Interview mit Oleg Skvortsov

11.02.2014 – Das finanzielle Engagement von Oleg Skvortsov und seiner "IGC" hat im dritten Jahr in Folge in Zürich einen Topevent ermöglicht. Im Interview spricht der Geldgeber über die Organisation, betont aber auch, wie sehr das Schach vom Mäzenatentum lebt - da Sponsoren keinen realen Gegenwert erhalten - und wie plötzlich große Turniere deshalb auch wieder verschwinden können. Mehr...

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Oleg Skvortsov: „Wir haben eine Formel gefunden, die allen zugesagt hat.“

 

- Oleg, Mitte September haben Sie das Turnier 2014 in Zürich angekündigt, das mit 6 Teilnehmern stattfindet, und zwar auf recht originelle Weise mit einer gemeinsamen Gesamtbewertung von klassischem und Schnellschach. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen, wie haben Sie die Teilnehmer ausgewählt?

- Die Auswahl der Teilnehmer ist wahrscheinlich das Schwierigste bei der Organisation eines Turniers, da es nicht so schwer ist einen Austragungsort zu finden, wenn die finanziellen Möglichkeiten es erlauben.

Oleg Skvortsov und Levon Aronian

- Zürich ist in zweierlei Hinsicht ein guter Ort.

- Ja, obwohl wir zuerst vorhatten das Match von Vladimir Kramnik mit Levon Aronian in Antwerpen durchzuführen. Diese Idee haben wir ernsthaft in Erwägung gezogen, aber auf Empfehlung Kramniks und nach dem Vorbereitungsgespräch mit Herrn Issler, dem Präsidenten des ältesten Schachklubs der Welt, haben wir beschlossen diese Veranstaltung in Zürich zu organisieren. Das gefiel sowohl den Spielern als auch mir und ebenfalls den anderen Sponsoren. Ich bin 2012 und 2013 als Hauptsponsor aufgetreten und das diesjährige Turnier liegt offensichtlich auch hauptsächlich auf meinen Schultern.

Bei der Wahl des Austragungsortes sind wir davon ausgegangen, dass es ein angenehmer und angesehener Ort im Zentrum Europas mit Schachtradition sein soll. Die Züricher Traditionen sind allen bekannt: Dort fanden 1934, 1953 und 1959 berühmte Turniere statt. Bei diesen Turnieren wurden einige herausragende Partien gespielt, z.B. Averbakh – Kotov mit dem Damenopfer, oder Walther – Fischer, in dem der zukünftige Weltmeister sich ohne zwei Bauern wie durch ein Wunder rettete.

- In Zürich gibt es viele Schachfans. Einige von ihnen (mehr als 100) sind Clubmitglieder. Ebenfalls aktiv ist die Savoy Chess Corner – ein privilegierter Teil des Clubs, zu dem Bankiers und andere wohlhabende Bürger gehören. Ihre Mitgliedsbeiträge sind nicht gering und von diesem Geld werden jedes Jahr bekannte Großmeister zu Vorträgen und Spielen eingeladen. Ich bin ebenfalls Mitglied der Savoy Chess Corner. Wenn jemand nach Zürich eingeladen wird, dann sagt er nicht ab. Im September letzten Jahres war Etienne Bacrot zu Gase, hat gespielt und einen Vortrag gehalten mit den Fans gesprochen, leider konnte ich dieses Mal nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Es kamen Garri Kasparov, Vishy Anand, Magnus Carlsen, Vladimir Kramnik, Viktor Kortschnoi, Boris Gelfand, Hikaru Nakamura, Peter Leko, Judit Polgar, Alexander Morosevich, Alexandra Kosteniuk und andere Stars. Und so führten wir das Match 2012 in Zürich durch und unsere Erwartungen und die der Spieler wurden erfüllt. Im darauf folgenden Jahr entstand die Idee das Kontingent zu erhöhen und ein Turnier mit vier Teilnehmern durchzuführen.

Das vergrößerte natürlich auch die finanzielle und organisatorische Belastung, aber wir haben das in den Griff bekommen. Mehr noch, es ist uns mit vereinten Kräften gelungen für kurze Zeit Garri Kasparov einzuladen, der seine persönlichen Angelegenheiten mit dem Besuch unseres Turniers verbinden konnte. An einem der Spieltage hat er die Partien kommentiert und dann auf eigene Initiative an der Analyse der Partie Gelfand – Kramnik teilgenommen. Der Zweikampf war außerordentlich heftig, einer der schwierigsten in diesem Turnier, vielleicht sogar überhaupt in diesem Jahr. Zuerst stand Vladimir auf Verlust, dann auf Gewinn, letztendlich endete die Begegnung unentschieden.

Als Gelfand und Kramnik direkt im Saal (die zweite Partie war schon zu Ende) eine Analyse durchführten, gesellte sich unerwartet Kasparov zu ihnen und die Analyse wurde 15-20 Minuten lang zu dritt fortgesetzt. Das ist ein einmaliges Ereignis, da man sie zu dritt niemals am Schachbrett gesehen hat und es wohl kaum noch einmal passieren wird. Die Tatsache, dass drei großartige Schachspieler mit vereinten Kräften in Zürich zusammen die komplizierte Partie analysierten, scheint mir die beste Werbung für das Schachspiel zu sein! Kasparov hat demonstriert, dass er sich immer noch auf einem hohen Niveau des Schachverständnisse befindet. Er hat z.B., ein unerwartetes Manöver gezeigt, das der Aufmerksamkeit Kramniks und Gelfands entgangen war…

Das zweite Turnier verlief ebenfalls gut und so entstand die Idee beim nächsten Mal 6-8 Teilnehmer einzuladen, wobei einige Neuerungen bei der Turnierdurchführung des klassischen Schachspiels überlegt wurden. Ich werde aber nicht alle Geheimnisse verraten: Diese Ideen  werden uns wahrscheinlich 2015 nützlich sein. Ein Problem besteht darin, dass wir ursprünglich geplant hatten das Turnier vom 7. bis zum 14. Februar durchzuführen und uns dann einfiel, dass die Olympiade in Sotschi am 7. Februar eröffnet wird. Es wäre nicht klug gewesen das Turnier am gleichen Tag wie dieses bedeutsame Sportereignis beginnen zu lassen. Wir mussten das Turnier in großer Eile auf einen früheren Termin verschieben, eine Idee, die schließlich von allen unterstützt wurde. Es gelang uns nur ein einziges Zeitfenster zu finden – vom 29. Januar bis zum 4. Februar.

Es waren nicht wenige, die beim Zurich Chess Challenge spielen wollten. Aber da sich die Termine geändert hatten, konnten wir das Turnier weder mit sieben geschweige denn mit acht Teilnehmern durchführen. Wir blieben bei 6 Teilnehmern. Die Zusammensetzung war großartig. Nach den Berechnungen von Dr. Issler ist es gegenwärtig das stärkste Turnier in der Geschichte des Schachspiels – mit einem Schnitt von 2794 Elo.

- In Zürich findet das erste Treffen zwischen Vishy Anand und Magnus Carlsen nach dem Match um die Weltmeisterschaft statt. Wie verliefen die Gespräche mit beiden Spielern?

-Natürlich kann ich nicht alles bis ins Detail aufdecken. Ich habe zu allen Spielern gute persönliche Beziehungen und die Gespräche verliefen durchaus erfolgreich. Anand hat als einer der ersten seine Teilnahme bestätigt. Was Carlsen angeht, haben wir uns mehrmals mit seinem Manager unterhalten und schließlich eine Formel gefunden, die allen zusagte.

Oleg Svortsov mit seiner Frau Natalia

- Die Teilnahme des vorjährigen Siegers war wahrscheinlich nicht in Frage gestellt?

- Ja, Fabiano Caruana hat als Erster eine Einladung bekommen und als Erster zugesagt, dass er spielen wird. Übrigens, wir planen unseren nächsten Event mit ihm am 5. Oktober in Antwerpen und werden dort zwei Partien spielen. Eventuell wird auch sein Trainer Vladimir Chuchelov kommen, der wirklich einen klasse Schachspieler aus ihm gemacht hat. Vladimir ist ein ausgezeichneter Trainer und ein großartiger Mensch. Er ist hoch gebildet, aufgeschlossen, spricht mehrere Sprachen: Ein echtes Vorbild aus der sowjetischen Schachschule und Kultur!

- Wie haben die Großmeister auf die Idee einer Gesamtbewertung von klassischem Schach und Schnellschach reagiert? Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht daran erinnern, ob es früher ähnliche Turniere gegeben hat oder nicht.

- Issler und ich haben nicht auf die Erfahrungen anderer Turniere geschaut. Wenn wir uns eine gute Idee ausdenken, versuchen wir sie umzusetzen.

-Dennoch sind Schachspieler – in der überwiegenden Mehrheit – sehr konservative Menschen…

- Ja, es war nicht so einfach, wir mussten einige Spieler überzeugen, den einen mehr, den anderen weniger. Insgesamt ließ sich die Mehrheit der Großmeister von der folgenden Formel leiten: „Wir wollen spielen und es gefällt  uns, dass das klassische Schachspiel erhalten geblieben ist!“ Wir haben, z.B., im Unterschied zum Londoner Turnier, die Klassik erhalten. Natürlich ist es viel billiger ein Turnier von 2-3 Tagen durchzuführen. Man kann viele Organisatoren verstehen. Das Geld ist knapp.

- Wo kann man denn Geld für das Schachspiel finden?

- Korporative Sponsoren gibt es kaum, ja, es gibt überhaupt keine Sponsoren – es gibt nur ein reines Mäzenatentum. Vielleicht klingt meine Äußerung schroff, aber die Schachspieler müssen das verstehen.

Oleg Svortsov und Yifan Hou

- Es existiert die Meinung, dass jetzt quasi das „goldene Zeitalter des Schachspiels“ angebrochen ist – ein großes Turnier nach dem anderen findet statt…

- Meiner Meinung nach ist das ein flüchtiges Glück, das jeden Augenblick verschwinden kann. Denn so verschwanden die Turniere in Linares, Mainz und Monte-Carlo… Deshalb scheint es mir, dass die Schachspieler den Mäzenen auch entgegenkommen sollten. Ich mag das Wort „Mäzenatentum“ nicht besonders gern, es ist zu pathetisch. Aber wenn es um die genaue Bedeutung geht, passt das Wort „Sponsor“ nicht, weil ein Sponsor beim Schachspiel nichts Greifbares zurückbekommt. Das ist nicht wie beim Tennis, American Football, Base- oder Fußball.

- Kann das Schachspiel ebenso populär werden?

-Das ist ein Thema für sich und sehr kompliziert, das sollten wir ein anderes Mal erörtern. Schachspieler können sagen: Wir brauchen keine Mäzene. Gut, dann werden wir die Großmeister nur dazu einladen ein paar private Partien zu spielen. Wenn man keine Mäzene braucht, gerät man leicht in die Situation, die Genna Sosonko in seinem humoristischen Essai „Peking 2024“ beschreibt, in dem von der Freude professioneller  Schachspieler die Rede ist: „Wir sind von nun an nicht mehr von Sponsoren abhängig, wir sind unsere eigenen Sponsoren.“

- Warum wird Vladimir Kramnik 2014 nicht in Zürich auftreten?

-Wir haben lange gezögert die Zusammensetzung der Teilnehmer bekanntzugeben, weil wir darauf gewartet haben, dass Vladimir Borisovich endlich den Worls Cup gewinnt. Wir haben korrespondiert, ihm erklärt, welche Änderungen vor sich gehen usw. Als er aus Norwegen zurückkam, haben wir telefoniert und noch einmal alles erörtert. Leider stellte sich heraus, dass die Termine für Kramnik nicht so günstig waren. Zu seinen Plänen gehört vor allem die Vorbereitung auf das Kandidatenturnier, welches, wie im vergangenen Jahr, im März stattfinden wird. Vielleicht befürchtet Vladimir, dass die Termine des Kandidatenturniers im letzten Moment wieder verschoben werden könnten. Wir haben vereinbart, dass Kramnik 2015 bei uns spielen wird. Für das Jahr 2014 ist Vladimir als Ehrengast zur Eröffnungszeremonie eingeladen.

- Und so nehmen am Turnier Vishy Anand, Magnus Carlsen, Fabiano Caruana, Levon Aronian. Hikaru Nakamura und Boris Gelfand teil. Es wird also keinen einzigen russischen Teilnehmer geben?

- Für russische Spieler organisiere ich eine interessante Veranstaltung, die in den nächsten Tagen angekündigt wird.

- Wird es weiterhin wie bisher ein Remis-Verbot bis zum 40. Zug geben?

- Ja, natürlich.

- Nehmen die Großmeister diese Bedingung an, und auch, dass sie keinen Tag haben, um sich zu erholen?

- Wahrscheinlich wäre es für die Großmeister überhaupt am besten, einen Tag zu spielen und einen Tag auszuruhen, aber heutzutage ist das nicht realistisch. In unserem Fall gab es einfach keinen weiteren Tag, wir hätten das Turnier sonst im April stattfinden lassen müssen.

- Wijk aan Zee geht am 26. Januar zu Ende, deshalb konnte unser Turnier, um ein paar Tage Pause zu haben, erst nach dem 28. beginnen. Die Olympiade in Sotschi beginnt am 7. Februar, d.h., dass das Turnier am 4. oder 5. zu Ende gehen muss. Innerhalb dieses Zeitraums konnte das Hotel „Savoy“ nur diese Termine vorschlagen. Und auch das nur nach langen Verhandlungen. Sie mussten eine Bankkonferenz um ein paar Tage verschieben. Das Problem sind nicht die Hotelzimmer, sondern die Räume für das Turnier– es wird eine ganze Etage gemietet. Diese wird in der Regel von großen Banken gemietet. Ich wiederhole noch einmal: Am Anfang hatten wir uns vertan und die genauen Termine der Olympiade in Sotschi aus den Augen verloren. Alle sprechen über sie, aber die konkreten Daten hat man in der Regel nicht im Kopf. Dank gebührt Herrn Sangalis, der uns im August darauf aufmerksam gemacht hat.

- Ist das Hotel Savoy das renommierteste in Zürich?

- In Zürich gibt es mehrere berühmte Hotels und das „Savoy“ ist zweifelsohne eines von ihnen. Hier wohnen nicht nur bekannte Politiker und Geschäftsleute, sondern auch berühmt Sportler. Solche wie Roger Federer, Michel Platini, Cristiano Ronaldo und andere; es gibt ein ganzes Buch mit einer Liste von Ehrengästen – mehr als 200 Namen.

- Wie wird das Rating berechnet?

- Nach fünf klassischen Partien.

- Und das Schnellschach?

- Ich glaube nicht. Weshalb? Das Schnellschachrating interessiert meiner Meinung nach kaum jemanden. Die Mehrheit der Schachliebhaber in der ganzen Welt schaut nur auf das klassische Rating. Titel wie „Blitzschachweltmeister“ und „Schnellschachweltmeister“ bewegen sie kaum.

- Werden die Schachspieler für  den Sieg im klassischen Turnier zwei Punkte bekommen?

- Ja, und im Schnellschach einen. Wir finden, dass ein Sieg in den klassischen Partien doppelt so viel wert ist wie ein Sieg beim Schnellschach.

- Neuerdings werden viele Turniere im Schnellschach durchgeführt. Ist es sinnvoll das Schnellschachrating sozusagen in den gleichen Topf zu werfen, d.h., mit dem gewissen Koeffizienten 0,5 oder mit einem anderen?

- Vielleicht macht es Sinn Schnellschach und klassisches Schachspiel gemeinsam zu berücksichtigen, da stimme ich zu. Aber das Blitzschach nicht, das ist eine reine Show. Eine solche Show findet bei uns am ersten Abend zur Eröffnung statt. Ich hoffe, dass das neue Turnier viele inhaltsreiche und kämpferische Partien bringen wird. Mir gefällt es immer schöpferische Leistungen zu fördern!

 

Interview Vladimir Barsky, Fotos Maria Elemianova

Interview bei ChessPro...

 

 

 


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