Jugend-WM: Der Zug ist abgefahren

26.11.2007 – Nach der achten Runde der Jugendweltmeisterschaft haben sich die ohnehin vagen Hoffnungen der deutschen Spieler bzw. ihrer Betreuer auf eine Medaille vollständig in Luft aufgelöst. Ilja Brener, Sebastian Bogner und Judith Fuchs konnten sich bis zur siebten Runde durchaus behaupten und hatten im oberen Teil ihrer Teilnehmerfelder 5 Punkte geholt. Doch in der achten Runde mussten alle Spieler mit 5 Punkten am Ende die Hand zur Aufgabe reichen und sind damit aus dem Rennen um die ersten Plätze. Vor der siebten Runde hatte die deutsche Delegation am Ruhetag Zeit, zu einem Ausflug in die reizvolle Umgebung. Turnierseite der Jugend-WM...Bericht, Bilder, Partien...

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Erholung zum Erfolg?
Von Jörg Schulz

Partien bis Runde sieben (cbv.)...
(editiert von Reinhold Goldau)


Gestern war der freie Tag und der sollte genutzt werden zur Erholung vom Schach und zum Krafttanken für Schach.


Hanna-Marie Klek, Sonja Maria Blum, Daniela Schäfer

Vor allem sollten die Teilnehmer mal auf andere Gedanken kommen und aus dieser 5-Sternescheinwelt rauskommen, wenn auch nur für Stunden.

Wie sagte ein Vater gestern: „Sonst denken die Kinder noch, so ist die Türkei.“


Kap am Hotel

Also fuhren wir allesamt (fast, einige müssen sich immer ausklinken) mit einem Reisebus und einem vergnüglichen Reiseführer, der seine Sprachkenntnisse, die lauthals von Paula während der Fahrt korrigiert wurden, in Österreich erworben hatte. Die Fahrt ging zuerst Richtung Antalya, um dort eine der vielen in der Umgebung anzutreffenden Wasserfälle zu besuchen.

Mit Macht und Druck donnerte das Wasser gewaltig den Berg herunter, gekrönt durch einen schönen Regenbogen der sich in der Wassergischt bildete, denn wir hatten bestes Reisewetter.



Und um etwas Türkei pur kennen zu lernen, ging es dann nach einem Mittagessenstopp in das Hinterland, um ein typisches Dorf zu besuchen. Dort war grade rechtzeitig das Freitagsgebet beendet worden, so dass wir die Moschee besuchen und uns erklären lassen konnten.


In der Moschee

Der Rundgang durch das Dorf führte uns in das arme 19.Jahrhundert und in die Neuzeit mit Fernseher, Waschmaschine etc. Er wurde beendet mit einem Blick in die Dorfschule (Kemal Atatürk an der Wand) und einer Teezeremonie mit Granatapfelhäppchen und einem abschließenden Basarverkauf.

Also ihr Lieben zu Hause, jetzt wisst ihr woher eure Geschenke kommen. Und wenn sie nicht gefallen sollten, der Erlös wird für die Dorfschule und die Moschee verwendet!

Ob jedoch auch der zweite Anspruch des freien Tages erfüllt wurde, Kraft zu tanken für neue Taten, bleibt wie immer im Unklaren, manche sagen so, manche sagen anders.

Die siebte Runde wurde mit 14 Punkten abgeschlossen. Also einem leichten Plus und einer Steigerung gegenüber der negativen Doppelrunde. Doch die Sorgenkinder sind uns mehr oder weniger geblieben. Am meisten muss sich der Bundesnachwuchstrainer mit dem Mitglied der Jugendolympiamannschaft Elena Winkelmann beschäftigen, die nach ihrem Fingerfehler in der Eröffnung der vierten Partie nichts mehr gebacken bekommt und heute wieder verlor.

Ähnlich durch den Wind – wobei hier nicht der Punkt festzumachen ist, an dem es liegt – ist Julian Jorczik, der bei dieser WM wohl durch sein größtes schachliches Tief waten muss. Nach der heutigen Niederlage hat er mal gerade 2,5 Punkte auf seinem Konto. Immer enger wird es auch für Anja Schulz mit ihren 2,5 Punkten nach erneuter Niederlage, der dritten in Folge, in der U14. Dafür haben sich mit Siegen Felix Graf U14 (endlich mal wieder, prima!) und Christoph Peil wieder auf die 50 Prozentmarke gehoben, letzterer nach einem schönen Bauernopfer.

In der Spitze lagen bis zur siebten Runde bei uns im Team mit ihren 4,5 Punkten Ilja Brener und Sebastian Bogner in der U18 und U16. Beide hatten es wieder, und so wird es auch bleiben, können sie ihr Niveau halten, starke Gegner. Ilja kämpfte mit einem Georgischen IM und konnte remisieren. Sebastian musste gegen einen Urkainischen IM ran, jeweils waren die Elozahlen deutlich höher, und er erkämpfte sich ebenfalls ein Remis.

Damit bleiben beide noch im Rennen, müssen aber, um ganz oben mitspielen zu wollen, den einen oder anderen ganzen Punkt noch holen. Zu den 5 Punkten der beiden hat aufgeschlossen Judith Fuchs mit einem schönen Erfolg gegen die Großmeisterin Anya Corke aus Honkong in der U18. Es diesen Dreien gleich tun müssen, hätte Hagen Poetsch, der aus der Eröffnung mit zwei Mehrbauern herauskam und sich dann Stück für Stück in die Defensive drängen ließ, man kann sagen, sich "betrügen" ließ, und am Ende froh über den halben Punkt sein musste.


Hagen Pötsch

Schade mit 5 Punkten wäre er ebenfalls im Spiel um die vorderen Plätze dabei gewesen.

Das Prunkstück heute war die weibliche U12, alle drei Mädchen Filiz Osmanodja, Hanna Marie Klek und Danilea Schäfer spielten schöne Partien und fuhren alle Siege ein. Überhaupt, so wie auch Anna Endress U14 spielen diese Mädchen ein erfrischendes Angriffsschach, nichts zu sehen bei ihnen vom so genannten vorsichtig, bedächtigen Mädchenschach.

Anna Endress konnte ihren leichten Vorteil nicht in einen ganzen Punkt ummünzen und musste mit einem Remis zufrieden sein, was sie aber nicht war, denn sie war der Ansicht, einen halben Punkt verspielt zu haben.

Zu den 14 Gesamtpunkten trugen neben den schon genannten folgende Spieler/innen mit Siegen bei: Sonja Maria Blum U10, Sebastian Kaphle U12, und mit halben Punkten Alexander Jussupow U14, Patrick Zelbel U14, Dennis Wagner U10, Dominik Nöttling U10, Jakob Schumacher U10 und Ferndinand Xiong U10.


Jakob Schumacher U10 und Ferndinand Xiong U10.

Wie kraftraubend eine WM ist gegenüber normalen Turnieren und unter welchem Druck, teilweise hausgemachtem, die Spieler stehen, zeigt sich immer wieder durch Aussetzer und Tränenausbrüche. So stellte heute Hans Möhn in einer in der Analyse vorbereiteten Stellung einzügig die Dame ein, gab Dominik Nöttling seine Partie in klarer Gewinnstellung remis, weil er einfach ob der Situation, dass seine Schwarzniederlagenserie kurz davor war gestoppt zu werden, zu nervös war und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Erstaunlich auch die Schwarzschwäche einiger unserer Spieler wie Dominik mit 0,5 aus 4 und bei Sonja Maria Bluhm und Paula Wiesner, die beide null Punkte aus sieben Partien erzielten, obgleich in dieser Altersphase der Eröffnung bei weitem nicht die Bedeutung zukommt wie in den älteren Klassen.

Zum Schluss noch diejenigen von uns, die diesmal dem Gegner gratulieren mussten: Paula Wiesner U8, Aleksyi Savchenko U16, Philipp Kyas U12.


Schiedsrichter Uwe Bade


Der Zug ist abgefahren
Von Jörg Schulz

Egal ob der Bahnstreik weitergeht oder nicht, hier in Kemer bei der WM ist der Zug auf jeden Fall abgefahren. Alle unsere Spieler mit 5 Punkten mussten heute die Hand über das Brett zur Gratulation reichen und bleiben auf ihren 5 Punkten stehen. Damit ist eine Platzierung ganz vorne kaum noch möglich, denn eine Siegesserie von noch 3 in Folge wage ich nicht vorauszusagen. Dem Bundesnachwuchstrainer war auch kein tröstlich optimistisches Wort zu entlocken, den seine Mitglieder der Jugendolympiamannschaften holten heute 0 aus 4.

Obgleich es natürlich in unserem 26köpfigen Team auch positive Ergebnisse gab. So konnten Paula Wiesner U8 und Sonja Marie Bluhm U10 ihre schwarze Pechsträhne jeweils mit einem schwarzen Sieg beenden. Dabei war Paula gestern Abend richtig sauer, denn die Auslosung hatte ihren weiß/schwarz Rhythmus unterbrochen und ihr zum zweiten Mal hinter einander Schwarz zugelost. Gegen eine Rumänin musste sie antreten und das Spiel ging eigentlich nie über die Remisbreite hinaus, auch das ungleichfarbige Läuferendspiel war remis. Doch Paula kämpfte, spielte über vier Stunden und die Rumänin machte einen Fehler. Bei Sonja war es eine leichte gute Partie, sie zeigte schnell ihrer Argentinischen Gegnerin die Grenzen auf, deren Figurenopfer war ohne Substanz und das zeigte ihr Sonja.

Erfreulich auch in U10 der erneute Sieg von Dennis Wagner. Er zeigt hier, dass er zurecht souverän Deutscher Meister wurde. Zwar stand er nach der Eröffnung kritisch, doch er mogelte sich durch gute Züge aus der verzwickten Situation heraus und konnte ein Bauernendspiel erreichen, das er dann gewann. Mit 5,5 Punkten ist er gut dabei. Wie auch Anna Endress, die diesmal wieder gewann und damit auch ihre Chancen auf einen vorderen Platz wahrte. Ebenfalls bei 5,5 Punkten steht Sebastian Kaphle in der U12 mit seinem heutigen Sieg. Überhaupt wussten heute, nachdem gestern die Mädchen U12 alle Punkte einfuhren, Jungs U12 zu überzeugen und waren die einzige Altersgruppe, die alle ihre Kämpfe gewinnen konnten: Hans Möhn, Philipp Kyas und eben Sebastian Kaphle. Die 5 Punkte von Hans Möhn können auch überzeugen.

Aber es gab leider auch Altersgruppen, die überhaupt keinen Punkt einfuhren. Neben der U18 mit Sebastian Bogner und Judith Fuchs waren dies auch die Mädchen U16 Ekaterina Jussupow und Elena Winkelmann.


Sebastian Bogner, dahinter Jörg Schulz

Die U14 männlich war in allen Partien trotz mehrfacher Gewinnversuche mit einem Remis zufrieden beziehungsweise mussten es sein. Remis für Patrick Zelbel, bei dem mal wieder ein ganzer Punkt kommen müsste, um den Anschluss nach oben zu halten, für Alexander Jussupow und Felix Graf. Immer kritischer hingegen wird es in dieser Altersgruppe für Anja Schulz, die heute wieder verlor.

In der U12 w konnte Filiz Osmanodja mit den schwarzen Steinen nichts mit der weißen Eröffnung anfangen und kam früh in eine schlechte Position.


Filiz Osmanodja

Mit ihrer zweiten Niederlage ist der Zug nach oben ebenfalls ins Stocken geraten. Eine dreimalige Zugwiederholung reklamierte Hanna Marie Klek und drei herbei geeilte Schiedsrichter konnten es ihr nicht widerlegen, zum Entsetzen der Gegnerin, die vollkommen baff war und grußlos verschwand. Bei Daniela Schäfer kam ein unmöglicher Zug aufs Brett, da sie nicht sah, dass sie im Schach stand. Doch der erzwungene Zug war auch gut und konnte den Erfolg nicht verhindern.

Bleibt die U10. Den Sieg von Dennis habe ich schon gewürdigt. Ihm gleich tat es Ferdinand Xiong, es ihm gleich tun hätten sollen müssen Jakob Schuhmacher und Dominik Nöttling, doch beide wussten ihre gewonnene Stellung nicht zu gewinnen. Bei Jakob endete das Drama sogar mit einer Niederlage, bei Dominik kam zumindest noch ein Remis heraus. Und auch Christopher Peil musste erneut dem Gegner die Hand reichen, obgleich er lange Zeit gut spielte, doch der dann erfolgten Offensive des Gegners nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Bleibt noch zu erwähnen die U16, in der Julian Jorczik seine Pechsträhne vorerst mit einem Sieg beenden konnte, wohin gegen sich Aleksyi Savchenko zweizügig matt setzen ließ. Hagen Poetsch hatte heute kaum eine Chance und musste seine zweite Niederlage einstecken und bleibt bei 4,5 Punkten hängen. Insgesamt brachte dieser Tag uns 12,5 Punkte.

Da auf zwei Ebenen im Kongressbereich des 5-Sterne Hotels Limra gespielt wird, habe ich einige Mühe alle 26 Partien im Blick zu behalten und alle Spieler im Auge. Ab und an entwischt mir einer, doch dann können meist die Schiedsrichter helfen. Wie unweit schwerer muss es da erst dem türkischen Delegationsleiter fallen, seine Spieler zusammen zu halten. Wohin das Auge schaut, vor allem im U8 und U10/U12 Spielsaal, überall sieht man nur die kleinen Personen umherschwirren mit dem roten Poloshirt und dem Türkiye hintendrauf.

Der türkische Verband nutzt die WM im eigenen Land für seine Nachwuchsförderung. Teilweise  spielen bis zu 40 Türken in einer Altersgruppe. Dies kann man zwar so und so sehen, es gibt auch Spieler, die entnervt aufschreien“ schon wieder ein Türke“, denn bei der WM will man ja möglichst 11 verschiedenen Nationalitäten gegenüber sitzen, doch es ist schon erstaunlich, was sich in den letzten Jahren durch eine massive staatliche Förderung im Schach in der Türkei getan hat.

Was eben jetzt gerade in den unteren Altersklassen besonders auffällt, auch wenn die hinteren Tischreihen fast alle mit roten Türkiyehemden besetzt sind. Hier wächst etwas heran und bald wird es auch die sehr guten türkischen WM-Teilnehmer geben, denn durch die großzügige Förderung des Staates können auch viele Trainer engagiert werden. Wieder mal ein Land auf das wir neidisch schauen können, wenn man die Förderung von Schach betrachtet.

 

 

 

 

 


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