Karpow als Fide-Präsident? Ein Interview

07.07.2005 – Kasparov zog sich vom Schach zurück, um Politiker zu werden, Karpov bleibt beim Schach, um Politiker zu werden. In einem Interview mit Hartmut Metz erklärt der Ex-Weltmeister, warum er als Fide-Präsident - "Selbst ein Schwachkopf macht es besser als Iljumschinow" - kandidieren will und wieso ihm Frankreich Glück bringt. Außerdem spricht er über seine Arbeit als Unicef-Botschafter, sein Interesse am Chess960, seinen Respekt vor Wolfgang Unzicker und wer seiner Meinung nach der wahre Weltmeister ist. Karpov ist am 9. und 10. August bei den Mainzer Chess Classics zu Gast und nimmt zusammen mit Viktor Kortschnoi und Boris Spassky an einem Turnier zu Ehren von Wolfgang Unzicker teil, der in diesem illustren Feld der Ehrengast ist. Zum Interview...

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Hartmut Metz: Spielt der beste Schachspieler aller Zeiten noch oder ist er zurückgetreten?
Anatoli Karpov: Nein, ich spiele weiterhin.

Im Gegensatz zum 42-jährigen Garri Kasparow sitzen Sie weiter am Brett. Unlängst bauten Sie im französischen Burdeos Ihre einmalige Rekordserie aus.
Stimmt. Ich feierte meinen 161. internationalen Turniersieg. In Burdeos schlug ich im Finale den Marokkaner Hichem Hamdouchi, der recht stark spielt. Frankreich scheint mir Glück zu bringen. Ende des Jahres war mir auch schon in Aix-en-Provence der 160. Erfolg gelungen.

Das heißt, eine Schach-Müdigkeit oder neue Ziele wie Kasparow stellen Sie bei sich nicht fest? Sie wandeln lieber auf den Spuren Ihres Erzrivalen Viktor Kortschnoi, der auch noch mit 74 die Szene bereichert.
Mir macht Schach immer noch Spaß. Deshalb verschwende ich keinen Gedanken an einen Rücktritt.

Ihr Kommentar zu Kasparows Abgang?
Ich denke, seine eigenen Manöver mit Kirsan Iljumschinow haben ihn müde gemacht. Er hat mindestens dreimal seine Ansichten geändert. Mal war er der gute Freund des FIDE-Präsidenten, dann wieder sein schlimmster Feind und beschimpfte ihn mit übelsten Tiraden. Einen Monat später waren sie wieder die besten Freunde, Kasparow reiste nach Kalmückien, um seine WM-Chance zu erhalten – doch dann "verarschte" ihn Iljumschinow und die Feindschaft blühte wieder. Letztlich hat er sich selbst zu Fall gebracht und wurde ein Opfer seiner eigenen kläglichen Diplomatie! Danach trat Kasparow zurück, was aber fürs Schach, das möchte ich auch betonen, nicht gut ist. Generell lässt die gesamte Situation zu wünschen übrig.


Anatoli Karpov beim Simultan in Baden-Baden: Erst beim Empfang...

Um das zu ändern, sollen Sie Iljumschinow als FIDE-Präsident ablösen. Morgen soll Ihnen die Europäische Schachunion (ECU) die Kandidatur zur FIDE-Präsidentschaft antragen.
Natürlich würde es selbst ein Schwachkopf besser als Iljumschinow machen. Schlechter kann dieses Desaster kaum mehr werden. Fortschritte sind daher leicht zu erzielen. Wegen dieser armseligen Führung herrscht ein Chaos. Um dieses zu beseitigen, muss die Priorität auf der Vereinigung der Weltmeister-Titel liegen. Lange dürfen wir aber nicht mehr zögern, um die fatale Situation zu ändern – die Zeit rinnt uns durch die Finger.

Mit einer einigen ECU stünden bereits 53 Stimmen und Verbände hinter Ihnen. Eine geballte Macht, die zusammen mit Sympathien für den früheren Weltmeister für eine Ablösung Iljumschinows reichen sollte.
Nein, nein, es ist klar, dass die ECU zum Wohle des Schachs einig sein sollte. Momentan ist es offensichtlich, dass Iljumschinow weg muss. Und nicht nur der, sondern seine gesamte Entourage, die die FIDE ausplündert. Das größte Problem besteht darin, dass man bei fast keinem der FIDE-Funktionäre weiß, ob sie gerade die Wahrheit sagen oder dich wieder anlügen – Letzteres passiert selbstverständlich häufiger. Sie bei der Wahrheit zu ertappen, ist weit schwieriger (lacht).

Im Falle des Erfolgs würden Sie in die Fußstapfen von Max Euwe treten, der auch Weltmeister und FIDE-Präsident war.
Lassen Sie uns das nicht diskutieren. Klar ist jedenfalls: Es muss ein neuer FIDE-Präsident her und ein neues FIDE-Team. Eine Mannschaft mit Leuten wie den Vizepräsidenten Surab Asmajparaschwili, der Polizisten angreift, und dem vor Gericht verurteilten Inder Ummer Koya oder diesem inhaftierten Rumänen Crisan ist absurd. Kein Wunder, haben wir kein positives, sondern ein negatives Image. Das müssen wir ändern - schließlich besitzt Schach zahlreiche positive Seiten. Ich denke dabei insbesondere an Schulschach. In den USA beispielsweise trafen sich erstmals mehr als 3.200 Kinder zum geistigen Wettstreit. In Kansas betreibe ich auch eine Schachschule. Über die können Schüler im Internet Unterricht nehmen und sich Pluspunkte verdienen wie in Erdkunde oder Geschichte. Derlei scheint mir vielversprechend und bietet eine fantastische Grundlage für weitere Fortschritte.

Wie viele Karpov-Schachschulen gibt es mittlerweile rund um den Globus?
Oh, das weiß ich inzwischen gar nicht mehr genau. Im Vorjahr habe ich einige neue eröffnet, so alleine drei in Litauen. In Russland existieren inzwischen 25 Schulen. Ich meine, inzwischen gibt es welche in 20 Ländern. Die Zahl der Schachschulen oder -zentren dürfte  nun insgesamt um die 50 betragen.

Das Karpov-Schachzentrum hier in Baden-Baden zählte zu den ersten.
Ja, nächstes Jahr feiern wir zehnjähriges Jubiläum. Nur in Russland hatte ich noch früher welche. Seit Baden-Baden forcierte ich das Thema Schachschulen international. Anfangs wollte keiner glauben, dass es Sinn macht, Schach als Teil einer Schule oder gar des Schulunterrichts zu sehen – inzwischen hat sich das deutlich gewandelt.

Sie unterstützen zudem die Unicef als Botschafter.
Ich habe dabei besonders dem Jodmangel den Kampf angesagt, durch den Kinder in ihrer Entwicklung zurückbleiben. Dieser grassierte zu Beginn dieser Tätigkeit vor vier Jahren in vielen der 29 osteuropäischen Länder, in denen ich als Unicef-Botschafter tätig bin. Inzwischen gibt es in zwei Dritteln der Länder Gesetze, um diesen zu beheben. Laut den jüngsten Statistiken haben wir dadurch nicht nur zu Westeuropa aufgeschlossen, sondern ein paar Länder überholt. Bulgarien ist sogar der erste Staat, der von der Unicef für seinen Kampf gegen Jodmangel ausgezeichnet wurde. Nächstes Jahr sollten wir alle gesteckten Ziele erreicht haben - dann kann ich mir überlegen, was ich dann in Angriff nehme (lacht). Ich schätze Aufgaben, bei denen der Erfolg nachprüfbar ist. Die Zahlen belegen den Fortschritt. Ich will nicht behaupten, dass das zu 100 Prozent mein Verdienst ist - aber zu 70 Prozent (grinst). Ich freue mich jedenfalls für die kleinen Kinder, die die größten Opfer von Jodmangel sind. 

Zurück nach Baden-Baden: War es nie ein Thema, dass Sie mal für den OSC Baden-Baden in der Bundesliga spielen? Einige andere Weltstars machen dies auch.
Für mich ist das nichts. Ich mag das Spielsystem der deutschen Bundesliga nicht mit zwei Spielen an einem Wochenende. Da reist man mehr, als dass man spielt - und dann noch am frühen Sonntagmorgen! Um für zwei Partien vier Tage zu opfern, fehlt mir die Zeit.


... und dann am Brett.

Wer ist für Sie der wahre Weltmeister? Wladimir Kramnik oder Rustem Kasimdschanow?
Die schwierigste Frage, die Sie mir stellen können (schmunzelt)! Ich weiß nicht. Okay, Kasimdschanow hat dieses Turnier gewonnen, dieses K.o.-Turnier. Ich will ihn nicht abwerten, aber er ist natürlich nicht der wahre Weltmeister. Ich will Ihnen zur Erläuterung ein Beispiel geben: Alexander Chalifman erhielt, nachdem er Weltmeister beim ersten K.o.-Turnier geworden war, eine Einladung zum Topturnier nach Linares. In einem Interview danach zeigte er sich erfreut darüber, dass er den letzten Platz vermeiden konnte! Das zeigt, dass der Titel mit dem K.o.-System an Renommee verliert. Das war Iljumschinows Absicht. Am Anfang hatte er durchaus klare und gute Ziele. Aber als er nach dem ersten Streit kapierte, dass der WM-Titel und die Namen Kasparow und Karpov weit mehr zählen als der des FIDE-Präsidenten, konnte Iljumschinow dies nicht verwinden und beschloss, den Weltmeister abzuwerten. Das gelang ihm - allerdings zerstörte er auch das Schach. Vielleicht ist er jetzt glücklich, wir anderen sind jedoch unglücklich. Wir brauchen Persönlichkeiten und einen Weltmeister, um Sponsoren gewinnen zu können.

Das heißt, für Sie als FIDE-Präsident würde eine Titelvereinigung oberste Priorität besitzen.
Genau. Kasimdschanow wäre bei acht oder mehr Partien pro Runde sicher nicht Weltmeister geworden. In Tripolis bewies er gute Nerven - das ist allerdings nicht genug, um sich den Titel Weltmeister zu verdienen. Zunächst müssen wir zur klassischen Bedenkzeit zurückkehren. Natürlich dürfen es heutzutage auch keine Marathon-Duelle mehr sein wie bei mir damals gegen Kortschnoi oder Kasparow über 24 oder gar 48 Partien. Zudem darf klassisches Schach nicht mit Schnellschach und schon gar nicht mit Blitz vermengt werden, was verschiedene Typen von Schach sind. Wenn es derlei früher schon gegeben hätte, wären Michail Botwinnik oder Boris Spasski nie Weltmeister geworden.

Früher erinnerte man sich, wer Weltmeister war und wann. Heute ist alles austauschbar.
Exakt. Man kannte 110 Jahre Schach-Geschichte. Heute erinnert man sich nicht mal mehr an die Weltmeister der letzten fünf, sechs Jahre (lacht).

Im August nehmen Sie bei den Chess Classic Mainz an der Gala für Wolfgang Unzicker teil, der am 26. Juni 80 Jahre alt wird. Welche Erinnerungen haben Sie an den Münchner?
Ich kenne Wolfgang schon lange, auch wenn er eine andere Generation ist. Das erste Mal kreuzten wir in Hastings Anfang der 70er die Klingen. Dann trafen wir 1974 bei der Olympiade in Nizza aufeinander. Unzicker zählte einst zu den besten Spielern der Welt, weshalb ihn jeder kennen muss. Selbst die ganz jungen Meister sollten Partien von Leuten wie ihm studieren. Ich war erstaunt, als ich hörte, dass er schon 80 wird.

 

 

Die Sowjets stellten außer Bobby Fischer alle Weltmeister. Die firmierten zwar als Staatsamateure, aber kann man den als Richter arbeitenden Unzicker als Amateur-Weltmeister bezeichnen?
Sehr gut möglich für eine gewisse Periode. Unzicker war zweifellos einer der stärksten richtigen Amateure, keine Frage. Vergleiche sind indes schwierig. Der als Anwalt tätige Isländer Olafsson war zum Beispiel ebenso äußerst stark, zählt jedoch nicht zur Generation von Unzicker.

Was halten Sie von dem Kampf der Senioren-Titanen in Mainz mit Unzicker, Kortschnoi und Boris Spasski, bei dem Sie mit 54 Jahren der jüngste Großmeister sind?
Das Turnier gefällt mir. Ich habe schon eine Weile nicht mehr mit Spasski gespielt. Gleiches gilt für Kortschnoi – und mit Wolfgang bin ich zum letzten Mal vor 25 Jahren in Bad Kissingen am Brett gesessen.

Würde eigentlich nur noch Ihr Vorgänger als Weltmeister, Bobby Fischer, bei den Chess Classic fehlen, um die ganz Großen der 70er und 80er vereint zu haben.
Hoffentlich ist er jetzt erst einmal in Island sicher. Ich bin jedenfalls froh, dass die Affäre in Japan doch noch glücklich für ihn endete. Das Hickhack war für Fischer wie die USA schädlich. Es wurde den Amerikanern nicht positiv ausgelegt, dass sie einen ihrer berühmtesten und populärsten Landsmänner so behandeln. Für Fischer ist das natürlich genauso bitter.

Sie waren sogar enttäuscht, als Sie von Chess-Classic-Organisator Hans-Walter Schmitt hörten, dass bei der Unzicker-Gala kein Chess960, sondern normales Schach ohne Auslosung der Grundstellung gespielt wird. Klappt es vielleicht mit einem Match im Chess960 gegen Fischer, das der Amerikaner entwickelte?
Ich würde gerne mit Fischer Chess960 spielen. Für diese Art von Schach muss man sich nicht ewig vorbereiten, weil es keine Eröffnungstheorie gibt. Am wichtigsten ist es, in guter Verfassung zu sein und einen klaren Kopf zu haben. Dann kann man Chess960 spielen und Fischer dabei schlagen! Dass sich ein Match mit Fischer ergibt, bezweifele ich indes. Es käme wohl nur zu Stande, wenn Fischer dringend Geld bräuchte.

Viktor Kortschnoi wird wie immer besonders motiviert sein, wenn es gegen Sie geht. Er scheint auch mit 74 Jahren noch besondere Freude bei Siegen über Sie zu verspüren. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?
Das hängt davon ab, wie er geschlafen hat. Wenn er schlechte Träume hat, erzählt er manchen Quatsch.

Ich nehme an, Sie wollen Kortschnoi wenig Anlass zu Jubelarien geben und streben Ihren 162. Turniersieg an – oder dürfen Ihre Gegner, insbesondere Jubilar Unzicker, auf Gnade und einen milde gestimmten Karpov hoffen?
Bei dem Turnier geht es um Wolfgang, weniger um einen Sieg mehr oder weniger für mich. Für die Fans wird es eine Freude sein, Großmeister, große Großmeister  unterschiedlicher Generationen und aufregendes Schach zu sehen.


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