Interview mit Marco Thinius

05.09.2006 – Schach und Musik ist das Thema einer Ausstellung, die derzeit noch bis Ende September von der Emanuel Lasker-Gesellschaft in Berlin gezeigt wird. Eine Reihe von bekannten Schachspielern haben auch eine große Begabung in der Musik gezeigt, wobei die Leistungen von Mark Tajmanov und Phildor wohl die herausragendsten sind. Umgekehrt zeigen einige bekannte Musiker wie Smudo, Sting, Will Smith und andere starkes Interesse am Schach. Offenbar gibt es eine Verwandtschaft zwischen den beiden Disziplinn, die bisher aber noch nicht systematisch ergründet wurde. Vielleicht kann Marco Thinius Aufschluss geben. Der Internationale Meister und Bundesligaspieler bei den Sfr. Neukölln ist hauptberuflich Fagottist am Nationaltheater in Weimar. Es sieht überraschenderweise auch Parallelen im Wettbewerbscharakter. Dr. René Gralla sprach mit dem Schachspieler und Fagottist für Neues Deutschland. Interview mit Marco Thinius beim ND...Nachdruck...

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Warum für Marco Thinius aus Weimar die Musik und der (Schach-) Sport zusammengehören:
„MOZART IST DER GARRI KASPAROW DER MUSIK“

„Schach und Musik“, das ist das Leitmotiv einer aktuellen Ausstellung in der Emanuel Lasker-Gesellschaft Berlin. Das Thema wird in der Person von MARCO THINIUS (38) auf den Punkt gebracht: Der 38-jährige trägt den Titel eines Internationalen Meisters (IM) und weist ein Rating von aktuell ELO 2370 auf; gleichzeitig gehört er als Solofagottist der Staatskapelle Weimar an. Mit dem erklärten Mozartliebhaber sprach DR. RENÉ GRALLA.

DR. RENÉ GRALLA: Musik ist sinnlich, Schach ist kühl und mathematisch. Herr Thinius, Sie brillieren sowohl im Schach als auch in der Musik: Wie geht das zusammen?

MARCO THINIUS: Der Gegensatz, den Ihre Frage unterstellt, besteht in Wahrheit doch gar nicht. Schach weist künstlerische Elemente auf; gleichzeitig findet die sportliche Seite, die beim Turnierschach im Vordergrund steht, ihre Entsprechung in der Musik.

DR. R.GRALLA: Musik ist - auch - Sport?!

THINIUS: Musik ist kein Sport im engeren Sinn, wird aber geprägt vom Wettkampfgedanken; schließlich messen sich Instrumentalisten regelmäßig in Wettbewerben. Denken Sie außerdem an den allgemeinen Wettbewerb um freie Orchesterstellen, der extrem hart ist. Wird eine freie Stelle ausgeschrieben, bewerben sich je nach Instrument zwischen 50 und 200 Leute.

DR. R.GRALLA: Und die Auslese ist mindestens so gnadenlos wie bei einem Schachturnier?

THINIUS: Die konkreten zeitlichen Abläufe mögen sich unterscheiden. Im Ergebnis verlangt aber die Beschäftigung mit der Musik einerseits und das Schachtraining andererseits extrem viel Zeit und Energie.

DR. R.GRALLA: Zumal Ihr Orchesterpart als Solofagottist allein schon deswegen Sport ist, weil Sie dafür reichlich Puste benötigen.

THINIUS: Da wird Musik tatsächlich zu einer körperlichen Angelegenheit.

DR. R.GRALLA: Ein Musiker muss ständig an sich arbeiten, das Gleiche gilt für einen Schachspieler. Wie können Sie persönlich das koordinieren?

THINIUS: Tatsache ist: Musik und Schach nehmen einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Für andere Dinge bleibt wenig Raum.

DR. R.GRALLA: Wie viele Stunden am Tag reservieren Sie für Schach?

THINIUS: Acht Stunden am Stück vor dem Brett oder dem Computer, die sind natürlich unvorstellbar. Was Schach angeht, da muss ich ein wenig von der Hand in den Mund leben. Im Grunde bin ich deswegen eher ein Freizeitspieler, obwohl ich dennoch ein recht gutes Niveau erreicht habe …

DR. R.GRALLA: … immerhin haben Sie den IM geschafft …

THINIUS: … momentan kann ich durchschnittlich zwei Stunden am Tag für Schach freischlagen.



Fagott und Schach: Marco Thinius

DR. R.GRALLA: Treten Sie in Punktspielen für einen Verein an?

THINIUS: Ja, in der Bundesligamannschaft der Schachfreunde Berlin.

DR. R.GRALLA: Saisonstart ist im Oktober. Ihr Ziel in der Meisterschaftsrunde 2006/2007?

THINIUS: Der Klassenerhalt. Denn wir sind realistisch und wissen, dass uns ein harter Kampf gegen den Abstieg bevorsteht.

DR. R.GRALLA: Nun zur von Ihnen eingangs erwähnten künstlerischen Seite des Schachsports.

THINIUS: Ich verweise auf einen Satz von Siegbert Tarrasch, der zum Spiel das Standardwerk schlechthin verfasst hat: Schach habe wie Liebe und Musik die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen.

DR. R.GRALLA: Manche Spitzenkräfte im Schach waren und sind berühmte Musiker. Mark Taimanow, WM-Kandidat im Jahr 1971, verzauberte die Fans am Klavier …

THINIUS: … die Liste lässt sich fortsetzen, ich nenne den ehemaligen Weltmeister Wassili Smyslow, einen Opernsänger. Allerdings sind das Ausnahmetalente; eigentlich ist es nämlich fast undenkbar, Schach und Musik gleichzeitig auf höchstem Niveau zu pflegen.

DR. R.GRALLA: Immerhin kennt die Schachgeschichte eine Doppelbegabung wie Philidor. Der Franzose komponierte Opern und galt von 1747 bis 1795 als inoffizieller Weltmeister.

THINIUS: Das ist aber auch nur möglich gewesen unter den Bedingungen des 18. Jahrhunderts. Damals war Philidor überhaupt der Erste, der die Strategie im Schach systematisch und wissenschaftlich untersucht hat; vor Philidor agierten die Kontrahenten während einer Partie eher aus dem Bauch heraus. Interessant ist übrigens, dass Philidor von den Zeitgenossen vor allem als Komponist wahrgenommen wurde. Heute werden Philidors Opern selten aufgeführt; wir kennen den Meister in erster Linie als Schachtheoretiker.

DR. R.GRALLA: Philidor feierte seine Triumphe am Brett im legendären Pariser „Café de la Régence“. Die stolze Tradition soll vielleicht ein Revival erleben: Könnten Sie sich ein Konzert im „Café de la Régence“ vorstellen, als Hommage an Philidor?

THINIUS: Ein reizvoller Gedanke, obwohl ich ja eigentlich kein Kaffeehausmusiker bin.

DR. R.GRALLA: Nicht nur Klassikkünstler spielen Schach, sondern auch Popstars: der US-Rapper Will Smith und der deutsche HipHopper Smudo, der Ex-Beatle Ringo Starr, Sting oder die Finnen-Rocker von HIM. Können Sie uns das erklären?


Smudo beim Schach mit Leonie Helm

THINIUS: Im Schach und in der Musik sind Sie schöpferisch tätig, die innere Verwandtschaft ist unbestreitbar. Und ob Sie sich nun als Musiker den Klassikern oder Pop, Rock oder HipHop widmen, das spielt keine Rolle.


Schachfan Will Smith (re.)

DR. R.GRALLA: Ihr Lieblingskomponist ist Mozart. Warum?

THINIUS: Mozart zählt zu den außergewöhnlichen und geradezu göttlichen Persönlichkeiten, die man einfach lieben muss. Er ist so herausragend wie Garri Kasparow im Schach.


DR. R.GRALLA: Die Emanuel Lasker-Gesellschaft Berlin zeigt momentan die Ausstellung „Schach und Musik“. Haben Sie die Schau besucht?

THINIUS: Bisher leider nicht. Ich hoffe aber, dass ich dafür noch eine Gelegenheit finde.


Thinius gegen Naiditsch (DEM 2004)...



Gerne mal ein Satz heiße Ohren für seine Gegner: Marco Thinius (li.) bei der Brett-Arbeit

Während der Fagottmeister Thinius in Höckendorf 2004 einem ehrgeizigen Naiditsch – der von Lobeshymnen begleitet wird, er habe das Zeug zum World Champ – die (Groß-)Flötentöne derart heftig beibringt, dass dem potenziellen WM-Kandidaten die Ohren geklungen haben dürften, intoniert Musikerkollege André Danican Philidor (1726 – 1995) 214 Jahre zuvor einen derben Bauernmarsch für einen Briten namens Sheldon.


Opernkomponist und inoffizieller Schachweltmeister von 1747 bis 1795: André Danican Philidor


Der hauptberufliche Opernkomponist Philidor, unter anderem befreundet mit dem Philosophen und Aufklärer Diderot, hatte 1747 in London den Syrer Philipp Stamma beinahe deklassiert (acht Siege, eine Niederlage, ein Unentschieden) und galt seitdem als inoffizieller Weltmeister. Den Anspruch, die internationale Nr. 1 zu sein, festigte Philidor 1755 mit einem Matchsieg gegen seinen einstigen Lehrer Kermur Sire de Légal. Ein psychologisch wichtiger Erfolg, schließlich hatte sich der Sire de Légal seinerseits fünf Jahre zuvor mit einer unglaublichen Kurzpartie gegen den Chevalier de St. Brie für alle Zeiten in die Ruhmeshalle des Schachs eingeschrieben – als nämlich der Sire de Légal (Weiß) den Chevalier de St. Brie (Schwarz) mit einem nicht ganz korrekten Damenopfer bluffte und daraufhin das nach ihm benannte „Matt des Légal“ auf das Brett zauberte:

1.e4 e5 2.Lc4 d6 3.Sf3 Sc6 Sc3 Lg4 5.Sxe5 ??!!?? Lxd1??? 6.Lxf7+ Ke7 7.Sd5# 1:0 (spätere Autoren haben die weiße Spielführung nachträglich geschönt, um das Matt relativ zwingend werden zu lassen – was jedoch an der psycho-taktischen Brillanz des Originals nichts ändert).

Anders als das „Matt des Légal“ sind sowohl die Aufzeichnungen der Duelle A.D.Philidor vs. Ph.Stamma (London 1747) und A.D.Philidor vs. De Légal (Paris 1755) verlorengegangen. Überliefert ist unter anderem aber eine Orgie von Paukenschlägen, die einem in London 1790 gegen Philidor zugegeben recht flau operierenden Mr. Sheldon eine vorbildliche Dröhnung verpasst haben, und dies sogar beim Blindspiel:

Sheldon gegen Philidor...


Dr. René Gralla, Hamburg


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„Schach und Musik“: Ausstellung in der Berliner Emanuel Lasker-Gesellschaft noch bis zum 30.09.2006; Leuschnerdamm 31, 10999 Berlin; Besuch nach telefonischer Anmeldung unter 030 / 616 84 130;

Marco Thinius live: Oper „Hochzeit des Figaro“, Deutsches Nationaltheater Weimar, Sonntag, 10.09.2006, Beginn 19 Uhr; Theaterkasse: 03643 / 755 – 334


 

 

 


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