Karpov-Kasparov-Revival: Interview mit Lothar Schmid

20.09.2009 – Am Montag beginnt in Valencia das schachhistorische Symposium "Valencia, Geburtsort des modernen Schachs". In diesem Rahmen kommt es außerdem zu einer Neuauflage des immergrünen Matches zwischen Anatoly Karpov und Garry Kasparov. Der zwölfte und der dreizehnte Weltmeister spielen an drei Spieltagen (22., 23., und 24., jeweils ab 19 Uhr) insgesamt zwei Schnellschachpartien und eine Reihe von Blitzpartien. Lothar Schmid weilt aus zweifachem Grund in Valencia. Zum Einen fungierte der deutsche Großmeister als Schiedsrichter beim Wettkampf zwischen Karpov und Kasparov in London 1986. Zum Anderen ist der Karl-May-Verleger und Schachbuchsammler im Besitz einer der wenigen noch erhaltenen Exemplare des Buches von Lucena, das als Ursprung des modernen Schachs angesehen wird. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem 81-Jährigen u.a. über das kommende Match, über jüngere Schachgeschichte und die neue Spielergeneration. Karpov und Kasparov werden übrigens im Dezember im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung der UNICEF zu einem weiteren Match in Paris antreten. Für mich bleibt Bobby Fischer der Größte...

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„Bobby Fischer bleibt für mich der Größte“
Großmeister Lothar Schmid zum Revival-Match Karpow - Kasparow in Spanien

Der Bamberger Karl-May-Verleger Lothar Schmid ist eine lebende Schachlegende. Weltbekannt wurde der inzwischen 81-jährige Großmeister und Schachsammler als Schiedsrichter der historischen WM-Matches von Spasski und Fischer sowie von Karpow gegen Kortschnoi und Kasparow. Noch heute verfolgt Schmid mit viel Interesse das internationale Schachgeschehen. Dagobert Kohlmeyer sprach mit ihm über das neue Duell zwischen Karpow und Kasparow in Valencia.



Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie hörten, die früheren Erzrivalen treffen sich ab dem 21. September wieder am Brett?

Ich habe mich gefreut, auch über die persönliche Einladung durch die spanischen Veranstalter. Es wird zwar kein offizielles WM-Match sein, ist aber für die Schachwelt eine interessante, großartige Sache.

Welche Bedeutung haben Karpow und Kasparow für die Schachgeschichte?

Sie ist außerordentlich. Beide waren in ihrer Art zu spielen, ganz einmalig. Ihre Partien hatten Größe und Schönheit. Kasparow zeigte geniale Kombinationen, Karpows Figurenmanöver waren sehr filigran, er spielte fast ohne Fehler. In einer ewigen Bestenliste würde ich beide Spieler auf Platz 2 und 3 hinter Bobby Fischer einordnen.



Was hatte der Amerikaner ihnen voraus?

Er kam aus einer anderen Welt und war Autodidakt. Dass Fischer es ohne entsprechendes Hinterland bis zum Gipfel des Schacholymps geschafft hat, zeigt seine einmalige Größe. Er gewann ein dramatisches Match, bei dem man den großen politischen Einfluss der Russen im Hintergrund durchaus spürte.



Wie war es beim WM-Match Kasparow-Karpow in London 1986, das Sie auch leiteten?

Die ganz großen Spannungen fielen dort weg, es war nicht mehr so ein Politikum wie in den Zeiten des kalten Krieges. Dort erlebten wir mehr eine Auseinandersetzung zwischen zwei Spielmethoden.

Karpow beklagte einmal, das westliche Schachpublikum habe seinem jungen Kontrahenten mehr die Daumen gedrückt. Für wen schlug Ihr Herz damals?

Was mich angeht, so war absolute Neutralität in jedem Fall das oberste Prinzip. Ich habe mich aber natürlich an der Spielstärke der beiden erfreut. Ihre Partien waren für mich ein Genuss, das ist klar. Es war ein notwendiger Leckerbissen, denn ohne diesen bliebe die Schachkunst nur ein abstraktes Gebilde. Immer muss auch die Freude über das Besondere dabei sein.




Was fanden Sie so großartig an diesen Ausnahmekönnern?

Sie waren beide ausgezeichnet vorbereitet, spielten sehr ideenreich und stellten sich psychologisch auf den Gegner ein, so gut es ging.

Wie beurteilen Sie die heutigen Nachfolger der beiden K.?

Inzwischen gibt es mit Anand, Kramnik und auch mit dem Kronprinzen Carlsen würdige Spitzenleute. Der junge Norweger hat ja mit Kasparow schon mehrmals in aller Stille trainiert. Spannend wäre ein direkter Vergleich zwischen diesen Generationen. Aber naturgemäß spielt auch im Schach das Alter eine gewisse Rolle. Das Durchhaltevermögen am Brett lässt mit den Jahren zwangsläufig nach.

Die Top-Spieler von heute zeigen aber weniger Profil. Ist diese Generation vielleicht etwas zu brav?

Das liegt an der jeweiligen Persönlichkeit. Bobby Fischers Naturell und auch seine Ära waren einmalig. Nicht nur wegen des kalten Krieges. Der Amerikaner stellte zum Beispiel harte Bedingungen für den damals vakanten Wettkampf gegen den Russen Karpow. Aber der Weltschachbund FIDE hat Fischers Sonderwünsche dummerweise nicht akzeptiert. Die entscheidende Abstimmung brachte ein ganz knappes Ergebnis, wodurch das WM-Duell gegen Karpow nicht stattfand.

Der Russe wurde darum 1975 am grünen Tisch Weltmeister. Heute nennt Karpow den nicht gespielten Wettkampf gegen Fischer selbst ein Versäumnis der Schachgeschichte.

Das sehe ich ähnlich. Sicher waren Fischers Bedingungen etwas überzogen, aber man hätte sie in Anbetracht seiner Genialität vielleicht annehmen sollen. So ist dieses historische Ereignis dem Schach leider verloren gegangen.

Braucht die Schachwelt mehr große Helden als sie derzeit hat?

Natürlich. Gerade nach außen benötigen wir Vorbilder. Ich möchte hier das Wort Glücksbringer verwenden. Diese sind ein Antrieb für junge Leute, sich ernsthaft mit Schach zu beschäftigen. Unser Sport braucht Helden mit einem Nachweis von Genialität. Diese muss sich nicht nur äußerlich, sondern vor allem in den Partien zeigen.

Schachgenies wachsen aber nicht auf Bäumen. Deutschland hat seit langer Zeit keinen großen Spieler hervorgebracht.

Solche Leute kommen immer mal wieder, wenn auch nur alle paar Jahrzehnte. Wie damals zum Beispiel Robert Hübner. Er war auf einmal da, kam bis in die Weltspitze, war dann aber vielleicht schon zufrieden und ging irgendwann wieder.

Viel länger hielten sich Kasparow und Karpow an der Spitze. Ein wichtiger Grund war neben ihrem großen Können sicher auch viel Ehrgeiz?

Diese Eigenschaft ist sehr wichtig. Kasparow war ein Genie nicht nur am Brett, sondern auch durch gewisse Umstände, die sich in ihm selber zeigen. Dass er Schach vor ein paar Jahren plötzlich einfach liegen ließ und zur Politik wechselte, ist so ungewöhnlich, dass man ihn außerhalb der normalen Reihe betrachten kann. Im Schach war Kasparow mit Recht für lange Jahre die Nr. 1. Karpow ist ganz nahe an ihm dran, aber er spielte seine Partien auf andere Art.



Also Fischer – Kasparow - Karpow lautet Ihre historische Rangfolge der größten Schachspieler?

So ist es. Nur gibt es heute keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Dass die beiden K. jetzt in Spanien spielen, halte ich für eine sehr gute Idee. Leider ist es kein WM-Format und die Distanz zu kurz, um Aussagen über die Spielstärke machen zu können. Wenn es 20 klassische Partien wären, dann ja. Aber darum geht es in Valencia nicht. Man wird sich dort eine Woche lang einfach am Spiel zweier Meister freuen können, die ein Stück Schachgeschichte verkörpern.

Tut dies der amtierende Weltmeister aus Indien auch?

Viswanathan Anand ist ebenfalls ein sehr feiner Spieler. Er hat große Kontinuität gezeigt, war in vielen Turnieren Erster und ist absolute Weltspitze. Die nächsten Hochbegabten sind aber schon da, zum Beispiel Magnus Carlsen.

Am Rande des Duells gibt es in Valencia auch ein internationales Symposium zur Schachgeschichte. Sie nehmen ebenfalls daran teil.

Ich fahre gemeinsam mit meinem Freund Thomas Thomsen hin, der aus Spanien stammt, obwohl er Deutscher ist. Er hat das vermittelt. Herr Thomsen verfügt über gute Schachbeziehungen überall hin. Und ich habe diese Einladung sehr gern angenommen.

Bekommen Sie noch viele solcher Angebote?

Ja, trotz meines beinahe biblischen Alters. Eine andere Einladung habe ich für Anfang Oktober nach New York. Ich weiß aber noch nicht, ob ich sie annehme. Dort soll ein Film über Bobby Fischer gedreht werden. Aus beruflichen und Altersgründen kann ich nicht mehr alles machen. Ich glaube nicht, dass ich auch noch nach New York gehen werde.

Aber ein reizvolles Projekt ist das schon oder?

Das finde ich auch. Deshalb habe ich die dortigen Filmer gefragt, ob sie nicht nach Valencia kommen wollen. Dann könnte man ebenfalls auf Fischers Spuren wandeln und Karpow sowie Kasparow, die sich gern mit ihm am Brett duelliert hätten, nach ihrer Meinung fragen. Dass Bobby vielleicht der genialste Schachmeister von allen war, steht für mich außer Zweifel. Aber ob er der bessere Matchspieler war, das hätte man ausprobieren müssen. Und es ist zu schade, dass es nie zu einem Wettkampf zwischen ihm und Karpow oder dann auch Kasparow gekommen ist.

Spanien wird von den Gastgebern in Valencia als Wiege des modernen Schachs bezeichnet. Was sagt der schachhistorisch sehr bewanderte Lothar Schmid dazu?

Da ist etwas dran. Das erste gedruckte Schachlehrbuch der Welt stammt vom Spanier Lucena. Es ist 1497 erschienen und gilt als erstes Zeugnis der modernen Form des Schachs in Europa. Das Werk markierte den großartigen Beginn einer neuen Ära des Spiels. Heute wird es von den Schachbibliotheken dringendst gesucht. Es gibt jedoch weltweit nur noch wenige Exemplare. Ich schätze mich glücklich, eines davon zu besitzen.

Wie ist Ihnen der Kauf geglückt? Das Buch war doch sicher sehr teuer?

Um in seinen Besitz zu kommen, bin ich eigens nach Rio de Janeiro geflogen. Dort konnte ich ein Exemplar erwerben. Das Buch war in der Tat sündhaft teuer. Ich habe ein halbes Jahr überlegt, ob ich es kaufe. Der Preis ist so hoch gewesen, dass ich darüber überhaut nicht sprechen möchte.

Danke für das Gespräch und bis zum Wiedersehen in Valencia!

Ja, es wird wieder einmal Zeit.

 

 

 

 

 



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