„Lächerliches
WM-Geschacher“
Viswanathan Anand sieht sich als weltbester Spieler / Alexej Schirow
gefährlicher Gegner bei Chess Classic Mainz
"Der Tiger von
Madras“ ist bisher eher ein zahmes Kätzchen gewesen, wenn sich Diskussionen um
den weltbesten Schachspieler entfachten. Jetzt bezeichnet sich der bescheidene
Viswanathan Anand aber ungeachtet seiner Position als Weltranglistenzweiter als
die wahre Nummer eins. Den neuen Anspruch unterstrich der indische Sportler des
Jahres am Sonntag mit seinem Turniersieg in Dortmund. Mit Anand, der sich ab
Donnerstag bei seinem Lieblingsturnier Chess Classic Mainz (5. bis 8.
August/täglich ab 18.30Uhr) mit Alexej Schirow (Spanien) einen Zweikampf über
acht Partien liefert, unterhielt sich Hartmut Metz.
Herr
Anand, wie fühlt man sich als bester Schachspieler auf dem Globus, für den Sie
selbst Weltmeister Wladimir Kramnik derzeit hält?
Anand:
Das ist natürlich ein schönes Gefühl, zumal ich ja auch den Schach-Oscar als
bester Spieler erhielt. Offenbar wissen die meisten Leute, dass meine Ergebnisse
in den vergangenen zwei Jahren ziemlich gut ausfielen.
In Dortmund haben
Sie am Sonntag auch das Finale gegen Kramnik gewonnen.
Anand:
Endlich einmal wurde ich dort alleiniger Erster. Der Modus mit Vorrundengruppe,
Halbfinale und Endspiel kommt mir entgegen. Nach ausgeglichenem Stand fällt die
Entscheidung im Schnell- und Blitzschach ...
… bei dem Ihre
Überlegenheit noch größer ist. Worin bestehen die Unterschiede zwischen Ihnen
und dem in der Weltrangliste offiziell noch führenden Garri Kasparow?
Anand:
Kasparow ist grundsätzlich einer der Größten der Schach-Geschichte. In den
vergangenen zwei Jahren hat er aber kaum gespielt. Er profitiert davon, dass das
Elo-System dies im Gegensatz zu anderen Weltranglisten im Sport nicht ausdrückt.
Es reicht dabei, an ein, zwei Turnieren teilzunehmen, um vorne zu bleiben.
Natürlich ist er ein großer Spieler, das bestreitet niemand, aber in den
vergangenen zwei Jahren war mein Spiel (gluckst) - ich spielte häufiger (lacht
herzlich).
Das heißt, Sie
fühlen sich ihm überlegen?
Anand:
Nicht nur im Vergleich mit ihm. Meine Leistungen waren in den letzten zwei
Jahren sehr gut. Mich freut’s, dass die Leute das auch zur Kenntnis nehmen.
Trotz Ihrer
Ausnahmestellung haben Sie sich geweigert, in Libyen einen Anlauf auf Ihren
zweiten WM-Titel beim Schach-Weltverband FIDE zu nehmen. So eliminierte der
usbekische Weltranglisten-54. Rustam Kasimdschanow die wenigen angetretenen Asse
und wurde sensationell Weltmeister.
Anand:
Ich war nicht mit dem Modus einverstanden. Ich habe es nicht nötig, mich für ein
WM-Duell gegen irgendjemanden zu qualifizieren – auch nicht für ein WM-Finale
mit dem gesetzten Kasparow, das nun Kasimdschanow bestreiten soll. Deshalb
entschloss ich mich, es sein zu lassen. Meiner Meinung nach verhinderten die
vielen Absagen von fast 20 Topspielern, dass in Tripolis von einer richtigen
Weltmeisterschaft gesprochen werden kann. Wir haben uns nicht darüber
unterhalten und abgesprochen in der Art von „wenn du nicht hinfährst, bleibe ich
auch weg“ und so fort – unabhängig voneinander kamen wir aber witzigerweise alle
zum gleichen Schluss. Offen gesprochen, gibt es unterschiedliche Gründe für die
Absagen. Hauptursachen gibt es deren drei, wobei die Reihenfolge variiert:
Einige mochten den Spielort Tripolis nicht, manche hatten etwas gegen den
vorgelegten Vertrag und andere wiederum wie die US-Amerikaner und Israelis
durften nicht nach Libyen einreisen.
Experten meinen,
Kasimdschanow würde von Kasparow wie ein Hühnchen gerupft. Geben Sie ihm eine
Chance?
Anand:
Dazu möchte ich nichts sagen.
Sehen Sie die neue
Spieler-Gewerkschaft ACP auf dem richtigen Weg? Sind Sie schon Mitglied?
Anand:
Ich bin bereits ACP-Mitglied. Aber momentan ist es noch zu früh, deren Arbeit zu
bewerten. Man muss abwarten, ob die Spieler-Gewerkschaft Turniere organisieren
beziehungsweise mit Organisatoren zusammenarbeiten kann. Darin wird sich zeigen,
ob die ACP eine Alternative zum Weltverband FIDE ist.
Wie werten Sie das
Verhalten von Kasparow?
Anand:
Ich denke, die Bewertung der WM in Libyen hat nichts mit ihm zu tun. Die meisten
Leute haben Probleme mit der FIDE. Böten die mir auch ein Finale an, würde ich
es wohl genauso akzeptieren.
Ist Kasparows
Verhalten aber nicht seltsam? Erst spaltet er 1993 die WM von der FIDE ab, dann
beschimpft er ein Jahrzehnt lang den FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow als
Verbrecher – und nun paktiert er mit ihm und lässt sich für ein Finale setzen.
Anand:
Keine Frage, das ist krass. Er war erst in der Großmeister-Organisation GMA,
dann in der Profischach-Vereinigung PCA, zum Schluss kehrte er wieder in den
Schoß der FIDE zurück. Aber gut, manche Leute sind flexibel …
Sehr flexibel …
Anand
(schmunzelt): Stimmt, aber da gibt’s noch ein paar
mehr von der Sorte. Mal sehen, wie flexibel er in der russischen Politik sein
wird.
Wäre es gut fürs
Schach, wenn Kasparow in der Politik verschwinden würde? Vor kurzem wirkte er
erneut an einer Parteigründung mit.
Anand:
Ich bin nur neugierig zu sehen, ob er in der bleibt oder in die ein oder andere
weiterwechselt.
Wie finden Sie den
Vorschlag des kampflos entthronten FIDE-Weltmeisters Ruslan Ponomarjow, ein
Turnier mit Ihnen, Kasparow, dem FIDE-Champion von Libyen, Rustam Kasimdschanow,
dem zweiten Weltmeister Wladimir Kramnik sowie dessen Herausforderer Peter Leko
auszurichten?
Anand:
Angesichts dessen, dass der Prozess der Titelvereinigung so gut wie gescheitert
ist, wäre es keine schlechte Idee. Sicher würde jeder darüber nachdenken, auch
die FIDE. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass man alle sechs Akteure ans
Brett brächte. Kramnik und Leko wollen erst ihr Match austragen, Kasimdschanow
als Weltmeister von Libyen überlegt sich auch wieder etwas … Prinzipiell wäre es
aber fein, wenn jemand diese WM auf die Beine stellen könnte.
Ist solch ein
Turnier der einzige Ausweg aus dem Titelvereinigungs-Dilemma?
Anand:
Ich weiß nicht, wie all das endet. Selbst wenn das Match zwischen Kasimdschanow
und Kasparow zu Stande käme, müsste anschließend ein weiteres stattfinden. Doch
bisher wird lediglich Kramnik – Leko definitiv ausgetragen. Ich konzentriere
mich nicht auf die Diskussionen, sondern auf meine Turniere: Lieber den Spatz in
der Hand als die Taube auf dem Dach. Ich baue keine Luftschlösser.
Das heißt, Sie
kümmern sich kaum um das ganze Theater.
Anand:
So kann man es nicht sagen. Ich hätte schon gerne die erneute Chance,
Weltmeister zu werden. Aber das ist alles so lächerlich …
Trotzdem haben Sie
die Partien eifrig live im Internet verfolgt. Packte Sie als potenzieller
Titelfavorit nicht ein bisschen Wehmut auf Grund der verpassten Chance auf den
zweiten Titel?
Anand:
Nein, ich fühle mich auch so wohl. Ich finde es aber natürlich spannend, die
interessanten Partien eines starken Turniers anzuschauen.
Könnte der
Schachsport bei einer Wiedervereinigung der Titel mehr Sponsoren anziehen? Viele
Firmen werben zwar mit Schachmotiven, aber im Gegensatz zu Ihrer Heimat Indien
gibt es in Europa nur noch wenige hochkarätige Sponsoren.
Anand:
Mit Sicherheit. Ein einziger Weltmeister wäre der Beleg für Sponsoren, dass wir
wieder eine vernünftige Schach-Organisation haben. Fasst ein Geldgeber Schach
ins Auge, entdeckt er derzeit mit mehreren Weltmeistern nur ein Chaos. Deshalb
wäre ein Weltmeister dem Sponsoring dienlich – ein Allheilmittel für das
Tohuwabohu habe ich aber leider auch keines. Wir brauchen einfach einen
Weltmeister, den auch alle als solchen anerkennen. Momentan behauptet mal der
eine, mal der andere, er sei der wahre Weltmeister – gelöst wurde jedoch das
Problem auch nach dem Prager Abkommen nicht.
Bei den Chess
Classic Mainz treffen Sie vom 5. bis 8. August auf Alexej Schirow. Da Sie schon
seit mindestens einem halben Jahrzehnt als weltbester Schnellschachspieler
gelten, werden Sie den Topwettbewerb sicher zum fünften Mal in Folge gewinnen.
Anand:
Es wird auf jeden Fall ein interessanter Wettkampf. Bei seinem souveränen
Turniersieg in Sarajevo mit 7,5:1,5 Punkten trumpfte Alexej regelrecht auf. Da
wird einem klar, dass es gegen solch einen Spieler nur ein hartes Match geben
kann. Er ist aus seinem Tief heraus und in glänzender Form.
Haben Sie eine
Erklärung für dieses ständige Auf und Ab bei ihm?
Anand:
Das liegt eindeutig an seinem Stil. Wenn er in Form ist, überrollt Alexej alle.
Wenn er schlecht drauf ist, hat er enorme Probleme.
Worin besteht der
Unterschied, wenn man gegen Schirow spielt im Vergleich zu anderen Großmeistern?
Anand:
Als herausragend empfinde ich Schirows äußerst kreative Spielweise. Er will
immer etwas unternehmen, versucht neue Pfade zu beschreiten, auf die sich vorher
noch keiner wagte. Er zockt gerne, in diesen ungewöhnlichen Positionen. Man kann
nie sagen, ob es gut oder schlecht ist, was Alexej macht – wenn’s klappt, war’s
genial (lacht), wenn er scheitert, ist es blöd gelaufen. Das ist eben sein
Naturell.
Zocken Sie besser
als Schirow? Bei Ihrem WM-Sieg vor drei Jahren verhängten Sie im Finale mit dem
3,5:0,5 fast die Höchststrafe.
Anand:
Seitdem fiel mein Ergebnis gegen ihn positiv aus. Er gehört aber zu den Top Ten
und ist stets zu beachten. In Mainz zählen alte Lorbeeren nichts. Der Wettkampf
über acht Partien beginnt bei 0:0.
Sie spielen
gemeinsam mit Schirow beim deutschen Vizemeister SC Baden-Oos an den vorderen
zwei Brettern. Ist es für einen Profi noch ein Unterschied, gegen einen
Mannschaftskameraden anzutreten, bei all den Einsätzen, die viele Großmeister in
verschiedenen Nationalligen haben?
Anand:
Das ist nur etwas verwirrend, wenn man erst am einen Tag gegen jemanden antritt,
der am nächsten Tag dein Mannschaftskamerad ist. So ging es mir mit Francisco
Vallejo Pons und Peter Swidler, die in Frankreich erst unsere Gegner waren, und
tags darauf auf unserer Seite bei Baden-Oos saßen. Alexej und ich sind überall
im selben Team: in Cannes wie in Baden-Baden. Ich spiele allerdings auch in
weniger Mannschaften als die anderen Jungs, die zudem im Europapokal engagiert
sind. Letztlich ist es zweitrangig, weil wir in den viel häufiger ausgetragenen
Einzelturnieren Rivalen sind.
Was halten Sie von
Chess960, das in Mainz von Ihrem Freund Hans-Walter Schmitt gepuscht wird?
Anand:
Wir wissen noch immer nicht, wie sich Chess960 entwickelt. Nach dem Superturnier
in Linares sprach Wladimir Kramnik Chess960 nicht direkt an, er betonte aber,
wie mühselig es sei, gute Stellungen aufs Brett zu bekommen, weil alle in der
Eröffnung so gut vorbereitet seien. Nimmt man diese Aussagen als Maßstab,
erscheint es interessant, Chess960 zu spielen. Momentan ist es noch zu wenig
erforscht. Meines Erachtens sind nicht alle 960 Startaufstellungen interessant.
Ich verfolge jedenfalls die Entwicklung, die sich in Mainz ergibt. Das größte
Problem besteht meiner Ansicht darin, dass die Super-Großmeister über Jahre ein
Eröffnungswissen aufgebaut haben, das ihr Kapital darstellt. Ihren größten
Schatz wollen sie natürlich nicht missen, denn das Verständnis für gewisse
Eröffnungen, Stellungen oder das Gefühl für Gefahren macht auf höchstem Niveau
den Unterschied. Da dieser Vorsprung bei Chess960 verloren zu gehen droht und
sich die Angst vor Blamagen hinzugesellt, wird wohl in den nächsten Jahren kein
attraktives Chess960 zu sehen sein. Es wird zu vorsichtig agiert – aber warten
wir es ab, was sich im Chess960 in Mainz tut.
Strengen Sie sich
nicht immer besonders beim Hauptevent an, um den Titel zu verteidigen - nur,
damit Sie nicht in die Chess960-Klasse abrutschen? In die würde Sie Organisator
Schmitt doch sicher als WM-Herausforderer verfrachten, wenn ein anderer den
Zweikampf gewänne und zum Titelverteidiger aufstiege.
Anand:
Nein, das würde er nicht machen.
Doch!
Anand:
Na gut, dann gewinne ich lieber vorsichtshalber zum siebten Mal die Chess
Classic.