Karpov in Dortmund

23.07.2010 – Anatoli Karpov wurde am 23. Mai 1951 im russischen Slatoust geboren. Schach lernte er mit vier, mit zehn war er Stadtmeister, 1967 gewann er die Junioreneuropameisterschaft, 1969 die Jugendweltmeisterschaft. 1975 wurde er Weltmeister, bis 1984 war er die unangefochtene Nummer Eins im Schach und im Laufe seiner Karriere gewann er über 100 Turniere. 9 Mal erhielt er den Schach-Oscar. Karpov weiß, wie man Ziele verfolgt und erfolgreich ist. Jetzt will er FIDE-Präsident werden. Beim Dortmunder Turnier sprach Dagobert Kohlmeyer mit dem immer noch ehrgeizigen Ex-Weltmeister.Turnierseite Dortmund...Mehr...

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"Schach soll endlich wieder populärer werden"
Interview mit dem FIDE-Präsidentschaftskandidaten Anatoli Karpow
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer



Eine Schachlegende hielt zwei Tage lang in Dortmund Hof, und viele Medienvertreter kamen. Zu Beginn der 7.Runde führte Anatoli Karpow im Schauspielhaus am Brett von Wladimir Kramnik und Ruslan Ponomarjow den ersten Zug aus. Es war eine wichtige Partie und ein seltenes Bild, drei Weltmeister an einem Schachtisch zu sehen.


Karpov führt in Runde 7 den ersten Zug aus.

Danach gab es eine Pressekonferenz im Rathaus, wo Karpow sein Programm zur Veränderung der Schachwelt erläuterte. Der russische Exweltmeister Anatoli Karpow befindet sich auf einer weltweiten Wahlkampftour, im Herbst möchte er neuer Präsident des Internationalen Schachbundes FIDE werden.

An Dortmund hat der Moskauer gute Erinnerungen, hier spielte er in der Vergangenheit fünfmal und konnte das Sparkassen Chess-Meeting 1993 gewinnen. Nachdem er seine aktive Laufbahn beendet hat, will der 59-jährige Karpow, der auch russischer UNICEF-Botschafter ist, seine Erfahrungen in die Schachpolitik einbringen. "Wir brauchen einen grundsätzlichen Wandel, die jetzige FIDE-Führung ist unfähig, die Probleme im Weltschach zu lösen. Ich bin angetreten, um das Renommee des Schachs als Spiel und als Beruf zu retten." Auch die Arbeitsbedingungen der Trainer und Schachlehrer müssen in vielen Ländern verbessert werden, fordert Karpow, der von seinem früheren Rivalen am Brett, Garri Kasparow, im Wahlkampf Schützenhilfe erhält.


Karpov und der Schachnachwuchs

Begleitet wurde der 12. Weltmeister der Schachgeschichte in Dortmund von seinem designierten Vizepräsidenten Richard A. Conn (USA). Beide kamen direkt von einer neuntägigen Asienreise, die sie u.a. nach China, Singapur, Malaysia und Thailand führte. "Überall wird unsere Kampagne unterstützt", teilte Karpow mit, der sich gute Chancen ausrechnet, den umstrittenen Amtsinhaber Kirsan Iljumschinow (Russland) abzulösen, der die FIDE seit 15 Jahren selbstherrlich regiert. Im folgenden Gespräch gibt Karpow nähere Auskunft über seine Wahlkampfstrategie.

Anatoli, welche Gedanken bewegen Sie, wieder in Dortmund zu sein?

Ich habe nur gute Erinnerungen. In meiner aktiven Zeit nahm ich fünfmal am Chess-Meeting teil, 1993 habe ich es gewonnen. Die Organisation war stets hervorragend.

Wer wird 2010 siegen?

In der 7. Runde sahen wir eine wichtige Partie, vielleicht hat sie schon über den Ausgang des Turniers entschieden. Kramnik musste unbedingt gegen Ponomarjow gewinnen, um ihn zu stoppen. Das ist ihm nicht gelungen.

Wie erklären Sie sich das?

Ponomarjow hat sich sehr verbessert und spielt auf einem hohen Niveau. Er war schon früher ein starker Großmeister, wir haben auch mal gemeinsam trainiert. Aber, was Ruslan jetzt zeigt, ist wie eine zweite Geburt nach seinem FIDE-WM-Titel, den er schon mit 18 Jahren erobert hat.


Ein Schachpolitiker am Brett

Sie sind in die Schachpolitik gegangen und wollen FIDE-Präsident werden. Warum?

Das Ansehen des Schachs hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr gelitten. Sein Renommee als weltweites Spiel und als Beruf muss wieder hergestellt werden. Die jetzige Führung der FIDE ist unfähig, die Probleme im Weltschach zu lösen und muss deshalb abgelöst werden.

Was wollen Sie ändern, wenn Sie gewählt werden?

Der Massencharakter des Schachs soll erhöht und der Leistungssport verbessert werden. Das sind die Schlüsselfragen. Es geht aber nicht nur um die sichere Existenz der Schachprofis. Auch die Trainer und Schachlehrer müssen stabile Lebensverhältnisse haben.

Sie reisen, auch mit Ihrem früheren Rivalen Kasparow, durch die Welt und trommeln für Ihre Sache. Mit Erfolg?

Mit dem bisherigen Verlauf der Wahl-Kampagne bin ich zufrieden, weil sehr viele Leute in den einzelnen Regionen freiwillig mitarbeiten. Ich sehe die Dinge ganz positiv. Auch wenn es nicht einfach war, in kurzer Zeit ein Team auf die Beine zu stellen, das effektiv handelt. Aber wir haben noch mehr als zwei Monate bis zur Wahl. Diese werden wir gut nutzen, um unsere Projekte vorzustellen und den großen Zeitvorsprung der alten FIDE-Führung zu egalisieren.

Wie ist das zu schaffen?

Unsere Chance liegt vor allem in dem überzeugenden Programm, den Schachsport wieder populärer zu machen. Wir haben bereits gute persönliche Kontakte zu vielen Schachorganisationen und potentiellen Sponsoren. Dennoch wird es nicht leicht sein zu gewinnen, weil unsere Konkurrenten schon 15 Jahre lang an der Macht sind und mit allen Mitteln arbeiten, diese Position zu behalten.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie die Hotelsituation in Chanty-Mansysk, wo die Schacholympiade und auch der FIDE-Kongress stattfinden. Der Ort ist gar nicht dafür geeignet, etwa 2.000 Teilnehmer, Betreuer, Funktionäre und Journalisten aufzunehmen. Viele von ihnen müssen dann wahrscheinlich im Wald schlafen. Auf unsere Frage antwortete man, dass es keinen Platz für alle gibt. Das ist ein großer Skandal.


Karpov im Gespräch mit dem holländischen Schachjournalisten Dirk Jan ten Geuzendam (links)

Iljumschinows Nominierung zum FIDE-Präsidentschaftskandidaten erfolgte in Moskau "von oben herab" und nicht durch eine demokratische Wahl. Sie nannten das illegal und zogen vor das Sportgericht in Lausanne. Werden Sie damit durchkommen?

Wir hoffen es. Geklagt haben ja insgesamt fünf Landesverbände. Alle unterstützen meine Nominierung, auch Deutschland. Es ist das erste Mal, dass so viele große Föderationen beim Sportgericht in Lausanne vorstellig wurden und gegen einen internationalen Verband geklagt haben. Dies ist ein einmaliger Fall in der Sportgeschichte. In der Regel klagt ein Landesverband gegen eine internationale Föderation oder ein Verband gegen einzelne Sportler. Aber dieser Vorfall zeigt, dass die Verletzung der Regeln durch die russische Bürokratie eindeutig ist.

Wird das Gerichtsurteil Einfluss auf die FIDE-Wahlen haben?

Wenn wir dort gewinnen, erhöht das sicher unsere Chancen. Ich weiß allerdings nicht, was für Tricks sich die FIDE-Oberen dann noch einfallen lassen. In der Vergangenheit haben sie schon öfter ihre eigenen Regeln missachtet, Stimmen gekauft usw. Aber so einfach werden wir es ihnen nicht machen du ihnen genau auf die Finger sehen. Schach gehört zur olympischen Bewegung, auch die Mächtigen im Weltverband und in Russland müssen das zur Kenntnis nehmen.

Iljumschinow prahlt auf der FIDE-Webseite damit, schon die Stimmen von beinahe 80 Ländern in der Tasche zu haben. Ihr Kommentar dazu?

Das ist eine dicke Übertreibung. Am Schluss wird abgerechnet. Was unser Team angeht, so haben wir keine Veranlassung, unsere sicheren Stimmen bereits vor der Abstimmung bekanntzugeben.

In der sibirischen Gastgeberregion gab es einen Machtwechsel. Der schachfreundliche Gouverneur Filipenko ist abgewählt worden, an seine Stelle trat eine Frau. Was bedeutet das für die Olympiade oder den Kongress?

Ich habe die neue Gouverneurin Natalja Komarowa kennengelernt und halte sie für eine seriöse Person. Auch wenn sie kein großer Schachfan ist, will sie sich unserem Sport gegenüber neutral verhalten und dafür sorgen, dass die Schacholympiade auf einem hohen Niveau durchgeführt wird. Dies hat sie mir versichert.

Sie kommen gerade mit Ihrem designierten Vize Richard A. Conn aus Asien, waren unter anderem in China, Singapur, Malaysia und Thailand. Die Wahl-Kampagne kostet sehr viel Kraft. Wann haben Sie denn Zeit für Urlaub und Erholung?


Anatoli Karpov und Richard Conn

Urlaub, was ist das? Ferien habe ich schon 26 Jahre nicht mehr gemacht.

Ihre Familie dürfte davon nicht begeistert sein.

Sie ist daran gewöhnt und versteht die Situation. Meine Tochter wird in diesen Tagen elf Jahre alt. Ich werde ihren Geburtstag leider verpassen.


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