K.o. in 16 Zügen

19.06.2001 – Am vergangenen Donnerstag kam es zu einer schachlichen Begegnung der besonderen Art. Der Schrecken der Schwergewichtsszene, die Klitschko-Brüder, spielten im Leipziger Hauptbahnhof eine Schachpartie gegen Elisabeth Pähtz. Trotz des tumultartigen Auflaufs und der beeindruckenden Gegner liess sich Elisabeth nicht aus der Ruhe bringen und gewann souverän ihre Blindpartie. mehr...

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Der folgende Bericht stammt von Axel Eger:

Die Klitschko-Brüder spielen gegen Elisabeth Pähtz
Da sind sie! Wo? Dort drüben, ich habe sie gesehen? Wirklich? Ja! Kunststück. Die Klitschko-Brüder sind nicht zu übersehen. Trotz des
tumultartigen Gedränges vor der kleinen Cafeteria des Leipziger Hauptbahnhofes, in der gerade der Ausnahmezustand ausgerufen wird.
Wladimir und Witali ragen aus der kreischenden Masse heraus wie zwei Inseln der Ruhe im Meer des Lärms. Zwei sanfte Riesen im Maßanzug, Immer lächelnd, immer gegenwärtig und doch so wohltuend unaufdringlich.
Einzeln gibt es sie ohnehin nicht. Egal, über wen Sie schreiben, lächelt Witali, der fünf Jahre Ältere, Sie schreiben immer über uns beide. Wir
gehören zusammen. Wenn der eine boxt, schaut der andere zu. Oder umgekehrt.
Und wenn der eine Schach spielt, sitzt der andere daneben. Also bahnen sie sich gemeinsam den Weg zu dem dicht umlagerten Brett, an
dem sie Elisabeth Pähtz zu einer Partie herausfordert. Wladimir, der Kleine, soll ran.

Ich spiele lieber Backgammon, lächelt sein Bruder, außerdem wissen wir nicht, wer von uns stärker ist. Mal gewinnt der eine, mal der andere. Schach spielen sie oft miteinander. Nur gegeneinander boxen würden sie
nie. Das mussten sie der Mutter versprechen, als sie mit 14 im Armeesportklub von Kiew zum ersten Mal die Boxhandschuhe anziehen.

Elisabeth wartet mit verbunden Augen, Wladimir reicht ihr die Hand. Dr. Faust trifft Fräulein Kronprinzessin. Ring frei zur ersten Runde. Die Erfurterin lässt sich die Züge ansagen, überlegt immer nur kurz und diktiert ihre Konter ins Mikrofon: Dame e2 schlägt a6. Peng! Wladimir verliert einen Springer und Witali, der eigentlich die Schachuhr drücken soll, steht auf, als ob er das Unheil so besser abschätzen könne. Die Uhr ist ihm egal. Wladimir ist in Not. Er muss helfen. Aber wie? Beide wirken wie zwei sehr große Jungs, denen gerade das Lieblingsspielzeug abhanden kam.

Drei Züge später täuscht ihre Kontrahentin eine lange Rechte an Läufer h6 und gerade als der Lautsprecher eine Zugverspätung auf Gleis 18 heraus schnarrt, folgt der K.o. De7 matt! Fräulein Meisterin schreit es in die
Luft und die Brüder starren ungläubig aufs Brett. Aus, vorbei, k. o. in 16 Zügen.




In Boxermanier nehmen sie die Erfurterin in die Mitte, heben ihren Arm zum Zeichen des Sieges. Beifall rauscht übers Promenaden-Deck, Objektive klicken, Scheinwerfer bündeln ihr Licht. Wo die Klitschkos sind, liegt der Brennpunkt. Dabei sind sie doch nur Gäste am Hofe des Königs. Am Hofe des Schachkönigs. Garri Kasparow, der sich anlässlich der Eröffnung einer Fertigungslinie im Dresdner Zentrum für Mikroelektronik erstmals in den neuen Bundesländern die Ehre gibt, bittet anschließend auch die Klitschkos zum Simultan. Weil es so schön zusammen passt. Computer und Schach und Schach und Boxen. Alles Kopfarbeiter.

Boxen ist Sportart, die Leben am ähnlichsten ist, sagt Witali in fließendem Deutsch, und Schach ist wie Boxen. Du musst ahnen, was der andere will. Niemand seit Henry Maske hat dem Gruselkabinett Profiboxen mit all den Ohrenbeißern und Tiefschlägern so viel Stil verliehen wie die prommovierten Ukrainer. Da ähneln sie Kasparow, der dem Schach Popularität verschaffen hat wie kaum ein anderer. Einen Unterschied gibt es. Die Klitschkos sind Killer mit Herz. Als Witali einmal einen Engländer aus dem Boxring schlug, tat ihm die Seele weh. Kasparow kennt mit niemandem Gnade. Überliefert ist die Geschichte eines
80 Jahre alten Hobbyspielers, der wenigstens einmal gegen den Meister spielen wollte. Fünf Züge nur, und ein schnelles Remis vielleicht? Wenn er nur
fünf Züge will, soll er danach doch aufgeben, analysierte Kasparow kühl.

Schach kann manchmal härter sein als Boxen.

Hier die Partie:

Pähtz,Elisabeth - Klitschko,Wladimir
Blindspiel, Leipzig Juni 2001
1.e4 b6 2.d4 La6 3.Lxa6 Sxa6 4.Sc3 Tb8 5.Sf3 Sf6 6.e5 Sh5 7.g4 Sf6 8.exf6 gxf6 9.De2 Lg7 10.Dxa6 Dc8 11.De2 c5 12.dxc5 Dxc5 13.Sh4 d6 14.Sf5 Lf8 15.Lh6 Lxh6 16.Dxe7 matt.



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