Interview mit Herbert Bastian

14.09.2012 – Bei der Schacholympiade in Istanbul gab es nicht nur Im Turniersaal spannende Kämpfe. In der Vollversammlung der FIDE wurden sieben Verbände, darunter der Deutsche Schachbund, vom Präsidium in die Ecke gestellt und mit dem Finger auf sie gezeigt. In zwei unabhängigen Prozessen hatten diese Verbände nämlich beim Sportgerichtshof in Lausanne gegen die FIDE und ihre Statuten geklagt. Außer den offiziellen Gerichtskosten hat die FIDE dabei laut eigen Angaben  - irgendwie - Nebenkosten in Höhe von einer Million Dollar verursacht. Die möchte sie jetzt gerne in von den Verbänden zurückbekommen. In einem Interview nimmt Herbert Bastian zu diesem Vorgang Stellung, bewertet auch die sportlichen Ergebnisse am Schachbrett und beantwortet unter anderem auch die Frage, warum Schach in Deutschland, zumindest das Spitzenschach, so wenig öffentliche Aufmerksamkeit erzielt. Zum Interview...

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Die Schacholympiade 2012 ist vorbei. Sind Sie mit dem Abschneiden der deutschen Mannschaften zufrieden?
 

Zunächst möchte ich mich für die Gelegenheit bedanken, mich zu wichtigen Fragen die Zukunft des Deutschen Schachbunds betreffend öffentlich äußern zu können.

Unsere beiden Teams haben die Mindesterwartungen in etwa erfüllt. Insofern bin ich nicht unzufrieden, aber zum glücklich sein hat doch noch etwas gefehlt. Bei den Männern war gegen Armenien, den späteren Goldmedaillengewinner, ein Sieg drin. Der Sieg gegen Ungarn hat gezeigt, dass wir zu den Top 10 gehören. Unsere Frauen sind ehrgeizig und verdienen mehr Förderung. Auch sie sollten sich das Ziel setzen, in den nächsten Jahren fest zu den Top 10 zu gehören.
 

Bedanken möchte ich mich bei unserem Sponsor UKA, der die Honorare der Nationalmannschaften übernimmt und durch Gernot Gauglitz und seine Gattin in Istanbul vertreten war. In diesen Dank schließe ich selbstverständlich unsere Partner ChessBase und Honorarkonzept ein. Beide tragen mit unterschiedlichen Maßnahmen nachhaltig zur Förderung des Spitzensports bei.
 

Hier möchte ich noch etwas Grundsätzliches anführen. Wenn Armenien, ein Land mit einer Fläche wie das Bundesland Brandenburg und nur ca. 3 Millionen Einwohnern, auf vier aufeinanderfolgenden Olympiaden drei Goldmedaillen holt, dann muss das für eine so bedeutende Schachnation wie Deutschland eine Herausforderung sein. Es muss in unserem Land grundsätzlich darüber nachgedacht werden, was wir besser machen könnten, um noch näher in den Bereich der Medaillen zu kommen. Es muss unser nationales Ziel sein, eine Mannschaft aufzubauen, die ernsthaft und regelmäßig um die Medaillen mitspielen kann. Wenn wir uns als eine der größten Schachnationen dieses Ziel nicht setzten, müsste man die Frage stellen, wozu es den Deutschen Schachbund überhaupt gibt.
 

Die jetzige Mannschaft hat auf der Europameisterschaft bewiesen, dass sie das Potential für Spitzenränge hat. Aber es bedarf weiterer und intensiver Auseinandersetzung mit der Weltspitze, um die entsprechende Stabilität zu erzeugen. Die begonnene Kooperation mit Dortmund ist der richtige Weg dahin. Zusätzliche Schritte müssen folgen.

 


 

Mit Peter Heine Nielsen wurde erneut ein kompetenter Sekundant für die Zeit der Schacholympiade verpflichtet. Wird dieses Konzept auch in Zukunft beibehalten?
 

Dieses Konzept wurde gemeinsam mit den Spielern erarbeitet und scheint tragfähig zu sein. Es ist aber schwierig, einen Trainer zu finden, der im fraglichen Zeitraum verfügbar ist und von allen Spielern akzeptiert wird. Derzeit gehe ich davon aus, dass wir es auch nächstes Jahr (Mannschafts-EM im November und Mannschafts-WM im Dezember) so machen werden. Dazu kommen hochkarätige Turniere für unsere Spitzenspieler (Dortmund und vielleicht ein weiteres). Übrigens hatten auch die Frauen diesmal mit Michael Prusikin einen zusätzlichen Theorietrainer dabei.
 

Nach dem Gewinn der Europameisterschaft im letzten Herbst flammte noch einmal der Disput mit Arkadij Naiditsch auf, der seine kritischen Bemerkungen zum Schachbund in Interviews wiederholt hatte. Naiditschs Vertrag wurde danach erst einmal nicht verlängert. Nun war er aber am Start. Wann und wie hat man sich denn ins Einvernehmen gesetzt? Vom Schachbund gab es dazu keine offizielle Presseinformation... 
 

Am 18.Mai gab es eine Aussprache in Offenbach, einen Tag vorm Hauptausschuss, wo unseren Europameistern die Goldene Ehrennadel des Deutschen Schachbundes in Anwesenheit der Landesverbände verliehen wurde. Unsere Pressemitteilung dazu auf unserer Webseite wurde kaum beachtet (http://www.schachbund.de/entry/244#body-anchor). Selbstverständlich gab es im Vorfeld eine Reihe von vorbereitenden Gesprächen. Ich hatte stets erklärt, dass die Tür offen bleibt. Wir haben nun eine tragfähige Basis gefunden und gehen davon aus, dass sich die unerfreulichen öffentlichen Schlagabtäusche nicht wiederholen werden.
 

Wie waren die Turnierbedingungen in Istanbul? Es gab Proteste von einigen Verbänden wegen überhöhter Gebühren und hohen Aufpreisen für Einzelzimmer. Um welche Summen ging es da? Wie hoch sind die Kosten für den DSB bei so einer Schacholympiade insgesamt?
 

Ich war nur vier Tage in Istanbul, zu wenig, um umfassend Stimmen aufzuschnappen. Die Messehalle am Flughafen lag als Spielort recht abseits, aber die Räumlichkeiten haben mir gefallen. Für detaillierte Angaben fehlt mir der Überblick, ich kann nur sagen, dass der Deutsche Schachbund das übliche Budget für Olympiaden aufstocken musste. Anstelle der vorgesehenen 22.500 € mussten schließlich 35.600 € (ohne Honorare) eingeplant werden.
 

Noch ein Wort zum Ausschluss von Schiedsrichtern aus sieben Nationen. Das war inakzeptabel, aber die betroffenen Verbände konnten sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Wenn sich so etwas wiederholt, wird eine deutliche Reaktion des Deutschen Schachbunds erfolgen.



 

Die deutschen Mannschaften haben bei der Olympiade ordentlich gespielt, besonders die Männer waren die meiste Zeit in Tuchfühlung mit der Spitzengruppe. Trotzdem gab es in der Presse, geschweige denn im Fernsehen, keine nennenswerte Resonanz. Warum ist es nicht möglich, die Presse mit Informationen zu beliefern. Was unternimmt der Schachbund bzw. was kann er in dieser Richtung unternehmen?
 

Dies ist eine sehr komplexe Frage, die auf ein grundsätzliches Problem des Deutschen Schachbunds hinweist. Ich hole deshalb etwas weiter aus, um meine Meinung hierzu darzulegen.

Wir Schachspieler haben das Problem, dass wir viel zu viel um uns selbst kreisen. Wie oft hört man den Satz: „Wir wollen doch nur Schach spielen“. Mit so einer Einstellung kann man als Sportverband den heutigen Konkurrenzkampf der 61 Mitgliedsverbände des Deutschen Olympischen Sportbunds in den Medien nicht erfolgreich bestehen. In den Medien zählt nur der Erfolg im Spitzensport, und der sieht bei uns immer noch bescheiden aus. Und wir stellen uns selbst oft ungeschickt dar. Es genügt nicht, auf Emanuel Lasker als Weltmeister aus der Wendezeit zwischen 19. und 20.Jahrhundert hinzuweisen. Wer erinnert sich eigentlich noch an Robert Hübner, unseren Helden in der Fischer-Ära und danach? Die nachwachsende Jugend und die Medien brauchen aktuelle Helden! Des unschätzbaren Wertes der Tradition wird man sich erst in späteren Jahren bewusst.
 

Der Deutsche Schachbund hat noch kein tragfähiges Konzept für eine zukunftsfähige Öffentlichkeitsarbeit, was mir nicht zuletzt aus den Zuschriften einiger Fachleute klar geworden ist. Die Ursache liegt eindeutig darin, dass es keine hauptamtliche Person mit einschlägigen Erfahrungen für die Öffentlichkeitsarbeit des DSB gibt, so wie seit Jahren gefordert wird. Ich gehe so weit zu behaupten, dass sogar der Präsident eigentlich ein Hauptamtlicher sein müsste, wie es in einigen Ländern der Fall ist, z.B. in der Türkei. Anders ist der immense Arbeitsaufwand gar nicht vernünftig zu bewältigen, und daher wundert es mich nicht, dass man im DSB in einigen Bereichen noch nicht angemessen auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren konnte.

Fortschritte in der Öffentlichkeitsarbeit kann es nur geben, wenn es eine(n) Hauptamtliche(n) dafür gibt. Nur so lässt sich ein Netzwerk mit Medienvertretern über Jahre hinaus aufbauen und pflegen. Nur so lässt sich kompetent ein Zukunft weisendes Profil des DSB in der Öffentlichkeit aufbauen. Das Verbreiten von Pressemitteilungen findet keine Resonanz, wenn diese Mitteilungen nicht auf Redakteure treffen, die dem Deutschen Schachbund durch gut gepflegte, persönliche Kontakte verbunden sind. Genau dies ist der wesentliche Punkt, warum wir in der Öffentlichkeitsarbeit nicht vom Start wegkommen.
 

Aus diesen Überlegungen kann es nur eine Schlussfolgerung geben: Es muss eine(n) Hauptamtliche(n) für die Öffentlichkeitsarbeit im DSB geben. Wenn jedes Mitglied des Deutschen Schachbundes im Monat 10 Cent dafür opfert, können wir das sofort umsetzen. Wären es gar 20 Cent, könnten wir die personellen Engpässe auf der Geschäftsstelle in Berlin befriedigend lösen und notwendige Aktivitäten im Bereich Marketing wesentlich professioneller angehen. Meine Hoffnung ist, dass wir die zu erwartenden Widerstände mit überzeugenden Argumenten überwinden können.
 

Gleichzeitig gibt es viele Eltern, die bereit sind, das Hundertfache und mehr für die Schachausbildung ihrer Kinder im Monat zu bezahlen. Aber was sollen sie machen, wenn die Vereine sich weigern, das Geld anzunehmen und damit eine solide Ausbildung durch qualifizierte Trainer zu organisieren?
 

Kurz zusammengefasst: Das Präsidium des DSB hat das Ziel, eine(n) Hauptamtliche(n) für die Öffentlichkeit einzustellen und eine bessere Präsenz in den Medien durch den Aufbau eines Personennetzwerkes zu erreichen. Die Weichen dafür sollen auf dem nächsten DSB-Kongress im Mai 2013 in Berlin gestellt werden, die Umsetzung soll spätestens ab 2014 erfolgen.
 

Ein ganz besonderer Vorgang beim FIDE-Kongress war der Antrag des Türkischen Schachverbandes, namentlich seines Präsidenten Ali Nihat Yazici, den DSB durch die FIDE Sanktionieren zu lassen, u.a. seine Sportler in Zukunft von FIDE- Mannschaftsturnieren auszuschließen. Hintergrund dieses Antrages ist eine Klage von fünf Verbänden, darunter der DSB,  vor zwei Jahren im Zusammenhang mit der von Kasparov unterstützen Karpov-Kandidatur als FIDE- Präsident. Diese endete mit einem Vergleich und Kostenteilung. Die FIDE hat dann offenbar Berufung eingelegt und zusätzliche immense Kosten verursacht, die sie nun von den Verbänden vergütet haben will.
 

Hier muss ich zunächst etwas richtigstellen. Die Klage vorm CAS gegen die Akzeptanz der Kandidatur von Ilyumzhinov war wegen der unklaren Regularien der FIDE gescheitert. Nach meinen Kenntnissen kann man schwerlich von einem Vergleich reden.
 

Um welche Summen geht es denn hier? Wie hoch war der finanzielle Aufwand der FIDE? Welche Forderungen stellt diese an die Verbände bzw. an den DSB?
 

Laut Kostenentscheidung des CAS mussten die Kläger 35.000,- Euro an die FIDE zahlen, was von der Gruppe, die Karpov im Wahlkampf unterstützt hat, übernommen wurde. Die FIDE hat jedoch Prozesskosten in Höhe von ca. 1.000.000,- Euro in Rechnung gestellt. Wofür diese irrsinnige Summe tatsächlich verwendet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die FIDE möchte dieses Geld von den klagenden Verbänden zurückhaben und hat sich über ein Schweizer Zivilgericht bemüht, eine Wiederaufnahme des Verfahrens vorm CAS zu erreichen. Dieses Vorhaben ist gescheitert. Da man offenbar keine rechtliche Grundlage für die Zurückforderung herstellen konnte, wird nun die moralische Keule geschwungen. In der Vollversammlung wurde von verschiedenen Rednern eine Entschuldigung der fünf Verbände gefordert. Iljumshinov behauptete sogar, ihm sei ein Sponsor mit der Begründung abgesprungen, dass er keine Organisation unterstützen wolle, die von ihren eigenen Mitgliedern verklagt wird und das Geld damit den Rechtsanwälten schenkt. Dies alles blieb ohne jegliche Reaktion, und ich kann nur staunen, wieso niemand die FIDE-Führung zur Rede gestellt hat, wieso man so großzügig das Geld zum Fenster hinaus geblasen hat.
 

Warum wurde der Vorgang vom DSB nicht kommuniziert?
 

Dazu möchte ich mich nicht äußern, weil die Frage Vorgänge betrifft, die nicht in meine Amtszeit fallen.
 

Würde der Schachbund im Nachhinein gesehen, dieses Verfahren noch einmal führen wollen?
 

Die Beweggründe, die damals zu einer Beteiligung an der Klage geführt haben, sind mir nicht in allen Einzelheiten bekannt. Deshalb kann ich diese Frage nicht beantworten.

Karpov und Kasparov hatten wohl die guten Beziehungen zum Deutschen Schachbund in die Waagschale geworfen und eine vollständige Kostenübernahme garantiert. Insofern bestand für den Deutschen Schachbund kein finanzielles Risiko, aber ich sehe uns nun unter großem moralischem Druck. Man erwartet eine finanzielle Wiedergutmachung, um wegen dieser Sache ausfallende Projekte in finanzschwachen Ländern finanzieren zu können. Dafür gibt es keine Kostenübernahmeerklärung. Während Kasparov und Iljumshinov sich demonstrativ wieder lieb haben, lastet der Druck nun auf den fünf Nationen. Diese Sache ist nicht ausgestanden und wird auf dem nächsten FIDE-Kongress erneut diskutiert werden.
 

Nicht nur diese Geschichte vermittelt den Eindruck, dass der Schachbund international nicht ausreichend repräsentiert ist und bei den diplomatischen Winkelzügen versierter Schachpolitiker nicht recht mithalten kann. Woran liegt das? Wie kann man das ändern? Wie kann der Schachbund sich besser international behaupten und wie kann und will er sich im konkreten Fall zur Wehr setzen?
 

Es ist die Frage, ob der Deutsche Schachbund sich nicht besser auf seine internen Probleme konzentriert und die internationale Schachpolitik erst einmal aufmerksam beobachtet. Ich kann nicht viel Nutzen darin erkennen, in der FIDE ein Amt anzustreben. Dafür fehlen uns die materielle Potenz und sinnvolle Zielsetzungen. Bekanntlich ist es eine beliebte Methode, nach außen Krawall zu machen, wenn es im eigenen Haus nicht stimmt. Ich bin dafür, erst im DSB für eine Trendwende zu sorgen und dann auf die FIDE zu schauen. Der DSB darf sich auf keinen Fall noch einmal instrumentalisieren lassen. Mehr politisches Gewicht können wir am besten durch eine gute Zusammenarbeit mit den großen Schachnationen erreichen.
 

Der Deutsche Schachbund ist einer von wenigen Verbänden mit fester Geschäftsstelle und festen Angestellten. Horst Metzing ist dort als Sportdirektor seit Jahrzehnten eine feste Größe, hört aber demnächst aus Altersgründen auf. Wie wird die Nachfolge geregelt?
 

Dies wird seit einem Jahr intern intensiv diskutiert. Auf dem nächsten Hauptausschuss am 24.11. in Halle soll die Entscheidung fallen, welche Aufgaben wir dem Nachfolger oder der Nachfolgerin übertragen werden. Dies wird der dann erfolgenden Stellenausschreibung zu entnehmen sein.

Vielen Dank für das Interview.
 

Die Fragen stellte André Schulz.

 

 

 


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