Über
Computer, flatternde Nerven und das WM-System
Interview mit Kirsan Iljumschinow
Von Dagobert Kohlmeyer
Prominentester Gast zu Beginn des Duells Kramnik - Deep Fritz in Bonn war neben
Bundesminister Peer Steinbrück FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow. Der
kalmückische Staatsmann sprach auf dem Bankett am Vorabend des Matchs und vor
der Auftaktpartie in der Bundeskunsthalle. Während Kramnik und Deep Fritz ihr
erstes Spiel absolvierten, hatte Dagobert Kohlmeyer Gelegenheit zum Interview
mit dem 44-jährigen Iljumschinow.

Willkommen in Bonn, Herr Präsident! Wie sind Ihre Eindrücke nach den ersten
Zügen?
Ich
beglückwünsche ganz Deutschland zu diesem schachlichen Großereignis, das hier
auch durch die Politik und Wirtschaft enorme Aufmerksamkeit erfährt. Das Duell
in Bonn wird viel zur Popularisierung des Schachs beitragen.
Was ist
für Sie das Besondere an dem Event?
Wenn ein
berühmter Mensch gegen einen Computer kämpft, dann steht die ganze
Erdbevölkerung hinter ihm. Als Kramnik gegen Topalow spielte, waren die
Sympathien geteilt. Die einen waren für Wladimir, die anderen für seinen Gegner.
Jetzt drücken wahrscheinlich Milliarden Menschen Kramnik die Daumen. Das heißt,
er ist nicht allein.
Ihr
Landsmann hat vor eineinhalb Monaten das schwere WM-Match in Elista gewonnen.
Setzen Sie in Bonn ebenfalls auf ihn?
Als
FIDE-Präsident bin ich diesmal nicht neutral, sondern für den Menschen. Ich
hoffe, dass Wladimir sich auch gegen den Computer achtbar schlägt. Natürlich
weiß ich, wie schwer das ist. Aber es ist eine prinzipielle Frage, wer die
Oberhand behält: der Mensch oder die Maschine?

Was
tippen Sie, wer gewinnt?
Der Computer
ist unglaublich stark, das beeinflusst auch meine Prognose: Die Chancen stehen
etwa 60:40 für Fritz.
Sie sind
hier nicht zum ersten Mal bei einem Computermatch.
Anfang 2003
organisierte die FIDE in New York das Duell Kasparow – Deep Junior. Sie spielten
auch sechs Partien, und es endete 3:3. Deshalb habe ich schon Erfahrungen mit
der Durchführung solcher Veranstaltungen.
Spielen
Sie selbst gern gegen den Computer, und haben Sie vielleicht eine Fritz-Version
zu Hause?
Nein, habe
ich nicht.
Dann
sollten die ChessBase-Leute Ihnen ihre neue CD schenken!
Ich spiele
in meiner freien Zeit lieber gegen Menschen.
Noch
einmal zur WM in Elista. Das Match brachte einen Sieger hervor und damit die
Vereinigung der Schachwelt. Aber es gab unschöne Begleitumstände. In einem
Moment drohte alles in die Toilette zu fallen… und Sie waren in Sotschi. Was
haben Sie da gedacht?
Er war eine
heikle Situation. Aber in Elista spielten Menschen und keine Computer. Sie haben
Emotionen, ihre Nerven flattern, und manchmal gehen sie auch mit ihnen durch. Da
gibt es einen Verdacht, einer verdächtigt den anderen, und plötzlich ist es wie
im Krieg. Die Hauptsache aber war, dass das Match zu Ende ging und einen Sieger
brachte, dass die FIDE und die Schachwelt jetzt nur einen einzigen Champion
haben.
Einen
Augenblick noch. Ich wüsste zu gern, was Präsident Putin Ihnen auf der Konferenz
in Sotschi zu diesem Vorfall gesagt hat?
Ich hatte
gerade über neue Projekte in Kalmückien referiert, als er mich beiseite nahm und
sagte: „Dort spielen die beiden klügsten Menschen der Welt und können sich nicht
über die Toilette einigen. Bringen Sie die Sache sofort in Ordnung!“ Ich flog
rasch nach Elista zurück, traf mich noch in der Nacht mit beiden Teams,
verhandelte drei Tage und Nächte lang mit ihnen, um das Match zu retten.

War es
eine gute Idee von Topalows Manager Danailow, Kramnik Betrugsabsichten zu
unterstellen?
Jeder
Skandal ist schlecht und schadet dem Schach. Aber ich kann mich an viele andere
Weltmeisterschaften erinnern, wo es auch große Konflikte gab: zwischen Fischer
und Spasski 1972, zwischen Karpow und Kortschnoi 1978, danach zwischen Karpow
und Kasparow. Kurioserweise hat die Affäre von Elista aber auch diejenigen Leute
auf Schach aufmerksam gemacht, die sich sonst nicht für unser Spiel
interessieren. Das war kurzeitig ein positiver Effekt.
Auch zwei
Monate nach dem Match hört Danailow noch immer nicht mit seinen Beschuldigungen
auf. Eine Schachzeitung veröffentlichte gerade dubiose Fotos des Bulgaren, die
angebliche Computerkabel in Kramniks Toilettendecke zeigen. Welche Beweiskraft
haben sie?
Keine. Nicht
die geringste. Durch jede Decke gehen viele Kabel. Ich unterstützte diese
haltlosen Vorwürfe nicht.

Lassen
wir nun die unsägliche Geschichte und schauen in die Zukunft. Viel spannender
ist doch die Frage, wie es im nächsten WM-Zyklus weitergeht.
Wir
veranstalten im Frühjahr die WM-Kandidatenmatches in Elista. Sie beginnen am 25.
Mai.
Wieder
einmal wird so ein wichtiges Turnier bei Ihnen in der Steppe sein. Haben sich
keine anderen Ausrichter gefunden?
Nein, leider
nicht.

Schwer zu
glauben, dass es keine Sponsoren in Israel für Boris Gelfand gibt, keine in
Norwegen für den Nationalhelden Magnus Carlsen und keine in England für Michal
Adams, um nur drei Beispiele zu nennen!
Nein, es ist
so, wie ich sage. Auch für Peter Leko haben wir in Ungarn keine Geldgeber
gefunden.

Ein
großer Teil der Schachwelt ist der Meinung, dass Wladimir Kramnik im WM-Turnier
von Mexiko nicht spielen und als Weltmeister lieber auf den Sieger von dort
warten sollte. Können Sie sich vorstellen, Topalow in Mexiko an Kramniks Stelle
starten zu lassen?
Nein, nein.
Es gibt Verträge, er hat sie auch unterschrieben. In Mexiko spielen Kramnik,
Anand, Swidler und Morosewitsch. Zu ihnen gesellen sich die vier Sieger der
Kandidatenkämpfe von Elista. Der Champion von Mexiko spielt dann um die
Schachkrone gegen den Sieger des nächsten Weltcups, der wieder im sibirischen
Khanty-Mansisk stattfindet.
Wir sind
ja von der FIDE viele Kehrtwendungen und Änderungen gewöhnt. Wie viele wird es
künftig noch geben?
Nach Mexiko
wollen wir dann zum früheren WM-Matchsystem zurückkehren.
Danke für
das Gespräch!