Interview mit Michael Langer, Vizepräsident Finanzen des DSB

10.09.2010 – Die gescheiterten Verhandlungen um die Honorare der Nationalmannschaft hat auch ein Licht auf die Finanzen des Schachbundes geworfen. Für den Außenstehenden wirkt es absurd, dass es dem Schachbund trotz eines Jahresetats von 900.000 Euro nicht möglich war, die von den A-Nationalspielern zusätzlich insgesamt geforderten 10.000 Euro Honorar aufzubringen, während z.B. für Training Geld zur Verfügung steht. Im Gespräch mit Johannes Fischer erläutert Michael Langer, Vizepräsident Finanzen, den Etat des Deutschen Schachbundes und die Aufteilung in den Hauptetat und die Leistungen der Wirtschaftsdienst GmbH. Diese wurde einst aus steuerlichen Gründen gegründet. Derzeit werde das Modell allerdings geprüft. In Bezug auf die Verhandlungen mit den Nationalspielern räumt Michael Langer Versäumnisse in der Kommunikation ein und wünscht sich generell eine offensivere Informationspolitik im Schachbund. Allerdings fehle es auch an Ressourcen. Interview mit Michael Langer...

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"Die höchste Macht obliegt dem Kongress"
Ein Interview mit Michael S. Langer, Vizepräsident Finanzen im DSB
Von Johannes Fischer

Sehr geehrter Herr Langer, Sie sind Vizepräsident Finanzen im DSB. Welche Aufgaben haben Sie da?

Ich bin für alles verantwortlich, was mit dem Thema Finanzen zu tun hat. Vorweg: Ich bin nicht derjenige, der Löcher in Belege macht und sie abheftet. Ich habe die politische Verantwortung für die Finanzen, das heißt, ich bin derjenige, der sich seit 2003 u. a. Jahr für Jahr in die Bütt stellt und den Haushalt dem Kongress vorstellt. Darüber hinaus bin ich gemäß unserem innerhalb des Präsidiums geltenden Geschäftsverteilungsplanes zuständig für die Bereiche Mitgliederverwaltung, Wertungszahlen, Datenschutz und Marketing. Mit dem Letztgenannten ist die Rolle des Bindegliedes zur Wirtschaftsdienst GmbH gemeint.

Viele Aufgaben im DSB – und im Schach allgemein – werden ehrenamtlich ausgeführt. Ich zitiere einmal Klaus Deventer in Schach 9/2010: „Wir sind ein ehrenamtlich geführter Verband, der Präsident arbeitet ehrenamtlich, ebenso ich selbst und viele andere.“ Zugleich hat der DSB Angestellte und verfügt über einen jährlichen Etat von mehr als 900.000 Euro. Wie passt das zusammen?

Die Aussage von Klaus Deventer stimmt. Das gesamte Präsidium bekommt kein Geld, wir arbeiten alle ehrenamtlich. Aber darüber hinaus haben wir einen festen Personalstamm von Mitarbeitern, die einen Arbeitsvertrag haben. Horst Metzing als Sportdirektor ist hauptamtlich tätig, Jörg Schulz arbeitet als Geschäftsführer der Deutschen Schachjugend, Guido Feldmann erfasst die Finanzen buchhalterisch und auch Louisa Nitsche und Anja Liesecke (beide arbeiten im Sekretariat) sind fest angestellt.

Diese Personalkosten unter Einbeziehung der Kosten für unsere Bundestrainer machen mit etwa 370.000 Euro jährlich den größten Posten in der Bilanz aus. Was die Bezahlung betrifft, so orientiert sich der DSB am Öffentlichen Dienst, das heißt, wir bezahlen in Anlehnung an den TVÖD (früher BAT), den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst. Das ist bei der Einrichtung dieser Stellen so geregelt worden. Die Förderfähigkeit von Seiten des Bundes wurde auch daran geknüpft, dass man seine Mitarbeiter gut behandelt.

Wer entscheidet denn, wie die jeweiligen Mitarbeiter nach TVÖD eingestuft werden? Wie werden die Leistungen der Mitarbeiter kontrolliert?

Das richtet sich nach der Beschreibung der jeweiligen Stelle. Es gibt einen Stellenplan, der dem Kongress in seiner jeweils aktuellen Fassung regelmäßig vorgelegt wird. Der DSB ist kein klassischer Wirtschaftsbetrieb und kann nicht konkret mit Umsatzgrößen etc. nachweisen, ob einzelne Mitarbeiter bestimmte Vorgaben erfüllt haben. Trotzdem müssen sich Mitarbeiter natürlich Fragen stellen lassen.

Etwa 88.000 Euro der Personalkosten entfallen auf die Bundestrainer Uwe Bönsch und Bernd Vökler. Sind diese Trainer ebenfalls festangestellt und welche Aufgaben haben sie?

Ja, beide sind festangestellt, Uwe Bönsch ist A-Trainer und Bernd Vökler ist für die Förderung des Nachwuchses zuständig. Der Schwerpunkt der Arbeit von Uwe Bönsch liegt in der Förderung und Koordinierung der A-Nationalmannschaft. Er organisiert das Training und hat die Aufgabe, unsere Kaderspieler zu den großen internationalen Titelkämpfen hinzuführen. Uwe hat eine komplexe Thematik zu bearbeiten und letztendlich dafür zu sorgen, dass wir erfolgreich abschneiden.

Woher bekommt der DSB Geld, wie finanziert er sich?

Der DSB finanziert sich zum größten Teil, d.h. zu zwei Dritteln, über Mitgliedsbeiträge – pro Jahr etwa 600.000 Euro. Allerdings tritt der „normale“ Schachspieler in Deutschland nicht in den DSB ein, sondern er geht zu einem Verein und sagt, „Ich möchte hier spielen“. Ein Teil des Betrages, den er an seinen Verein zahlt, geht dann automatisch an den Deutschen Schachbund. Grob gerechnet finanziert jeder Vereinsspieler den Deutschen Schachbund mit knapp 70 Cent pro Monat. Ein Erwachsener zahlt 8 Euro pro Jahr, ein Jugendlicher 4 Euro. Weitere Einnahmen entstehen aus Zuschüssen, wobei uns das BMI mit ca. 150.000 Euro jährlich unterstützt.

Wer im DSB entscheidet über die Verwendung dieser Gelder?

In letzter Konsequenz der höchste Souverän, der Kongress des Deutschen Schachbunds. Diesem Kongress sind wir Rechenschaft schuldig, d.h., wir müssen alle zwei Jahre die Zahlen vorlegen, und erklären und begründen, was wir inhaltlich gemacht haben.

Und wer sitzt im Kongress? Wie ergeben sich Mehrheiten?

Die Vertreter der Länder. Rein rechtlich betrachtet hat der Deutsche Schachbund nur 21 Mitglieder – 17 Ländervertreter, plus je einen Vertreter für die Bundesliga, die Sehbehinderten, den Fernschachbund und den Verband für Problemschach. Die Verbände haben je nach Höhe ihrer Mitgliederzahlen ein unterschiedliches Stimmkontingent. Nordrhein-Westfalen hat 42 Stimmen, Bremen nur 3. Zusätzlich stimmberechtigt mit jeweils einer Stimme sind die Ehrenpräsidenten- und Mitglieder sowie das Präsidium und die Referate.

Da man für bestimmte grundsätzliche Entscheidungen im DSB eine Zwei-Drittel-Mehrheit braucht, ist das Drittel, das man für eine Sperrminorität braucht, relativ schnell erreicht. Das heißt, man muss die Verbände in Sachfragen überzeugen und die großen Verbände muss man noch ein bisschen mehr ;-) überzeugen.

Würde das zum Beispiel heißen, wenn bestimmte Mitgliederverbände sagen, „Uns gefällt es nicht, wie die Debatte um die Nominierung der Nationalmannschaft gelaufen ist“, dass der Kongress dem DSB andere Vorgaben geben kann?

Ja. Wenn, überspitzt formuliert, ein Mitgliedsverband bei der Haushaltsdebatte den Antrag stellt, die Unterstützung für den Leistungssport, die bislang immer um die 100.000 Euro betragen hat, auf 10.000 Euro zu kürzen und dieser Antrag eine Mehrheit findet – dann stehen dem Leistungssport pro Jahr 90.000 Euro weniger zur Verfügung. Natürlich ist auch das umgekehrte Szenario, das heißt, eine Aufstockung des Geldes für den Leistungssport, denkbar. Die höchste Macht obliegt dem Kongress.

Bei der Debatte um die Nominierung der Nationalmannschaft wird immer wieder von leeren Kassen und fehlendem Geld gesprochen. Deshalb ein paar Fragen zur Bilanz.

Vorab möchte ich betonen, dass ich Wert darauf lege, die Bilanzen öffentlich zu machen. Ich bin der Meinung, wenn wir zeigen, was wir tun, löst dies weniger Interpretationen aus als vermeintlich im Dunkeln vorgenommene Operationen.

Unter Punkt 4140 und Punkt 4150 in der Bilanz sind Fernmeldegebühren von 4.778,05 Euro aufgelistet, dazu kommen noch einmal 2973 Euro für Porto, Telefon und Verwaltungskosten der ehrenamtlichen Mitarbeiter, plus Porto-/Frachtkosten von 6.331,34. Dieser Betrag liegt über dem für die jährliche Miete und könnte Polemiker einladen zu sagen, das fehlende Geld für die Olympiamannschaft könnte aus der Portokasse genommen werden. Wie kommt es in Zeiten von Internet, Flatrates und Skype zu solch hohen Kosten?

Das sind genau die Stellen, an denen unsere Kassenprüfer Jahr für Jahr sehr genau hinschauen. Neben den Gebühren für viele internationale Gespräche, die in hohem Umfang pauschalisiert von der ECU rückerstattet werden, entstehen die Kosten vor allem durch die Anmietung bzw. Wartung der Telefonanlage.

Innerhalb des DSB wird gelegentlich Sorge über sinkende Mitgliederzahlen geäußert. Allerdings fällt der Betrag für „Öffentlichkeitsarbeit“ angesichts dieser Sorge vergleichsweise gering aus. Für diesen Posten sind 8.549,12€ veranschlagt, von denen 5.000€ für Providerkosten und Webmaster ausgegeben werden. Und was die Sponsorensuche betrifft, so zeigen sich Horst Metzing und Klaus Deventer in der aktuellen Schach-Ausgabe skeptisch.


Klaus Deventer

Zitat Deventer: „Es ist möglich, Sponsoren für Events zu finden, aber ganz schwer wird es bei der Nationalmannschaft als solcher.“ Nun könnte man einwenden, dass Jan Gustafsson schon als Talkshowgast im Fernsehen zu sehen war und in Tageszeitungen und in Wochenmagazinen zahlreiche Interviews mit ihm veröffentlicht wurden, Elisabeth Pähtz ist vom Spiegel offiziell zum Alphamädchen erklärt worden und auch sie war schon öfter Gast im deutschen Fernsehen, außerdem hat der DSB mit jungen Spielern und Spielerinnen wie Niklas Huschenbeth, Melanie Ohme, Anna Endress oder Sarah Hoolt, um nur einige zu nennen, durchaus attraktive Zugpferde für Simultanveranstaltungen und andere Events, um Schach zu fördern. Warum also hat die Öffentlichkeitsarbeit im DSB einen so einen geringen Stellenwert und warum wirkt der DSB bei der Sponsorensuche so resigniert?


Melanie Ohme

Tatsächlich wird der Etat für die Öffentlichkeitsarbeit seit jeher ebenso heftig diskutiert wie der für den Leistungssport. Diese Diskussion verläuft teilweise öffentlich und es gibt wiederkehrende Bemühungen, einen entsprechenden Posten im Bereich Marketing hauptamtlich zu besetzen. Aber bislang war das Geld einfach nicht da, bzw. man hätte es anderen Ressorts wegnehmen müssen.

Das war nicht immer so! Bis 2008 war es ein erklärtes und verfolgtes Ziel, dass wir mit der Olympiade in Dresden und u. a. einer sehr starken Nationalmannschaft ein Signal setzen können, das uns Sponsoren und einen Mitgliederzuwachs einbringt.

Allerdings habe ich vor kurzem ein Interview mit Klaus-Jörg Lais, dem Referenten für Öffentlichkeitsarbeit gelesen, in dem er meinte, die Olympiade sei, was die Mitgliederzahlen betrifft, mehr oder weniger wirkungslos verpufft.

Das muss ich rein faktisch betrachtet 1:1 unterschreiben. Ich selber habe im Olympiaausschuss mitgearbeitet und gehofft, dass die Olympiade in Blick auf eine positive Mitgliederentwicklung Sogwirkung hat. Das ist nicht der Fall gewesen, die Mitgliederzahlen sind rückläufig. Was ich übrigens mit meinen Haushaltszahlen dokumentieren muss: 2004 hat der DSB etwa 640.000 Euro Mitgliedsbeiträge eingenommen, für das nächste Jahr erwarte ich 605.000 Euro.

Eine Differenz, die fast das Dreifache der Summe beträgt, um die bei der Nationalmannschaft gestritten wird. Ohnehin scheint bei einem Blick in die Bilanzen eigentlich genug Geld für die Nationalmannschaft da zu sein. Der jährliche Etat beläuft sich auf über 900.000 Euro, bei der Debatte um die Honorierung Nationalmannschaft geht es um 10.000 Euro.

Vielleicht noch einmal grundsätzlich zu diesem Thema. Das Geld für die Förderung des Leitungssports und das Geld für die Honorare der Nationalmannschaft verteilt sich auf zwei Töpfe. Alles, was der DSB über Beiträge und Zuschüsse einnimmt, kann er im Rahmen von Haushaltsansätzen zur Förderung des Leistungssports verwenden: Training, Trainer, Kosten für Turniere usw. Aber Honorare dürfen wir aus steuerlichen Gründen nicht bezahlen.

Deshalb wurde in den 80er Jahren die Wirtschaftsdienst GmbH gegründet und mit Eigenkapital von Privatpersonen finanziert.

Die originäre Aufgabe der Wirtschaftsdienst GmbH ist die Vermarktung des DSB, zum Beispiel bringen die Werbebanner, die man auf der Homepage des DSB sieht, der Wirtschaftsdienst GmbH Geld. Mit dem eingenommenen Geld der Wirtschaftsdienst GmbH werden die Spielerhonorare bezahlt – eine seit Jahren gängige Praxis, die die Spieler kennen.

Das heißt, im Prinzip ist der DSB eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner für die Honorarforderungen der Spieler?

Jein! Rein rechtlich betrachtet ist die Wirtschaftsdienst GmbH die verantwortliche Einheit. Nichtsdestotrotz ist die Kommission Leistungssport, in der auch die Aktivensprecher vertreten sind, inhaltlich eingebunden und entwickelt Vorschläge für die – im Rahmen der Möglichkeiten – leistungsgerechte Honorierung der Spieler. Aber Vertragspartner ist die Wirtschaftsdienst GmbH.

Aber wie kommt es, dass der Schachbund Referenten Honorare zahlen kann, Angestellte und festangestellte Trainer hat, aber den Nationalspielern keine Honorare zahlen darf?

Dazu muss ich sagen, dass die steuerrechtliche Bewertung, die immer als Begründung angegeben wird, lange vor meiner Zeit erfolgt ist. Ich bin kein Steuerexperte. Allerdings prüfen wir zurzeit das Modell.

Noch ein Zitat aus der aktuellen Schach-Ausgabe, dieses Mal von Stefan Hansen, Schachenthusiast und Geschäftsführer der Werbeagentur Dorland. Er sagt, „Es gibt ein prinzipielles Missverständnis beim Schachbund: Seine besten Spieler muss er angemessen bezahlen. Tut er es nicht, wird er immer auch bei der Sponsorenakquise scheitern.“ Was, glauben Sie, würde der DSB dieser Aussage entgegen halten?


Stefan Hansen, hier mit Garry Kasparov

Ich glaube, dass man dieser Aussage schwer etwas entgegen halten kann. Stefan hat prinzipiell Recht. Ich glaube auch, dass man in dem Moment, in dem ich meine Spieler so bezahle, dass eine Leistungssteigerung erfolgen kann (und diese tatsächlich eintritt), bessere Vermarktungschancen hat. Aber eine Aussage Horst Metzings auf der Seite davor ist nicht völlig irrelevant, nämlich dass das Finden von Sponsoren für die Nationalmannschaft wegen der kaum möglichen Vorteilsübersetzung für den potenziellen Sponsor einfach schwierig ist. Wenn zum Beispiel ein Sponsor die Nationalmannschaft unterstützen möchte und als eine Gegenleistung die Spieler das Logo dieses Sponsors erkennbar tragen sollen, so ist das zwar schön und gut, aber bei der Schacholympiade in Khanty-Mansiysk sieht das keiner.

Es gibt ja noch andere Möglichkeiten des Sponsorings. So könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass ich eine Reihe von Spielern und Spielerinnen der Nationalmannschaft, die angemessen auftreten können, bei Simultanveranstaltungen oder anderen Events als Nationalmannschaft auflaufen lasse – ich könnte mir vorstellen, dass damit Sponsoren zu gewinnen wären. Und ich glaube, die Deutsche Nationalmannschaft hat genügend Spieler und Spielerinnen, mit denen man eine attraktive Truppe zusammenstellen könnte.

Ich wehre mich nicht gegen alternative Konzepte. Aber dafür bedarf es der Zusammenarbeit aller Beteiligten. Vor der Olympiade 2008 wurde einer Ihrer eben genannten Vorschläge aktiv umgesetzt und die Spieler haben für den DSB in verschiedenen Vereinen bzw. an verschiedenen Orten werbewirksam Simultan gespielt. Und ich bin durchaus auch der Meinung, dass man mit unseren Mannschaften etwas bewegen kann. Ich glaube, wir haben etwas zu bieten – aber da müssen alle Beteiligten mitwirken.

Stichwort gemeinsame Beteiligung. Mir scheint bei der Debatte um die Nominierung der Nationalmannschaft wurde nicht engagiert nach einer Kompromisslösung gesucht. Was denken Sie darüber?

Ich beschränke mich in meiner Antwort auf eine Beurteilung unserer Anteile am Vorgehen. Ich kann mich Klaus Deventer in einem wesentlichen Aspekt anschließen. Wir hätten intensiver das persönliche Gespräch mit den Nationalspielern suchen bzw. wahrnehmen sollen. Dazu ist es nicht gekommen, das hat auch die Fronten verhärtet und war im Nachhinein betrachtet ein Fehler in unserer Kommunikationspolitik.

Kehren wir noch einmal zur Bilanz zurück, denn wenn ich mir die anschaue, dann drängt sich mir die Frage auf, warum Gelder für Dinge und Veranstaltungen ausgegeben werden, die mir weniger wichtig als die Nominierung einer guten Mannschaft für die Olympiade zu sein scheinen. Zum Beispiel unterstützt der DSB seit Jahren den Ramada-Treff. 2008 weist die Bilanz dort ein Minus von ungefähr 5.000€ aus, 2009 ein Minus von 8.000€. Wie kommt dieses Minus zustande und warum hält der DSB an der Finanzierung dieses Turniers fest?

Grundsätzlich wird der Ramada-Cup gern und oft diskutiert. Als der Ramada-Cup ins Leben gerufen wurde, wollte man eine Breitensportveranstaltung etablieren. Dieses Vorhaben ist nachhaltig gelungen.

Der Ramada-Cup hat in einigen Jahren ein Plus, in einigen Jahren ein Minus „erwirtschaftet“. „In Summe“ hat der Ramada-Cup, seit er ausgerichtet wird, im Durchschnitt pro Jahr etwa 3.000 Euro Minus gemacht. Daraus ergibt sich ganz klar die Maßgabe, dass der Ramada-Cup Kosten senken muss. Gewinn erzielen will und soll der DSB mit dieser Turnierserie allerdings nicht.

Apropos Turniere. Der DSB hat 2009 eine Reihe von Internationalen Veranstaltungen gefördert: die Internationale Mannschaftsmeisterschaften, Europameisterschaften, Junioren WM, EM U18, die Internationalen Einzelmeisterschaften, WM U10 – U18, EM U10-U18, Mitropa-Cup, zusammen etwa 80.000 Euro. Dazu kommen noch 24.542,72 für die Deutsche Einzelmeisterschaft Männer, Dähne-Pokal 4.682,30, etwa 8.800 Euro für die Blitz EM/ Mannschaftsmeisterschaft, Schnellschach, sowie 17.280 Euro für die Einzelmeisterschaft der Frauen, sowie 2.450 für die Blitz- und Schnellschachmeisterschaften der Frauen. Für „Zuschüsse zu Veranstaltungen“ im Seniorenschach werden 9.000 Euro veranschlagt. Wieso ist für all diese Turniere Geld da und bei der Olympiade fehlen 10.000 Euro?

Den Kosten für diese Turniere stehen im Haushalt ausgewiesene Einnahmen gegenüber. Zum Beispiel zahlen die Landesverbände anteilig für Ihre Teilnehmer. Dadurch korrigieren sich die genannten Summen nach unten.

Tatsächlich gibt es Diskussionen, in denen gefordert wird, dass eher mehr Geld für die Ausrichtung von nationalen Meisterschaften zur Verfügung gestellt wird. Auch über die Form der Deutschen Meisterschaft wird im DSB diskutiert. So wird geprüft, ob man nicht ein Spitzenturnier ausrichten kann. Die eine Seite sagt „Ja, wir würden uns wünschen, dass die acht Elo-Besten und vielleicht noch zwei Qualifikanten die Deutsche Meisterschaft in einem Rundenturnier austragen würden“. Aber dann gibt es eben auch Stimmen, die sagen: „Wenn wir das tun, kommt mein Landesmeister nicht mehr zur Deutschen Meisterschaft und dann nimmt kein Mensch mehr an der Landesmeisterschaft teil.“ Und auch das ist ein Argument, das man nachvollziehen kann.

Was mich wundert ist, dass der DSB diese Debatte im Verborgenen führt. So bleibt die Kritik, die an der jetzigen Form der Deutschen Meisterschaft geübt wird, unwidersprochen. Warum leistet der DSB hier und auch in der Debatte um die Deutsche Nationalmannschaft so eine zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit?

Ich glaube – und das ist der negative Teil meiner Antwort – das liegt an der fehlenden Ressource. Anders als in einem Unternehmen vertritt niemand die Entscheidungen des DSB wirklich öffentlich. Die andere – positive – Seite meiner Antwort ist der Verweis auf „gutes Benehmen“. Wir verhalten uns zurückhaltender, sachlicher und weniger emotional als einige unserer Kritiker. Allerdings wünsche ich mir, dass wir schneller wären und bestimmte Dinge offensiver angehen würden. So ist Ralph Alt zum Beispiel dafür angezählt worden, dass er die Deutsche Meisterschaft angeblich auf den gleichen Termin wie die Europameisterschaft gelegt hat. In Wirklichkeit wurde die Europameisterschaft kurzfristig verlegt und zwar genau auf den Termin der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verschiebbaren Deutschen Meisterschaft.

Durch die zurückhaltende Äußerungspolitik des DSB, auch in Bezug auf die Debatte um die Nationalmannschaft, entsteht allerdings auch leicht der Eindruck, der DSB wolle das Problem aussitzen und drücke sich um eine pointierte und klare Stellungnahme.

Ich wünsche mir eine offensivere Informationspolitik. „Ich“ möchte nicht immer warten, bis man uns anzählt. „Ich“ würde gerne mal der Erste sein, der sich zu wichtigen Sachfragen öffentlich äußert. Denn die Diskussionen innerhalb des DSB werden tatsächlich und durchaus auch mal kontrovers geführt. Aber uns gelingt es oft schlecht, die Haltung des DSB einer Öffentlichkeit plausibel zu machen. Hierin besteht m. E. eines unserer größten strukturellen Defizite.

Ein anderer großer Posten in der Bilanz sind Sach- und Reisekosten. Sie belaufen sich für Bundeskongress/Hauptausschuss, Präsidium und Kommissionen auf ca. 45.000 Euro, dazu kommen noch 4.424,07 Euro Reisekosten hauptamtlicher Mitarbeiter. Wer reist dort so viel und warum? Dieser Posten schürt leicht das beliebte Bild vom Funktionär, der auf Verbandskosten von Sitzung zu Sitzung reist, es sich am Bankett gut gehen lässt, doch bei allem Aufwand letztlich nichts bewirkt.

Auch hier müsste der DSB offensiver sein und zeigen, wo und was er leistet. Bei uns gibt es definitiv niemanden, der Kohle verheizt. So stimmt es nicht, dass die Funktionäre im Fünf-Sterne-Hotel mit Bankett übernachten – o.k., wir schlafen nicht auf Holzbetten, aber das jeweilige Hotel entspricht in der Regel dem „normalen“ Standard. Was die Reisekosten betrifft, so gehen wir bei der Abrechnung von den Kosten einer Bahnfahrt mit Bahncard 50 zweiter Klasse aus.

Insgesamt gesehen wirkt die Debatte um die Nationalmannschaft wie ein Fiasko. Deutschland schickt nicht die beste Mannschaft zur Olympiade, das Verhältnis zwischen den Nationalspielern und dem DSB ist in einigen Fällen angespannt, in anderen vielleicht ganz zerrüttet, der Bundestrainer wird öffentlich kritisiert, der DSB muss sich verteidigen und rechtfertigen. Gibt es Pläne, wie man dieses Debakel eindämmt, was man daraus lernt und wie man so etwas beim DSB in Zukunft vermeiden kann?

Ich glaube nicht, dass es ein Allheilmittel gibt, das ein solches Szenario in jedem Fall ausschließt. Aber es besteht über alle Gremien hinweg Konsens, dass wir uns das freiwillig nicht noch einmal antun wollen. Im Interesse aller Beteiligten. Was das „zerschnittene Tischtuch“ betrifft, so hoffe ich, dass es dort, wo es möglich ist, zu einer Annäherung kommt. Natürlich müssen wir – der DSB – überlegen, was wir besser machen können. Auf wichtige Dinge habe ich bereits hingewiesen: Die Kommunikation mit den Spielern hätte besser sein können und der DSB hätte eine offensivere und dennoch freundschaftliche Öffentlichkeitsarbeit betreiben müssen.

Wie sieht es denn in der Zukunft aus? Können sich die Spieler – und die Fans –  Hoffnungen machen, dass sich in Bezug auf die Honorare etwas ändern wird? Zum Beispiel, dass man bei der Schacholympiade 2012 eine andere Form findet, um die Spieler zu bezahlen?

Also, wenn es uns gelingt, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, vielleicht auch mit Unterstützung der Spieler, wenn es uns gelingen sollte, jemanden zu finden, der bereit ist, die Nationalmannschaft zu unterstützen – dann wäre das für alle Beteiligten gut.

In der Debatte und angesichts des „nackten“ Haushaltsetats entsteht leicht der Eindruck, der DSB wolle nicht zahlen. Aber so einfach ist das nicht. Die derzeitigen Rahmenbedingungen lassen eine Aufstockung der Honorare nicht zu. In diesem Jahr war in Anbetracht der Zahlen der GmbH nicht mehr drin.

Aber wir müssen die Debatte als Chance sehen, Punkte, die bislang nicht diskutiert worden sind, zu klären. Wir müssen die Thematik gemeinsam mit unseren Spitzenspielern- und spielerinnen bearbeiten!

Eins steht jedoch fest: Das DSB - Präsidium ignoriert seine Aufgaben nicht und befindet sich auch gerade nicht am Buffet ;-)

 

 

 

 

 



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