Interview mit Igor Botvinnik

04.01.2007 – Igor Botvinnik ist eine Neffe des Weltmeisters Mikhail Botvinnik und verwaltet dessen Nachlass, aus dem er bereits einige Bücher heraus gegeben hat. In Moskau unterhält er im gleichen Gebäude am Gogol Boulevard, in dem auch der Zentral Schachclub und die Redaktion von "64" ihren Sitz haben, eine Schachschule und hält damit auch die Erinnerung an die legendäre Botvinnik-Schachschule wach. Während viele seiner Zeitgenossen Michail Moisejewitsch als sehr eigenwilligen Mann in Erinnerung behalten haben, der mit vielen anderen Spielern im Streit lebte, sieht sein Neffe ihn rückblickend als starken, aber gütigen und weisen Mann. Dagobert Kohlmeyer führte ein Interview mit Igor Botviinik. Mehr...

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"Er war stark, gütig und weise“
Igor Botwinnik über seinen Onkel, den 6. Schachweltmeister
Von Dagobert Kohlmeyer

Michail Botwinnik war einer der legendärsten Weltmeister. Als Champion trug der Russe 15 Jahre lang (mit zwei Unterbrechungen) die Krone, als Doktor der technischen Wissenschaften arbeitete er viele Jahre daran, einen „künstlichen“ Schachspieler zu schaffen. Über das Können von „Fritz“ würde der Übervater des sowjetischen Schachs heute sicher staunen. Seinen wohl wertvollsten Beitrag leistete er als Schachpädagoge. In Botwinniks berühmter Moskauer Schule studierten u.a. die späteren Weltmeister Karpow, Kasparow und Kramnik.  



Igor Botwinnik, ein Neffe des 6. Schachweltmeisters, verwaltet heute das Erbe seines prominenten Onkels. Dagobert Kohlmeyer sprach in Bonn am Rande des Matchs Kramnik – Deep Fritz mit dem 56-jährigen Moskauer über Rolle und Eigenarten des „Patriarchen“ sowie über eine Lücke in der Schachliteratur.

Igor, klärst du uns bitte über euer Verwandtschaftsverhältnis auf?

Mein Vater Juli Botwinnik war ein Cousin Botwinniks. Unsere Familie lebte in Minsk. Kurioserweise hat mein Vater am 11. November Geburtstag wie Capablanca. Er  spielte viermal in der weißrussischen Schachmeisterschaft.

Ich habe noch einen Bruder. Alexej ist 50 und lebt seit acht Jahren in Köln (siehe auf dem Foto links mit Igor Botwinnik, André Schulz und Frederic Friedel). Ich wohne mit meiner Familie in Moskau. Dort verwalte ich das Erbe meines Onkels. 

Wie viele Jahre hast du mit Michail Botwinnik zusammengearbeitet?

Insgesamt elf Jahre. Es waren die letzten seines Lebens. Heute bin ich Direktor des Botwinnik-Fonds. Vor allem beschäftige ich mich damit, sein Vermächtnis zu bewahren. Viele Dokumente, darunter wichtige Manuskripte oder Briefe von ihm, müssen gesichtet und erhalten werden. Und wir geben neue Bücher über sein Schaffen heraus, auch in Deutscher Sprache.

Gibst du auch Schachunterricht?

Ja, ich betreibe eine kleine Schachschule, die den Namen Michail Moisejewitschs trägt. Ich habe langjährige Erfahrungen damit. Meine Spezialität ist Schachtrainer. Schon seit 1969 arbeite ich mit Kindern zusammen. Das tue ich sehr gern. Damit begann ich bereits in Weißrussland. In Moskau bin ich jetzt mehr als 22 Jahre. Ich assistierte meinem Onkel in seiner Schule, als dort z. B. Wladimir Kramnik, Wladimir Akopjan, Alexej Schirow und andere Stars von heute den Unterricht besuchten.

Wie lange existiert der Fond schon, und wie finanziert er sich?

Der Botwinnik-Fond existiert jetzt zehn Jahre. Wir sind gemeinnützig, ich bekomme für meine Arbeit kein Geld. Alle Einnahmen von uns stecken wir in die Herausgabe von Büchern, die mit Botwinniks Schaffen zu tun haben. In Russisch haben wir schon zehn Bücher veröffentlicht. Übersetzungen in verschiedene Sprachen sind geplant oder schon erfolgt. Vor kurzem ist in Deutsch ein Buch über das WM-Match Botwinik-Petrosjan 1963 erschienen.

Was kann man darin an Neuem entdecken?

Nach einem Vorwort von Karpow folgen die 22 Partien des Duells. Bisher gab es noch kein Buch mit allen kommentierten Partien des WM-Kampfes 1963. Es füllt also eine Lücke in der Schachliteratur. Die Kommentare sind mit Anmerkungen beider Spieler versehen. Fünf Partien hat Wladimir Akopjan glossiert. Es gibt einen Essay des Siegers Petrosjan und einen Artikel Botwinniks „Warum ich das Match verlor“. Am Ende findet der Leser interessante Aufzeichnungen meines Onkels aus seinem letzten schachlichen Notizbuch. Sie geben interessante Aufschlüsse über seine Denk- und Arbeitsweise.

 

Michail Botwinnik, Igor Botwinnik (Herausgeber)
Botwinnik - Petrosjan

Schach-WM 1963 in Moskau
150 Seiten,
Preis: 19.90 Euro
TECHALBO
Ziegeleiweg 18
51149 Köln

Wo findet man den Botwinnik-Fond in Moskau?

Unsere Räume befinden sich im zentralen Schachklub auf dem Gogol-Boulevard. Wir sitzen in der dritten Etage. Es ist das gleiche Stockwerk, wo auch die „Schachrundschau 64“ von Alexander Roschal ihre Redaktion hat. Wir erhielten die Zimmer kostenlos, weil wir gemeinnützig arbeiten.

Was unterscheidet euch von anderen Moskauer Schachschulen?

Wir haben z. B. ein besonderes Projekt, für das wir auch Spendengelder bekommen. Es ist Schachunterricht für Kinder mit Hyperaktivität. Jedes Volk hat fünf Prozent solcher Kinder, die an diesem Syndrom leiden. Wir helfen ihnen mit Schach, ruhiger zu werden und sich besser konzentrieren zu können. Es ist nachgewiesen, dass unser Spiel den hyperaktiven Sprösslingen helfen kann. Wenn wir noch mehr Geld zusammen haben, stellen wir einen Schachlehrer speziell für diese Kinder ein.

Wie viele Schüler betreut ihr?

Wir haben derzeit etwa 30 Schüler. Sie kommen nach der Schule zu uns und erhaltern dann Schachlektionen. Dauer und Umfang richten sich nach dem Alter. Die Kleinen lernen 1,5 Stunden und kommen zweimal in der Woche, die Großen sind zwei Stunden hier, sie kommen dreimal in der Woche.

Gibt es in der Botwinnik-Dynastie weitere Schach-Begabungen?

Ich habe einen Sohn von 14 Jahren. Er heißt übrigens wie sein Großonkel Michail Botwinnik und spielt natürlich auch Schach. Bis zur Leistungsklasse 1 hat er es gebracht, aber ihn interessieren noch so viele andere Dinge. Es kamen andere Ablenkungen, und er hat erstmal mit dem aktiven Spielen aufgehört.

Dein Onkel war ein besonderer Mensch. Wie hast du ihn erlebt?

Viele sagen, dass er einen schwierigen Charakter hatte. Ich weiß nicht, warum. Selbst würde ich es so formulieren: Er war prinzipienfest und hatte einen eisernen Willen. Probleme bekam er vor allem mit Leuten, die nicht richtig arbeiteten, ihn hinters Licht führen oder betrügen wollten. Also Menschen, die nicht ihre Versprechen hielten und einfach ihr Wort brachen. Ich habe in all den Jahren, wo wir zusammen arbeiteten, nie eine Auseinandersetzung mit ihm gehabt.

Vielleicht, weil du einen weichen Charakter hast?

Das kann sein. Trotz all seiner Eigenarten bleibt mein Onkel in meiner Erinnerung als ein gütiger Mensch.

War er nicht etwas intolerant?

Nun, er war eine große Figur, das steht außer Frage. Zugespitzt könnte man sagen: Für ihn gab es immer nur zwei Meinungen, seine eigene und eine falsche. Dank seines großen Verstandes galt er als weiser Mann. Und er nahm deshalb für sich in Anspruch, eine sehr feste eigene Meinung zu haben.

Mit wem aus der Schachszene hatte dein Onkel zum Beispiel Konflikte?

Mit einigen. Keine Probleme hatte Botwinnik mit Tal (die hatte niemand), mit Smyslow hatte er nach früheren Querelen zuletzt ein gutes Verhältnis. Mit Petrosjan gab es allerdings einen großen Zwist. Ich habe einen handgeschriebenen Brief von Botwinnik, der von Ende 1962 datiert. Er war an den damaligen FIDE-Präsidenten Rogard gerichtet, als die Verhandlungen vor dem WM-Match 1963 in Moskau in einer Sackgasse steckten. Botwinnik schreibt darin, dass Petrosjan seinen Standpunkt geändert habe. Für ihn war so etwas unmöglich.

Worum ging es genau?

Sie konnten sich nicht über den Zeitraum ihres Weltmeisterschafts-Duells einigen, obwohl es nur um wenige Wochen ging. Die FIDE hat dann entschieden, und sie begannen im März zu spielen, wie es üblich war. Etwas später vielleicht, aber nicht sehr viel.

Warum wollte Botwinnik nicht im April anfangen?

Er hatte natürlich viele Erfahrungen mit solchen Matches. Wenn der Zweikampf bis Juni geht, dann ist es in Moskau schon sehr warm. Aber wenn es heiß war, konnte Botwinnik nicht spielen. Er wollte einfach gute klimatische Bedingungen haben. Das steht übrigens auch in den FIDE-Regularien. Aber nicht immer wurde es bei den Austragungsorten beachtet.

 

Wie war Botwinniks Verhältnis zu seinen beiden berühmtesten Schülern? 

Mit Garri Kasparow war er am Ende zerstritten, sie haben sich vor seinem Tode nicht mehr versöhnt. Kasparow kam im Mai 1995 auch nicht zu Botwinniks Urnenbeisetzung. Anatoli Karpow gehörte zu denen, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Im Übrigen wollte mein Onkel nicht, dass zu seiner Beerdigung große Umstände gemacht wurden. Er wünschte kein prunkvolles Begräbnis. Es sollten nicht viele Trauergäste kommen, nur der engste Familienkreis. Er verzichtete auf Blumen usw.  

Wie verhielt sich die Sache mit Grigori Löwenfisch, der 1937 sowjetischer Landesmeister war? Bis heute wird kolportiert, Botwinnik soll dafür gesorgt haben, dass er nicht am AVRO-Turnier 1938 teilnehmen konnte. Kannst du das etwas aufklären?

Es ist eine alte Geschichte. Im Jahre 1989 hielt Botwinnik einen Vortrag in Leningrad. Ich begleitete meinem Onkel dorthin, und wir wohnten in einem Zimmer im Hotel „Moskwa. Nach der Veranstaltung kam ein alter Schachfreund, ein Leningrader Meister und Trainer zu mir, und erzählte die gleiche Story. Er bat mich darum, Michail Moisejewitsch zu fragen, wie es wirklich war. Er selbst wollte es nicht tun, um ihn nicht zu kränken.

Du aber hast es getan?

Ja. Ich wartete nicht lange damit und fragte ihn abends vor dem Schlafengehen.

Die Frage gefiel ihm nicht besonders, aber er antwortete, dass es sich anders verhalten hat. Löwenfisch beschwerte sich darüber, dass er nicht zum AVRO-Turnier entsandt wurde, aber er (Botwinnik) hatte eine persönliche Einladung nach Holland.

Und dein Onkel hatte natürlich seine ganz eigene Sicht…

Für ihn war alles einfach und logisch: „Dort findet ein Turnier statt. Acht Leute sind eingeladen; der Weltmeister und die nächsten potentiellen Herausforderer. Aber wer ist Löwenfisch? Der UdSSR-Meister, gut. Aber hat er sein Match gegen Botwinnik gewonnen? Nein, sie spielten remis (1937 – D.K.). Doch Löwenfisch möchte dort starten. Aber Botwinnik hat eine persönliche Einladung. Wer war interessanter für die Veranstalter? Der alte Löwenfisch oder Botwinnik, der aufgehende Stern und mögliche Herausforderer Aljechins“. So antwortete mir mein Onkel. Die Löwenfisch-Version ist eine Legende, die sich lange gehalten hat und in Schachkreisen gern erzählt wird.

(Anmerkung des Autors: Im besagten AVRO-Turnier von 1938 spielte Botwinnik seine berühmte Partie gegen Capablanca, die zu den größten Kunstwerken des Schachs gehört.)

 

M. Botwinnik – J. R. Capablanca

AVRO-Turnier 1938

 

30. La3!! Einer der schönsten Züge der Schachgeschichte. 30...Dxa3 31.Sh5+! gxh5 32.Dg5+ Kf8 33.Dxf6+ Kg8 34.e7 Dc1+ 35.Kf2 Dc2+ 36.Kg3 Dd3+ 37.Kh4 De4+ 38.Kxh5 De2+ Der Damentausch hilft Schwarz nicht weiter: 38...Dg6+ 39.Dxg6+ hxg6+ 40.Kxg6, und der Bauer wird zur Dame oder zu einem Turm um und setzt dabei matt. 39.Kh4 De4+ 40.g4 De1+ 41.Kh5 1-0

Noch einmal zu Botwinniks Eigenschaften. Welche waren besonders typisch für ihn?

Er war äußerst willensstark und liebte am meisten seine Arbeit. Sie war das Wichtigste für ihn. Ich erzähle ein markantes Beispiel: Botwinnik hatte einen Programmierer. Einmal kam dieser nicht pünktlich um 9 Uhr zur Arbeit in der Akademie der Wissenschaften. Heute ist das normal bei dem dichten Verkehr in Moskau (wir haben täglich unglaubliche Staus). Es stellte sich heraus, dass sein Kind krank geworden war. Botwinnik war empört. Wenn man ein Kind zum Arzt bringt und die Sache ist nicht lebensgefährlich, warum müssen es dann Mutter und Vater tun? So etwas verstand er nicht. Er war anders erzogen worden. Erst kam die Arbeit, dann alles andere.

Was für positive Seiten hatte er?

Er war ein guter Freund. Mit dem Alter wurde er auch weicher. Wenn er jemandem gewogen war, konnte er alles für ihn tun. Wir hatten einen großen Altersunterschied, uns trennen fast 40 Jahre. Dennoch hatten wir ein freundschaftliches Verhältnis. Und Botwinnik war hilfsbreit. Einmal ging es mir sehr schlecht. Ich hatte eine Nierenkolik. und konnte vor Schmerzen nicht sprechen. Schnell organisierte er über Karpow ein Auto, sprach mit dem Krankenhaus und fand jemanden, der mich dorthin begleitete. Mehr noch, er kam selbst mit! Als 82-jähriger Pensionär (der nicht zur Arbeit musste!) im Stau und bei großer Hitze. Er gab erst Ruhe, als ich in den Händen der Ärzte war.

 


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