Interview mit Vladimir Kramnik

10.10.2008 – Nur noch fünf Tage - dann werden in Bonn bei der ersten Schachweltmeisterschaft seit 1934 in Deutschland zwischen Weltmeister Viswanathan Anand und Vladimir Kramnik die ersten Züge gewechselt. Im Interview mit Dagobert Kohlmeyer hat Kramnik erneut betont, welche Bedeutung dieser Wettkampf für ihn hat und dass er dem Wettkampf um eine Weltmeisterschaft im Vergleich zum WM-Turnier eine höhere Bedeutung beimisst. Auch sein Team in Bonn hat Kramnik benannt. Neben seinem Manager wird er in Bonn von Rublevsky, Fressinet und überraschend Leko sekundiert. Kramnik spricht außerdem über die Rolle der Computer bei der Vorbereitung und empfiehlt jedermann die Beschäftigung mit dem Schachspiel. Ans Aufhören denkt der 33-Jährige übrigens noch lange nicht. In englischer Sprache erschien ein weiteres Interview, das Frederic Friedel führte.Interview mit Vladimir Kramnik (engl.)...Interview mit Vladimir Kramnik (dt.)...

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Interview mit WM-Herausforderer Wladimir Kramnik

„Bonn erlebt den realen Fight um die Schachkrone“
Von Dagobert Kohlmeyer

Nach 74 Jahren erlebt Deutschland wieder ein Duell um die Schachkrone. Damals gewann Alexander Aljechin gegen Jefim Bogoljuobow. Beim WM-Match in Bonn spielen der Inder Viswanathan Anand (38) und der Russe Wladimir Kramnik (33) ab Dienstag, dem 14. Oktober, um den WM-Titel und ein Preisgeld von 1,5 Millionen Euro. Steht es nach 12 Partien 6:6, gibt es am 2. November einen Tiebreak mit verkürzter Bedenkzeit. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem WM-Herausforderer Kramnik, der im Jahre 2000 Garri Kasparow entthronte, sieben Jahre Weltmeister war und nun wieder auf den Schacholymp zurück will.

Wie gut sind Sie auf das Match eingestellt?

Ich bin seit langem dazu bereit und fest entschlossen, den Titel zurückzuholen. Das Match ist ein sehr wichtiges Ereignis in meiner Schachkarriere. Es wird hoffentlich angenehmer als das nervenaufreibende WM-Duell 2006 gegen Topalow in Elista.

Anand wurde voriges Jahr in Mexiko Weltmeister, Sie belegten Platz 2. Es war aber ein Rundenturnier. Warum hat der Zweikampf in Bonn für Sie größere Bedeutung?

Unser Duell ist zehnmal wichtiger. Der Titel in einem Zweikampf der beiden weltbesten Schachspieler hat einen viel höheren Stellenwert als ein Turniersieg. Wenn du Schachweltmeister werden willst, musst du den Hauptkonkurrenten besiegen, nicht einfach in einem Turnier Remis gegen ihn machen und dann die schwächeren Leute vom Brett fegen. Man muss stärker sein als der ärgste Widersacher und ihn im direkten Duell bezwingen. Sehen Sie doch in die Schachgeschichte! Dort gab es über 120 Jahre immer große, unvergessene WM-Kämpfe. Deshalb hat der Fight in Bonn für mich so ein großes Gewicht.

Sie sind wie Ihre Vorgänger Karpow und Kasparow ein Schüler des legendären Michail Botwinnik. Fühlen Sie deshalb eine besondere Verpflichtung, die Schachkrone nach Russland zurückzuholen?

Sicher. Die 12 Partien von Bonn haben für mich aber doppelte Bedeutung. Einmal möchte ich den Titel für mein Land zurückerobern, das eine so lange und großartige Schachtradition hat. Die Menschen in Russland wären dann stolz auf mich. Zudem soll das Match ein weiterer Höhepunkt meiner sportlichen Laufbahn sein. Quasi das letzte noch fehlende Glied in einer erfolgreichen Kette. Gegen Viswanathan Anand zu gewinnen, der ein großer Schachmeister ist, das wäre die absolute Krönung. Ich habe mich ganz ernsthaft auf diesen ultimativen Zweikampf vorbereitet.

Wann haben Sie das WM-Training aufgenommen? Anand präparierte sich seit April und arbeitete manchmal bis zu 10 Stunden am Tag. Sie etwa auch?

Zehn Stunden sind das Minimum! (lacht). Ich habe schon viel früher mit der Vorbereitung begonnen, und zwar im vergangenen Winter. Gleich, nachdem die Verträge unterschrieben waren. Zuerst studierte ich gründlich Anands Partien, um seine Schwachpunkte zu entdecken. Im Frühjahr intensivierte ich die Arbeit und zog meine Sekundanten hinzu. Ich bin davon überzeugt, dass mein Gegner schachtheoretisch in Bonn bis an die Zähne bewaffnet sein wird. Wir beide werden bestens vorbereitet sein, um möglichst starke Züge aufs Brett zu zaubern.

Bis zuletzt haben Sie die Namen Ihres Teams geheim gehalten. Überraschend engagierten Sie als Trainer auch Super-Großmeister Peter Leko aus Ungarn, mit dem Sie vor vier Jahren selbst ein WM-Finale bestritten haben. Warum haben Sie gerade ihn ausgewählt?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erst einmal haben wir ein gutes persönliches Verhältnis. Zweitens achte ich ihn als glänzenden Schachspieler und vertraue ihm. Das ist ganz wichtig in unserem Geschäft. Wir arbeiten schon seit Jahresbeginn zusammen. Es ist ein Unterschied, ob man auf diesem Level nur gegeneinander spielt oder gemeinsam Partien analysiert. Ich spüre das bei ihm ganz deutlich. Peter ist sehr kollegial und ein sehr wichtiges Element meines Teams. Mit ihm hat die Vorbereitung ein viel höheres Niveau erreicht. Darüber bin ich sehr froh.

Ihr WM-Team ist kleiner als sonst. Eine Sparmaßnahme?

Nein. Weil die Voraussetzungen in Bonn so gut sind, komme ich mit vier Personen aus. Es sind die Großmeister Leko (Ungarn), Rublewski (Russland) und Fressinet (Frankreich) als Sekundanten sowie mein Manager Carsten Hensel aus Dortmund.

Warum fehlen diesmal Ihr Koch und Ihr Physiotherapeut?

Bonn ist nicht die südrussische Steppe, sondern ein hervorragender Ort für einen solchen Wettkampf. In Elista war der Koch ganz wichtig, weil gutes Essen dort nicht gewährleistet war. Hier ist es anders. Unser Hotel ist ausgezeichnet, es gibt viele gute Restaurants. Den Masseur brauchte ich damals dringend, weil ich langwierige gesundheitliche Probleme hatte. Meine Schmerzen in den Beinen und im Rücken waren sehr groß, ich konnte nicht schlafen. Deshalb war Hilfe nötig. Seit zwei Jahren habe ich diese Dinge zum Glück überwunden.

Sie sind oft in Deutschland. Wie viele Wochen haben Sie dieses Jahr hier im Trainingscamp verbracht?

Ich war insgesamt sogar zwei Monate im Trainingslager. Ihr Land ist so etwas wie eine zweite Heimat für mich geworden. In Dortmund feierte ich acht Turniersiege, und „nebenan“ liegt Bonn, wo ich in der Bundeskunsthalle schon mehrfach gespielt habe. Zuletzt 2006 gegen das Schachprogramm „Deep Fritz“. Und Mainz ist auch nicht so weit entfernt, wo Anand seine großen Turniersiege im Schnellschach eingefahren hat. Beide sind wir mit dem WM-Austragungsort sehr zufrieden.

Wie wollen Sie Anand schlagen?

Das werde ich jetzt auf keinen Fall verraten. Die wichtigste Strategie ist, besser als er zu spielen. Ich habe natürlich meine taktische Marschroute dafür festgelegt, aber es ist heute zu früh, darüber zu reden.

In der Szene gelten Sie als pragmatischer Schachspieler, der einfache Stellungen auf dem Brett liebt, so wie früher Bobby Fischer.

Das ist etwas zu simpel dargestellt. Leute wie Anand und ich können einfach und auch kompliziert spielen. Es wird in unserem Match sicher Überraschungen geben. Natürlich habe ich meine Vorlieben und er seine, aber bei unserem Level kann jeder sofort umschalten, wenn es die Situation erfordert. Meine Hauptaufgabe ist es wie gesagt, ein maximales Spielniveau zu zeigen und besser als mein Kontrahent zu sein. Alles andere ist zweitrangig.

Welche Rolle spielt die Psychologie dabei?

Sie ist notwendig und beim Schach immer gefragt, ganz klar. Zum Beispiel, welche Sekundanten nehme ich mit ins Boot, mit welchen Eröffnungen überrasche ich ihn? Aber Anand und ich kennen uns so lange, spielen seit 15 Jahren gegeneinander, so dass es nicht einfach für einen sein wird, ein klares psychologisches Übergewicht zu bekommen. Ich sage es noch einmal, auch wenn es nicht sehr romantisch klingt: Das Match gewinnt derjenige, der in der entscheidenden Situation die besseren Partien spielt. Nur diese Einstellung führt zum Sieg.

Kasparow schnitt früher Grimassen und hypnotisierte seine Gegner. Sehen Sie Ihrem Widerpart auch direkt ins Gesicht, um Schwächen zu finden?

Nein, solche Mätzchen gibt es bei mir nicht. Das habe ich nie gemacht. Anand ist auch nicht so eingestellt, so dass die Zuschauer in Bonn auf dieses Vergnügen wohl verzichten müssen.

Wenn Sie aber einen starken Zug gemacht haben oder ihm eine neue Variante servieren, wollen Sie dann nicht seine Reaktion sehen?

Ich beobachte ihn dann nur aus den Augenwinkeln, das genügt. Mehr ist nicht nötig. Alles andere wäre gefährlich. Wenn man sich nur auf solche Spielchen einlässt, kann man leicht die Konzentration verlieren.

Anand ist Titelverteidiger, erhält aber keinen Weltmeister-Bonus. Wenn Ihr Match 6:6 endet, gibt es einen Tiebreak. Wie haben Sie das beim Weltschachbund durchgesetzt?

Es war einmal Verhandlungssache. Und zum anderen wird bei FIDE-WM-Kämpfen bei Gleichstand jetzt immer ein Tiebreak gespielt. Wie vor zwei Jahren in Elista auch. Es gibt heute keine sogenannten draw odds mehr. Damit war diese Sache bei unseren Verhandlungen schnell vom Tisch.

Die Computer haben längst Einzug in Ihren Denksport gehalten. Sind sie Fluch oder Segen?

Die Rechner haben das Leistungsschach drastisch verändert. Als junger Spieler arbeitete ich noch mit Karteikarten. Heute ist der Computer meine Eröffnungsdatei und meine Analysiermaschine, das bedeutet eine wichtige Hilfe und einen großen Zeitgewinn. Die Rolle der elektronischen Schachprogramme ist gewaltig, aber jeder Spieler sollte seine eigene Arbeitsmethode wählen und sich nicht nur auf den Rechner verlassen.

Wo liegen die Gefahren des Computer-Gehorsams?

Man darf der Kiste nicht blind vertrauen. Das Wichtigste ist und bleibt die gedankliche Arbeit am Brett. Es kommt immer darauf an, die goldene Mitte zu finden, die ihm hilft, die Rechenkraft des Computers so effektiv wie möglich zu nutzen. Das ist nicht einfach, weil so eine Maschine nicht nur Gutes bringt, sondern auch der Kreativität des Schachspielers schaden kann.

Das WM-Match in Elista erlangte traurige Berühmtheit, weil Ihr Gegner Ihnen Betrugsabsichten vorwarf und einen Computer in Ihrem Waschraum vermutete. Wird es so ein „Toiletten-Gate“ auch in Bonn geben?

 Ich erwarte diesmal keinen Skandal und sehe auch keinerlei Grund dafür. Zumal mein Gegner ein friedlicher Mensch ist. Anand und ich mögen solche undiskutablen Dinge nicht. Ich denke, unser Match wird nur am Brett entschieden.

Welche Sicherheitsmaßnahmen wird es in Bonn geben?

Noch haben wir den Spielsaal in der Bundeskunsthalle nicht besichtigt, aber ich weiß, es wird die üblichen Kontrollen geben, die bei einem WM-Finale schon Standard sind. Die Veranstalter installieren auch einen Sichtschutz, das heißt, einen Theatervorhang aus Gaze zwischen Bühne und Publikum. Wenn dann der Lichtteppich erzeugt wird, sehen wir beiden Spieler nur auf eine schwarze Wand, die Zuschauer können aber hindurch gucken und alle unsere Figurenmanöver beobachten.

Beim Match gegen das Schachprogramm „Fritz“ vor zwei Jahren in Bonn haben sie ein einzügiges Matt übersehen. Wurmt Sie dieser größte Patzer Ihrer Karriere noch heute?

Es ist so lange her, dass ich es fast vergessen habe. Die meisten meiner Erinnerungen an Bonn sind sehr gut. Es ist eine freundliche Stadt, in der man sich prima vom Wettkampfstress erholen kann. Verglichen mit Moskau und Paris, wo ich mich sonst aufhalte, ist sie geradezu klein und gemütlich. Ich gehe sehr gern am Rhein spazieren und tanke dort positive Energie. Anand wird sicher genauso froh sein wie ich, dass dieses WM-Match in Deutschland auf höchstem Niveau organisiert wird. Ein Duell um die Schachkrone hat so ein Ambiente und eine solche Organisation verdient, wie sie UEP und die Bundeskunsthalle bieten. Wir können uns dort voll auf unseren Job konzentrieren.

Sie sind jetzt 33 Jahre alt und meine vorletzte Frage ist nicht neu: Denkt der Schachspieler Kramnik manchmal schon ans Aufhören?

Noch habe ich das nicht vor, weil mir das Spiel zu viel Freude macht. Es bereitet mir Vergnügen, weil ich es nicht nur als Sport ansehe, sondern vor allem als anspruchsvolle Kunst. Solange ich gutes Schach zeigen kann, werde ich es weiter betreiben. Also sicher ist, noch einige Jahre, maximal vielleicht zehn. Ganz genau möchte ich mich jetzt aber nicht festlegen, weil ich nie länger als drei Jahre voraus plane. Momentan habe ich noch nicht vor, meinen Beruf zu wechseln.

Was hat das Schach Ihnen gegeben?

Sehr viel. Es hat mein bisheriges Leben ausgemacht, ist meine Profession. Ich habe ihm alles gegeben. Wunderbar finde ich andererseits, dass es nicht nur der Existenz dient, sondern auch anderen Freude bereit. Wen du als Schachspieler einer der Besten deines Fachs bist, verfolgen viele Schachfans mit Interesse und Begeisterung deine Partien. Es ist schon ein großes Glück, wenn die Arbeit nicht nur Broterwerb, sondern gleichzeitig dein Hobby ist.

Kann Schach ein Modell für das Leben sein?

Zweifellos ist es kein Schaden, wenn Kinder das Spiel schon früh erlernen. Es entwickelt den Intellekt und einen richtigen Mechanismus des Denkens. Genau wie ein Schachspieler braucht jeder Mensch für sein Leben eine gute Strategie. Er muss dafür kein Großmeister werden, er kann Geschäftsmann oder Politiker sein, aber die Gewohnheit des klaren Denkens wird ihm in allen Sphären des Lebens helfen. Wenn ich einmal Kinder haben werde, dann bringe ich ihnen auf jeden Fall Schach bei. Sie müssen aber keine Profis werden, um mit Hilfe des Schachs richtig denken zu lernen.   

 

 

 

 


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