Kaderaufstellung des Schachbundes: Erläuterung von Andreas Jagodzinsky

von ChessBase
12.12.2017 – Die Kommission Leistungssport gab kürzlich ihre Nominierung der Kader für das nächste Jahr bekannt. Einige Spieler und Spielerinnen, die früher zum Kader gehörten, wurden nicht mehr berücksichtigt. Marta Michna und Zoya Schleining baten um Revidierung. Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky erläutert in seiner Antwort die Grundlagen für die Kaderaufstellung.(Foto: Schachbund)

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Im Rahmen der Sitzung der Kommission Leistungssport wurde die Konzeption Leistungssport geändert, was auch Folgen für die Aufstellung der Kader, die am 02. Dezember abschließend erfolgt ist, hat.
Die neue Konzeption wird zeitnah veröffentlicht werden, muss aber mit dem Sitzungsprotokoll erst den Mitgliedern der Kommission zugeleitet werden.
 
Die Hauptänderung für die Förderung erwachsener Spieler besteht darin, dass die Förderung der A- und B-Kaderspieler auf solche Spieler beschränkt wird, die als Kandidaten für die Nationalmannschaften im kommenden Jahr in Betracht kommen. Eine Nominierung für die Nationalmannschaft ist jedoch auch für Nichtkaderspieler möglich, wenn sie im Laufe des Jahres hervorragende Leistungen zeigen.
Der Grund für diese Verkleinerung des Kaders bei gleichzeitiger Aufhebung der bisherigen Altersbeschränkung liegt darin, dass die Fördermittel für die Mitglieder des A- und B-Kaders beschränkt sind. Schon die Durchführung eines Trainingslagers vor der Mannschafts-EM für gerade einmal zwei Tage bedurfte erheblicher Umverteilungen von Mitteln im Etat Leistungssport.
Gerade solche Trainingslager sind mir jedoch von mehreren Kaderspielern als erwünschte Hilfe zur schachlichen Weiterentwicklung genannt worden.
 
Bei der Auswertung der Ergebnisse der Nationalmannschaften im Jahr 2017 ist erkennbar, dass die Männermannschaft zum wiederholten Male eine geschlossene Mannschaftsleistung gezeigt und ein Ergebnis in den Top 10 erreicht hat.
Die Mannschaft war in den meisten Kämpfen der Europameisterschaften in der Lage, einen konkreten Matchplan des Bundestrainers umzusetzen. Systembedingt lässt sich nur in geringem Umfang beeinflussen, ob man in der letzten Runde Losglück oder -pech hat. Aber selbst die Letztrundenniederlage gegen Russland ändert nichts daran, dass die Europameisterschaft der Männermannschaft als Erfolg zu betrachten ist, wozu ich allen Spielern noch einmal herzlich gratuliere.
 
Das Ergebnis und die Kampfverläufe der Frauenmannschaft war hingegen leider nicht zufriedenstellend. Ein in Teilen glücklicher Letztrundensieg konnte zumindest noch einige Plätze im Endklassement bringen.
Abgesehen von Elisabeth Pähtz gelang es keiner Spielerin, über den gesamten Turnierverlauf konstant gute Leistungen zu bringen.
Ob eine andere Brettreihenfolge hinter Elisabeth ein besseres Ergebnis gebracht hätte, mag sein, bleibt aber Spekulation.
 
Man muss auch festhalten, dass bei den Kandidatinnen für die Frauenmannschaft viele Spielerinnen Schach neben einer Vollzeittätigkeit oder einem Studium spielen. Das ist absolut nachvollziehbar, führt aber dazu, dass diese Spielerinnen nur über sehr begrenzte Zeit für Schachturniere verfügen.
 
In den vergangenen Jahren wurden regelmäßig die Spielerinnen nominiert, die zum Nominierungszeitpunkt die beste Form gezeigt haben.
Nicht selten konnten diese Spielerinnen bei der Europameisterschaft oder Schacholympiade diese Form nicht bestätigen, während nichtnominierte Spielerinnen mit guten Turnierleistungen in anderen Turnieren den Eindruck erweckten, die bessere Wahl gewesen zu sein. Der Eindruck, dass einige Spielerinnen ihren Saisonhöhepunkt zum Zeitpunkt der letzten Turniere vor der Nominierung hatten, drängt sich auf.
In Anbetracht der Nominierungskriterien ist auch das nachvollziehbar, hilft aber der Nationalmannschaft nicht weiter.
 
Ob eine frühzeitige Festlegung auf einen Kandidatenkreis zu einer Verbesserung führt, wird die Zeit zeigen, ist aber einen Versuch wert.
Auch bin ich mir mit dem Bundestrainer einig, dass der Zeitpunkt gekommen ist, die Mannschaft schrittweise zu verjüngen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wir haben im Jugendbereich Medaillengewinnerinnen, die schrittweise in die Nationalmannschaft eingebaut werden müssen.
 
Ebenso stimme ich dem Bundestrainer zu, dass neben der schachlichen Leistung ein guter Mannschaftsgeist für ein erfolgreiches sportliches Abschneiden hilfreich ist. Die armenische Männermannschaft wird zurecht immer wieder als Beispiel für eine Mannschaft hervorgehoben, die mit einem Weltklassespieler und einem guten Teamgeist regelmäßig um Titel und Medaillen spielt.
Die Bewertung der Teamfähigkeit von Spielern obliegt genau wie die Einschätzung der schachlichen Leistungen der Spieler und Spielerinnen dem Bundestrainer. Eine solche Bewertung geht über das Studium der Elozahlen oder der Eloleistungen im Turnier hinaus. Ansonsten könnten Nominierungen zukünftig streng nach Eloliste erfolgen. Eine Ergebnisverantwortung des Bundestrainers könnte man in diesem Fall aber nicht mehr annehmen.
Der Bundestrainer verbingt während der Turniere und im Rahmen von Trainingsmaßnahmen viel Zeit mit den Nationalspielern und -spielerinnen und hat einen besseren Überblick über die schachlichen Leistungen als die Mitglieder der Kommission oder die Öffentlichkeit.
Bei den ausgewählten Spielerinnen gehen wir davon aus, dass sie auch als Team funktionieren werden.
 
Die Vorschläge des Bundestrainers für die Kadernominierungen wurden von der Kommission mit Mehrheit angenommen. Spieler oder Spielerinnen werden nicht wegen eines einzelnen Turnierergebnisses nicht berücksichtigt. Natürlich fließen die Eindrücke von Turnieren für die Nationalmannschaft in die Vorschläge ein, wobei sich dies nicht nur auf die Ergebnisse oder die Qualität der Partien bezieht.
 
Auf einzelne Behauptungen in offenen Briefen, die zum Teil erheblich von den Darstellungen von Dorian Rogozenco abweichen, werde ich nicht eingehen.
Wieso das persönliche Gespräch nicht gesucht wurde, wissen nur die Verfasserinnen.
Öffentliche Kritik an Trainerentscheidungen und Vergleiche zwischen einzelnen Spielerinnen sollten aber der interessierten Öffentlichkeit und den Medien vorbehalten bleiben.
  




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Anton46 Anton46 13.12.2017 09:35
Ich vermute dass einige Damen in dieser "Verwöhngesellschaft" nun verweichlicht sind, stehn zu oft in der Küche, siehe das Ergebnis bei der EM.
Insofern ist das Ergebnis der Kommission halbwegs nachvollziehbar.
DoktorM DoktorM 12.12.2017 11:12
Ich frage mich, was an einer zweitägigen Vorbereitung so teuer sein soll. Ein Mittelklassehotel mit Tagungsmöglichkeiten ist selbst in einer Großstadt zu vielen Terminen preiswert zu buchen. Was verursacht die Kosten, für die man sogar den Etat umschichten muss?
Christoph Berg Christoph Berg 12.12.2017 07:49
Einige Punkte fallen mir (als Unbeteiligtem) an der Argumentation von Herrn Jagodzinsky ganz spontan auf:

1.) Er argumentiert mit der "Verantwortung des Bundestrainers" (die nach seiner Auffassung bei einer Aufstellung rein nach Spielstärke ja nicht mehr anzunehmen sei). Das wirft die Frage auf: Wie wird diese Verantwortung gelebt? Wenn der Bundestrainer in der Aufstellung nach eigenen Vorstellungen erheblich von den Elo-Stärken abweicht und dann in zwei Turnieren Schiffsbruch erleidet: Äußert sich "Verantwortung des Trainers" dann in der Suspendierung von Leistungsträgern?

2.) Weiter kritisiert Herr Jagodzinsky, dass das "persönliche Gespräch nicht gesucht wurde". Damit steht er zumindest in direktem Widerspruch zu den Ausführungen von Frau Michna, die ja nach eigenen Angaben vom Bundestrainer in einem Telefonat den Vorschlag zu einer schriftlichen Anfrage erhalten hat. Es hat also (anscheinend) sehr wohl ein Gespräch gegeben. Insofern kann ich die Kritik von Herrn Jagodzinsky nicht sehr ernst nehmen.

3.) Inhaltlich verweist er auf den von ihm wahrgenommenen Unterschied zwischen der Leistungsstärke zum Nominierungszeitpunkt und zum Turnierzeitpunkt. Dieser Punkt geht an den Ausführungen von Frau Michna komplett vorbei: Sie betont in ihrem Schreiben ihre langfristigen Leistungen und bezieht sich keinesfalls auf einen konkreten (Nominierungs-)Zeitpunkt. Insofern greift die Argumentation von Herrn Jagodzinsky hier ins Leere und ist zumindest als Antwort auf das Ansinnen von Frau Michna wenig nachvollziehbar.

Zusammenfassend habe ich den dringenden Eindruck: In den Ausführungen von Herrn Jagodzinsky werden die konkreten Argumente von Frau Michna (ob nun richtig oder falsch...) weitestgehend ignoriert. Auch wird eine wirklich nachvollziehbare Begründung für die Kaderzusammensetzung (jenseits des bewusst vagen Worts "Teamgeist") faktisch nicht geliefert.

Falls es gute Gründe für die jetzt beschlossen Kaderzusammenstellung gibt, so werden diese der Öffentlichkeit eindeutig vorenthalten.

Und so bleibt bei mir der intensive Eindruck, dass hier weniger Leistungsgedanken und Sachargumente sondern vielmehr Trainer- und Funktionärswillkür den Stift bei der Kaderzusammenstellung geführt haben.

Schade.
Armin Nagel Armin Nagel 12.12.2017 07:27
Zitat: Der Bundestrainer verbingt während der Turniere und im Rahmen von Trainingsmaßnahmen viel Zeit mit den Nationalspielern und -spielerinnen und hat einen besseren Überblick über die schachlichen Leistungen als die Mitglieder der Kommission oder die Öffentlichkeit. Zitat Ende

Als Teil der Öffentlichkeit interessiere ich mich für Wettkampfergebnisse.
Im Turnier werden die schachlichen Leistungen bewertet, nicht im Trainingslager.

Das Zitat rechtfertigt jegliches (auch schlechtes!) Abschneiden im Wettkampf.

Damit lässt sich jede Mannschaftsaufstellung und jede Nominierung eines Kaders legitimieren.
ir77 ir77 12.12.2017 07:01
Es ist wohl vielen nicht klar, was ein Kader eigentlich soll. Das ist doch keine Wohlfahrtstelle für verdiente Spieler. Solange man für Nationaölmannschaft nomiert werden kann, ohne im Kader zu sein, ist es absolut i.O. Kramnik, Aronian & Co. sind ja auch nicht im Kader. Allerdings har der DSB diese Logik selbst durchbrochen, indem bei den Männern z.B. Liviu Dieter und Daniel aufgestellt wurden. Und das ist sicherlich erklärungsbedürftig.

Ilja Rosmann
Radost Radost 12.12.2017 04:33
Leider verhärtete Fronten hier, wie mir scheint, zumal die Entscheidungen angeblich final schon gefallen sind. Es kann doch was nicht stimmen, wenn die Sichtweisen von Bundestrainer und den beiden betroffenen Spielerinnen so stark voneinander abweichen. Da sollten doch die Verantwortlichen hellhörig werden und alle Beteiligten erneut befragen, bevor auf Dauer Unfrieden zwischen sich bildenden Lagern geschaffen werden. Mediator einschalten!
Lt Marseille Lt Marseille 12.12.2017 02:38
Hier liegt ein klarer Fall von Altersdiskriminierung vor. Natürlich weiß ich auch, dass man jenseits der 40 nicht mehr substanziell stärker wird, schließlich leide ich selbst an diesem Phänomen seit anderthalb Jahrzehnten. Doch: Wenn die starken Spielerinnen, vor allem Frau Michna, nach wie vor nachhaltig gefördert würden, und wenn ihre Lebensumstände (die ich freilich nicht kenne) es zuließen, in Ruhe an ihrem Schach zu arbeiten, dann würden sie noch einige Jahre hinweg an 2 und 3 soielen können. Und auch die ELO-Entwicklung der jüngeren Spielerinnen ist nun wirklich nicht revolutionär.
Dass die Aufstellung von Frau Heinemann an Brett 2 falsch war, hat auch eine ältere Trainer-Elo-Leiche wie ich gesehen: Sie war in vielen Partien schachlich hoffnungslos überfordert. Das wäre Frau Michna, die ich aus ihren Zweitligaeinsätzen her kenne, nicht so gewesen, sie hat eine schachlich harte Schule erfolgreich durchschritten.
Beide Frauen aber sollten sich nicht grämen, wenn es mit einer erneuten Kadernominierung nicht klappt: Meine Damen, Sie sind nicht an schachlicher Unfähigkeit gescheitert, allenfalls an unfähigen und selbstherrlichen Funktionären.
Sorry, das musste hier einmal so gesagt werden, Euer

Lothar Karwatt
acepoint acepoint 12.12.2017 02:00
Es scheint mir, als ob im Deutschen Schachbund spätestens seit März (offener Brief des Bundestrainers) der übliche Weg die Kommunikation über offene Briefe und externe Plattformen ist. Wenn man dazu noch das Hickhack um die Wahl des Präsidenten addiert...
Thomas Pitt Thomas Pitt 12.12.2017 01:56
Die Entscheidung des DSB, zwei Spielrinnen nicht mehr im Kader zu berücksichtigen, obwohl beide in der Weltrangliste, und demzufolge mit ihrer messbaren Leistungsfähigkeit, teilweise deutlich vor anderen Kaderspielern liegen, ist von außen nur schwer nach zu vollziehen. Der Hinweis, dass der DSB sparen muss, weil die Fördermittel zusammengestrichen wurden, gibt zu dem Anlass, an der Rechtmäßigkeit der Kaderaufstellung zu zweifeln.

Da hier öffentliche Gelder, und nicht das Privatvermögen des DSB, verwendet werden, ist der DSB im besonderen Maße an gesetzliche Vorgaben gebunden. Und dazu gehört unter anderem auch, dass Spieler(innen) nicht wegen des Alters benachteiligt werden. Während eine positive Diskriminierung von Jugendlichen, da diese Titel und Medaillen (und um diese geht es bei der Bewilligung von Förderung) bei Jugendturnieren gewinnen könne, wohl zulässig ist, darf das Alter keine Rolle mehr spielen, wenn die Beteiligten, wie hier überwiegend, dem Jugendalter entwachsen sind.

Die Teamfähigkeit dürfte auch nur einer von mehreren Gesichtspunkten sein, da im Schach Einzelturniere ebenso wichtig sind. Einmal angesehen davon, dass es sich gehört, wenn man jemanden wegen mangelnder Teamfähigkeit nicht berücksichtigen will, die oder Betroffene(n) vorher dazu anzuhören.

So ist aus der Erklärung des DSB nicht ersichtlich, welche berücksichtigungsfähigen Gesichtspunkte, bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben und weshalb diese geeignet waren, die festgestellte Spielstärke (Elo-Zahl) als nachrangig anzusehen. Die Nominierungsaussichten für die Nationalmannschaft können es nicht sein, denn auch hier sollte, da Schach vorrangig eine Einzelsportart ist, dann schon erklärt werden, weshalb eine Berücksichtigung nicht in Betracht kommt.

Was würde passieren, wenn beide Spielerinnen Schadensersatz nach dem AGG für die nicht erhaltene Förderung geltend machen. Möglicherweise müsste der DSB diese Ansprüche ausgleichen und hätte dann bei der Bewilligung neuer Fördermittel ein Problem, weil er mit den bisher bewilligten fehlerhaft umgeht. Kann man sicherlich vermeiden, mit mehr Transparenz und notfalls mit mehr Nachdenken.
Krennwurzn Krennwurzn 12.12.2017 11:30
Hier eine Übersetzung ins Realdeutsche: Liebe Mädls schön brav bleiben, Verband und Trainer nicht kritisieren!
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