Interview mit Matthias Wüllenweber

von ChessBase
24.10.2022 – Jan Jettel hat für seinen Schachblog "SchachNotizen" ein Interview mit Matthias Wüllenweber geführt und mit dem ChessBase-Erfinder über ChessBase und einige aktuelle Schach-Themen gesprochen, über die Play Magnus Group, chess.com und nicht zuletzt über das Thema Cheating im Schach.

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ChessBase ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

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Jan Jettel ist eigentlich Lübecker, aber inzwischen in Kalifornien zuhause. Von dort beobachtet er die Schachwelt und kommentiert sie auf Twitter und auf Facebook. Außerdem hat er einen Blog eingerichtet, in dem er Beiträge zum Schachgeschehen veröffentlicht.

Für seinen Blog führte er ein Interview mit Matthias Wüllenweber, dem Erfinder und Gründer von ChessBase, der die Firma als CEO und Entwicklungschef nach wie vor leitet.

Thema des Gesprächs waren die wirtschaftlichen Aussichten der Firma ChessBase, die wirtschaftlichen Entwicklungen der großen Schachfirmen chess.com und Play Magnus Group, das Scheitern der PM Group und durch chess.com. Schließlich ging es auch anlässlich der aktuellen Diskussion um Hans Niemann und Magnus Carlsen um das "Cheating", besonders im Online-Schach, und die technischen Möglichkeiten, dieses zu entdecken.

Ausschnitte:

Herr Wüllenweber, wie laufen die Geschäfte?

Wir sind gut durch die Corona-Jahre gekommen, der Schachboom hat uns geholfen. Seit dem 24. Februar spüren wir Kaufzurückhaltung. Wir haben das Glück, überwiegend an Einzelkunden in vielen verschiedenen Ländern zu verkaufen. Das macht unser Geschäft relativ berechenbar, so dass wir hoffen, auch dieses Jahr mit einem Plus abzuschließen.

Hat der Schachboom die Nachfrage nach Ihren Produkten verändert? ChessBase richtet sich nach meiner Wahrnehmung hauptsächlich an starke Schachspieler und Vereinsmitglieder. Durch den Schachboom gab es nun aber eine Zeitlang eher eine große Zahl erwachsener Anfänger. 

Wir hatten einen erheblichen Zuwachs auf unserer Anfängerplattform schach.de. Dort versuchen wir, mit interaktiven Spielen die Schachregeln auf lockere Weise zu vermitteln. Tatsächlich richten sich unsere Produkte aber ganz klar an alle, die Schach nicht nur spielen, sondern auch spielstärkesteigernd trainieren wollen. 

Gibt es regionale Unterschiede in der Nachfrage?

Klar, die kaufkräftigeren „westlichen“ Länder mit lebendiger Vereins- und Turnierszene sind unsere wichtigen Märkte. Aber wir haben ChessBase inzwischen auch in Chinesisch lokalisiert.

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Die Play Magnus Gruppe war mit ehrgeizigen Plänen, professionellem Management, und voller Kriegskasse angetreten, den globalen Schachmarkt aufzurollen. Nun ist sie überraschend schnell gescheitert. Woran hat es Ihrer Meinung nach gelegen?

Mein Blick auf die Schachwelt ist sehr technisch. Ich bin Programmierer und wüsste gar nicht, wie man durch Veranstaltungen von Schachturnieren im Internet Geld verdient. Ich hätte an deren Stelle (durch meine stark nerd-verfärbte Brille gesehen) jeden Cent in begeisternde Entwickler gesteckt, die in kreativer Eigeninitiative und mit Freude am Schach neue Technologie bauen. Die recht gemischte Einkaufspolitik der PMG stellte aus meiner Sicht eine enorme Herausforderung im Hinblick auf das Ziel unter einem technisch integrierenden Dach operierender symbiotischer Einzelfirmen dar. Wenn ich es richtig verstehe, war das aber eben gerade nicht das Ziel. Das sehe ich als Problem, aber ich habe auch keine Ahnung, unter welchen Visionen und Zwängen ein solches börsennotiertes Unternehmen operiert.

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Das Thema Cheating kann ich uns leider nicht ersparen. Bevor wir auf den Fall Niemann kommen, zunächst erst einmal ganz allgemein: bei der Auswertung verdächtiger Partien untersucht man, wie oft ein Spieler dem Enginevorschlag gefolgt ist. Gibt es dabei verschiedene Methoden?

Hier kann ich nur für uns sprechen, doch vermute ich, dass alle anderen Systeme ähnlich arbeiten: Man vergleicht für eine Partie jeden Zug mit dem besten Enginezug und misst den Bewertungsabstand in Bauerneinheiten. Der Durchschnitt dieser Werte ergibt ein Maß für taktische Genauigkeit. Der Trick ist die Wichtung der einzelnen Züge. War es schwer, den besten Enginezug zu finden? Wir verwenden unter anderem eine Heuristik, die die Schärfe der Stellung zu klassifizieren versucht. Ein weiteres Kriterium ist, wenn die Engine den besten Zug nicht sofort sieht.

Beim Blitzen auf einem Schachserver kann man zusätzlich noch einigen trivialen Kram machen: Normalverteilung/Standardabweichung des Bedenkzeitverbrauchs berechnen, Profil der Mausbewegungen, Task Switches (Browser geht in den Hintergrund, weil andere Software benutzt wird).

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Halten Sie diese Analysen für “gerichtsfest”? Hans Niemann hat heute Klage wegen Verleumdung eingereicht, und will 100 Millionen Dollar Schadenersatz von Carlsen, Rensch, der Play Magnus Gruppe und Hikaru Nakamura. Sollte es zum Prozess kommen, wird diese Frage sicher eine Rolle spielen.

Dazu werden im Verfahren externe Gutachter sprechen. Unser eigenes Anticheating-System könnte einen Spieler wie mich mit verschwindender Restunsicherheit bezichtigen, bei einem starken Großmeister blieben immer Zweifel. Chess.com ist hier sicher besser, und ich meine das ironiefrei. Nun werden wir im Zuge des Verfahrens lernen, wie ihr System funktioniert. Aber das bezieht sich auch nur auf die Onlinepartien.

Ich möchte nun nicht in der Haut der „Defendants“ stecken, diese Klage kostet Zeit, Geld und Image.

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Zum Schluss noch einmal zu ChessBase. An welchen neuen Projekten arbeiten Sie im Moment?

Aktuell steht bei uns ChessBase 17 im Mittelpunkt. Es gibt ein neues Datenformat. Das Thema Engineanalyse wird völlig neu angegangen. Die Suchmaske ist neu und interaktiv. Wir bekommen die Suche nach „schönen“ Partien in den Griff. Das ist für mich überaus faszinierend. Ich habe gestern die schon bei ChessBase 16 mitgelieferte Datenbank berühmter Schachpartien für das „Replay Training“ nach Schönheit sortiert und die „Immergrüne Partie“ Anderssen-Dufresne kam auf Platz Eins, gefolgt von Anderssen-Kieseritzky. Das war ein Heureka-Moment, eine schöne Bestätigung des Algorithmus. Man bekommt einen frischen Blick auf riesige Datenbanken mit Fragen wie: „Was waren Spasskys spektakulärste Partien?“

Ansonsten steht Fritz auf der Xbox kurz vor Veröffentlichung. Weiterhin haben wir zwei recht innovative Projekte für 2023 in Vorbereitung, die aktuell noch ein bisschen im Hamburger Herbstnebel verborgen bleiben müssen. 

 

 

Das ganze Interview...

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