Interview mit Kirsan Ilyumzhinov

01.12.2006 – Kirsan Ilyumzhinov war einer der Ehrengäste bei der Eröffnung des Mensch-Maschine Wettkampfes in Bonn. Ilyumshinov beteiligte sich am Bankett und sprach auch bei der Eröffnung vor der ersten Partie. Sechs Milliarden Menschen würden Kramnik die Daumen drücken. Am Rande des Wettkampfes gab es für Dagobert Kohlmeyer Gelegenheit mit dem FIDE-Präsident zu sprechen. Ilyumzhinov nahm Stellung zu den Ereignissen in Elista und gab einen Ausblick auf den kommenden Weltmeisterzyklus. Das WM-Turnier in Mexiko soll wie geplant stattfinden. Danach spielt der Sieger gegen den Sieger des kommenden World-Cups von Khanty-Mansiysk. Nach Mexiko wolle die FIDE zum früheren WM-Matchsystem zurückkehren. Mehr...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Über Computer, flatternde Nerven und das WM-System
Interview mit Kirsan Iljumschinow

Von Dagobert Kohlmeyer

Prominentester Gast zu Beginn des Duells Kramnik - Deep Fritz in Bonn war neben Bundesminister Peer Steinbrück FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. Der kalmückische Staatsmann sprach auf dem Bankett am Vorabend des Matchs und vor der Auftaktpartie in der Bundeskunsthalle. Während Kramnik und Deep Fritz ihr erstes Spiel absolvierten, hatte Dagobert Kohlmeyer Gelegenheit zum Interview mit dem 44-jährigen Iljumschinow.

Willkommen in Bonn, Herr Präsident! Wie sind Ihre Eindrücke nach den ersten Zügen?

Ich beglückwünsche ganz Deutschland zu diesem schachlichen Großereignis, das hier auch durch die Politik und Wirtschaft enorme Aufmerksamkeit erfährt. Das Duell in Bonn wird viel zur Popularisierung des Schachs beitragen.

Was ist für Sie das Besondere an dem Event?

Wenn ein berühmter Mensch gegen einen Computer kämpft, dann steht die ganze Erdbevölkerung hinter ihm. Als Kramnik gegen Topalow spielte, waren die Sympathien geteilt. Die einen waren für Wladimir, die anderen für seinen Gegner. Jetzt drücken wahrscheinlich Milliarden Menschen Kramnik die Daumen. Das heißt, er ist nicht allein.

Ihr Landsmann hat vor eineinhalb Monaten das schwere WM-Match in Elista gewonnen. Setzen Sie in Bonn ebenfalls auf ihn?

Als FIDE-Präsident bin ich diesmal nicht neutral, sondern für den Menschen. Ich hoffe, dass Wladimir sich auch gegen den Computer achtbar schlägt. Natürlich weiß ich, wie schwer das ist. Aber es ist eine prinzipielle Frage, wer die Oberhand behält: der Mensch oder die Maschine?

Was tippen Sie, wer gewinnt?

Der Computer ist unglaublich stark, das beeinflusst auch meine Prognose: Die Chancen stehen etwa 60:40 für Fritz.

Sie sind hier nicht zum ersten Mal bei einem Computermatch.

Anfang 2003 organisierte die FIDE in New York das Duell Kasparow – Deep Junior. Sie spielten auch sechs Partien, und es endete 3:3. Deshalb habe ich schon Erfahrungen mit der Durchführung solcher Veranstaltungen.

Spielen Sie selbst gern gegen den Computer, und haben Sie vielleicht eine Fritz-Version zu Hause?

Nein, habe ich nicht.

Dann sollten die ChessBase-Leute Ihnen ihre neue CD schenken!

Ich spiele in meiner freien Zeit lieber gegen Menschen.

Noch einmal zur WM in Elista. Das Match brachte einen Sieger hervor und damit die Vereinigung der Schachwelt. Aber es gab unschöne Begleitumstände. In einem Moment drohte alles in die Toilette zu fallen… und Sie waren in Sotschi. Was haben Sie da gedacht?

Er war eine heikle Situation. Aber in Elista spielten Menschen und keine Computer. Sie haben Emotionen, ihre Nerven flattern, und manchmal gehen sie auch mit ihnen durch. Da gibt es einen Verdacht, einer verdächtigt den anderen, und plötzlich ist es wie im Krieg. Die Hauptsache aber war, dass das Match zu Ende ging und einen Sieger brachte, dass die FIDE und die Schachwelt jetzt nur einen einzigen Champion haben.

Einen Augenblick noch. Ich wüsste zu gern, was Präsident Putin Ihnen auf der Konferenz in Sotschi zu diesem Vorfall gesagt hat?

Ich hatte gerade über neue Projekte in Kalmückien referiert, als er mich beiseite nahm und sagte: „Dort spielen die beiden klügsten Menschen der Welt und können sich nicht über die Toilette einigen. Bringen Sie die Sache sofort in Ordnung!“ Ich flog rasch nach Elista zurück, traf mich noch in der Nacht mit beiden Teams, verhandelte drei Tage und Nächte lang mit ihnen, um das Match zu retten.

War es eine gute Idee von Topalows Manager Danailow, Kramnik Betrugsabsichten zu unterstellen?

Jeder Skandal ist schlecht und schadet dem Schach. Aber ich kann mich an viele andere Weltmeisterschaften erinnern, wo es auch große Konflikte gab: zwischen Fischer und Spasski 1972, zwischen Karpow und Kortschnoi 1978, danach zwischen Karpow und Kasparow. Kurioserweise hat die Affäre von Elista aber auch diejenigen Leute auf Schach aufmerksam gemacht, die sich sonst nicht für unser Spiel interessieren. Das war kurzeitig ein positiver Effekt.

Auch zwei Monate nach dem Match hört Danailow noch immer nicht mit seinen Beschuldigungen auf. Eine Schachzeitung veröffentlichte gerade dubiose Fotos des Bulgaren, die angebliche Computerkabel in Kramniks Toilettendecke zeigen. Welche Beweiskraft haben sie?

Keine. Nicht die geringste. Durch jede Decke gehen viele Kabel. Ich unterstützte diese haltlosen Vorwürfe nicht.

Lassen wir nun die unsägliche Geschichte und schauen in die Zukunft. Viel spannender ist doch die Frage, wie es im nächsten WM-Zyklus weitergeht.

Wir veranstalten im Frühjahr die WM-Kandidatenmatches in Elista. Sie beginnen am 25. Mai.

Wieder einmal wird so ein wichtiges Turnier bei Ihnen in der Steppe sein. Haben sich keine anderen Ausrichter gefunden?

Nein, leider nicht.

Schwer zu glauben, dass es keine Sponsoren in Israel für Boris Gelfand gibt, keine in Norwegen für den Nationalhelden Magnus Carlsen und keine in England für Michal Adams, um nur drei Beispiele zu nennen!

Nein, es ist so, wie ich sage. Auch für Peter Leko haben wir in Ungarn keine Geldgeber gefunden.

Ein großer Teil der Schachwelt ist der Meinung, dass Wladimir Kramnik im WM-Turnier von Mexiko nicht spielen und als Weltmeister lieber auf den Sieger von dort warten sollte. Können Sie sich vorstellen, Topalow in Mexiko an Kramniks Stelle starten zu lassen?

Nein, nein. Es gibt Verträge, er hat sie auch unterschrieben. In Mexiko spielen Kramnik, Anand, Swidler und Morosewitsch. Zu ihnen gesellen sich die vier Sieger der Kandidatenkämpfe von Elista. Der Champion von Mexiko spielt dann um die Schachkrone gegen den Sieger des nächsten Weltcups, der wieder im sibirischen Khanty-Mansisk stattfindet.

Wir sind ja von der FIDE viele Kehrtwendungen und Änderungen gewöhnt. Wie viele wird es künftig noch geben?

Nach Mexiko wollen wir dann zum früheren WM-Matchsystem zurückkehren.

Danke für das Gespräch!

 

 

 


Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren