Interview mit Wolfgang Uhlmann

16.03.2007 – Geht es um den Titel der "Schachhauptstadt Deutschlands", so hat Dresden gute Chancen auf Platz 1. 2008 findet dort die Schacholympiade statt und in wenigen Wochen beginnen die Einzeleuropameisterschaften. Der berühmteste Dresdner Schachspieler ist Wolfgang Uhlmann, früher einer der besten Spieler der Welt und Rekordnationalspieler. Dagobert Kohlmeyer kündigt die kommenden Schachereignisse an und sprach mit Wolfgang Uhlmann über Dresden, Schacholympiaden, den Generationswechsel im Schach und vieles mehr. Zum Interview...

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Dresden ist bereit für die Schach-EM Am 2. April werden im Dresdner Kongress-Centrum (ICD) die 5. Einzeleuropameisterschaften der Damen und Herren im Schach eröffnet. Bereits vor Ablauf des Meldetermins haben 595 Spielerinnen und Spieler ihre Teilnahme zugesagt, das ist ein neuer Rekord und eine echte Herausforderung für Dr. Dirk Jordan und sein Organisationsteam auf dem Weg zur Schacholympiade 2008. Für die Aktiven geht es nicht nur um Titel, Plätze und Qualifikation für die nächste Schach-WM, sondern auch um eine Menge Geld. Der Preisfonds von mehr als 200.000 Euro bedeutet eine neue Höchstmarke für eine Schach-EM. Auf den Titelträger der Herren warten 20.000 Euro, die beste Dame erhält 10 000.


Der Chairman der Schacholympiade zeigt das offizielle EM-Plakat, das an 220 Stellen in der Elbestadt zu sehen sein wird.

Wir verweisen auch auf das interessante Rahmenprogramm der Kontinentalmeisterschaft mit dem Blitzturnier am Finaltag als Highlight. Dort werden 33 Runden absolviert, bis Sieger und Platzierte feststehen. Zur Ausschreibung.

Dresden ist eine Osterreise wert!

Schacholympiaden sind etwas ganz Besonderes: Interview mit Großmeister Wolfgang Uhlmann
Von Dagobert Kohlmeyer

Wolfgang Uhlmann ist eine lebende Schachlegende. Der Dresdner Großmeister gehörte in den 60er und 70er Jahren zur Weltspitze und war elfmal DDR-Meister. Noch heute spielt der knapp 72-Jährige aktiv, setzte zuletzt bei der Team-Europameisterschaft der Senioren in seiner Heimatstadt die Figuren. Dagobert Kohlmeyer sprach mit Wolfgang Uhlmann über seine Ansichten zum königlichen Spiel, seine Stadt, die bevorstehende EM und die Schacholympiade 2008 in Dresden.


Wolfgang Uhlmann

Wie kommentieren Sie den 6. Platz der deutschen Mannschaft bei der Senioren-EM?

Man kann nicht jedes Turnier gewinnen, so wie es uns 2004 und 2005 gelang. Am ersten Brett hatte ich sehr starke Gegner. Alle spielten mit großem Einsatz und viel Ehrgeiz. Auch ich werde älter und kann nicht jeden Tag in Bestform antreten.

Wäre es nicht klüger gewesen, einen Ersatzspieler zu nominieren, um Kräfte zu sparen?

Sicher würde das hilfreich sein. Unsere Mannschaft hatte im Vorjahr eine etwas andere Besetzung. Aber es muss menschlich stimmen. Wenn einer nicht mit Würde verlieren kann, passt er nicht ins Team. Bei den Schach-Senioren steht das Fair Play erfreulicherweise an erster Stelle.

Wie viele Ü-60-Meisterschaften in Ihrer Heimatstadt haben Sie bestritten?

Ich habe alle neun Europameisterschaften mitgespielt. 52 Teams in diesem Februar, das war Rekord und der reine Wahnsinn. Fast jedes Jahr kommen zehn Mannschaften mehr. Die Popularität der Veranstaltung spricht sich herum und wächst, weil es hier einmalig schön ist. Wegen der perfekten Organisation und der Anziehungskraft Dresdens kommen die Menschen gern hierher. Ihre Stadt wird mit jedem Tag schöner.

Das muss Sie doch als gebürtiger Dresdner, der die schreckliche Bombennacht des 13. Februar 1945 miterlebt hat, besonders bewegen?

Ich war damals knapp zehn Jahre alt. Wir lebten an der Peripherie Dresdens und sahen das ganze Flammeninferno. Unser Nachbarhaus wurde zerstört. Diese Erinnerungen bleiben für das ganze Leben. Noch heute bekomme ich jedes Mal, wenn eine Sirene geht, eine Gänsehaut und erinnere mich unwillkürlich an diese Schicksalstage, in denen die Stadt so furchtbar zerstört wurde.

Wie groß ist Ihr Glücksgefühl über das neue Dresden?

Man kann es nur schwer beschreiben. Es ist ganz erfreulich, wie unsere Stadt wieder erstanden ist. Wir haben unglaublich viele Anziehungspunkte: den Zwinger, das Grüne Gewölbe, die Frauenkirche, den Neumarkt, die vielen historischen Gebäude. Es ist wunderbar, dass wir durch die Semperoper und andere Kulturstätten sowie die feinen alten Bauten wieder eine beliebte Touristenstadt geworden sind. Das überträgt sich auch auf die anreisenden Schachfreunde. Sie fühlen sich magisch angezogen.

Eine schöne Stadt allein garantiert noch keine perfekte Sportveranstaltung.

Wir haben sehr gute und erfahrene Ausrichter in Dresden, die alles wunderbar organisieren. Unsere Team-EM der Schachsenioren war der gelungene Auftakt, dann kommt im nächsten Monat die Europameisterschaft der Damen und Herren und schließlich als Höhepunkt die Schacholympiade im kommenden Jahr. Ich bin fest davon überzeugt, es wird ein voller Erfolg.

Die Welt trifft sich gern in Elbflorenz, wo viele berühmte Leute wohnen. Sie gehören zu den 100 bekanntesten Dresdnern. Wie kam es zu dieser Ehre?

Es war eine Zeitungsumfrage in der 90er Jahren. Zu den nominierten Persönlichkeiten gehörten die Sänger Peter Schreier und Theo Adam, die Tanzpädagogin Gret Palucca, die Sportler Matthias Sammer und Ingrid Krämer, der Physiker Manfred von Ardenne und andere. Es war eine illustre Auswahl von Leuten, die Vorbildwirkung haben. Ich bin sehr stolz, ein Dresdner zu sein, der an der Geschichte dieser Stadt mitschreiben konnte.

An wie vielen Schacholympiaden haben Sie teilgenommen?

Ich habe für die DDR von 1956 bis 1990 bei elf Olympiaden gespielt. Turniere der Nationen sind etwas ganz Besonderes. Mein Rekordergebnis erzielte ich 1964 in Tel Aviv, wo ich das beste Ergebnis am ersten Brett hatte. Leider wurden wir DDR-Schachspieler von 1972 bis 1986 durch einen unseligen Beschluss des DTSB von Olympiaden ausgeschlossen, sonst wären es bei mir noch mehr Starts gewesen. 1990 zur Schacholympiade in Novi Sad existierte die DDR schon nicht mehr, aber wir traten noch ein letztes Mal an. Es war ein Kuriosum der Sportgeschichte.

Von welchen Schachkönigen haben Sie am meisten gelernt?

In meiner Jugend studierte ich mit Begeisterung die Partien von Alexander Aljechin. Später habe ich besonders Michail Botwinnik sehr verehrt. Bobby Fischer und Garri Kasparow sind für mich die Schachkönige der Neuzeit.

Ihre Kontrahenten vor 40 Jahren hießen Tal, Larsen, Spasski oder Portisch. Wie hat sich die Schachwelt seither verändert.

Gewaltig. Man kann beide Epochen nicht miteinander vergleichen. Die Topspieler von heute haben das ganze Computerwissen zur Hand. Ihre Turniervorbereitung bedeutet große Fleißarbeit. Das Kreative geht dadurch etwas verloren. Wir mussten uns am Brett alles selbst erarbeiten. Heute gewinnen viele Spieler allein durch ihre häusliche Vorbereitung. Die künstlerische Seite des Schachs leidet darunter.


Die alte Garde: Wolfgang Unzicker (links) und Wolfgang Uhlmann (rechts). Mark Taimanov schaut interessiert zu.

In wenigen Wochen folgt die Einzel-EM, in 20 Monaten die Schacholympiade. Was tun Sie zu den kommenden Großereignissen in Dresden?

Ich bin Schach-Botschafter der Stadt und werde Gäste betreuen. Vorgesehen ist auch, dass ich Partien kommentiere und die schönsten Spiele aussuche. Als großes Ereignis des Weltsports hat es die Schacholympiade verdient, dass ich Werbung für sie betreibe. Ich unterstütze auch die große Simultantournee des Deutschen Schachbundes zur Olympiade. Das sind viele schöne Dinge, die im Vorfeld ablaufen. Ich denke schon, es wird eine Riesensache. Was die Leute bei uns leisten, welche Aufgaben sie bewältigen, ist gigantisch. Ich glaube, Dresden wird die beste Olympiade erleben, die es je gab.

Die Jugend schaut auf Sie als Schachidol. Geben Sie heute noch Unterricht?

Nicht mehr so viel wie früher. Zuletzt habe ich die Nachwuchsspielerin Elena Winkelmann aus Dresden betreut. Hin und wieder halte ich noch Vorträge. Der Zahn der Zeit nagt auch an mir. Aber die Liebe zum Schach vergeht nicht.

Ihre Frau ist keine Schachspielerin. Was schätzen Sie an ihr?

Sehr viel. An erster Stelle möchte ich ihr unglaubliches Verständnis für meine Sportart nennen. Ich war ja über längere Zeiträume hinweg nicht zu Hause. Da lag alles in ihren Händen. Sie war immer außergewöhnlich tolerant und hat mir nie Vorhaltungen gemacht, wenn ich irgendwo in der Welt unterwegs war. Hatte ich als Spieler mal eine Krise, baute sie mich wieder auf. Das hat mir sehr geholfen.


Christine und Wolfgang Uhlmann

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

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