vorrangig, mein Eröffnungsrepertoire zu erweitern, um zumindest in die erweiterte Weltspitze zu gelangen.

(...)

SM64: An hochkarätigen Turniereinladungen mangelt es hier zu Lande. Außer in Dortmund gibt es kein geschlossenes Weltklasseturnier – und viele Deutsche spielen da auch nicht mit, wie schon Jan Gustafsson beklagte.

Meier: Man muss sehen, dass Deutschland gute Jugendspieler hat: Arik Braun, David Baramidze, Falko Bindrich – und dass sie alle bei um die 2550 Elo stagnieren. Einen wichtigen Grund dafür sehe ich in der fehlenden Perspektive, sich in Deutschland weiterzuentwickeln.

SM64: Die Talente entscheiden sich dann lieber für ein Studium.

Meier: Genau. In Deutschland können sie nur Open spielen, bei denen man sich ab diesem Niveau kaum noch schachlich weiterentwickeln kann. Aus meiner Erfahrung weiß ich, man muss wirklich lange sehr hart arbeiten, um den Sprung dann trotzdem zu schaffen. Das ist jedoch nicht jedem gegeben. Hartnäckig zu arbeiten, ohne zu wissen, ob es sich überhaupt je lohnt.

SM64: Die Holländer werden gerne für ihre Einladungspolitik gepriesen. Bei den Niederländern kommen Leute wie Jan Smeets oder Erwin L‘Ami zum Zuge, die erstmal nicht besser als die jungen Deutschen sind – aber dann doch an ihnen vorbeiziehen. Mangelt es bei uns an dieser Kultur?

Meier: Wenn man das mit Holland vergleicht, sind die Unterschiede krass. Bei uns liegt der Fokus meinem Eindruck nach auf dem Breitenschach. Die Spitze spielt keine besondere Rolle. In Holland besitzen die Profis dagegen einen ganz anderen Status. In jedem europäischen Land differiert die Gewichtung zwischen Spitze und Breite – so schlecht wie in Deutschland ist es meines Erachtens für Profis aber nirgends! Leider ist es so schwer. Man stelle sich nur vor Anish Giri wäre beispielsweise in Deutschland gelandet … Er wäre lange noch nicht da, wo er jetzt steht, denke ich.

SM64:
Sehen Sie den Deutschen Schachbund gefordert? Ein Weltklassespieler – wie ein Anand in Indien oder Carlsen in Norwegen – kann die Massen ja durchaus für das Denkspiel begeistern und den Mitglieder-Zulauf vervielfachen!

Meier: Einen Schuldigen auszumachen, das fällt schwer. Die deutsche Meisterschaft ist aber auf jeden Fall absolut profifeindlich! Da spielen fast nur Amateure mit. Ziel sollte ein Rundenturnier sein, um den besten deutschen Spieler zu ermitteln. Dadurch sieht man: Es ist dem DSB wichtiger, es den Amateuren recht zu machen, anstatt auch mal die Profis zu unterstützen.

SM64:
Der Hund liegt hier beim Föderalismus begraben. Jeder Landesverband will halt seine zwei Teilnehmer dabei haben, seien sie noch so chancenlos … Ein Vorturnier wäre angebracht.

Meier: Genau, da können sich auch gerne Amateure qualifizieren. Das Gros sollten jedoch die besten Spieler des Landes stellen.

SM64:
Im Oktober spielen Sie ein GM-Turnier an der Texas University, das Susan Polgar organisiert. Zwei Großmeister erhalten laut der Bundesliga-Webseite ein Stipendium. Studiert Georg Meier demnächst etwas anderes als Schach?

Meier: Ich habe mich nicht entschlossen. Ich möchte mir nur einmal einen Eindruck verschaffen. Solch ein Stipendium ist eine Option – aber keine sehr wahrscheinliche.

SM64:
Der Schritt in die Staaten wie bei Leonid Kritz, der trotz seiner rund 2600 Elo entmutigt in Baltimore ein Finanzwesen-Studium aufnahm, scheint also abgewendet. Bliebe Ihr Profileben aber doch kurz, welche Fächer fassten Sie dann ins Auge?

Meier: Das weiß ich aktuell nicht. Naturwissenschaftliches käme in Betracht, ich bin aber auch sprachbegabt.

(...)

SM64:
Worauf freuen Sie sich in Baden- Baden am meisten?

Meier: Im Vergleich zu Bremen, dass sich die Mannschaft auf Englisch unterhält! Bei Werder bekamen wir jedes Jahr einen Aseri, Ukrainer oder anderen dazu. Die unterhielten sich dann alle untereinander auf Russisch. Ich konnte zum Teil nur mit Laurent Fressinet auf Französisch parlieren, weil Unterhaltungen auf Englisch kaum zu Stande kamen. Ich fühlte mich wie bei einer beliebigen Legionärstruppe … Schon allein die soziale Komponente wird also bestimmt besser. Zudem freue ich mich natürlich auf all die Spitzenspieler.

SM64:
Die weltweite Creme de la Creme sitzt theoretisch an den Spitzenbrettern der Kurstädter: Weltmeister Viswanathan Anand und der Weltranglistenerste Magnus Carlsen. Da sich die OSG- Spieler immer schon freitags treffen: Lässt sich sicher einiges lernen?

Meier: Wie es konkret abläuft, muss ich erst noch erfahren. Aber natürlich freue ich mich auf den Kontakt mit ihnen.

SM64: Die deutsche Spitze ist nun ebenso in Baden-Baden versammelt: Sie, Arkadij Naiditsch und Jan Gustafsson – fehlt eigentlich lediglich der Mülheimer Daniel Fridman, dann wäre die Nationalmannschaft komplett.

Meier: Stimmt. Es kann nur förderlich sein, wenn das Gros der Nationalspieler auch in einem Verein antritt. So trifft man sich naturgemäß häufiger. Mit Arkadij und Jan verstehe ich mich zudem gut.

SM64:
Rivalitäten herrschen keine, oder? Sie spielen auch so gut wie nie gegeneinander, weshalb man keine Geheimnisse wahren muss.

Meier: Ich habe gegen alle drei genannten Nationalmannschaftskollegen noch nie eine Turnierpartie gespielt! Es gibt ja, wie erwähnt, keine Turniere in Deutschland. Insofern lassen sich Duelle leicht vermeiden …

SM64: Zurück zum Titel in der Bundesliga: Ohne das Zerwürfnis mit Bremer Verantwortlichen wäre nicht Ihr neuer, sondern Ihr alter Verein Meister geworden. Werder patzte bei drei 4:4 gegen schlechtere Mannschaften.

Meier:
Der Schluss liegt sehr nahe. Am  letzten Brett gab Werder zu viele Punkte ab – wenn ich gespielt hätte, wäre da ein Stärkerer gesessen und die drei 4:4 hätten sich vermutlich vermeiden lassen.

SM64:
Mit Baden-Baden wollen Sie sicher das halbe Dutzend Titel in Folge voll machen.

Meier:
Ich will meinen Teil gerne dazu beitragen.

SM64: OSG-Kapitän Sven Noppes versucht die Zahl der Einsätze vor der Saison vertraglich zu vereinbaren. Naiditsch und Gustafsson durften fast immer ran. Bestreiten Sie ebenso ein Dutzend oder mehr Partien?

Meier: Aus vertraglichen Gründen muss ich bezüglich der genauen Zahl schweigen. Eine Zusage für eine bestimmte Zahl erhielt ich allerdings, das stimmt.

SM64:
Dafür verraten Sie uns, wen Sie als schärfsten Rivalen im Titelkampf fürchten.

Meier:
Traditionell ist es der SV Werder, der die Baden-Badener herausfordert. Den Solingern traue ich nicht noch einmal solch eine Rolle wie heuer zu. Sie holten in der abgelaufenen Runde das Maximum raus. Normalerweise erweist sich das Match zwischen der OSG und Werder als entscheidend. Baden-Baden hatte das Glück, dass die 3:5-Niederlage ohne Folgen blieb.

SM64: Wir gehen davon aus, dass Sie alles in Ihrer Macht stehende tun werden, um solch eine Schlappe zu vermeiden – und Sie sind im Duell gegen Bremen besonders motiviert.

Meier
(lacht): Das will ich meinen.

 

 



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