Isaac Boleslavsky zum 100sten Geburtstag

09.06.2019 – Isaac Boleslavsky ist hierzulande vor allem als Eröffnungstheoretiker bekannt geworden, war in seiner aktiven Zeit jedoch auch ein gefährlicher Angriffsspieler und einer der besten Spieler der Sowjetunion. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

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Isaac Boleslavsky zum 100sten Geburtstag

Der Name von Isaac Boleslavsky wird besonders den etwas älteren Schachfreunden in Deutschland noch bestens bekannt sein, da er eine Reihe von Büchern veröffentlichte, vor allem im Bereich der Eröffnungen, die über den DDR-Sportverlag auch in deutsche Sprache zugänglich wurden. In der UdSSR hatte Boleslavsky eine bedeutende Rolle als Eröffnungstheoretiker gespielt und viele interessante neue Eröffnungsideen in die Praxis eingeführt, besonders in der Sizilianischen Verteidigung. Dazu gehörten neue Angriffsideen in der Sozin-Variante (6. Lc4), verbunden mit Opfern auf e6.

 

In der Klassischen Variante der Sizilianischen Verteidigung popularisierte Boleslavsky das Abspiel 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 d6 6.Le2 e5, das heute seinen Namen trägt. Das Loch auf d5 wurde in der Sowjetunion "Boleslawsky-Loch" genannt. Fairerweise sollte man erwähnen, dass schon in den 1880er Jahren Louis Pauslen so gespielt hat.

 

Zusammen mit anderen ukrainischen Spielern wie David Bronstein, Efim Geller and Alexander Konstantinopolsky arbeitete Boleslavsky in den späten 1930er Jahren auch an neuen Ideen der Königsindischen Verteidigung und verwandelte sie von einer eher anrüchigen Eröffnung in eine gefährliche Waffe.

 

Isaac Boleslavsky wurde am 9. Juni 1919 in einer jüdischen Familie in Solotonoscha geboren, einer Stadt in der heutigen Ukraine, in der Nähe von Kiew gelegen. Heute jährt sich sein Geburtstag also zum 100sten Mal. Der Familiennamen" Boleslavsky" ist eigentlich polnischen Ursprungs. Boleslavskys Vater war Apotheker, seine Mutter eine bekannte Schriftstellerin.

Boleslavskys Geburt fällt in die Zeit des polnisch-sowjetischen Krieges, an dem auch ukrainische Nationalisten auf polnischer Seite beteiligt waren. 1920 gelang polnischen Truppen sogar kurzzeitig die Besetzung Kiews. Dann musste sich die polnische Armee zurückziehen. Polen entging später nur mit Glück einer vernichtenden Niederlage gegen die von Stalin befehligte Rote Armee. Im Vertrag von Riga wurde 1921 die neue Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion festgeschrieben. Die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen schlugen die Bolschewisten nieder und die Ukraine wurde als Ukrainische Sowjetrepublik in die UdSSR inkorporiert.

Nachdem seine Familie nach Dnipropetrowsk (Seit 2016: Dnipro) gezogen war, lernte Boleslavsky dort als Neunjähriger, 1928, im örtlichen Pionierpalast das Schachspiel kennen. 1933 wurde Boleslavsky bereits Schülermeister von Dnipropetrowsk. 1936 nahm er an der russischen Juniorenmeisterschaft in Leningrad teil und belegte den 3. Platz. Im gleichen Jahr besuchte Capablanca Dnipropetrowsk, gab ein Simultan an 30 Brettern und verlor gegen den 17-jährigen Boleslavsky.

Im Jahr 1939 freundete sich Boleslavsky während der ukrainischen Meisterschaft mit dem fünf Jahre jüngeren David Bronstein an. Boleslavsky holte sich dort seinen zweiten von insgesamt drei Titeln in Folge. In späteren Jahren gewann Boleslavsky auch mehrfach die Meisterschaften von Weißrussland und wurde einmal usbekischer Landesmeister.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges beeinträchtige auch Boleslavskys Karriere in erheblichen Maße. Als die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschierte, war Boleslavsky Anfang 20. Doch auch in den Kriegsjahren fanden in der Sowjetunion noch einige sehr stark besetzte Turniere statt, bei denen Boleslavsky mitspielte. Neben den UdSSR-Meisterschaften waren dies das Turnier in Kuibyshev 1942, das er vor Smyslov gewann, die Turniere in Sverdlovsk 1942 (2.) und 1943 (5.) und ein Turnier in Kiev 1944.

Zwischen 1940 und 1961 nahm Boleslavsky insgesamt elfmal an UdSSR-Meisterschaften teil. Seine beste Platzierung war der 2. Platz bei der Meisterschaft 1947.

Botvinnik und Boleslavsky bei der 12. UdSSR-Meisterschaft 1940

Während des Krieges, an dem er wegen seiner schlechten Augen nicht aktiv teilnehmen musste, heiratete Boleslavsky im Jahr 1943. Drei Jahre später wurde seine Tochter Tatiana geboren. Sie heiratete später den 18 Jahre älteren David Bronstein. Boleslawsky hat außerdem einen Sohn, Stanislav.

Während er sich in der Sowjetunion schon einen Namen gemacht hatte, wurde Boleslavsky außerhalb seiner Heimat erst bekannt, als er in der UdSSR-Auswahl an Brett drei im Radiomatch gegen die USA seinen Wettkampf gegen Reuben Fine mit 1,5:0,5 gewann. Fine zählte damals zur absoluten Weltspitze.

 

Boleslavsky wurde nun zum Turnier 1946 nach Groningen eingeladen und gab hier sein internationales Debüt.

1948 qualifizierte er sich für das Interzonenturnier in Saltsjöbaden (Stockholm) und wurde dort Dritter hinter Bronstein und Szabo. 1950 verlieh die FIDE Boleslavsky den Großmeistertitel.

Boleslavsky, Furman, Bronstein

Das erste Kandidatenturnier nach dem Krieg fand 1950, in Budapest statt. Inzwischen hatte der "Kalte Krieg" schon feste Formen angenommen. Samuel Reshevsky erhielt vom US State Department keine Erlaubnis nach Ungarn zu reisen. Reuben Fine und Max Euwe hatten die Einladung von sich aus abgelehnt. So befanden sich in dem zehnköpfigen Feld nicht weniger als sieben Sowjetspieler, eine große Gruppe aus einem einzigen Land, die aber alles andere als homogen war. Im Verlauf des Turniers erschien Boris Veinstein, Kopf der Wirtschaftsabteilung des NKWD, Vorläufer des KGB, und Mentor von David Bronstein in Budapest. Alexander Kotov befürchtete, dass Veinstein nun dafür sorgen würde, dass die Punkte unter den "jüdischen Sowjetspielern" so aufgeteilt würden, wie es am günstigsten war.

Boleslavsky führte das doppelrundig ausgetragene Turnier zwei Runden vor Schluss mit einem Punkt Vorsprung an und musste noch gegen Kotov und Gideon Stahlberg spielen. Bronstein lag auf Platz zwei und hatte Stahlberg und Keres als Gegner. Kotov war schon Bronsteins Sieg über Salo Flohr und das Remis in schlechterer Stellung gegen Andor Lilienthal verdächtig vorgekommen. Es kam dann so, wie Kotov befürchtet hatte. Boleslavsky spielte zweimal schnell remis, unter anderem aber auch gegen Kotov. Bronstein gewann seine beiden noch ausstehenden Partien. Beide Spieler teilten den ersten Platz. Es gibt unterschiedliche Versionen darüber, wie es zu diesen Ergebnissen kam und wer dafür verantwortlich war. Wie auch immer, es kam zum gewünschten Resultat.

 

Veinstein soll nach dem Turnier vorgeschlagen haben, dass nun Boleslavsky, Bronstein und Titelverteidiger Botvinnik einen Dreikampf um die Weltmeisterschaft spielen sollten, doch der stets misstrauische Botvinnik roch den Braten und lehnte das ab. So wurde ein Stichkampf zwischen Boleslavsky und Bronstein nötig, um den Herausforderer zu ermitteln. Dieser fand drei Monate nach dem Kandidatenturnier in Moskau im Zentralschachclub statt und sollte über 12 Partien gespielt werden. Bronstein führte nach sieben Partien mit 2:0 nach Siegen, doch dann zog Boleslavsky gleich. Zwei zusätzliche Partien wurden nötig, von denen Bronstein die zweite gewann und damit zum Herausforderer von Botvinnik wurde. Der ganze Verlauf des Wettkampfes und die Partien im einzelnen sollen bis ins Detail abgesprochen gewesen sein. Für die entscheidende 14. Partie hatte man sich eine wichtige Neuerung in der Französischen Verteidigung aufgespart. Motor dieser Inszenierung war Boris Veinstein, die Spieler machten mit.

 

1950 zog Boleslavsky nach Minsk, wo man ihm eine 80 qm große Vierzimmer-Wohnung angeboten hatte, für damalige sowjetische Verhältnisse purer Luxus. Viele Sowjetbürger mussten sich zu der Zeit Gemeinschaftswohnungen teilen und die offiziellen Stellen sahen 9 qm Wohnraum für einen Bürger als ausreichend an. Misstrauische Charaktere würden vielleicht einen Zusammenhang zwischen dieser Vergünstigung und Boleslavskys Wohlverhalten beim Kandidatenturnier und dem folgenden Stichkampf gegen Bronstein vermuten. Der Umzug nach Minsk hatte aber auch Nachteile, wie Boleslavskys Tochter Tatiana später anmerkte: "Mein Vater hatte sicher das Talent, Weltmeister zu werden, aber er machte nie den entscheidenden Schritt, nach Moskau oder Leningrad zu ziehen, um sich dort an den Intrigen zu beteiligen, die im Hintergrund vor sich gingen"

Boleslavsky und Bondarevsky. Als Kiebitze: Beria, Stalin, Molotov

Boleslavsky unterstützte seinen Freund Bronstein auch weiterhin und war sein Sekundant im spannungsgeladenen WM-Kampf gegen Mikhail Botwinnik, den Bronstein mit Gleichstand nicht gewinnen konnte. Auch später war Boleslavsky mehrfach Sekundant gegen Botwinnik, 1956 für Vassily Smyslov und 1963 für Petrosian. Dem neuen Weltmeister diente er auch in dessen Wettkämpfen 1966 und 1969 gegen Boris Spassky als Sekundant. 1962 war Boleslavsky Sekundant aller Sowjetspieler beim Kandidatenturnier in Curacao. Er selber hatte sich noch 1953 für das Kandidatenturnier in Zürich qualifizieren können, wurde aber nur 10./11.

Die UdSSR nahm erst ab 1952 an den Schacholympiaden teil. Boleslavsky war bei seiner einzigen Schacholympiade 1952 erster Ersatz, spielte vier Partien und gewann sie alle.

Die sowjetische Delegation nach der Rückkehr von der Schacholympiade. v.l. Kotov, Keres, Smyslov, Geller, Bronstein, Boleslavsky

Von 1958 bis 1970 war Boleslavsky als Cheftrainer des Sowjetischen Schachverbandes der Trainer der UdSSR Mannschaft und gewann mit dieser bei allen Schacholympiaden die Goldmedaille.

Bukarest 1953: Boleslavsky, Smyslov, Petrosian, Tolush, Spassky

Wie viele andere Menschen seiner Generation auch war Boleslavsky in besonderem Maße auch von den Vorgängen während der stalinistischen Schreckensherrschaft geprägt. Nach seiner Schulzeit begann er in Swerdlowsk ein Studium der Philologie, erhielt aber für seine Abschlussarbeit über den russischen Satiriker Mikhail  Saltykov-Shchedrin (1826-1889) eine schlechte Bewertung, weil der politische Aspekt nicht entsprechend der marxistisch-leninistischen Vorgabe genügend ausgearbeitet war. Während seiner Examenszeit spielte er aber auch gerade die "Absoluten UdSSR-Meisterschaften" in Moskau und Leningrad 1941 mit und konnte weder dem einen noch dem anderen Ereignis seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.

Sein Tochter Tatiana beschreibt ihren Vater als zurückhaltenden, ungeselligen und misstrauischen Charakter und als "unglückliche Person". Schach wurde zu seinem Zufluchtsort. Er studierte das Spiel intensiv und galt als lebende Bibliothek, gab aber im Gespräch wenig von seinem Wissen preis. In seinen Partien konnte er so tief in seine Welt eintauchen, dass er manchmal alles um sich herum vergaß und man am Zittern seines Körpers sehen konnte, wie sehr eine Partie ihn ergriffen hatte. Boleslavsky galt als einer der gefährlichsten Angriffspieler seiner Zeit und war besonders für seine Bauernopfer im Tausch für eine starke Initiative gefürchtet.

Am 15. Februar 1977 rutschte Isaac Boleslavsky in seiner Wahlheimat Minsk auf einem vereisten Bürgersteig aus und brach sich die Hüfte. Während des Aufenthalts im Krankenhaus holte er sich eine tödliche Infektion. Boleslavsky wurde 57 Jahre alt. Sein Grab befindet sich in Minsk, nur wenige Meter entfernt vom Grab seines Schwiegersohnes und Freundes David Bronstein.

 

 



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Radost Radost 10.06.2019 02:22
Das Gesicht ähnelt etwas dem deutschen GM Jan Gustafsson von chess24, oder?!
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