Kanada? Schach!

16.09.2011 – Wer "Kanada" hört, denkt nicht unbedingt an Schach. Eishockey, Ahornsirup und vor allem unendlich große Wälder beherrschen die gängigen Vorstellungen. Auf ihrer Reise nach Montreal und Quebec erlebte Alina L'Ami das kanadische Schachleben aber so intensiv, dass sich das Spiel von nun an für sie untrennbar mit dem Namen des nördlichsten Landes auf dem amerikanischen Kontinent verbunden hat. In drei Tagen spielte sie ein fünfrundiges Open in Montreal und absolvierte außerdem zwei Simultanvorstellungen, davon eine im berühmtesten Schachcafé Kanadas, dem Café Pi in Quebec. Die Kanadier sind freundlich, vom Schach begeistert und viel spielstärker als ihre Elozahlen aussagen, lautet Alina L'Amis Fazit. Warum das so ist, erklärt die Großmeisterin in ihrem mit vielen Eindrücken gespickten Schachreisebericht aus Kanada.Turnierseite...Bericht, Impressionen und Partien...

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Montreal Open
Text und Fotos: Alina l'Ami

Hätte man mich vor einer Woche gefragt, was mir bei dem Wort "Kanada" in den Sinn kommt, wäre ich wahrscheinlich auf Nummer Sicher gegangen und hätte die alten, abgenutzten Klischees bemüht: Ahornsirup, Eishockey, nette Leute und wunderbare Natur.


 


Der berühmte Ahornsirup – das Blatt des Ahornbaumes, von dem der Hauptbestandteil
des Sirups gewonnen wird, ziert auch die kanadische Flagge.

Nach einer Woche, einer sehr langen und vollgepackten Woche (mit zwei Simultanveranstaltungen, einem Wochenendturnier, Doppelrunden, viel Sightseeing und schrecklichem Jetlag, der mich immer noch plagt), fiele mir sehr viel mehr ein. Und Schach wäre auf meiner Liste!


XXL-Schach im Zentrum von Montreal, darauf bin ich durch Zufall gestoßen, als ich mich ein wenig verlaufen habe.

Ich habe entdeckt, dass die Kanadier gerne Schach spielen und sie tun es ziemlich gut, ihrer fehlenden Schachtradition, die sie oft beklagen, zum Trotz.


Café Pi: das Mekka der Schachfans in Montreal, genau wie es früher das Café de la Regence in Paris war;
im Café Pi spielte ich meine erste Simultanveranstaltung.



Im Inneren des Cafés Pi.

Ich habe zwei wunderbare Städte entdeckt, zwei Juwelen der Architektur: Montreal und Quebec City, mit ihren Parks, alten Gebäuden und unvergleichlichem Charme.


Mont Royal Summit: ein phantastischer Blick in den Park, der von Frederick Law Olmsted entworfen wurde,
der wiederum berühmt für seine Arbeit am Central Park in New York ist.


Marché Bonsecours zählt zu einem der zehn schönsten denkmalgeschützten Gebäude und
beherbergt 15 Boutiqen mit Top-Produkten “made in Québec”: Handwerk, Mode, Accessoires, usw.


Eine Straße in Old Montreal: in dem Moment, in dem ich den historischen Teil der Stadt betrat,
schien das moderne Leben nur noch eine entfernte Erinnerung zu sein;

 


Immer noch in Old Montreal


Mit Skulpturen aus Bronze: Drei Damen im Gespräch


Basilique Notre-Dame de Montreal: ein deutliches Zeichen der französischen Einflüsse -
trägt den gleichen Namen wie seine Verwandte in Paris.



Altes und Neues nebeneinander



Im Inneren der Kapelle von Saint Joseph: Die Basilika ist Saint Joseph gewidmet, auf den Bruder André
all seine überlieferten Wundertaten zurückführte. Die meisten waren Zeugnisse einer heilenden Kraft
und viele Pilger (Behinderte, Blinde, Kranke, usw.) kamen in seine Basilika geströmt. Zu sehen ist eine Mauer
mit Tausenden von Krücken all derer, die in die Basilika gekommen sind und angeblich geheilt wurden. (Quelle: Wikipedia)



Vor der Kapelle


Die Kapelle von Saint Joseph erinnert mich stark an Sacre Coeur in Paris


Besonders fasziniert haben mich auf den Märkten die Trolleys. Vielleicht sind die gar nicht
so außergewöhnlich, aber ich hatte sie noch nie gesehen.


Ich habe entdeckt, dass die Leute hier nicht gerne Zeit verlieren, wenn die Ampel rot zeigt, egal … ob rot oder grün, es läuft doch aufs Gleiche hinaus; natürlich hatte ich nichts dagegen, mich den örtlichen Sitten anzupassen, vor allem, wenn ich in Eile war, um rechtzeitig zur Partie zu kommen.

Ich habe festgestellt, dass in Kanada viele Türen offen sind … nicht abgeschlossen, natürlich auch, wenn niemand im Hause ist! Ja, hier ist es sicher und friedlich, aber überall würde ich das nicht probieren!

Ich habe gelernt, dass Kaffee interessant schmecken kann, wenn man statt Zucker ein bisschen Ahornsirup hinzufügt, und dass Pommes mit Soße und Käse besser schmecken. Ich habe gelernt, dass ich je mehr tue, je weniger Zeit ich habe, und dass Möglichkeiten nie verloren gehen. Die, die ich verpasst habe, wird jemand anderes entdecken … Ich bin so dankbar für alles, was ich in Kanada erlebt habe und einmal mehr habe ich festgestellt, dass das Leben aus diesen kleinen Dingen besteht, die es besser machen.



Die Laval University in Quebec City, wo ich mein zweites Simultan spielte.


Quebec City bei Nacht, beobachtet von La Citadelle;


Ich war überrascht, als man mir erzählte, was sich in diesem Gebäude befindet ... eine Disco! - Quebec City


Abendessen mit Freunden und Feinden vom Simultan in Quebec: links von mir - Charles Tremblay, der Organisator des Simultans und anderer Schachveranstaltungen in Quebec; rechts von mir – Major Régis J.R.R. Bellemare, der Einzige, gegen den ich ein Remis abgab. Er würde gerne 2014 die NATO-Meisterschaften in La Citadelle organisieren, ein inspirierender Ort!


Club Poutine: ein typisches Gericht, wenn man abends in Quebec unterwegs ist – hinter den Sandwiches sieht man das berühmte Poutine: Rindfleischsoße auf Pommes Frites mit frischem Käse. Köstlich!


Fairmont Le Château Frontenac in Quebec


Die Altstadt von Quebec City


Schließlich fand ich die richtige Tür. Es wirkt, als sei sie speziell für Hobbits gemacht.
Ohne die Nummer an der Tür hätte ich sie nicht gefunden.


Immer noch in der Altstadt von Quebec


Parlamentsgebäude in Quebec



Die Montmorency Wasserfälle in Quebec, 84 Meter hoch, 30 m höher als die Niagarafälle.

All das hätte ich nicht erleben und erzählen können, hätte es das Montreal Open und seine großzügigen Sponsoren nicht gegeben.

Ich fürchte fast, Sie könnten das Folgende als ein wenig übertrieben empfinden, aber glauben Sie mir, ich kann einfach nicht anders! Wenn Sie dabei gewesen wären, dann hätten Sie sicher genauso empfunden. Der Spielsaal war ausgezeichnet, einer der besten, die ich je gesehen habe, das Hotel war phantastisch, in Laufweite und die Organisatoren gaben 1000 (Tausend) Prozent, um dies zu einem wunderbaren Turnier zu machen.


College Jean de Brebeuf: hier haben wir gespielt


Auf dem Weg ins Spiellokal, 2. Stock


Ein einheimisches Talent: Roy Myriam, 16 Jahre alt


Kinder spielen vor, während und nach der Partie Schach, eigentlich immer, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.


Ich musste lächeln, als ich sah, wie der kleine Junge versucht hat, die Figuren zu ziehen,
ich erinnerte mich, wie ich beim Schach früher selbst auf Knien gesessen habe.




Die Partien an den ersten vier Brettern wurden live ins Internet übertragen und konnten auch vom Publikum verfolgt werden.


Turniersaal



Live-Partien und Computeranalyse


Meiner Meinung nach haben sie viel mehr gemacht, als nur ein wunderbares Turnier zu organisieren. Dies war das 91. Montreal Open und für die kanadische Schachgemeinde hat das große Bedeutung. Die Teilnehmerzahlen steigen jedes Jahr exponentiell und dieses Jahr gingen 213 Spieler in vier Gruppen an den Start: A, B, C und D. Gruppe A war den stärkeren Spielern vorbehalten, man brauchte eine FIDE-Elo oder eine kanadische Wertungszahl von 2100 Punkten, um teilnehmen zu können.

Ehrlich gesagt, wusste ich nicht immer genau, wie stark die Spieler nun wirklich waren: ist das eine kanadische Wertungszahl oder eine FIDE-Elo?! Später habe ich dann begriffen, dass die meisten Turniere in Kanada gar nicht zur Wertung an die FIDE eingereicht werden und das erklärt den Elo-Unterschied. Zum Beispiel hatte der an Eins gesetzte Sambuev Bator eine FIDE-Elo von 2528, seine kanadische Wertungszahl lag jedoch bei 2700.

Doch Wertungszahlen hin oder her, sie alle sind so voller Leidenschaft, wenn es um Schach geht, sie leben es so intensiv, dass ich beinahe “Angst” bekam . Vielleicht spielen sie deshalb so gerne scharfe Varianten wie den Königsinder?! Alles in allem war ich angenehm überrascht, dass so viel Energie auf das Schach verwandt wird – zahllose Kinder, Eltern, Sponsoren und Organisatoren tragen ihren Teil zum gleichen Ziel bei: die Verbreitung des Schachs.

Das Einzige, was Profis Kopfschmerzen bereitet haben könnte, war der Doppelrundenmodus. Um die Teilnehmerzahl zu erhöhen und möglichst vielen Schachfans die Teilnahme zu ermöglichen, war dies ein Wochenendturnier, in dem man Müdigkeit überwinden und lernen muss, unter harten Bedingungen weiter gut zu spielen.

Sambuev Bator, einer der besten kanadischen Spieler, bewies einmal mehr seine Klasse und landete auf dem Spitzenplatz. Er holte 4,5 Punkte aus 5 Partien, und das trotz eines Remis in der zweiten Runde, die morgens um 10 Uhr gespielt wurde. Masse Hugues (mit einer Zahl von 2239 kam er auf eine Performance von 2942!) landete mit der gleichen Punktzahl ebenfalls auf Platz Eins. Allerdings gab er den halben Punkt in der ersten Runde ab, in der er aussetzte, alles im Rahmen der offiziellen Turnierregeln. Danach gewann er alle seine Partien. Ob das Strategie war oder nicht kann ich nicht beurteilen, aber für ihn hat das gut funktioniert!


Als ich die Sonnenbrille gesehen habe, schoss mir unwillkürlich der Gedanke "Poker" durch den Kopf.
Leider hat ihm die Sonnenbrille in der Partie nicht geholfen. Sambuev gewann.




Rechts der Spieler, der im Turnier an Zwei gesetzt war



Die Nummer Drei der Setzliste



Unser Spielsaal befand sich in einer ... ehemaligen Kirche! Ob man gläubig ist oder nicht,
es sorgt für eine besondere Atmosphäre und ich fand es wunderschön.




Die ersten vier Bretter, abgetrennt vom Rest



Erstaunlich: hinter Glas, nur einen Steinwurf vom wirklichen Schachbrett entfernt: der Altar!


Die Bedenkzeit war recht normal: 85 Minuten für 40 Zuge, plus 20 Minuten für den Rest der Partie, plus 30 Sekunden für jeden Zug. Daher ist es sinnvoll, in drei Tagen nur fünf Partien zu spielen und dann einen Schlussstrich zu ziehen. Außerdem glaube ich, dass dies eine gute Möglichkeit ist, um schnelle Remis zu bekämpfen, eine der Hauptsorgen der Schachwelt. Wenn man am Ende einen Preis gewinnen will, dann muss man wirklich dafür arbeiten, sonst gibt es jede Menge Spieler mit der gleichen Punktzahl.


Im schwarzen Anzug, neben dem kleinen Mädchen in Gelb, sieht man den Chef des Organisationskomitees: Bernard Ouimet

Was mich betrifft … Ich hätte besser spielen können, aber man kann immer etwas besser machen und mir hat dieses Turnier sehr viel Spaß gemacht. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen und vielleicht sollten Sie sich das nächste Montreal Open ebenfalls im Kalender vormerken!


Mit meinen rumänischen Freunden. Die rumänische Gemeinde hat mich unterstützt und angefeuert,
und ich war überrascht, meine Muttersprache sprechen zu können!
 

Endstand

Rk.   Name FED Rtg Pts. TB1 TB2 TB3
1 GM SAMBUEV Bator CAN 2528 4.5 13.0 64.5 2
2   MASSE Hugues CAN 2239 4.5 12.5 53.0 2
3 FM JIANG Louie CAN 2327 4.0 14.0 69.5 2
4 IM NORITSYN Nikolay CAN 2455 4.0 13.0 61.5 2
5   CAIRE Francois CAN 2167 4.0 12.5 71.0 2
6 IM GERZHOY Leonid CAN 2503 4.0 11.0 69.5 3
7 IM HEBERT Jean CAN 2416 3.5 12.5 58.0 3
8 WGM L'AMI Alina ROU 2368 3.5 12.5 55.5 2
9   LEUTSCHAFT Martin CAN 2099 3.5 11.5 49.0 2
10   TROTTIER Emile CAN 2090 3.0 11.0 64.0 3
11   QIN Zi Yi Joey CAN 2166 3.0 10.5 46.0 2
12   ZHU Hong Rui CAN 1959 3.0 10.0 70.5 2
13   SCHOTT Guido GER 2184 3.0 10.0 64.0 2
14   KRAIOUCHKINE Nikita CAN 2181 3.0 10.0 54.5 3
15   GULKO Andrei CAN 2215 3.0 9.5 65.0 3
16   LEPINE Cedric CAN 2050 3.0 9.0 64.5 3
17   ROBICHAUD Louis CAN 2114 3.0 8.5 62.5 2
18   HAJIYEV Elshad CAN 2041 3.0 8.5 51.5 2
19   GAGNON Serge CAN 2101 3.0 8.0 62.5 2
20   POULIN Mathieu CAN 2051 3.0 7.0 61.0 2
21   PAPINEAU Daniel CAN 2031 3.0 7.0 58.0 3
22   LE DUIN Thierry FRA 2079 3.0 6.0 64.5 2
23   CHIKU-RATTE Olivier-Kenta CAN 2114 2.5 8.5 56.0 3
24   LIBERSAN Thierry CAN 2066 2.5 6.0 56.5 2

48 Spieler

Partienauswahl (Runde 1 bis 3)

 

 



Sehen Sie, wie Weiß elegant gewinnen kann? Diese Stellung habe ich in der letzten Runde in der Partie zwischen IM Nikolay Noritsyn und Emile Trottier zufällig auf dem Brett gesehen. Die Partie endete wie folgt: 24. Sg5+ hxg5 25. hxg6+ Kg8 26. Ld5+ Le6 27. Txe6 gxf2+ 28. Kf1 und Schwarz gab auf.

Links:

1. Turnierseite: http://www.echecsmontreal.ca/chom/eng/index.htm

2. Schlussstand: http://www.chess-results.com/tnr55993.aspx?art=0&lan=1&fed=CAN

 


 

 

 

 

 

 


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