Interview mit Manfred Olms

05.01.2005 – Mit den kürzlich erschienenen Büchern von Kasparov ("Meine großen Vorkämpfer") und Viktor Kortschnoj (Mein Leben für das Schach) hat Verleger Manfred Olms zwei aktuelle Bestseller im in seinem Verlagsprogramm. Im Angebot der Edition Olms befinden sich aber auch die Klassiker von Selenus (Das Schach- oder König-Spiel, 1616) und Hirschel  ( Das Schach des Herrn Gioachino Greco Calabrois und die Schachspiel-Geheimnisse des Arabers Philipp Stamma, 1784). Das folgende Interview erschien im letzten Dezember in Neues Deutschland. Wir veröffentlichen einen ungekürzten Nachdruck des Originaltexts mit einem Anhang, in dem Autor Dr.René Gralla nachweist, dass die Klassiker besonders für den normalen Clubspieler immer noch lehrreich sind. Eine Rezension zu Kortschnojs "Mein Leben und Werk" von Hartmut Metz erschien im Badischen Tagblatt (Nachdruck bei Rochade-Kuppenheim). Hartmut Metz über Kortschnojs Autobiographie... Interview mit Manfred Olms in Neues Deutschland...Verlegen wie Olms, spielen wie Greco...

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Das folgende Interview mit erschien am 11.12.2004 in gekürzter Form in Neues Deutschland. Nachdruck des Originals mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Interview mit Kasparow-Verleger Manfred Olms
"Garri Kasparow gleich der Diether Bohlen der Schachautoren? Vergleich ist ehrabschneidend!"
Von Dr. René Gralla

Schachverleger: Das klingt nach Klein-Klein für hochgradige Spezialisten, ungefähr so spannend wie die Herausgabe eines Briefmarken-Kataloges. Ein Vorurteil, das Manfred Olms gerade widerlegt: Der 54-jährige Chef der Edition Olms AG Zürich hat bereits mit den ersten drei Bänden der achtteiligen Reihe von Garri Kasparow, "Meine großen Vorkämpfer", einen regelrechten Bestseller lanciert. Über hunderttausend verkaufte Exemplare weltweit auf Deutsch und Englisch: Das sind Superzahlen in einem Nischenmarkt, für den eine Auflage von 3000 das übliche Mittelmaß darstellt. Über den Kasparow-Effekt hat der Autor Dr. René Gralla mit Manfred Olms gesprochen. Und gleichzeitig, noch rechtzeitig für das Weihnachtsshopping, Genaueres über zwei bibliophile Kostbarkeiten erfahren.

Sobald Ex-Weltmeister Garri Kasparow, die Nr. 1 im Denksport, irgendwo sein jüngstes Werk öffentlich signiert, drängen sich die Fans. Ist Kasparow der Diether Bohlen unter den Schachliteraten?

Wenn Sie nur den Rummel sehen, könnten Sie das beinahe sagen ...

... obwohl  das, was Kasparow  zu Papier bringt, selbstverständlich fundierter ist als das, was ein Diether Bohlen absondert ...

... deswegen ist auch der Vergleich mit Bohlen für Garri Kasparow geradezu ehrabschneidend!

Das Medieninteresse für Kasparow ist ein Quantensprung in der einschlägigen Fachpublizistik.

Garri Kasparow ist ein Sonderfall, er hat das größte Charisma unter allen Schachspielern. Er ist attraktiv, kann Menschen für sich gewinnen und so brillant formulieren, dass ihn auch Laien verstehen.

Insofern unterscheidet sich Kasparow wohltuend von vielen Meistern, die oft verschroben wirken.

Die Behauptung, Schachspieler seien verschroben, tut den Leuten aber Unrecht. Bei anderen Künstlern ist das Publikum doch auch toleranter ...

... Schach ist für Sie nicht nur bloß ein Spiel, sondern auch Kunst?!

Ganz bestimmt. Ich erinnere an Marcel Duchamp, einen der wichtigsten Maler im 20. Jahrhundert. Der hat Schach als kinetische Kunst definiert und gesagt: "Nicht jeder Künstler ist ein Schachspieler, aber jeder Schachspieler ist ein Künstler." Was nun die so genannten Macken der Aktiven angeht: Wenn ein Künstler und Musiker wie Pete Townsend von den "Who" seine Gitarren zertrümmert, dann bewundert man das.  Aber den Schachspielern wird viel weniger nachgesehen. Woran freilich die Betroffenen selber nicht ganz unschuldig sind, die unterstellen einander gerne auch allerlei Absonderlichkeiten. So wird einer unserer Autoren, der Großmeister Viktor Kortschnoj, nicht müde zu erzählen, dass ihm der frühere Weltmeister Tigran Petrosjan während eines Kandidatenturniers unter dem Tisch ans Schienbein getreten habe ...

... wie die kleinen Jungs ...

... wie auch immer. Aber das sind im Grunde doch Petitessen, die sich aus der Leidenschaft zum Spiel erklären. Viel wichtiger als solche emotionalen Kleinigkeiten ist der positive Effekt, den die möglichst frühzeitige Beschäftigung mit Schach gerade für die Ausbildung der intellektuellen Fähigkeiten bei Heranwachsenden hat. In diesem Zusammenhang möchte ich deswegen auf ein allgemeines Anliegen zu sprechen kommen, das Garri Kasparow als Vision mit seinem epochalen Werk "Meine großen Vorkämpfer" verbindet. Garri Kasparow wünscht sich nämlich, dass Schach überall auf der Welt Schulfach wird. Warum? In jüngster Zeit hat man einen aufschlussreichen Test gemacht an einer amerikanischen Schule. Dort hat die eine Hälfte einer Klasse zusätzlich Schach gelernt, nach Lehrplan, als richtiges Schulfach; und nach zwei bis drei Jahren hatten die Schach-Schüler gegenüber ihren Alterskameraden, die keinen Schachunterricht erhielten, durchgängig einen enormen Wissens- und Verständnisvorsprung erreicht in allen exakten Fächern ...

... also in Mathematik und Naturwissenschaften ...

... natürlich, und letzten Endes ist das ja auch logisch.

Dann könnte Schach in der endlosen PISA-Debatte eine überraschende Antwort geben?

So ist es. Daher wäre es schön gewesen, wenn man das Schulfach Schach aus der ehemaligen DDR in die Lehrpläne der Bundesrepublik übernommen hätte. In der DDR war das zwar kein Pflichtfach, Schachstunden wurden aber angeboten, und die meisten Kinder und Jugendlichen haben davon mit großem Gewinn für sich selber auch Gebrauch gemacht.

Die Edition Olms haben Sie 1978 gegründet. Ihre erste Publikation war ein Nachdruck des Klassikers von Gustavus Selenus, dem Pseudonym des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg, August der Jüngere: "Das Schach- oder König-Spiel", erstmals erschienen 1616 in Leipzig. Warum sucht sich ein junger hoffnungsvoller Verleger ausgerechnet den abseitigen Sektor Schach aus?

Ich habe da eine Marktnische entdeckt. Schachbücher werden häufiger nachgefragt, als Sie denken. Allein in Deutschland sind rund hunderttausend  Enthusiasten in Vereinen organisiert; 20 Millionen Menschen kennen wenigstens die Regeln. Das ist ein Potenzial, das viele Buchhändler unterschätzen.

Indiskrete Frage: Hat Sie das Schach schon zum Millionär gemacht?

Die Bäume wachsen nicht in den Himmel - aber wir kommen zurecht. Ansonsten zitiere ich immer gerne den großen Verleger Ernst Rowohlt, wenn es um die schwierige Grätsche zwischen Kunst und Kommerz geht: "Bei aller Liebe zum Buch muss ein Auge des Verlegers immer unverwandt ins Portemonnaie blicken ..."

Neben Schach gehören zur Edition Olms auch Graphik & Design sowie Musik, insbesondere Rock. Ein wilder Mix: Rocken Sie die Schachfiguren?!

(Lacht) Da brechen persönliche Interessen durch. Ich bin in den 60ern mit Rock groß geworden, meine Favoriten waren weniger die Beatles, eher die Kinks ...

... okay, dann passt das tatsächlich : damals die Kinks, heute Kasparow ...

... ja, die zwei großen "K" (lacht)!

Den Selenus, über zwei Jahrhunderte lang das wichtigste Schachbuch hierzulande, haben Sie heute noch im Angebot. Dazu die historische Abhandlung von Moses Hirschel  von 1784 über "Das Schach des Herrn Gioachino Greco Calabrois und die Schachspiel-Geheimnisse des Arabers Philipp Stamma":  Ist das nicht reichlich antiquiert für moderne Spieler?

Nein. Der Italiener Greco, Hauptthema bei Hirschel, hat viele Kombinationen erfunden - ich nenne exemplarisch das Läuferopfer auf h7 - , die sich auch heute noch zumindest in Amateurpartien regelmäßig wiederholen. Folglich kann jeder Anfänger von Greco lernen. Abgesehen von diesem durchaus praktischen Nutzen hat Hirschels Werk aber auch eine kulturhistorische Bedeutung: Es macht die Geschichte des Schachspiels, das zum geistigen Erbe der Menschheit gehört, erlebbar, indem die abgedruckten Partien und Kombinationen mit dem eigenen Figurensatz am Wohnzimmertisch nachgestellt werden können. Das führt zu vielen Aha-Effekten: "Ach so, das habe ich mir eben gerade ausgedacht - aber das hat schon der große Greco im 17. Jahrhundert vorausgedacht!" Da merkt der Leser, dass er sich als Individuum in die lange Generationenkette der Schachtheoretiker und -praktiker einreiht. Das ist eine Vorstellung, die beflügelt - und da verwundert es nicht, dass ein Garri Kasparow, der sich lange mit den Wurzeln des Schachs beschäftigt hat, diesen Gedanken in seiner Reihe "Meine großen Vorkämpfer" besonders herausarbeitet. Und seinerseits darlegt, dass sich in den unterschiedlichen Trends, wie die jeweiligen Meister zu verschiedenen Zeiten an Eröffnungen und konkrete Stellungsprobleme herangegangen sind, auch die jeweiligen historischen Epochen auf dem Brett widerspiegeln. Bis zum ersten Weltkrieg hatten die Deutschen großes Gewicht in Sachen Schach, zuvor waren das die Franzosen und Engländer gewesen. Anschließend dominierten die Sowjetrussen, und inzwischen beobachten wir den Aufstieg von China. Pekings Damen sind ja fast schon unschlagbar, und eigentlich warten wir nur noch auf die ersten männlichen Stars. Und das Verblüffende: Das läuft parallel zu Chinas  wachsendem Gewicht in der internationalen Politik.

Sollte man dann nicht demnächst ein Buch über den Vormarsch der Chinesen im Schach herausgeben?

Ja, es kann sein, dass die Zeit kommt, sich dem zu widmen. Der chinesische Markt soll dem Vernehmen nach sehr groß sein (lacht).

Sie selber spielen auch Schach?

Ja. Aber nur für den Hausgebrauch. 

Mit seiner aktuellen Bestsellerreihe knüpft Garri Kasparow an Bobby Fischers Bucherfolge in den 70er Jahren an. Da Fischer momentan im japanischen Internierungslager einsitzt, dürfte der genug Zeit zum Schreiben haben. Was halten Sie von dem Vorschlag, Bobby Fischer für die Edition Olms zu gewinnen?

Das wäre sicher spannend - einerseits. Andererseits ist aber anzunehmen, dass sich Fischer jetzt wohl kaum mit tiefgründigen Schachanalysen befassen würde. Zu erwarten wäre ein politisches Buch mit seinen bekannt fragwürdigen Thesen - und die passen einfach nicht zur Edition Olms.

Haben Sie gegen Ihren Star-Autor Kasparow schon eine Partie ausgetragen?

Nein, noch nicht. Vielleicht bei der nächsten Simultanveranstaltung.

Spielt Ihre Frau Schach?

Nein. Ich habe ihr mehrfach angeboten, Schach zu lernen, aber sie lehnt das ab. Dafür konnte ich unseren Sohn Georg motivieren. Sein erstes Schachbuch hat ihm Viktor Kortschnoj signiert, nun hat der Funke gezündet

Interview: Dr. René Gralla

 

Ganz cool bei Greco abkupfern ...

Das heutzutage fast schon standardmäßige Läuferopfer auf h7: Das hat Kasparow-Verleger Manfred Olms als ein Paradebeispiel dafür genannt, was auch der moderne Schachsportler aus dem 1784 erschienenen Klassiker von Moses Hirschel, "Das Schach des Herrn Gioachino Greco Calabrois und die Schachspiel-Geheimnisse des Arabers Philipp Stamma", lernen kann. Deswegen hier noch einmal ein kurzes Memo für das nächste Blitzturnier. In G.Grecos Handbuch von 1619, das Hirschel über anderthalb Jahrhundert später als Grundlage für sein eigenes Werk nimmt, gibt der damals dominierende Maestro der italienischen Schule mit dem Beinamen "Der Kalabrese" die folgende Stammpartie an.

Weiß: Gioacchino Greco

Schwarz: X

Handbuch von 1619

Französisch

1.e4 e6 2.d4 Sf6(?) 3.Ld3 Sc6 4.Sf3 Le7 5.h4 0-0(??) 6.e5 Sd5

Wenn das der frühe Versuch eines "Igel"-Strategie gewesen sein soll, so wird der Don X nach der Partie das Konzept wohl noch einmal einer kritischen Totalrevision unterzogen haben. Denn der schwarze Aufmarsch schreit einfach nach dem Einschlag auf h7:

7.Lxh7+! Kxh7 8.Sg5+ Kg6

Die Alternativen sind im Ergebnis auch nicht erfreulicher:

A. 8.... Kh8?: 9.Dh5+ Kg8 10.Dh7#.

B. 8.... Kg8: 9.Dh5 Lxg5 (I. 9.... Te8? 10.Dh7+ Kf8 11.Dh8#; II. 9.... Sf6 10.exf6 Te8 11.Dh7+ Kf8 12.Dh8#) 10.hxg5 f5 11.g6 Dh4 12.Dxh4 ... & 13.Dh7# bzw.13.Dh8#.

C. 8.... Lxg5: 9.hxg5+ Kg6 (9.... Kg8 10.Dh5 f5 11.g6 ... pp.) 10.Dh5+ Kf5 11.Dh3+ Ke4 (11.... Kg6 12.Dh7#) 12.Dd3#.

D. 8. ... Kh6?: 9.Sxf7++ ... & 10.Sxd8 ... und gewinnt.

9.h5+ Kf5

Falls 9.... Kh6, dann: 10.Sxf7++ ... & 11.Sxd8 ... und gewinnt.

10.g4# 1:0

Aber ist es tatsächlich realistisch, auf eine derart lehrbuchreife Situation in der Praxis zu hoffen? Si, Signore - insbesondere bei Blitzturnieren kann einem die launische Göttin Caissa gelegentlich zuzwinkern ... hinter kalabresischen Fächern ...




Weiß: Dr. René Gralla

Schwarz: Massoud Amini

26. Oktober 2004, 5-Minuten-Trainingswettkampf, Hamburg, Café "Roxy"

Skandinavisch

1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Da5 4.d4 c6 5.Sf3 e6(?)

385 Jahre nach G.Greco vs. Don X erneut das "Mecki"-Prinzip auf dem Brett: ein ziemlich fies behandelter "Igel" ...

6.Ld3 Lb4 7.Ld2 Sf6 8.a3 Lxc3 9.Lxc3 Dc7 10.0-0 0-0 11.Ld2 Sbd7 12. Te1 Te8 13.c3 b6(?) 14.Se5 Lb7 15.De2 Sd5??

Quasi eine schulmäßige Stellung für das Lxh7-Opfer. Vom Nachziehenden aber beinahe noch weniger motiviert als vom Schwarzen Anno Domini 1619 gegen G.Greco zugelassen: 15.... Sd5?? zieht, obwohl kein Anlass dazu bestanden hat - oder wollte der verteidigende Capitano womöglich unter todesmutiger Schwächung der e-Linie das störende Pferd mit 16.... f6?!?!? befragen?! - , die wichtige Schwadron f6 von der Königsschanze ab.

16.Lxh7+! Kxh7 17.Dh5+ Kg8 18.Dxf7+ Kh8 19.Te4 Sf8

Alternativen: A. 19....Sxe5: 20.Txh4#; B. 19....Sd5f6: 20.Th4+ & #; C. 19....Dd8: 20.Sg6+ ... & 21.Th4+ ... pp.

20.Th4+ Sh7 21.Sg6# 1:0

Und noch einmal die Feststellung - weil sie so schön passend ist: Jede Partie ist anders - und doch gibt es nicht selten bizarre Koinzidenzen.


Weiteres Anschauungsmaterial liefert das berühmte "erstickte Matt", zu dem G.Greco ebenfalls eine Matrix in zwei Varianten vorgegeben hat.

Matrix 1 ist der Einsatz eines Läufers, der das Damenopfer ermöglicht, als leitmotivischer Kracher vor dem finalen Rösselsprung: das Highlight einer Partie, die 384 Jahre alt ist.

 

Weiß: N.N.

Schwarz: Gioacchino Greco

Gespielt 1620

Italienisch

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.0-0 Sf6 5.Te1 0-0 6.c3 De7 7.d4 exd4 8.e5 Sg4 9.cxd4 Sxd4! 10.Sxd4 ...

Weiß hat wohl geglaubt, eine Figur zu gewinnen.

10.... Dh4! 11.Sf3 ...

Denkt vermutlich, dass die Deckung von h2 das Schlimmste verhindert ...

11.... Dxf2+

... is' aber nich' ...

12. Kh1 Dg1+!! 13.Sxg1 ...

Jacke wie Hose bleibt 13.Txg1 ...: 13.... Sf2#.

13.... Sf2# 0:1


Die Deutsche Jugendmeisterschaft 1970 in Uelzen hat mit vertauschten Farben ein putziges Replay gesehen. Das Opfer ist ein gewisser Vladimir Budde aus Wuppertal-Ronsdorf - der sich anderthalb Jahrzehnte später, schachsport-politisch durchaus medienträchtig, mit der Publikation des ersten deutschsprachigen Standardwerkes zum Xiangqi zwecks Einführung dieser asiatischen Variante in den außer-asiatischen, sprich: europäischen Diskurs zumindest unter Experten einen Namen machen wird.

Weiß: Thomas Peine, Hamburg

Schwarz: Vladimir Budde, Wuppertal-Ronsdorf

Deutsche Jugendmeisterschaft Uelzen 1970

Sizilianisch

1.e4 c5 2.Sf3 Sf6 3.e5 Sd5 4.Sc3 e6 5.d4 Sc6

Eine mutige Gambit-Idee: Da ahnt man schon den späteren Schwertmeister im Shaolin Chess - wo stets mit offenem Visier und todesverachtend die Klingen gekreuzt werden.

6.Sxd5 exd5 7.dxc5 Lxc5 8.Dxd5 Db6

... und das ist der Plan.

9.Lc4! ...

Ein weißer Schäfer-Aufbau - der reichlich dreist zum Dreinschlag auf f2 einlädt und damit sogar die Rochade aufgibt.

9.... Lxf2+ 10.Ke2 0-0 11.Tf1 Lc5 12.Sg5 ...

Wer hätte das gedacht: Neoromantik zu Beginn der poppig wilden 70er Jahre.

12.... Sd4+

Sieht doch eigentlich ganz ordentlich aus.

13.Kd1 Se6

Verschafft sich eine Atempause für das Sorgenkind, den Bauern f7.

14.c3 ...

Soll unter anderem b4 vorbereiten.

14.... a5 15.Se4 d6 16.exd6 Lxd6?

Schwarz verkalkuliert sich: Er glaubt zu sehen, dass er den investierten Läufer durch den Fesselungszug Td8 zurückgewinnt ... aber das ist leider eine Halluzination. Der Nachziehende hätte sofort 16.... Td8 ziehen müssen.

17.Sxd6 ...

Ein Scherz wäre natürlich 17.Dxd6??? ... wegen 17.... Td8.

17.... Td8

Eine Fesselung ohne Wenn und Aber ...?!?

18.Lf4! ...

... mit Wenn und Aber: Das verteidigt das Pferd.

18.... Sxf4??

Hat Martial Arts-Novize Budde ernsthaft an einen Einsteller geglaubt?!

Schwarz hätte 18.... Dxb2 19.Tc1 Ld7 mit undurchsichtiger Gesamtlage versuchen müssen.

19.Dxf7+ ...

Wie G.Greco vor 384 Jahren - bloß auf der Brettseite vis-à-vis.

19.... Kh8 20.Dg8+!! Txg8 21.Sf7# 1:0

 

G.Grecos Matrix Nr. 2 basiert auf dem Einsatz des Springers, in dessen Schlagschatten sich die Dame todesmutig direkt vor dem gegnerischen König aufpflanzen kann. Aus G.Grecos Nachlass dazu die folgende Kuriosität.

 

Weiß: N.N.

Schwarz: Gioacchino Greco

Handbuch von 1619

Königsgambit

1.e4 e5 2.f4 f5?!?!

Typisch für den Condottiere-Stil der Epoche.

3.exf5 Dh4+ 4.g3 De7 5.Dh5+?! ...

Wie Du mir, so ich Dir?! Garri Kasparow, der die Partie im ersten Band seiner Reihe "Meine großen Vorkämpfer" (Hombrechtikon/Zürich 2003) – siehe dazu auch oben noch einmal das Interview mit dem Kasparow-Verleger Manfred Olms - auf Seite 15 bespricht, schlägt als schlaueren Plan vor: 5.fxe5! Dxe5+ 6.De2 ... .

5.... Kd8 6.fxe5 Dxe5+ 7.Le2 ...

Garri Kasparow regt an: 7.De2! Dxf5 8.Lh3 ... .

7.... Sf6 8.Df3 d5 9.g4? ...

Eine katastrophale Lockerung.

9.... h5! 10.h3? ...

Macht die Sache noch schlimmer.

10.... hxg4 11.hxg4 Txh1 12.Dxh1 Dg3+ 13.Kd1 Sxg4! 14.Dxd5+ Ld7 15.Sf3 ...

Und nun dreht das Pferd, unter tatkräftiger Unterstützung der Dame, ein paar Pirouetten, die seit G.Greco zum Handwerkszeug des Kombinationsspielers gehören.

15.... Sf2+ 16.Ke1 Sd3++ 17.Kd1 De1+!!

Das kann man sich immer wieder mit Genuss reinziehen: Die Lady gibt sich hin ... total selbstlos!

18.Sxe1 Sf2# 0:1

Das kennen wir jetzt schon: Der Gaul auf dem ominösen f-Punkt. Eine finale Position, die Garri Kasparow in seinem Jahrhundertwerk als "Meilenstein in der Geschichte" würdigt (Meine großen Vorkämpfer, S. 15).


Besonders witzig ist dieses Greco-Matt, weil es den König im Zentrum des Brettes festnagelt. Normalerweise klappt für den König nach dem Rezept des Kalabresen der Kochtopfdeckel in einer der äußersten Ecken des Brettes zu. Wer den Trick kennt, der kann dann sogar versuchen, noch ein Gefecht zu wenden, das nach dem normalen Gang der Dinge eigentlich bereits verloren wäre. So reißt der Greco-Bluff während der Ranglistenkämpfe im Jugend-Schachklub der Bismarckschule Elmshorn (SBE) am 15. September 1971 eine objektiv verlorene Partie in letzter Sekunde aus dem Feuer.

Weiß: Bernd Köster

Schwarz: René Gralla

15. September 1971, Vereinsmeisterschaft 1971/72 im SBE, Elmshorn

Französisch

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sf3 Sgf6 6.Sxf6+ Sxf6 7.Lg5 Le7 8.Lc4 0-0 9.0-0 Sd5 10.Dd2 Lxg5?

Ein riskanter Abtausch, weil er die weißen Kräfte einlädt, sich direkt vor der nur schwach verteidigten schwarzen Burg zu versammeln.

11.Sxg5 b6?

Fordert das Schicksal heraus ...

12.b4? ...

... während der Anziehende sich ablenken lässt. Stattdessen sollte er die eigenen Verbände sofort zur rechten Flanke dirigieren.

12.... a5 13.b5 Lb7 14.f4 Dd6 15.Dd3! ...

Langsam wird's ungemütlich für den Nachziehenden ...

15.... g6

Eigentlich schon die Bankrotterklärung.

16.De4?!?!? ...

Nanu? Warum nicht unverzüglich der Schwenk 16.Dh3! ... ?!

16.... Db4?!?!

Dem Schwarzen ist eh' alles wurscht.

17.Ld3 Sc3???

Ein glatter Einsteller. Schwarz hat geplant, durch diesen Springer-Abzug die Diagonale b7-g2 zu erobern. Grundsätzlich eine löbliche Absicht – aber dafür hätte der Lb7 dann doch besser gedeckt sein müssen!

18.Dxb7 ...

No comment ...

18.... Dxd4+ 19.Kh1 Sd5 20.Le4 Se3 21.Tfe1 ...

Der Gaul nervt, Bernd Köster möchte den Rappen verscheuchen.

21.... Sg4 22.Tf1?? ...

Und wieder hat sich der Wind gedreht: Plötzlich das Aus für Weiß  ...

22.... Sf2+ 23.Kg1 ...

Eine typische Konstellation: 23.Txf2?? ... würde an 23....Dxa1+ & und Matt scheitern.

23.... Sh3+! 24.Kh1 Dg1+!!

Inspiriert von großen Vorbildern: das einleitende Damenopfer beim"Erstickten Matt". Nun erkennt auch Bernd Köster, was im nächsten Zug passieren wird: 25.Txg1 Sf2#. Die Konsequenz:

25. Aufgabe. 0:1

Ungerecht - aber erfolgreich. Daher das Fazit: Immer hübsch cool bei Maestro G.Greco abkupfern ... Nach der alten Regel: Besser gut geklaut - als schlecht erfunden ...

Dr. René Gralla 

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Informationen zum Verlagsangebot der Edition Olms unter www.edition-olms.com

 



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