Interview mit Ugo Dossi

02.03.2006 – Viele Künstler haben sich in ihren Arbeiten teils intensiv mit dem Schachspiel beschäftigt. Der französische Dadaist Marcel Duchamp gab sogar seine Karriere als Künstler auf, wurde Schachprofi und sagte: "Alle Schachspieler sind Künstler." Ugo Dossi hat in einigen seiner Arbeiten die ansonsten nicht sichtbaren Vorgänge während einer Schachpartie visualisiert und versucht, auf diese Weise das künstlerischem Moment einer Partie in ein anderes Medium zu übertragen. Seine Arbeiten werden u.a. während der Schacholympiade in Turin zu sehen sein. Außerdem ist er an der Veranstaltung "Hinter den Spiegeln - Zur Kultur des Spiels, der Schöpfung und der Schönheit des Denkens"der Bundeskunsthalle beteiligt, die dem Künstler und Schachspieler Marcel Duchamp gewidmet ist. Dort wird er die Züge des Mensch-Maschine-Experiments zwischen Kramnik und Deep Fritz künstlerisch aufzeichnen. Dr. Rene Gralla führte ein Interview und beweist außerdem, dass selbst aus einer Patzerpartie noch Kunst destilliert werden kann. Interview in Neues Deutschland...Aus Schach wird Kunst...

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Aus Schach wird Kunst
Von Dr. René Gralla

Ist Schach ein Spiel - oder doch auch Kunst? Ugo Dossi (62) aus München gibt die Antwort - mit seinen Arbeiten: Meisterpartien verwandelt der Künstler in filigrane Grafiken, ein geheimnisvolles Geflecht aus Linien, die sich kreuzen und wieder auseinander streben. Gerade hat Dossi in Moskaus Tretjakow-Galerie ausgestellt, das ist eine der wichtigsten Sammlungen des Landes. Über die flüchtige Schönheit genialer Züge und das Problem, die Ästhetik des Matts auch Laien zu vermitteln, spricht der Schach-Artist mit Autor Dr. René Gralla.

Dr. René Gralla: Sie wollen Schachpartien in Kunstobjekte zum Anschauen verwandeln. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Ugo Dossi: Der Tanz in einem mentalen Raum, das interessiert mich. Jedem Zug geht eine Serie von Überlegungen voraus, unabhängig davon, ob wir einen Hobbyspieler oder einen Meister vor uns haben. Eine gedankliche Serie, die beim Meister gleichsam in eine andere Dimension vorstößt - und entsprechend dann der Kunst sehr nahe kommt.

Dr. Gralla: Die abstrakte Kopfarbeit eines Meisters, die geleitet wird von mathematischer Logik, schlägt sich in konkreten Manövern der Steine nieder. Sie, Herr Dossi, dokumentieren das mit Linien in den Farben des Regenbogens. Wenn wir Sie richtig verstanden haben, ist die Art und Weise, wie Sie mentale Phänomene in optische Zeichen transformieren, für sich genommen schon Kunst ...

DOSSI: ... ich visualisiere die Schlagwechsel während einer großen Partie und mache damit etwas Meisterliches sichtbar - nämlich das Kunstwerk, das zwischen den Beteiligten entsteht, den beiden Gegnern.


Unsichtbares im Schach sichtbar machen:
der Münchner Künstler Ugo Dossi

Dr. Gralla: Das kann jedoch nur eine Annäherung sein. Ein Treffen im Schach ist schließlich viel mehr als die Summe der Figuren und ihrer Positionen ...

DOSSI: ... wenigstens kreiere ich eine optische Analogie.

Dr. Gralla: Eine Analogie, die immerhin überrascht, weil eindrucksvoll sie funktioniert: Die gedanklichen Prozesse - symbolisiert von bunten Linien - verwandeln sich in ästhetische Impressionen.

DOSSI: Und das ist eigentlich nicht anders zu erwarten: Gelingt es mir, eine Sache analog zu übersetzen, dann wird die Qualität, sofern sie in dem einen Bereich - hier: Schach - vorhanden gewesen ist, auch durchschlagen in den anderen Bereich - sprich: in meinen Exponaten.

Dr. Gralla: Spieler empfinden schöne Opfer, die zum Matt führen, als befriedigend. Solche taktischen Schläge werden aber möglich allein durch einen Gesamtprozess; und dazu gehören eine clevere Anordnung der Steine, spannungsgeladene Brennpunktfelder, passende Figurenkonstellationen - vor allem aber auch die unsichtbaren Kraftlinien, die von den individuellen Einheiten ausgehen. Aber genau diese unsichtbaren Kraftlinien sind nicht darstellbar, weil die sich wie im berühmten „Glasperlenspiel“, das Hermann Hesse in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat, in einem rein mentalen Meta-Raum bewegen. Folglich müssen auch Sie, Herr Dossi, nolens volens verzichten auf die Abbildung der für das Schach geradezu konstituierenden virtuellen Kraftlinien, aus deren Zusammenspiel mit der objektiven materiellen Lage auf dem Brett – welche Figuren stehen wo, woher sind die Steine gekommen, wo streben die Einheiten hin - erst die dynamische Mechanik des Spiels und dessen derart spezifische Schönheit entsteht. Mit der Konsequenz, dass Ihre Grafiken, die unbestreitbar ästhetisch und beeindruckend sind, nolens volens doch unvollkommen bleiben müssen, weil eben den Bildern das besagte ganz wesentliche Element - das aber erst Schach zur Kunst macht – fehlt, ja fehlen muss.

Dossi: Ihrem Einwand kann ich nicht zustimmen. Mit meiner Arbeit mache ich gerade auch die Meta-Ebene plastisch. Indem ich nämlich die dynamischen Verschiebungen der Steine während einer Partie aufzeichne und anschließend wiedergebe, treten indirekt gerade auch die besagten Kraftlinien zutage. Das erkennt der Betrachter an Verdichtungen in bestimmten Zonen, wo sich das Gefecht entscheidet. So dass dann manifest wird: Hier kulminiert die Partie.

Dr. Gralla: Welche Technik benutzen Sie, um Ihre Partiekunst-Objekte zu schaffen?

Dossi: Die kommen aus dem Rechner; vorher gebe ich Figuren, Züge und gewünschte Farben ein.

Dr. Gralla: Sie markieren die Spuren der Figuren mit verschiedenen Farben: Orange für die Bauern, Grün für die Springer, Violett für die Läufer, Gelb für die Türme, Blau für die Dame. Und dem König das Signalrot: warum? Weil der Monarch die wichtigste Figur ist?

Dossi: Nein, die Farben habe ich spontan gewählt.

Dr. Gralla: Das Thema Schach haben Sie für Ihre künstlerische Arbeit schon 1971 entdeckt. Damals arbeiteten Sie an einer Serie von Objektkästen, die "Weltmodelle" hießen. Und parallel dazu haben Sie Ihren speziellen Ansatz entwickelt, eine Schachpartie als Flußdiagramm zu begreifen. Sind Sie dazu inspiriert worden durch Ihre "Weltmodelle"? Schließlich wird auch Schach oft als eine Welt im Kleinen definiert: mit einem geschlossenen Regelwerk, das dieses Mini-Universum animiert und steuert.

Dossi: Die innere Verbindung ist unbestreitbar. In diesem Zusammenhang erinnere ich an den Urkonflikt, der in jeder Partie symbolisch ausgetragen wird und der das berühmte "Mahabarata" widerspiegelt. In jenem indischen Poem ringen zwei Armeen, gut und böse, Weiß und Schwarz, um Leben und Tod. Bauern und Figuren werden geopfert, Positionen gefestigt und Durchbrüche gesucht. Licht und Dunkel treffen sich - und am Ende führt das zu etwas Neuem, zu etwas Gemeinsamem.

Dr. Gralla: Das kann, wie wir von Ihnen lernen, regelrechte Kunst sein. Ähnlich dachte Marcel Duchamp, der Avantgardist hat Schach als "kinetische Kunst" definiert.

Dossi: Wie Duchamp das genau gemeint hat, weiß ich nicht ...


Über den Dächern von Paris: Marcel Duchamp und Man Ray beim Schach

Dr. Gralla: ... dazu zitieren wir Duchamp: "Ein Schachspiel ist von großer Plastizität. Wir konstruieren es: Es ist eine mechanische Plastik."

Dossi: Auf jeden Fall unterhielt Duchamp eine intensive Beziehung zum Schach, er spielte schließlich auch in der französischen Nationalmannschaft, das war sein ganzer Stolz. Von Duchamp stammt die Aussage, er hätte in seinem Leben viele Künstler kennen gelernt und viele Schachspieler. Manche großen Künstler seien auch Schachspieler gewesen, aber alle großen Schachspieler Künstler.

Dr. Gralla: Einige Schachspieler sind allerdings verhinderte Kreative; nicht jeder spielt künstlerisch wertvoll ...

Dossi: ... auch das natürlich, aber das ist eine andere Geschichte. Eher denke ich in diesem Zusammenhang an einen Mann wie den klassischen Weltmeister Wladimir Kramnik, der die Verwandtschaft zwischen Schach und Kunst geradezu archetypisch verkörpert. Kramniks Mutter ist Konzertpianistin, sein Vater Maler; Kramnik ist aufgewachsen unter dem Imperativ "Schönheit". Und Kramnik hat mir mal verraten: Die Partien, die er bewusst auf Schönheit ausgerichtet habe, die seien dann tatsächlich auch seine besten geworden.


Kongeniale Schach-Artisten: Ugo Dossi und Wladimir Kramnik (r.)

Dr. Gralla: Ein großer Teil Ihrer Arbeiten beschäftigt sich mit Kramniks; wann sind Sie sich zum ersten Mal begegnet?

Dossi: Im Mai 2004 während einer Simultanvorstellung in der Bundeskunsthalle Bonn. Dort werde ich nun auch im Dezember 2006 ein neues Projekt mit Kramnik realisieren; dann tritt der klassische Weltmeister gegen das Computerprogramm "Deep Fritz 9" an, und ich werde wieder die Partien aufzeichnen.

Dr. Gralla: Sie spielen also selber Schach ...

Dossi: .. das habe ich im Alter von ungefähr zehn Jahren gelernt. Aber ich bin nicht einmal Mitglied in einem Klub.

Dr. Gralla: Das ist auch nicht nötig, Sie leisten Wichtigeres für die uralte Kunst der virtuellen Königsduelle. Ihnen verdankt die Schachwelt eine regelrechte Ehrenrettung - in der Konfrontation mit Außenstehenden, die oft den Kopf schütteln: "Was macht Ihr eigentlich da beim Schach?! Verdaddelt Eure kostbare Zeit beim Spiel?!"

Dossi: Obwohl das Schachspiel eine "Ehrenrettung" eigentlich nicht nötig hat. Immerhin können wir - und so auch meine Arbeiten - beweisen: Schach ist mehr als ein Spiel, mehr als ein Zeitvertreib für den homo ludens. Auf einem bestimmten Niveau wird Schach zur Kunst.


Dr. Gralla: Wie Sie gerade auch in Moskaus berühmter Tretjakow-Galerie demonstriert haben.

Dossi: In erster Linie waren einige meiner Objektkästen zu sehen. Die machen das Element Zeit sichtbar: Wie in einer Langzeitbelichtung kristallisiert sich die Choreographie qualitativ hochwertiger Spiele heraus - wobei der Schwerpunkt auf Kramnik-Partien liegt - , und diese Choreographie im Mikrokosmos Schach reflektiert die Verschiebung der Zeit im Makrokosmos.


Schach als Hingucker auch für verwöhnte Vernissagen-Gänger:
"Trajectories of a chess game“von Ugo Dossi

(Die zweite Partie Kramnik vs. Kasparow London 2000...)

Dr. Gralla: Während Schacholympia in Turin ab 19. Mai 2006 stellen Sie erneut aus ...

Dossi: ... wahrscheinlich sind das dieselben Arbeiten wie in Moskau.

Dr. Gralla: Momentan wird überall für die Fußball-WM plakatiert und getrommelt: ein Medienrummel, von dem Schacholympia 2008, das in zwei Jahren nach Dresden kommt, bloß träumen kann. Könnte Ihr Werk ein Ansatz sein, das Königliche Spiel in die Breite zu tragen und auch Menschen zu erreichen, die Schach und seine Eleganz wie beim Ballsport auf Anhieb und ohne weiteres Regelstudium erkennen und genießen sollen?

Dossi: Wir werden nicht gegen Fußball anstinken, und wir wollen das auch nicht. Aber ich möchte schon zeigen, dass bei jedem mentalen Kraftakt - und das ist Schach! - auch etwas Kräftiges bewegt wird ... weil eine Beziehung hergestellt wird zur Kunst.

Dr. Gralla: Mancher Spieler muss sich daheim vom Ehepartner regelmäßig Sticheleien gefallen lassen, sobald sie oder er in den Schachklub gehen. Die Ignoranten können künftig mit Ugo Dossi kontern: "Was wollt Ihr eigentlich?! Ich bin ein Künstler, ich schaffe Kunst!"

Dossi: Gut, okay, wenn ich einem Schachspieler, den Sie soeben beschrieben habe, eine Rechtfertigung liefern kann, dann tue ich das gerne.


Wo Blindheit plötzlich nett ausschaut:

Wenn Leute vom Kaliber eines Kramnik ihre Partien komponieren, so dürfen wir tatsächlich vermuten, dass dann, wenn ein Künstler wie Ugo Dossi die auf dem Brett real durchgeführten Figurenmanöver in eine artifizielle Linienführung transformiert, Kunst entsteht. Kramnik-Partien sind Kunst - und schaffen erwartungsgemäß dann auch Kunst bei der Umsetzung in bildnerische Optik. Aber wie steht es mit den normalen Katastrophen des Schachalltags? Sieht man den Marken des üblichen Amateur-Desasters an, dass wir hier das Werk eines Patzers vor uns haben? Oder kann sogar die pure Ahnungslosigkeit am Brett nach Erstellen des entsprechenden Vektor-Protokolls auf eine andere Ebene der Wahrnehmung gehoben werden? Wo Blindheit plötzlich nett ausschaut? Um das herauszufinden, haben wir – ohne selbstverständlich den Anspruch erheben zu wollen, nur im Entferntesten an das schöpferische Niveau eines Ugo Dossi heranreichen zu können – einen kleinen Versuch gestartet und uns dazu inspirieren lassen, einen lustigen Fünf-Züger per Computergrafik zu re-kreieren.


Weiß: M. Dragicevic
Schwarz: Dr. R. Gralla

5-Minuten-Trainings-Blitz im Schachklub des Serbischen Kulturvereins Hamburg, 8. Dezember 2005,

Froms Gambit (ECO AO2)

1.f4 e5 2.fxe5 d6 3.exd6 Lxd6 4.Sf3 g5

4.h3?? Lg3#.

Und wie sieht diese Miniatur nun im Flussdiagramm aus? Nachfolgend die Transformation – bei der wir Ugo Dossi an dieser Stelle noch einmal dafür danken, dass er uns entsprechend inspiriert hat (Farbgebung der Züge: weißer Bauer = GELB; weißer Springer = GRÜN; schwarzer Bauer = ROT; schwarzer Läufer = VIOLETT).



Design by R. Gralla und Red Star, Hamburg 2006


Was lernen wir daraus? Künftig zum Spiel im Klub oder in der Liga den LapTop mitnehmen - und vor allem die vergeigten Partien blitzschnell in farbige Energieströme verwandeln. Sollte anschließend noch einmal jemand wagen, an der einschlägigen Performance herumzukritteln - einfach die Grafik ausdrucken und dem Beckmesser vor die Nase halten: „Vergiss die kleinliche Punkte- und Erbsenzählerei! Ich arbeite an Höherem – ich schaffe Kunst!!“ Und alle treffen wir uns dann bei der nächsten Documenta.


 

 

 

 

 



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