Oh! dolce e notte!
quante stelle
von
Eckhard Stomprowski

“Der Himmel voller Sterne”
wie es Giacomo Puccini in seiner „Madame Butterfly“ zum Ausdruck bringt, trifft in etwa
auch das Lübecker Glücksgefühl, als am Sonntagnachmittag Rustam Kasimdzhanov
erzwungenermaßen in das Remis gegen Mickey Adams einwilligen musste. Ein
wichtiger Stolperstein wurde aus dem Weg geräumt. Dennoch, mit SV Castrop
Rauxel, SV Wattenscheid und SF Neukölln warten weitere drei, die darüber
entscheiden, ob der Champagner in der Flasche bleibt oder nicht.

Richten wir aber zunächst den
Blick zurück. Trotz der etwas desaströsen Ligaergebnisse von Aljechin Solingen,
wurde dieser vorentscheidenden Schlacht mit einigem Bangen entgegengesehen.
Frühzeitig stand fest, dass uns mit Alexei Shirov und Evgeni Bareev zwei
wichtige 2700er fehlen würden. Beide waren in Monaco beim „Amber“ aktiv, wo
allerdings auch die Solinger Spitzenspieler Alexander Morozevich und Jeroen
Piket im Einsatz waren. Unsere weit verbreitete „Spionagetruppe“ versorgte uns
noch mit einigen Zusatzinformationen bezgl. des Einsatzes von John Emms und Eric
Lobron bzw. der Abwesenheit von Matthew Sadler, doch sehr vielmehr war nicht zu
erfahren, abgesehen vielleicht einer mail unter dem Subjekt „Tourist“ von John
Nunn dieses Inhalts:
Dear Ede,
I have received a curious request from a British GM. It seems that Mr Murray
Chandler and his girl friend Anne are coming to Hamburg on the same flight as
Jon Speelman and myself. He asks if there is room for him to be given a lift to
Lubeck with us. I wonder what he could possibly be doing in Lubeck?
Nun, was Murray nach Lübeck
zog, war nicht schwer zu erraten. All diese Informationen waren zwar ein wenig
hilfreich für die Vorbereitung, doch blieben noch (zu) viele
spekulationsträchtige Optionen.
Unsere einziges Lübecker
Heimspiel brachte auch einige Premieren mit sich. Nach dem „Holiday Inn“, dem „Radisson
Senator“ war der Bürgerschaftssaal des Rathauses das dritte Spiellokal in der
dritten Saison. Erstmals konnten wir den Zuschauern mit Mickey Adams, Jon
Speelman, Julian Hodgson, Dr. John Nunn und Stuart Conquest auch das (fast)
komplette englische Nationalteam präsentieren.

Vor dem Auftritt im Rathaus
wurde am Freitagabend die günstige Gelegenheit genutzt, die Lübecker
Spitzenspieler in einem 11-rundigen Blitzturnier einzuspannen. Außer Mickey und
Julian, die erst gegen 23.00 Uhr eintrafen, waren alle dabei und es war Wladimir
Epichine, der sich mit 10,5 Punkten vor Simen Agdestein und John Nunn die Beute
von ein paar Euros sicherte. Mit fast 50 Blitzenthusiasten war der Zuspruch auch
diesmal enorm.
Pünktlich um 14.00 Uhr wurde
es dann anderentags ernst. Der Lübecker Stadtpräsident Peter Oertling ließ es
sich nicht nehmen, die angereisten Gäste persönlich zu begrüßen. Die
Auftaktbegegnung gegen die SG Heiligenhaus verlief dann doch weitaus glatter,
als manche Berufspessimisten geargwöhnt hatten. 7,5:0,5 spricht natürlich eine
deutliche Sprache, aber Mickey Adams bemühte sich gegen Almira
Skripchenko-Lautier vergebens um den vollen Punkt und Stuart Conquest musste
gegen seinen ehemaligen Boss Ulrich Perschke ebenso fast über die ganze Distanz
gehen wie Simen Agdestein gegen den Belgier Eddy van Beers. Stuart musste dabei
besondere Findigkeit unter Beweis stellen, denn Persche „drohte“ seine
Leichtfiguren gegen das Bauernpaar b5/c4 zu opfern, wonach Stuart erst mal hätte
beweisen müssen, wie man mit zwei Springern matt setzt.
Mittlerweile hatte Solingen
unseren Reisepartner mit 5:3 doch verdient in die Knie gezwungen. Konnte im
Vorjahr auf Solinger Boden noch Schützenhilfe geleistet werden, erwiesen sich
die Klingenstädter in dem Duell diesmal überlegen.

In der Begegnung gegen den
mehrfachen Deutschen Meister aus dem bergischen Land sollten also die
Vorentscheidung fallen. Nach zwei Stunden Spielzeit waren die Meinungen in dem
angrenzenden Foyer weitgehend geteilt.

Einigkeit bestand darin, dass
Julian Hodgson gegen den jungen Heißsporn Laurent Fressinet eine bedenkliche
Stellung zu verteidigen hatte. Die eingeklemmte Dame auf h7 verbunden mit
heftiger weißer Attacke schien für Lübeck nichts Gutes zu verheißen. Langsam kam
aber an einigen Brettern Optimismus auf. „John Nunn und Wladimir Epichine stehen
gut“ befanden die Auguren im Nebenraum. Ähnliches wurde ins Brett 1
hineingeheimnist. Wenig tat sich am Ende der Stafette. Nach 25 bzw. 30 Zügen
trennten sich nach relativ ereignisarmen Verlauf Stuart gegen Chandler und Simen
gegen Naumann remis. Bei diesen Stand blieb es nicht lange, da John Nunn und
Wladimir Epichine uns in Front brachten und damit die Prognosen am Kaffeetisch
bestätigten. Der am Vortag aus Reykjavik angereiste Eric Lobron strich –
allerdings auch schon in schwieriger Stellung – nach dem Einsteller 37. Dc6x
nebst Gabel auf e7 als Erster die Segel. John Nunn unterstrich damit erneut
seine phantastische Form. Mit 10 Punkten aus den letzten 11 Begegnungen (Liga
und Pokal) erspielte er ein phantastisches Score und ich bin auf seine neue
Elo-Zahl gespannt.

Wladimir überspielte mit weiß
den Weltklassemann Pedrag Nicolic am Damenflügel und nach dem Gewinn des Bauern
b7 kurz vor der Zeitkontrolle war von ihm nur noch Technik gefragt, die Wladimir
trefflich demonstrierte. Mittlerweile hatte Julian die Stellungssorgen gelöst
und gegen Laurent Fressinet ins remis abgewickelt. Blieben die Begegnungen von
Jon Speelman gegen Artur Yussupov, Mickey Adams gegen Rustam Kasimdzhanov und
Lars-Bo Hansen gegen John Emms.

Jon hatte sich mal wieder
weit aus dem Fenster gelegt. Etwas zu weit; denn der Konter vor Artur führte zu
klaren weißen Stellungsvorteilen und letztlich zum Anschlusstreffer. Unnötig,
wie sich in der späteren Analyse zeigte. Jon hatte den Remisweg wegen einer
tödlichen Mattwendung verworfen, allerdings wäre das befürchtete Damenschach nur
durch Überspringen des eigene Turms möglich gewesen! Nun ja, immerhin hat Jon
gezeigt, dass er – aber auch andere Spieler des Teams – bereit sind, in so
wichtigen Begegnungen Verantwortung zu übernehmen. Beim Stand von 3,5:2,5 für
den LSV stellten sich die beiden letzten Bretter wie folgt dar. Das Endspiel von
Lars-Bo war reichlich unklar (S + 3B gegen L+2B) und Mickey entwickelte einigen
Druck gegen den geschwächten Königsflügel von Rustam. Dann ging es relativ
schnell: Lars-Bo meldete ein Endspiel von K/S gegen K/L – remis und Mickey hatte
mit dem Einschlag 50. Dg6x+ sich auf Siegeskurs gebracht. Dieses Vorhaben
braucht dann aber nicht weiter verfolgt werden und aus „der Position der Stärke“
musste Rustam die Solinger Niederlage besiegeln, was zu den eingangs erwähnten
Emotionen führte.
Mittlerweile hatte der HSK
mit 6,5:1,5 seine Schäfchen lange im Trocknen. Nur Lubomir musste nachsitzen,
bevor er sein Endspiel gegen Dutreeuw unter Dach und Fach brachte.
Ein langes Wochenende ging
mit einem Essen in der „Schiffergesellschaft“, zu der „galaxis“ – Chef Winfried
Klimek einlud, zu Ende. Die Gestaltung eines solchen Events war nicht ohne
Mühen. Vom Auf- und Abbau über das Kuchenbacken der Spielerfrauen bis zur
Gestaltung der Internetpräsentation (www.chess-online.de)
gab es einiges zu tun, doch mit vielfältiger Hilfe war es zu schaffen. Es ist
nicht einfach zu erklären, was uns nun drei Spiele vor Saisonende bewegt.
Belassen wir es mit Ramiro aus Rossinis „La Cenerentola“: Le direi, ma non
ardisco- was ich fühle, kann ich nicht zeigen. Mal sehen, wie es am Saisonende
aussieht.