Interview mit Ruslan Ponomarjow

26.07.2010 – Gestern ging das Dortmunder Sparkassen Chess-Meeting, das stärkste Turnier Deutschlands, zu Ende. Es war ein kämpferisches Turnier, kein Teilnehmer blieb ohne Sieg, kein Teilnehmer ohne Niederlage und am Ende gewann Ruslan Ponomarjow. Der 26 Jahre alte Ukrainer, der 2002 FIDE-Weltmeister wurde, war das erste Mal in Dortmund dabei und meinte anschließend, er hätte noch nie ein Rundenturnier dieser Stärke alleine gewonnen. Dagobert Kohlmeyer hat den Sieger interviewt und schickt einen Abschlussbericht mit vielen Fotos. Turnierseite...Bericht und Interview...

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Ruslan Ponomarjow ist Dortmunds neuer Schachkönig
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer


Der Sieger

Die internationalen Schachtage 2010 sind Geschichte. Spieler, Schiedsrichter, Journalisten und Schachfans haben am Montag wieder die Heimreise angetreten. Im Gedächtnis bleibt ein besonderer Jahrgang, weil diesmal neben den Dauergästen Kramnik, Leko und Naiditsch drei Großmeister eingeladen wurden, die dem Turnier ihren Stempel aufdrückten. Die Organisatoren haben damit ein glückliches Händchen bewiesen und sollten diesen Weg künftig weiter gehen. Besonders zwei Speiler setzten bei diesen Schachtagen die Akzente. Einer kam aus dem Schachland Ukraine, der andere aus dem fernen Vietnam.

Der neue Schachkönig von Dortmund heißt Ruslan Ponomarjow. Ein Remis in der Schlussrunde gegen Le Quang Liem reichte dem Ukrainer, um das Sparkassen Chess-Meeting mit 6,5 Punkten souverän zu gewinnen. Es war der erste Start des 26-jährigen Exweltmeisters im Revier. Ponomarjow, der bereits mit 18 Jahren FIDE-Champion war, erzielte im Turnierverlauf die meisten Siege, darunter auch einen gegen den Favoriten Wladimir Kramnik (Russland). "Ich bin sehr glücklich über meinen Erfolg. Ein Rundenturnier dieser Güte habe ich in meiner Karriere noch nicht gewonnen", sagte der strahlende Sieger nach dem letzten Zug (siehe Interview).



Zweiter wurde, ebenfalls überraschend, Le Quang Liem. Der 19-jährige Großmeister erreichte 5,5 Punkte und verwies prominente Gegnerschaft auf die nächsten Plätze. Im letzten Spiel gegen Ponomarjow konnte der Aeroflot-Sieger mit Schwarz, zwischenzeitlich besser stehend, vielleicht sogar gewinnen.



Dann hätte er den Ukrainer abgefangen und die bessere Feinwertung gehabt. Aber der sympathische Großmeister aus Ho-Chi-Minh-Stadt hat ganz sicher die Zukunft für sich.




Le Quang Liem mit seiner Mutter

Wladimir Kramnik beendete das Turnier diesmal auf dem 3. Platz. Und das auch nur dank besserer Feinwertung, ganz knapp vor Mamedjarow. Der erfolgsverwöhnte Russe konnte in seinem Revier diesmal nicht in den Kampf um den Gesamtsieg eingreifen. Zwar gewann er zuletzt gegen Mamedjarow, hatte aber tags zuvor als Schwarzer gegen Arkadij Naiditsch mit einem Figurenopfer zu viel riskiert und alles verloren.


Die letzte Runde: Kramnik gegen Mamedyarov


Kramnik und Open-Sieger Tigran Nalbandian

Der Dortmunder Großmeister wurde am Ende Fünfter, er verwies den außer Form spielenden Ungarn Peter Leko, der ihn in der Schlussrunde nach sechs Stunden niedergerungen hatte, auf den letzten Platz.



Zur Siegerehrung waren dann aber alle Strapazen und jeglicher Ärger vergessen.

Veranstaltungsleiter Gerd Kolbe wertete das Turnier als Erfolg, Dortmund habe seinen Ruf als Treffpunkt der Schachelite bestätigt. Hilfreich für die gestiegen Attraktivität des Chess-Meetings war ganz sicher die Einführung der Sofia-Regel, die an jedem Spieltag zu kämpferischen Partien führte.

Die Besucherzahlen des Vorjahres im Schauspielhaus sind nicht ganz erreicht wurden. "Petrus hatte wohl vergessen, dass auch Schachfans bei so hohen Temperaturen über erfrischende Alternativen nachdenken", hieß es bei den Veranstaltern. Eine Steigerung hingegen gab es bei der Übertragung im Internet. Allein auf der Veranstalter-Homepage verfolgten täglich 15 000 Interessenten auf allen Kontinenten die Partien der Großmeister.

Die internationalen Schachtage gibt es seit 1973. Das jetzige Turnier war einem der Gründerväter, Siegfried Zill, gewidmet. Der heute 73-jährige Dortmunder arbeitet seit langem die Geschichte des Schachs in der Stadt für die Nachwelt auf.


Schachhistoriker Siegfried Zill

1875 wurde in Dortmund der erste Schachverein gegründet. 1887 gab es hier die erste Westfälische Meisterschaft. Das erste Schachturnier von internationalem Rang fand 1928 im Hotel Kölnischer Hof statt. Es siegte der Deutsche Fritz Sämisch. 1980 wurde Garri Kasparow in Dortmund Jugendweltmeister. Zwölf Jahre später kehrte er als großer Schachkönig zurück und gewann das legendäre 20. Chess-Meeting in der Westfalenhalle.

Die Schätze des fleißigen Schachsammlers Zill haben einen Ehrenplatz im Stadtarchiv. Plakate, Turnierbulletins, seltene Fotos oder Schachzeitungen aus früheren Epochen, alles wird sorgfältig katalogisiert und für spätere Generationen aufgehoben.


Carmen Voicu, Helmut Kohls


Gäste in Dortmund: Der deutsche Großmeister Jan Gustafsson (links) und Mathematikprofessor und Schachautor Dr. Christian Hesse

"Noch nie habe ich so ein starkes Turnier gewonnen"
Interview mit Ruslan Ponomarjow


Gleich bei seiner Premiere in Dortmund hat Ruslan Ponomarjow das Sparkassen Chess-Meeting gewonnen. Der 26-jährige Ukrainer dominierte das Geschehen vom Beginn bis zum Ende. Dagobert Kohlmeyer sprach nach dem letzten Zug mit dem Sieger.

Herzlichen Glückwunsch, Ruslan! Wie fühlen Sie sich?

Ponomarjow: Ich bin jetzt ziemlich müde, aber sehr glücklich. Noch nie habe ich ein Rundenturnier dieser Stärke allein gewonnen. Der Wettbewerb war sehr schwer, ich musste wirklich alles geben.

Wann hatten Sie zuletzt einen ähnlichen Erfolg?

Das liegt recht lange zurück. Im Jahre 2006 beim Tal Memorial in Moskau, es war auch ein Kategorie-20-Turnier, teilte ich den 1.-3. Platz mit Peter Leko und Levon Aronjan. Hier in Dortmund aber war ich alleiniger Sieger mit deutlichem Abstand.

Hatten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Nein, auf keinen Fall. Dafür war die Konkurrenz zu stark. Kramnik, Leko, Mamedjarow, alle besitzen sie eine Riesenerfahrung. Zudem hatte ich nur etwa zehn Tage Zeit zur Vorbereitung, weil ich vorher noch ein Turnier in Rumänien spielte. Das ist sehr wenig.

Wo und wie haben Sie sich präpariert?

Mit meinem Sekundanten Zahar Efimenko war ich an einem schönen Ort in Spanien. Er liegt in der Nähe von Bilbao. Dort lässt es sich gut arbeiten. Es wehte immer ein frischer Wind, so dass uns die Hitze nicht so viel ausmachte wie später in Dortmund. Zur Abwechslung haben wir in Bilbao auch ein Konzert der deutschen Rockgruppe Rammstein besucht. Die Musik hat uns sehr gefallen.

Wie wichtig ist ein Trainer bei so einem Super-Schachturnier?

Er hat enorme Bedeutung. Zahar ist ein starker Großmeister, wie arbeiten schon länger zusammen. Er hat mich in Dortmund maximal unterstützt. Wenn er im August in der Ukraine ein Match gegen Arkadij Naiditsch spielt, werde ich mich revanchieren und sein Trainer sein.



Welches war Ihre schönste und welches Ihre schwerste Partie in Dortmund?

Am besten hat mir mein Sieg gegen Wladimir Kramnik gefallen. Zwischen uns steht es jetzt 3:3 im klassischen Schach. Schwer fielen mir alle Schwarz-Partien. Das schwierigste Spiel war wohl das Remis mit Schwarz gegen Peter Leko.

Im Herbst findet die Schacholympiade in Sibirien statt. Nehmen Sie teil?

Ja, klar. Die Ukraine ist eine starke Schachnation. Wir haben viele gute Spieler und wollen dort um eine Medaille kämpfen. 2004 waren schon einmal Olympiasieger. Bei uns hat jetzt die Verbandsführung gewechselt. Der neue Präsident Viktor Kapustin ist sehr engagiert. Er hat alle Schulden der ukrainischen Schachföderation an die FIDE bezahlt. Sicher wird er auch ein offenes Ohr für die finanziellen Vorstellungen unseres Teams haben.

Am Rande des Turniers der Nationen gibt es die Wahl zum FIDE-Präsidenten. Wen favorisieren Sie?

Meine Unterstützung hat Anatoli Karpow. Ich schätze den russischen Exweltmeister als Schachspieler sehr und habe auch schon mit ihm trainiert. Von ihm konnte ich eine Menge lernen. Was die Schachpolitik angeht, so ist es meiner Meinung nach Zeit, dass die alte Führung des Weltverbandes FIDE nach 15 Jahren endlich abgelöst wird.

Bei seinem Besuch in Dortmund lobte Karpow Ihr Spiel und sprach von einer zweiten Geburt Ponomarjows.

Tatsächlich? Das macht mich ganz verlegen.

Haben Sie noch mehr schachliche Vorbilder als ihn?

Von allen bisherigen Weltmeistern kann man etwas lernen, ob sie nun Lasker, Aljechin oder Fischer heißen. Die Kasparow-Reihe "Meine großen Vorgänger" habe ich natürlich aufmerksam studiert.

Welches ist Ihre Lieblingsfigur?

Eine spezielle habe ich nicht. Ich möchte keine Figur auf dem Brett herausheben. Oder meinen Sie die Figur einer Frau? (lacht). Es gibt nichts Schöneres als eine gut gewachsene Frau.

Ist Musik eine gute Einstimmung auf Schach?

Ich denke schon. Im Dortmunder Schauspielhaus erklang vor jeder Runde "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauß. Das hat mich in die richtige Kampfeslust versetzt.

Ein Talisman soll ihnen in Dortmund auch geholfen haben…

Ja, ja. Beim Frühstück im Hotel hat mir eine Serviererin immer grünen Tee eingegossen. Das brachte mir Glück. Als sie ihren freien Tag hatte, verlor ich meine einzige Partie. Es war aber letztlich nicht entscheidend für den Ausgang des Turniers.

Was tun Sie heute Abend?

Mit meinem Sekundanten Zahar Efimenko ordentlich feiern.

Kommen Sie nächstes Jahr wieder zum Chess-Meeting?

Sehr gern. Ich möchte doch meinen Titel verteidigen.

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