Interview mit Israels Teamchef Almog Burstein

03.12.2008 – Das am meisten begeisternde Element jedes großen internationalen Sportereignisses und im Besonderen der Schacholympiade ist das bunte und friedliche Zusammentreffen der verschiedenen Kulturen und ihrer Menschen. Mitunter wird der Sport jedoch von der Politik missbraucht. So wurden auch schon richtige Olympiaden aus politischen Gründen boykottiert und im Schach kam es mehrmals zu Boykotts im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt. Der Schacholympiade Haifa 1976 blieben die arabischen Mannschaften fern. Nach Dubai wurde das israelische Team 1986 nicht eingeladen. Auch bei der Weltmeisterschaft 2004 in Libyen waren die jüdischen Spieler nicht willkommen. Dr. René Gralla sprach mit dem israelischem Teamchef Almog Burstein über den überraschenden Erfolg der israelischen Mannschaft, die in Dresden Silber gewann, über Ressentiments und den Aufschwung des Schachs in Israel. Interview in Neues Deutschland...Nachdruck...

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Das Interview erschien in

 

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung






Hoffnung auf eine friedliche Welt

Anfangs haben die Spieler aus Israel nicht zu den Topfavoriten gehört. Doch im Schlussspurt der Dresdner Olympiade konnte das Team um seinen erfahrenen Frontmann, den Supergroßmeister Boris Gelfand (40),  doch noch die Silbermedaille gewinnen. Mit Israels Teamchef ALMOG BURSTEIN (58) spricht der Autor DR. RENÉ GRALLA im Interview für die Tageszeitung "Neues Deutschland" über die spannende Schachszene zwischen Tel Aviv, Jerusalem und Negev. Und über die Schatten einer unseligen Vergangenheit, die allmählich der Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden weichen.

DR. RENÉ GRALLA: Israel mischte bei der Olympiade unter den ganz Großen mit. Hatten Sie damit gerechnet?

ALMOG BURSTEIN: Ich war positiv überrascht, aber auch nicht völlig überrascht. Wir haben eine junge Mannschaft mit ehrgeizigen Spielern. Und außerdem gehört zu unserem Team natürlich Boris Gelfand, der bei der WM 2007 in Mexiko den dritten Platz belegt hat.

DR. R.GRALLA: Lange träumten auch die Deutschen, vorne weg der 23-jährige Arkadij Naiditsch an Brett 1, von Edelmetall, bis sie von Israel gestoppt und 1,5:2,5 abgestraft wurden. Waren die Gastgeber zu schwach für die Olympiade?

BURSTEIN: Nein, die Deutschen haben doch in den ersten Runden gut gespielt. Wir sind eben bloß an diesem Tag stärker gewesen.

DR. R.GRALLA: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen im Reich, die Nazis gingen zum offenen Terror gegen die jüdische Bevölkerung über. Welche Gedanken haben Sie bewegt, 70 Jahre später Ihre Nation Israel in Deutschland bei einer Schacholympiade zu vertreten?

BURSTEIN: Ich denke, wir dürfen wirklich Hoffnung haben. Stellen Sie sich das vor: 70 Jahre nach der sogenannten "Reichskristallnacht" treten wir Israelis hier gegen ein deutsches Team an, und das auch noch in Dresden! Das macht Hoffnung, dass es irgendwann vielleicht auf der ganzen Welt friedlicher wird.

DR. R.GRALLA: Haben Sie auch in der Mannschaft darüber gesprochen?

BURSTEIN: Natürlich. Außer Boris Gelfand und mir sind das allerdings sehr junge Spieler, und für sie liegt das Thema doch schon weit weg in der Vergangenheit. Trotzdem haben sie aufmerksam zugehört, um zu verstehen, wie ich fühle.

DR. R.GRALLA: Auf jeden Fall haben Sie durch Ihre Präsenz in Dresden die Opfer des Holocaust geehrt.

BURSTEIN: Ich stimme Ihnen zu.

DR. R.GRALLA: In Deutschland wird aktuell wieder über Antisemitismus und den notwendigen Kampf dagegen diskutiert. Sind Sie mit offenem oder verstecktem Antisemitismus konfrontiert worden?

BURSTEIN: Überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Menschen sind mir immer äußerst freundlich und voller Sympathie begegnet.

DR. R.GRALLA: Eine weitere Besonderheit zeichnete die Weltspiele des Denksports in Dresden aus. Frühere Olympiaden sind überschattet gewesen von Boykotten. Der Olympiade in Haifa 1976 blieben die arabischen Länder sowie der gesamte Ostblock fern. Nach Dubai 1986 wurde Israel demonstrativ und ausdrücklich nicht eingeladen. Ganz anders Dresden 2008: kein Boykott, sondern ein Teilnehmerrekord.

BURSTEIN: Ich denke, das ist eine Wendemarke. Sicher gibt es noch einige Mannschaften, die nicht so gern gegen uns spielen. Nach 27 Jahren sind wir in Dresden zum zweiten Mal auf die Auswahl Ägyptens getroffen, und obwohl es seit vielen Jahren friedliche Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern gibt, lag doch eine gewisse Spannung in der Luft.

DR. R.GRALLA: Zumal Ihnen die Ägypter unterlagen, mit 1,5:2,5 Punkten. Wie war die Stimmung, als Ihr Team den Ägyptern gegenübersaß?

BURSTEIN: Auf das persönliche Verhältnis der Spieler zueinander haben die politischen Gegensätze keinen Einfluss. Wir sind alles Sportsleute, am Brett gibt es nur den Konkurrenzkampf um Punktgewinn oder Verlust. Im zwischenmenschlichen Verhältnis kommen wir mit den arabischen Spielern sehr gut aus, da gibt es überhaupt keine Probleme. Ich habe Freunde sogar in der iranischen Delegation.

DR. R.GRALLA: Die hervorragende Performance der Israelis in Dresden ist sichtbarer Ausdruck der im jüdischen Volk tief verwurzelten Schachkultur ...

BURSTEIN: ... richtig, denken Sie an die Weltmeister Wilhelm Steinitz und Emanuel Lasker, aber auch an den Endspielkünstler Akiba Rubinstein.

DR. R.GRALLA: An diese große Tradition wird im modernen Israel angeknüpft. Allein in Be'er Schewa, der Hauptstadt des Negev, leben acht Großmeister. Daher rühmt sich die City in der Wüste, nach Islands Reykjavik, das einen GM pro 14.000 Einwohner meldet, weltweit die zweitgrößte Dichte an Großmeistern aufzuweisen, mit einem GM pro 25.000 Einwohner. Wie ist es zum Schachboom an diesem Ort gekommen, der übersetzt "Brunnen der Sieben" heißt?

BURSTEIN: Das Verdienst gebührt Eliahu Levant, der 1972 aus St. Petersburg nach Israel eingewandert ist. Er baute von Null den Schachklub Be'er Schewa auf. Im Gefolge der Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion während der 90-er Jahre siedelten sich viele starke Schachspieler in der Gegend an und haben den Ruf von Be'er Schewa begründet. Jedes Jahr lädt die Stadt zu einem internationalen Turnier, meist im September.

DR. R.GRALLA: Wenn ich als Schachliebhaber aus Deutschland nach Be'er Schewa reise, werde ich dort Spielpartner finden?  

BURSTEIN: Aber selbstverständlich! Der Ehrlichkeit muss man freilich einräumen, das Be'er Schewa nicht das klassische touristische Ziel ist, aber Sie finden dort eine Reihe guter Hotels für einen angenehmen Aufenthalt.

DR. R.GRALLA: Spektakulär war das diesjährige Schachfestival in Jerusalem vom 29. zum 31. Juli, mit einem Open-Air-Turnier um Mitternacht vor den angestrahlten Mauern der Altstadt. Dürfen sich die Fans auf eine Fortsetzung freuen?

BURSTEIN: Das Event wandert 2009 weiter nach Tel Aviv, als "Weiße Nächte" und wahrscheinlich wieder im Juli. 

DR. R.GRALLA: Strand und Schach und Party auf Tel Avivs legendärer Piste ...

BURSTEIN: ...  so ist es!   

DR. R.GRALLA: Zurück zur Olympiade 2008: Ihr Urteil über Dresden?

BURSTEIN: Phantastisch! Dies ist meine 19. Olympiade, zum ersten Mal war ich 1972 dabei in Skopje, dem heutigen Mazedonien, das damals zu Jugoslawien gehört hat. Dresden ist eine der besten Olympiaden, die ich jemals erlebt habe, ausgezeichnet organisiert, mit einer wunderbaren Atmosphäre.


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