Judit Polgar über die Rolle der Frauen im Schach

von ChessBase
03.12.2019 – Judit Polgar war der Stargast bei der London Chess Konferenz am letzten Wochenende. Thema der Konferenz war die Rolle der Frauen im Schach. Der Guardian veröffentlichte in seiner Rubrik "Opinion" einen Beitrag von Judit Polgar zu diesem Thema. | Foto: Judit Polgar

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Auszüge aus dem Beitrag beim Guardian in deutscher Übersetzung:

Von Judit Polgar

Ich bin es gewohnt, als lebender Beweis dafür angeführt zu werden, dass Frauen im Schach auf dem gleichen Niveau spielen können wie Männer. Mit 15 Jahren wurde ich "jüngster Großmeister der Welt" und brach damit den drei Jahrzehnte alten Rekord von Bobby Fischer. Ich schaffte es nicht, absoluter Weltmeister zu werden, aber ich habe dieses Ziel stets verfolgt. In meiner besten Zeit war ich die Nummer acht in der absoluten Weltrangliste. 

Auch wenn Frauen anders denken und sich im Wettbewerb anders verhalten, können wir die gleichen Leistungen erbringen wie Männer: sei es in Wissenschaft, Kunst oder Schach. 

Ich hätte dieses Niveau nie erreichen können, wenn ich nur um Frauentitel gespielt hätte. Tatsächlich war ich ein Teenager, als ich das letzte Mal an einem Frauenturnier teilnahm - als Vertreter Ungarns, zusammen mit meinen älteren Schwestern Zsúzsa und Zsófia, bei der Schacholympiade der Frauen 1990. Es machte großen Spaß, aber es war in schachlicher Sicht keine Herausforderung. 

Mir war klar, dass ich gegen die besten Spieler spielen musste, um selbst eine der besten zu werden. Nur gegen Frauen zu spielen, hätte meiner Entwicklung nicht geholfen, ich war ja schon mit 13 Jahren mit Abstand die beste Frau der Welt im Schach. Mir war klar: Ich musste mit den anderen führenden (männlichen) Großmeistern meiner Zeit konkurrieren: Garry Kasparov, Vladimir Kramnik und Viswanathan Anand, und sich konnte sie alle schlagen.

...

Im Laufe der Zeit hat sich die Leistungslücke zwischen Männern und Frauen allmählich verringert. Es gibt inzwischen mehr Trainingsangebote für Frauen und das führte auch zu einer Verbesserung der Elozahlen und viele Frauen erreichten Großmeisterniveau. Aber Ende der 2000er Jahre scheint sich dieser Aufholprozess bereits vollzogen zu haben.

Als mein Kollege Nigel Short 2015 argumentierte, dass das Gehirn von Männern "anders verdrahtet" sei, weshalb sie im Schach besser seien als Frauen, gab es einen großen Protest. Ich denke auch, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind - aber die Schlussfolgerung von Short hält der Prüfung nicht stand. Auch wenn Frauen auf andere Weise denken und konkurrieren, können wir die gleichen Leistungen erbringen wie Männer: sei es in der Wissenschaft, Kunst oder im Schach.

Die viel geringere Beteiligung von Mädchen und Frauen am Turnierschach ist immer noch ein Problem. Vor allem werden Mädchen im Schach nicht so behandelt wie Jungen. Trainer und Funktionäre werden davon geblendet, dass die Erfolge im Frauenschach vergleichsweise einfacher zu erzielen sind. Talentierte Mädchen sollten aber besser an allen Wettbewerben teilnehmen, genau wie Jungen.

Seitdem ich mich vom Leistungsschach zurückgezogen habe, kümmere ich mich um die Organisation von Kinderturnieren: Ich lege Wert darauf, Mädchen und Jungen nie zu trennen und auch keine Sonderpreise für Mädchen zu vergeben.

Je höher deine Ziele, desto höher die Leistung. Stellen Sie sich vor, die chinesische Großmeisterin Hou Yifan - die 2010 im Alter von 16 Jahren Weltmeisterin wurde und heute die best Spielerin der Welt ist - hätte in ihrer Jugend mehr an gemischten Turnieren teilgenommen...  

Sie hat angekündigt, dass sie sich jetzt nicht mehr für Frauen-Turniere interessiert, und man wird sehen, wie wie sehr sich dadurch ihre Elozahl verbessert.
 

Als der Weltschachverband FIDE die Titel der Internationalen Meisterin (WIM) und der Internationalen Großmeisterin (WGM) einführte, auf der Basis von viel niedrigeren Leistungsbedingungen, hat er die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen mit verursacht. Heute betrachten einige Frauen diese Titel als bevormundend. Es ist höchste Zeit, sich mit den Folgen dieser Segregation auseinanderzusetzen - denn letztendlich muss unser Ziel sein, dass Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander konkurrieren.

Übersetzung: André Schulz

Original-Beitrag beim Guardian...

Judit Polgars Homepage...

 




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Karl Hackenmeier Karl Hackenmeier 04.12.2019 11:22
Vielleicht ganz hilfreich überhaupt einmal das Polgar Experiment etwas näher kennenzulernen: https://www.chesspoint.ch/blog/geschichte/das-polgar-experiment

Ohne jetzt über die Sinnhaftigkeit des Experiments Stellung zu nehmen, behaupte ich einmal, dass Laszlo Polgar vor allem eines mit Sicherheit herausgefunden hat: Man wird besser, wenn man gegen stärkere Spieler spielt! Das hätte er vielleicht auch einfacher haben können, denn diese grundsätzliche Aussage gab es bereits schon seit langer Zeit. Meines Wissens war das der Slogan des 1. Schachclubs. Nun verknüpft er diese recht simple Erkenntnis mit der leidigen Geschlechterdebatte und schafft dadurch schließlich ein Label für die "Polgar-Sisters". Er hat da ganz einfach auch eine Marktlücke vorgefunden, denn für Frauen war Schach wohl einfach nicht hot genug. Wenn man Judith Polgar Zeilen glauben schenken will, dann war die Zeit des ewigen Drills ein wahrer Hochgenuss - natürlich mit ein paar Einschränkung - ich vermute aber, dass um des schönen Labels wegen einiges in der Darstellung arg geschönt ist.
Chessiszen Chessiszen 04.12.2019 06:09
Der Vater der Polgars wollte beweisen, dass Genies Erziehungssache ist und nich unbedingt von der angeboren Intelligenz abhängt.
Die mentale Stärke oder Intelligenz hängt nicht von Hormonen ab.
Das Gewinnen von Wettkampf Disziplinen sind kein Beweis ob Männer oder Frauen generell mental stärker sind oder nicht.
Sie beschreiben hier ausschließlich Stereotypen.
Chessiszen Chessiszen 04.12.2019 04:07
@knight100 Männer sind natürlich größer und haben mehr Muskelmasse, das ist doch völlig klar. Nur versuchen Sie hier Frauen als weniger intelligent darzustellen, was nun mal dem aktuellen Wissenschaftlichen Stand nicht entspricht.
Die Denkweise unterscheidet sich kaum zwischen Männern und Frauen. Dies ist mittlerweile auch festgestellt worden.
Warum Männer nun erfolgreicher sind oder mehr Goldmedaillen besitzen ?
Männer mögen eher den Wettkampf, Frauen nicht immer und daher ist das kein Beweis, dass Frauen mentaler schwächer sind. Das ist eine Erziehungsfrage.
knight100 knight100 04.12.2019 02:58
@Chessiszen: wissenschaftl./künstl. Leistungen lassen sich schwer messen/beurteilen, da diese sehr subjektiv sind, jedoch körperliche/mentale Fähigkeiten schon. Kennen Sie Beispiele für vergleichbare, im Wettkampf messbare, Spitzenleistungsfähigkeit, wo Frauen jemals oder über einen längeren Zeitraum auf Augenhöhe oder überlegen sind (IQ-Rangliste, Gedächtnisweltmeisterschaft, Weltrekorde für Gedächtnis- und Kopfrechnen, Quiz-meisterschaften, Speed-cubing, etc.)? Selbst Frau Polgar und weitere Spielerinnen sehen ein, dass Frauen auf andere Weise denken und konkurrieren. Den Vater erwähnte ich nur, weil er den besessenen Ehrgeiz hatte, nachzuweisen, dass geschlechtliche Unterschiede keine Rolle spielen und dementsprechend seine Töchter auf schachliche Höchstleistung drillte, und er ist nunmal ein Mann, der auf diese Idee kam.
Chessiszen Chessiszen 04.12.2019 02:47
@knight100 Hier haste mal was zum lesen:

https://www.spektrum.de/news/wie-unterschiedlich-ticken-maenner-und-frauen/1500183
Chessiszen Chessiszen 04.12.2019 09:39
@ knight100 ...und dann auch noch ihren Erfolg klein machen, weil ihr Vater sie unterstützt hat, ist eine absolute Frechheit!
Chessiszen Chessiszen 04.12.2019 09:37
@knight100

Biologische Unterschiede ?!

Weil die meisten "Spitzenkräfte" Männer sind ist das kein Beweis, dass sie klüger sind oder ehrgeiziger oder was auch immer!
Man gewinnt keine Medaillen durch Testosteron, sondern durch hartes Training.

Es gibt sehr wohl in der Wissenschaft und in der Kunst Frauen die die gleiche oder bessere Leistung erbringen als Männer.
Warum das aber nur deutlich weniger Frauen sind als Männer? Das liegt daran, dass die Gleichberechtigung erst ca. 40-50 Jahre alt (gesetzlich) ist und in unseren Köpfen immer noch die Rollenverteilung drin ist.
knight100 knight100 04.12.2019 02:05
"...können wir die gleichen Leistungen erbringen wie Männer: sei es in der Wissenschaft, Kunst oder im Schach" - Wie kommt sie nur darauf? Sie ist in ihrem Bereich die einzige Ausnahme, die die Regel bestätigt. Welches Geschlecht haben in der Regel Spitzenkräfte in Wissenschaft und Kunst? Ich finde, die Auftrennung macht Sinn, da die biologischen Unterschiede, um Spitzenleistungen zu erbringen, einfach zu groß sind. Bei nur offenen Tunieren würde es fast nie Erfolge/Belohnungen/Motivationsschübe für Mädchen/Frauen geben, dennoch haben sie das Recht, teilzunehmen. Ich habe großen Respekt vor ihrer Karriere, an der allerdings auch ihr Vater einen großen Anteil hat. Vielleicht wäre ihr mit ein wenig mehr testosteronunterstützem Spielstil/Training/Leidensfähigkeit das Erreichen des höchsten Titels möglich gewesen, wer weiß das schon...
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