Jugendweltmeisterschaften: Love is in the air!

16.11.2005 – Was machen jugendliche Schachspieler auf Weltmeisterschaften, wenn sie nicht Schach spielen oder sich vorbereiten? Nigel Short hat es in Istanbul beobachtet. Meistens wird im Internet gesurft oder man trifft sich auf playchess.com/schach.de oder im ICC zum Blitz- oder Bulletspiel. Einige blitzen sogar mit richtigen Figuren. Oder man spielt Karten und Billard. Außerdem meint Short jede Menge Hanky-Panky beobachtet zu haben: "Love is in the air!", meint unser Kolumnist. Turnierseite...Mehr...

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Jugendweltmeisterschaften 2005

Istanbul, 9.-22.November 2005

Bericht von Nigel Short
Fotos: Fatma Yildiz

Es war keine scharfe Zurechtweisung, mehr eine milde Schelte von Jonathan Berry, der sich mit meinem Hinweis auseinander setzte, dass es große Kontingente aus Amerika gäbe: "Quoi? Ich zähle Argentinien (1 Junge, 1 Mädchen), Brasilien, Kolumbien, Equador (je 1), zusammen 5 Spieler aus Amerika. Niemand aus Nordamerika, USA, Kanada, Kuba etc."

Schluck. Es sind in Wirklichkeit zwei Kolumbianer, aber das ist ein zu unwesentlicher Irrtum, um mich zu entlasten. Ich plädiere auf schuldig, Herr Richter. Tatsächlich, ich war geistig abwesend. Als kleine Entschuldigung könnte ich vorbringen, dass ich zu sehr unter dem Eindruck der wunderbaren Ankündigung stand, dass Bessel Kok, mit Hilfe von Ali Nihat Yacici, sich zur Wahl als FIDE-Präsident im nächsten Jahr in Turin stellen will. Die Schachwelt benötigt in der Tat dringend ein neues Führungsgremium mit wirtschaftlichen Fähigkeiten, um seriöse Partner als Sponsoren zu gewinnen.

Nun, das meine Berichte über die Jugendweltmeisterschaft aller statistischen Genauigkeit verlustig gegangen sind, will ich dieses Gebiet von nun an außer Acht lassen und mich auf lohnendere Dinge konzentrieren. Was Sie wirklich lesen wollen, ist doch Klatsch, stimmt's?

Was machen junge Schachspieler, wenn sie nicht spielen und sich nicht vorbereiten? Dann surfen sie vor allem im Internet, wie es scheint.

Diejenigen, deren Laptops mit Wireless Ausstattung gesegnet sind, das sind die meisten, hängen unten in der Bar herum, wo das Signal am stärksten ist.

Das Greenhorn Anya Corke aus Hongkong kann zum Beispiel jeden Morgen dort zusammen mit ihrem Laptop beobachtet werden - andauernd grinsend. Darauf von mir angesprochen, bemühte sie sich zu betonen, dass mit ihren Freunden zu Hause chattete und zusammen lachte und nicht mit ihrem Notebook. Ach so.

Der Playchess-Server und der ICC sind sehr beliebte Ziele für die Cyberspace-Generation.

Gelegentlich wird sogar auch noch mit richtigen Figuren, Brett und Uhr geblitzt.

Am Vorabend wurde musste ich eine Niederlage gegen einen Studenten aus Waterkloof High in Pretoria, Süd Afrika hinnehmen, als ich albernerweise versuchte, ihn in Remisstellung über die Zeit zu heben. Natürlich waren die paar Sekunden mehr auf meiner Uhr dafür nicht ein Jota geeignet, gegen jemanden, der halb so alt wie ich ist, und so verlor ich mit Leichtigkeit auf Zeit.

Shakhriyar Mamedyarov aus Azerbeidschan, klarer Tabellenführer im Turnier, war begierig es besser zu machen und seine Überlegenheit zu zeigen, setzte sich an meine Stelle und erlitt dort prompt das gleiche Schicksal.

Der Billardtisch ist eine weitere Attraktion hier im Lion Hotel, angeblich ein Viersterne-Hotel, nahe dem Taksim Platz.

Da im Erdgeschoß ständig so viele Leute herum laufen, fragt man sich, warum das Management sich nicht beeilt, etwas Service anbietet. Gestern fragte ich am Empfang, warum denn die Bar geschlossen sei und bekam zu Antwort: "Die Bar ist geöffnet. Es ist nur niemand da, um dort zu bedienen." Das bleib auch so bis in die Nacht. Wenn es eine Ausnahme wäre, könnte man darüber hinwegsehen, doch dies ist die Regel, hier.

"Love is in the Air!" Türkei und Rumänie, Dänemark und Georgien - eine Paarungen sind weniger nahe liegend als die anderen. Bei einigen Delegationen gibt es gar kein Hanky-Panky. China, z.B. erwartet von seinen Spielern Disziplin, ebenso der Iran, besonders von den weiblichen. Eine Wache des theokratischen Staates passt auf, das bei den gesellschaftlichen Begegnungen keine Unziemlichkeiten vorkommen - so was wie Händchen halten zwischen Jungen und Mädchen, zum Beispiel.



Man darf aber vermuten, dass beim bedeutendsten Gesellschaftsereignis des Turniers, der Party vor dem Ruhetag, die oben genannten Unanständigkeiten geschehen werden und Schlimmeres.

Ich sollte wohl noch etwas zum Schach sagen. Ich vermute dass trotz allem doch die Meisten sich deswegen hier eingefunden haben. In der sechsten Runden hat die Führende, Gu Xiaobing, gegen Lizzy Pähtz ihr erstes Remis abgegeben. Ihre Eloleistung ist derzeit beachtliche 2672. Trotzdem folgen ihr ziemlich dicht Beata Kadziolka aus Polen und etwas überraschend Turkan Mamedyarova, die kleine Schwester von Shakhriyar.


Turkan Mamedyarova

Der große Bruder hat schon nach halber Distanz zwischen sich und den Rest eine klaffende Lücke von einem ganzen Punkt gelegt. Für seine Performance (2873) würde er selbst von Veteranen wie Veselin Topalov beneidet. Aber es ein weiter Weg bis zum Ziel und genug Zeit, alles zu verderben.

Leider bin ich nicht bis zum Schluss dabei. Ihr bemühter Reporter muss heute Nacht nach Bangkok fliegen, um dort an der Börse ein paar Simultans zu geben. Dann geht es für eine etwas längere Tour nach Neuseeland. Nein, ich werde nicht Khanty Mansysk beim World Cup spielen, wie Sie vielleicht mutmaßen. Es wäre sehr unhöflich, schon vor langem geschlossene Vereinbarungen zu brechen, wegen irgendwelcher verspäteter (und dann noch geänderter) FIDE-Ankündigungen.

Ich bin ganz sicher, dass mein Nachfolger, wer immer es ist, sie genauso gut über die Ereignisse in Istanbul informieren wird.




Schiedsrichter


Sarah Hoolt


Vera Nebolsina, Sandra Djukic




Amina Mezioud


Bianca Muhren


Deep Sengupta


Barbara Coddens


Ferenc Berkes


Evgeny Alekseev


Mehdi Ouakhir,  Erhan Tanrikulu

 

 

 

 

 



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