Karsten Müller über Bobby Fischer

23.12.2009 – Eine der interessantesten Schachbuch-Neuerscheinungen in diesem Jahr ist Karsten Müllers Kommentierung aller Partien von Robert J. Fischer (The Games and Career of the American World Chess Champion), wobei es überraschend ist, dass alle Partien des 11.Weltmeisters so reichhaltig sind, dass eine Kommentierung sinnvoll ist. Tatsächlich gibt es praktisch keine Kurzremisen und Fischer hat so gut wie alle Partien ausgekämpft. Im Gegensatz zur eher hermetischen Persönlichkeit ist das schachliche Werk des US-Großmeister vom Streben nach Klarheit geprägt, urteilt Karsten Müller im Interview mit Johannes Fischer. Der Stil des vielleicht besten Schachspieler der Geschichte sei vor allem durch hervorragende Endspieltechnik und dem Wunsch nach größtmöglicher Kontrolle gekennzeichnet. Zum Interview...

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Hallo Karsten. Du hast vor kurzem ein neues Buch über Bobby Fischer veröffentlicht. Bobby Fischer: The Career and Complete Games of the American World Chess Champion. Das Buch zeichnet die Karriere von Fischer nach und enthält alle bekannten Partien von Fischer und Du hast sie alle kommentiert. Das Buch ist schön gemacht, hat ein übersichtliches Layout und enthält viele schöne, teilweise unbekannte Fotos, aber trotzdem die Frage: Brauchen wir nach Agurs Buch über Fischers Schachstil, Hübners ChessBase-DVDs und Kasparovs Buch über Fischer noch ein weiteres?

Der Verleger Hanon W.Russell konnte mich davon überzeugen, dass es nach Fischers Tod angemessen ist, ein Buch mit allen Turnierpartien zu bringen. Außerdem steuerte er viele Fotos bei und konnte Larry Evans und Andy Soltis für das Vorwort bzw eine Diskussion von Fischers Beiträgen zur Eröffnungstheorie gewinnen.

Was hat Dein Buch, was andere Bücher über Fischer nicht haben?

Dadurch dass ausnahmslos alle bekannten Turnierpartien betrachtet werden, entsteht ein vollständiges Bild, so dass Fischers gesamte Schachkarriere vom Wunderkind bis zum Weltmeister nachvollzogen werden kann.

Du hast alle Partien von Fischer nachgespielt und kommentiert. Bei manchem noch aktiven Spieler stelle ich mir das ziemlich langweilig vor. Wie war das bei Fischer?

Langweilig war es jedenfalls nicht, denn es gibt so gut wie keine kurzzügigen Remis oder Partien, die völlig inhaltsleer sind. Ein anderes Moment, durch das oft Spannung hineinkam, war übrigens der Vergleich der Analysen von Fischer, Hübner und Kasparow. Nicht selten waren sie verschiedener Meinung und ich musste mich dann auf eine Seite schlagen.

Fischer war ein Wunderkind: Mit 14 wurde er US-Meister, mit 15 wurde er der jüngste Großmeister aller Zeiten, ein Rekord, der erst 34 Jahre später gebrochen wurde. Mit 15 gehörte er schon zur Weltspitze, aber Weltmeister wurde er erst mit 27. Wo würdest Du die entscheidenden Momente in Fischers Karriere sehen? Und war er Anfang der 70er tatsächlich so viel besser als Anfang und Mitte der 60er – und wenn ja, warum?

Kurz skizziert könnte man Fischers Schachkarriere wie folgt umreißen: zunächst der Aufstieg vom Wunderkind in die erweiterte Weltspitze von 1955-1962. Danach der Dämpfer beim Kandidatenturnier in Curacao, wo er als einer der Topfavoriten nur im Mittelfeld landet. Als Konsequenz spielt er viel seltener und vor allem in den USA. Am Interzonenturnier 1964 in Amsterdam nimmt er nicht teil und 1967 reist er klar in Führung liegend aus Sousse ab - einer der mysteriösesten Momente in seiner gesamten Schachkarriere. Erneut zieht er sich weitgehend zurück und spielt 1969 keine Turnierpartie. Dieser Phase scheint im Nachhinein gesehen entscheidende Bedeutung beizukommen. Er trainiert intensiv und kehrt zum Match UdSSR gegen den Rest der Welt gestärkt in die Turnierarena zurück, um die beste Phase seiner Karriere einzuleiten. Von 1970-1972 erzielt er eines der besten, wenn nicht das beste Ergebnis, was je erreicht wurde. Er verliert nur 5 von 102 Partien, gewinnt zwei Kandidatenmatches (gegen Taimanow und Larsen) mit 6-0 und liegt vor dem WM Match 125 Punkte vor Weltmeister Spasski auf Platz 1 der Eloliste. In dieser Phase war er stärker als zuvor, weil er selbst schachlich gereift war, in den Eröffnungen variabler agierte und sich bei den Gegnern eine Art Fischerangst eingestellt hatte. Selbst Spasski war sich vor dem WM Match nicht mehr sicher, besser als Fischer zu sein.

Fischer hat viele Menschen zum Schach gebracht. Was fasziniert an seinem Spiel und was fasziniert Dich an seinem Spiel?

Klarheit und Kampfgeist.

Was zeichnet sein Spiel aus, was sind seine Stärken, was sind seine Schwächen?

Als Stärken fallen besonders seine Kondition und sein Wille, bis zur letzten Patrone zu kämpfen und alles dem Schach unterzuordnen, ins Auge. Weiterhin war er besonders stark in Endspielen mit einer leichten Initiative und bei der Transformation von Vorteilen. In Matches gelang es ihm oft, die psychologische Initiative zu übernehmen und dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen. Schwächen zu nennen ist viel schwieriger. Anfangs war das zu starre Festhalten an bestimmten Eröffnungen eine Schwäche, die in der Periode 1970-1972 aber weitgehend überwunden wurde. Auch sein Drang stets die Kontrolle zu behalten, führte manchmal dazu, dass er Risiken scheute. Durch seinen enormen Kampfeswillen führte das dennoch nicht zu vielen Remisen. Weitere Schwächen liegen sicher auf psychologischem Gebiet, die beispielsweise zur Abreise aus Sousse führten, aber in der Periode 1970-1972 nicht sehr zum Tragen kamen. Danach wohl umso mehr.

Angenommen, Du wärest Coach und müsstest einen Deiner Schützlinge auf Fischer vorbereiten: Was würdest Du ihm empfehlen, welche Eröffnung sollte er spielen, was sollte er anstreben, was vermeiden? 

Das hängt natürlich auch davon ab, wer gegen Fischer antreten soll. Man könnte mit Weiß sowohl in der Najdorf-Variante aggressiv angreifen als auch 1.d4 spielen, um zu versuchen, dauerhaft die Kontrolle zu behalten, wie Spasski es im Revanchematch 1992 oft getan hat. Mit Schwarz kommt Caro-Kann stark in Frage – dagegen hat Fischer vieles versucht, aber so richtig überzeugend wirkt das nicht. Zu vermeiden sind auf jeden Fall Stellungen, in denen Fischer die Kontrolle und eine leichte Initiative hat.

Und was muss man tun, wenn man Schach wie Fischer spielen will?

Alles im Leben dem Schach unterordnen - das hat neben den Vorteilen aber sicher auch Nachteile.

Wie aktuell ist Fischers Art Schach zu spielen heute noch? Welches Erbe hat er hinterlassen?

In Bezug auf Fischers Eröffnungen sind vor allem Najdorf und Königsindisch aktuell wie eh und je. In Bezug auf seinen Stil haben viele vom Studium seiner Partien stark profitiert. Selbst in der Sowjetunion war sein Meisterwerk Meine 60 denkwürdigen Partien sehr populär. Auch sonst ist sein Erbe so enorm, dass ich das hier in der Kürze nicht umfassend darstellen kann.

Das Buch enthält viele schöne Fotos und biographische Skizzen, aber verzichtet darauf, die vielen Kontroversen, die Fischers Karriere prägen, auszuschlachten und zu bewerten. Dennoch eine Frage zu Fischers Biographie. Als Mensch war Fischer war schwierig und exzentrisch, als Schachspieler liebte er Klarheit und Kontrolle. Muss man Fischers Schach und seine Biographie trennen oder ist Fischers Hingabe an das Schach eine Reaktion auf seine psychische Labilität?

Hier bin ich überfragt und das ist auch ein Grund, weshalb ich im Buch solche Fragestellungen vermeide, wann immer es möglich ist.

Dein Buch ist weitgehend neutral, strittige Fragen in Fischers Karriere, wie zum Beispiel seine Vorwürfe, die Sowjets hätten das Turnier in Curacao verschoben, werden erwähnt, aber nicht kommentiert. Warum?

Wenn man dieses Fass aufmacht, bekommt man es nicht mehr zu. Jedenfalls nicht innerhalb von 400 Seiten, und viel mehr sollte das Werk nicht haben. Außerdem denke ich nicht, dass ich hierfür der richtige Autor bin. Daher habe ich versucht, mich fast ausschließlich auf das Schachliche zu konzentrieren.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat sich Fischer vom Turnierschach zurückgezogen und über die Gründe dafür wurde viel spekuliert. Was meinst Du?

Auch ich kann natürlich nur spekulieren. Nachdem Fischer sein Lebensziel, Weltmeister zu werden, erreicht hatte, fiel er vermutlich in ein Loch und zog sich völlig zurück. Vor dem angesetzten Match gegen Karpov 1975 überkam ihn vielleicht Angst, er könnte verlieren und hätte nichts mehr zu gewinnen, weil er 1972 den alles entscheidenden Meilenstein schon gesetzt hatte. 1992 ist er wieder angetreten, weil Spasski für ihn eine bekannte Größe darstellte, während Karpov 1975 ihn vor viele unangenehme unbekannte Fragen stellte. Aber das Ganze bleibt natürlich rätselhaft.

Fischer war Autodidakt und hatte keinen Trainer. Trotzdem hat er sich zu einem universellen Spieler entwickelt. Wäre er mit Trainer noch besser geworden?

In der Zeit 1970-1972 spielte er meiner Meinung nach wirklich extrem gut. Daher ist es unwahrscheinlich, dass er in dieser Zeit noch besser hätte sein können. Nach seinem Sieg 1972 sieht es anders auch. Aber es wäre hierfür wohl kein Trainer im klassischen schachlichen Sinn vonnöten, sondern eine andere Konstellation beispielsweise mit einem guten Freund, dem Fischer vertraut und auf den er hört.

Fischers Siegeswillen ist legendär. Ist das ein Mythos oder zeigt sich dieser Siegeswillen tatsächlich in seinen Partien?

Das ist kein Mythos, sondern Fischers Kampfgeist zeigt sich tatsächlich in Partien. Er macht so gut wie keine Kurzremis und spielt durckvoll einfach immer weiter. So hat Tal zur Hängepartie der 2.Partie des Matches gegen Taimanow gesagt, dass er sie remis gegeben hätte. Aber Fischer spiele eben bis zum nackten König weiter. So passiert das Wunder: Taimanow kommt mit 81...Ke4? vom Weg ab und geht unter.

Fischer hat viele berühmte Partien gespielt. Welche empfindest Du als besonders typisch für seinen Stil?

Das kann ich so nicht umfassend beantworten. Zum Einstieg halte ich sein Kandidatenmatch gegen Taimanow für sehr geeignet. Hier kommen viele von Fischers Stärken klar zum Tragen. Allerdings sind seine Schwächen hier natürlich unterrepräsentiert.

Hast Du eine Lieblingspartie Fischers?

Auch das ist eine sehr schwierige Frage. Aber sein Endspiel mit Turm und Läufer gegen Turm und Springer aus der 4.Partie gegen Taimanow ist immer wieder lehrreich und beeindruckend.

Magnus Carlsen wird gelegentlich nachgesagt, er spiele wie Fischer. Was denkst Du darüber?

Das ist eine sehr interessante These, die beim ersten Eindruck recht gut passt. Magnus hat einen starken Kampfgeist, eine gute Endspieltechnik und beginnt Komplikationen nur, wenn er sie kontrollieren kann. Aber genauer habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Das sollte ich vielleicht mal in Angriff nehmen...

Du kanntest Fischer und seine Partien natürlich schon vor der Arbeit an dem Buch. Wie hat sich Deine Einstellung zu Fischer während des Schreibens verändert?

Mir ist noch klarer geworden, was es für eine Leistung war, dem mächtigen sowjetischen Schachimperium die höchste Krone abzujagen. Schachlich gesehen ist mein Respekt vor Fischer noch gestiegen, menschlich sieht es natürlich anders aus, aber ich habe mich im Buch ja absichtlich auf das rein schachliche beschränkt.

Hat Dich etwas in seinen Partien besonders überrascht, musstest Du Vorurteile korrigieren oder Ansichten ändern?

Ja, ich hatte früher den Eindruck, dass Fischer öfter opfert und mitunter auch unklare Lagen anstrebt. Mir ist nun klarer geworden, dass er die Kontrolle doch sehr hoch gewichtete.

Garry Kasparov hat in seinem Buch über seine Vorgänger geschrieben, Fischer sei womöglich der beste Spieler aller Zeiten. Was denkst Du darüber?

Ich stimme dem zu - wie ich ja auch im Buch ausführe. Das Hauptargument ist dabei nicht einmal seine herausragende Leistung in der Zeit von 1970-1972 sondern die Wirkung, die er auf das Spiel und die Welt hatte. Es kam während des Matches gegen Spasski in den Hauptnachrichtensendungen und Medien der USA und Westeuropas vor und Fischer löste in der ganzen Welt einen enormen Schachboom aus. Das Spiel war einfach nicht mehr dasselbe.

Wenn man die rein schachliche Wirkung eines Weltmeisters betrachtet, so ist natürlich auch Kasparov ein heißer Kandidat, der in diesem Punkt Fischer sogar übertrifft und ja immer noch hart schachlich arbeitet. Er ist meine Nummer 2.

Wer ist der nächste Spieler, dessen Partien Du analysieren wirst?

Ich habe einige Lasker- und einige Tal-Partien für Buchprojekte analysiert, aber es handelt sich jeweils natürlich nur um eine Auswahl. Für die Analyse aller Partien scheint Fischer in der Tat der ideale Weltmeister zu sein. Alle anderen haben unter anderem einfach zu viele Turnierpartien für ein einziges Buch gespielt. Außerdem kommt Fischers klarer Stil einem solchen Projekt entgegen, weil man mit weniger Kommentaren auskommen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!


Karsten Müller,
Bobby Fischer: The Games and Career of the American World Chess Champion, Russell Enterprises 2009, 408 Seiten, kartoniert, 31,95€.



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