Interview mit Vlastimil Hort

von André Schulz
07.04.2020 – Der Wettkampf UdSSR mit einer Weltauswahl war ein fantastischer Vergleich - sogar 50 Jahre später. Vlastimil Hort hat mitgespielt und mit seinen Berichten geholfen, die Erinnerung wach zu halten. Und er hatte noch Zeit für ein Interview. | Foto: Dutch National Archive

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Du bist einer der Spieler, die vom großen ersten Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt „übrig geblieben“ sind. Wer von den anderen lebt noch?

Boris Spassky, aber er ist schwer krank, Lajos Portisch, Wolfgang Uhlmann, Boris Ivkov, Fridrik Olafsson und Klaus Darga

War die Begeisterung tatsächlich so groß, wie geschrieben wurde?

Ja, es war fantastisch. Unglaublich.

Wie lebte man damals in Tschechien, zwei Jahre nach dem Einmarsch des Warschauer Paktes?

Es war fast wie in einem Gefängnis. Natürlich keine Westpresse. Verboten. Auch keine Schachzeitungen. Überhaupt keine Westkontakte. In der DDR war es auch so. Es gab nur sowjetische Zeitungen, aber mit viel Verspätung. Man bekam Shakhmatny Bulletin und Shahs aus Riga, von Aivars Gipslis herausgegeben. Aber alles mit großer Verspätung. Wir hatten kein Internet. 

Waren das die besten Spieler jener Zeit oder fehlten welche?

Eigentlich waren das die besten Spieler in dem Jahr. Für Robert Hübner kam der Wettkampf etwas zu früh. Sonst wäre er sicher dabei gewesen. Es war eine gute Weltauswahl. Dr. Euwe hatte ein gutes Gespür.

Wie und wann wurden die Aufstellungen bekannt?

Die Aufstellung wurde bei einer Versammlung der Spieler in Belgrad diskutiert. Es gab einen Vorschlag, den Euwe irgendwo auch publiziert hatte, doch den kannten die meisten nicht - wie gesagt - viele hatten keine Westmagazine, und wenn nur mit großer Verspätung. Olafsson kannte den Vorschlag, aber er schwieg während der Versammlung.

Fischer und Larsen stritten darüber, wer an Brett eins spielen soll. Euwe überredete Fischer, an zwei zu spielen. Najdorf und Reshevsky stritten, wer hinter Portisch an vier spielen soll. Das war ein echter Streit. Am Ende entsprach die Aufstellung Euwes Vorschlag, aber das war ein Zufall. Es zeigt, welch gutes Gespür Euwe hatte.

Kannte man damals schon die Elozahlen?

Schon, aber die waren noch nicht so bedeutsam wie später.

Hatte Fischer Angst vor Spassky oder warum spielte er an zwei?

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Fischer hatte überhaupt keine Angst. Er spielte viel zu gerne. Fischer gab nach, weil ihm die Idee des Wettkampfes gut gefiel. 

Habt ihr Kontakt zu den Zuschauern bekommen?

Ja, viel Kontakt. Ich spreche gut serbo-kroatisch und habe viel mit den Leuten in Belgrad gesprochen. 

Konnten die Spieler der Weltauswahl mit den Spielern der UdSSR sprechen?

Ja, keine Probleme. Die meisten konnten wenigstens etwas Englisch. Natürlich sprachen auch viele der Nicht-Sowjets etwas russisch.

Wer von den Sowjets war am angenehmsten?

Paul Keres war immer der zugänglichste. Es lag vielleicht auch daran, dass er perfekt Deutsch sprach. Mit ihm war es immer sehr angenehm. Tal hat erst später etwas Deutsch gelernt. Er konnte etwas Englisch, aber er war nicht so sprachbegabt. Es wurde nach den Runden auch gemeinsam analysiert. 

Foto: Chess Life

Fischer schien damals schon mental vom Weg abgekommen zu sein, oder welchen Eindruck machte er auf dich?

Nein, überhaupt nicht. Er machte einen ganz normalen Eindruck.

Wie waren die Preisgelder?

Vielleicht haben Fischer und Larsen mehr ausgehandelt, ich weiß es nicht. Wir bekamen 2000 Dollar. Es waren sehr gute Bedingungen.

Was sagst du zu den Gerüchten, einige Spieler aus den „Satelliten-Staaten hätten am Ende auf Geheiß der Sowjets mit angezogener Handbremse gespielt, damit die UdSSR nicht verliert?

Das ist Unsinn. Es stimmt, Portisch stand in der letzten Runde auf Gewinn und Najdorf stand besser. Sie haben beide wohl zu sehr an sich gedacht. Aber wir waren ein Team und wollten als Team gewinnen. 

War 1970 eine gute Zeit für Schachprofis? Verglichen mit heute…?

Den Fischereffekt gab es noch nicht. Normalerweise haben wir nicht viel verdient. Erst mit Fischer und der Weltmeisterschaft sind die Preisgelder hoch gegangen.Wir müssen ihm eine Kerze aufstellen. Und wir haben noch mit dem eigenen Kopf gespielt. Der Informator war eine Hilfe. 

Was machst du während der Corona-Zeit, wenn du nicht über große alte Schachturniere berichtest?

Haha. ich bin dankbar, dass ich mich hier am Event beteiligen durfte. Ich schreibe viel gegen Corona. Ich telefoniere gegen Corona. Ich arbeite an einem weiteren Buch mit Schachgeschichten. Ich danke für dieses Interview.  

Wir haben zu danken.

Die Fragen stellte André Schulz.

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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