Interviews mit Isaak Linder und Yuri Averbach

26.10.2005 – Im Jahr 1935 besuchten drei Schach begeisterte junge Freunde das Großmeisterturnier, das dort mit Beteiligung von Botvinnik, Capablanca, Lasker, Flohr und anderen großen Spielern stattfand und infizierten sich mit dem Schachvirus so stark, dass Sie in Leben lang nicht mehr davon loskamen. Der eine wurde schließlich Schachweltmeister, der zweite "nur" Großmeister und der Endspielexperte überhaupt, der dritte ein bedeutender Schachhistoriker: Vassily Smyslov, Yury Averbach und Issak Linder. Averbach und Linder gehören auch zu den Gründungsmitgliedern der Lasker-Gesellschaft. Dagobert Kohlmeyer hatte Gelegenheit, mit den beiden Koryphäen bei ihrem Besuch in Berlin Interviews zu führen. Mehr...

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„Wir erleben einen Generationswechsel im Weltschach“
Interview mit Juri Awerbach
Von Dagobert Kohlmeyer

Der 83-jährige Großmeister aus Russland ist eine lebende Schachlegende. 1953 nahm Juri Awerbach am unvergessenen WM-Kandidatenturnier in Zürich teil, ein Jahr später wurde er UdSSR-Landesmeister. Die Bücher des Moskauers zur Endspieltheorie sind Klassiker. Beim vergangenen Lasker-Wochenende in Berlin referierte Awerbach über Ilja Maiselis und war auch darüber hinaus einer der begehrtesten Gesprächspartner. Dagobert Kohlmeyer nutzte die Gelegenheit.

Was sagen Sie zu Weselin Topalows WM-Erfolg in Argentinien?

Das war einfach eine großartige Vorstellung. Er hat, wie man so sagt, die gegenwärtig Stärksten unter den aktiven Großmeistern besiegt.

Kann man den bulgarischen Vorkämpfer schon mit den Superstars Anatoli Karpow oder Garri Kasparow vergleichen?

Mit Karpow kann ich ihn nicht vergleichen, weil dieser einen anderen Stil pflegt. Mit Kasparow unbedingt, aber es ist sicher noch etwas zu früh, den neuen FIDE-Champion auf eine Stufe mit dem 13. Schachweltmeister zu stellen. Was mir jedoch sympathisch ist, das ist Topalows kompromissloses Spiel. Der Mann hat in diesem Turnier seine Körperhöhe deutlich übersprungen.

Hat jetzt eine neue Ära im Weltschach begonnen?

Ich denke, ja. Sehen Sie, wir erleben im Moment überhaupt einen Generationswechsel. Das geht heute viel schneller als zu meiner aktiven Zeit. Denken Sie nur an die jungen Ukrainer, die da plötzlich alle aufgetaucht sind und in der Weltspitze mitspielen. Das ist eine ganze Mannschaft, die sehr ernst zu nehmen ist. Nicht umsonst wurden sie im Herbst 2004 auf Mallorca Olympiasieger.

Noch einmal zu Topalow. Was ist so bedeutsam an seinem Titelgewinn?

Ich sehe vor allem zwei Dinge. Der Sieg Topalows war erfreulich und nützlich für die weitere Entwicklung im Spitzenschach. Und er zeigte, dass man auch in seinem Alter (mit 30 Jahren) noch enorme Fortschritte erzielen und einen großen Schritt nach vorn tun kann.

Die Bulgaren stellen im Moment mit Weselin Topalow, Antoaneta Stefanowa und Ljuben Spassow drei Weltmeister. Sind Sie, ähnlich wie die Ukraine, auf dem Weg zu einer Schach-Großmacht?

Das kann vielleicht passieren. Wir wissen ja, die Champions hatten und haben in der Schachgeschichte immer eine sehr große Vorbildwirkung. An ihnen orientieren sich die Schachjünger.

Juri Lwowitsch, Sie sind ein erfahrener Schachfunktionär. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Management in unserem Metier?

Es ist ganz wichtig. Ich denke zum Beispiel, dass Silvio Danailow offensichtlich ein sehr guter Manager ist. Nicht nur die Ergebnisse des Topalow-Teams in San Luis sprechen dafür. Generell meine ich, dass die Organisation heute, egal in welchem Land und auf welchem Gebiet, eine entscheidende Rolle spielt. Meine Erfahrung sagt, wenn man eine Sache gut organisieren kann, dann beginnt das System automatisch zu arbeiten. In diesem Zusammenhang hoffe ich, dass das Superturnier in Sofia eine feste Tradition wird.

Wie denken Sie über das dort praktizierte Reglement, welches Remisvereinbarungen der Spieler ohne Kampf und ohne Genehmigung des Schiedsrichters verbietet?

Ich unterstütze es. Man muss auf jeden Fall Mittel suchen, um Partien zu verhindern, in denen nicht gespielt wird. Besonders dann, wenn die Zuschauer Eintritt bezahlen. Es ist unbedingt notwendig, Maßnahmen zu ergreifen, um dem Spiel ohne Kampf entgegen zu wirken. Ein Patentrezept habe ich auch nicht, aber man muss auf jeden Fall etwas dagegen tun.

Nehmen wir einmal an, ein Match zwischen den beiden Weltmeistern Wladimir Kramnik und Weselin Topalow kommt trotz aller Unwägbarkeiten und Widerstände zustande. Wer ist dann Ihr Favorit?

Eindeutig Topalow, weil ich leider den Eindruck habe, dass mein Landsmann Kramnik in seiner Entwicklung stehen geblieben ist. Und das, obwohl er noch ein junger Mann ist. Wladimir hat, wie mir scheint, etwas die Motivation verloren, weil er schon so viel gewonnen hat. Es gibt, so scheint es jedenfalls, keinen Stimulus mehr für ihn. Schach auf hoher Ebene erfordert ständige Arbeit. In dieser Hinsicht unterscheiden sich beide Großmeister offenbar. Topalow ist, wie es aussieht, noch hungriger auf den Erfolg.

 


Der Weltmeister wird nur im Match geboren
Interview mit Isaak Linder

Von Dagobert Kohlmeyer

Der berühmte Schachhistoriker aus Moskau ist Gründungsmitglied der Lasker-Gesellschaft und trotz seiner 85 Jahre noch immer Stammgast und Vortragsredner bei jeder ihrer Konferenzen. Isaak Linder war ebenfalls voll des Lobes über Topalows Leistung in San Luis und verglich den Bulgaren ob seiner Spielweise mit Emanuel Lasker. Bei aller Euphorie zeigte sich Linder jedoch nachdenklich, was die schachgeschichtliche Stellung des FIDE-Weltmeisters angeht.

Welchen Stellenwert hat das Turnier in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften?

Zunächst einmal sei gesagt, dass Topalow großartig gespielt hat. Im ersten Durchgang erinnerte er mich an Emanuel Lasker. Deshalb hat er auch verdient gewonnen. In San Luis war nach der Hinrunde praktisch schon klar, wer Weltmeister sein würde. Das ganze Turnier hat jedoch auch gezeigt, dass Weltmeister so nicht geboren werden.

Wie meinen Sie das?

Der doppelrundige Wettbewerb war zu unterschiedlich besetzt. Es hätten vier, fünf oder sechs gleichwertige Leute, die echte WM-Anwärter sind, untereinander um den Titel spielen müssen. Und wenn es dort noch einen dritten und vierten Durchgang gegeben hätte, dann wäre die ganze Sache vielleicht anders verlaufen. Am besten wäre es meiner Ansicht nach gewesen, wenn sie alle wie beim Match-Turnier 1948 fünf Partien gegeneinander gespielt hätten.

Das hätte enorm viel Zeit gekostet, lieber Isaak! Ihr Einwand in Ehren, aber kann er Topalows einmalige Vorstellung schmälern?

Nun, ich wiederhole: Topalow hat völlig verdient gewonnen. Weil er vortrefflich spielte und ein phantastisches Schach zeigte, so wie früher Lasker. Topalow riskierte in seinen Partien viel, und er rechnete weiter als seine Kontrahenten. Auch in psychologischer Hinsicht war er seinen Gegnern überlegen. All das war großartig. Aber…

Noch weitere Bedenken?

… Topalow ist nicht Weltmeister in der klassischen Linie. Wenn er Kramnik besiegt,  dann ist er 15. Schachweltmeister der Geschichte, keine Frage. Aber noch hat er keine „Hausnummer“, genau so wie seine Vorgänger auf dem FIDE-Thron, die im K.-o.-System ermittelt wurden.

Wie lautet also Ihr Vorschlag?

Ein Schachweltmeister kann nur in einem Match geboren werden und nicht in einem Turnier. Es sei denn, es gibt keinen Weltmeister so wie 1948. Dann ist es legitim, so ein WM-Turnier zu veranstalten. In der Regel aber wird ein Champion in einem Duell ermittelt, in welchem er seinen Vorgänger schlägt. Das ist gute historische Tradition, und eine andere sollte es nicht geben.

Die FIDE spielt aber schon mit dem Gedanken, ein derartiges WM-Turnier alle zwei Jahre zu veranstalten.

Das ist sehr schlecht. Weil ich denke, ein doppelrundiges Turnier ist auf Dauer nicht die Lösung des Problems. Ich möchte Max Euwe zitieren, der einmal gefragt wurde, was besser zur Ermittlung des Weltmeisters tauge, ein Turnier oder ein Match? Er sagte klipp und klar: „In einem Turnier kann es viele Zufälle geben, in einem Zweikampf jedoch gibt es keine großen Zufälle.“ Und er hat Recht.

Was sagen Sie zu Vishy Anand, der schon einmal FIDE-Champion war? Wenn man Ihrer Argumentation folgt, ist er dann aus Ihrer Sicht auch kein echter Weltmeister gewesen?

Ich habe es bedauert, dass Anand in San Luis nicht gewonnen hat. Er ist ein Schachgenie, darüber gibt es keinen Zweifel. Doch es zeigte sich wieder, dass Anand leider nicht als Weltmeister geboren ist. Sein Charakter hindert ihn daran. Er ist mitunter zu weich, nicht so ein Kämpfer wie früher Lasker oder Aljechin bzw. wie in unserer Zeit Kasparow und Topalow. Anand erklärte vor kurzem selbst in einem Interview mit der Moskauer „Schachrundschau 64“: „Ich bin der Killer meiner eigenen Träume.“ Das ist eine sehr treffende Aussage und Selbsteinschätzung.


Fotos vom Lasker-Wochenende


Averbach, Linder, Kortschnoj


Viktor Kortschnoj


Susanna Poldauf, Kuratorin der Ausstellung, erhält Blumen von Stefan Hansen


Edzard Reuter


"Globalisierung geht, Schach bleibt".


Paul Werner Wagner


Wolfgang Unzicker wird geehrt


Wüllenweber, Pfleger, Deutschmann





Treffen der Schachhistoriker, Ehepaar Holländer, Lothar Schmid

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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