Kampf ums Kopftuch

von André Schulz
13.01.2020 – Kurz nachdem mit Alireza Firouzja das größte Talent das Land verlassen hat, sorgt im Iran ein neues Politikum für Gesprächsstoff. Die WM-Schiedsrichterin Shohreh Bayat trägt kein Kopftuch. OK, sie trägt es, aber nicht richtig. Im Iran ist man außer sich, berichten ARD und Deutschlandfunk.| Fotos: Friedmann (FIDE)

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Kopftuch falsch getragen: Sorge um die eigene Sicherheit

Die Iranerin Shohreh Bayat ist die erste und einzige Internationale Schach-Schiedsrichterin der Kategorie A Asiens. Zudem ist sie die einzige weibliche Generalsekretärin eines Sportverbandes im Iran. Derzeit leitet sie als Hauptschiedrichterin den Wettkampf um die Frauen-Weltmeisterschaften, deren erste Hälfte in Shanghai gerade abgeschlossen wurde und die am Donnerstag in Wladiwostok beim Stand von 3:3 fortgesetzt wird. 

Videointerview mit Shohreh Bayat aus dem letzten Jahr

Dies könnte ein Grund für die iranischen Schachfreunde sein, mit Stolz auf ihre Landsfrau zu blicken, die vor den Augen der Weltschachgemeinschaft dieses hochrangige Match leitet. Weit gefehlt. Der Iranische Schachverband hat gerade mit Alireza Firouzja sein größtes Talent aller Zeiten verloren und ist nun dabei eine weitere hochrangige Persönlichkeit zu vergrätzen.

Wie die ARD Tagesschau berichtet, gab es auf regierungstreuen iranischen Webseiten Anfeindungen gegen Shohreh Bayat, da diese angeblich während der Wettkampfleitung nicht wie für iranische Frauen gefordert ein Kopftuch getragen haben oder es aber solch provozierende Weise getragen zu haben, dass man es als Protest gegen das Kopftuchgebot verstehen müsse. 

 

Richtig ist, dass Shorey Bayat ein Kopftuch getragen hat, dies aber auf elegante und unauffällige Weise. Viele jungen iranische Frauen setzen das Kopftuchgebot auf diese Weise um, besonders, wenn sie sich in Ländern aufhalten, in denen das Tragen eines Kopftuches unüblich und schon gar nicht verpflichtend ist.

Die Unterstellung, sie habe mit der Art und Weise, wie sie das Kopftuch getragen habe, einen Protest ausdrücken wollen, wies Shohreh Bayat auf Nachfrage der ARD zurück.

Der Iranische Schachverband ging sogar soweit, von seiner offiziellen Vertreterin eine schriftliche Entschuldigung einzufordern und ihr den Auftrag zu erteilen, von nun an ein besonders konformes Kopftuch zu tragen.

Nach dem über sie hereingebrochenen "Shitstorm" zog Shohreh Bayat die Konsequenzen auf ihre Art: Sie ließ das Kopftuch ganz weg.

Gegenüber der ARD erklärte sie: "Ich habe den iranischen Schachverband gebeten, mir schriftlich zu versichern, dass ich ohne Sorge um meine Sicherheit in den Iran zurückkehren kann", sagt sie. "Als ich darauf keine Antwort bekommen habe, war mir klar, dass es nicht sicher für mich ist, zurückzukehren, und dass es nun auch keinen Unterschied mehr macht, ob ich das Kopftuch trage, oder nicht."

Nigel Short, als Vizepräsident, offizieller Vertreter der FIDE bei dieser Weltmeisterschaft, drückte gab seine Besorgnis für Schiedsrichterin Shohreh Bayat zum Ausdruck und betonte, dass die FIDE mit ihrer Leistung sehr zufrieden sei.

 

Meldung bei der ARD Tagesschau...

Meldung beim Deutschlandfunk...



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.