Kasparov mit Biss

23.09.2009 – Vielleicht hatte Anatoly Karpov nicht erwartet, dass sein einstiger Widersacher noch mit soviel Biss am Brett sitzen würde. Die beiden ersten Partien des Revival-Wettkampfes zwischen Kasparov und Karpov in Valencia dauerten jeweils keine 30 Züge, dann waren sie zugunsten von Kasparov entschieden. Während der Rekordweltranglistenerste gut gelaunt auf der Pressekonferenz erschien, blieb Anatoly Karpov dieser enttäuscht fern. Ob das heutige Schach besser sei als das frühere, wollte man von Kasparov dort wissen. "Das ist doch müßig," meinte der Ex-Weltmeister. "Niemand vergleicht doch die WM-Mannschaft von Brasilien 1970 mit der von heute." Allerdings könne man im Schach auch im fortgeschrittenen Alter noch Spitzenleistungen bringen. Im Tennis sei das beispielsweise nicht möglich. Dagobert Kohlmeyer berichtet aus Valencia. Heute ab 19 Uhr werden die nächsten beiden Partien gespielt (Live auf dem Fritz-Server). Bericht und Bilder...

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Kasparow zeigt beim Comeback den alten Biss
Von Dagobert Kohlmeyer, Valencia

Garri Kasparow hat das Schachspielen nicht verlernt. Der Exweltmeister gewann am Dienstagabend in Valencia die ersten beiden Partien des WM-Revival-Matchs gegen seinen alten Rivalen Anatoli Karpow. Und wie er es tat! Kurz und schmerzlos fegte er den Gegner vom Brett wie in seinen besten Zeiten.

Natürlich half ihm Karpow dabei durch zu langsames Spiel und einen Patzer in der zweiten Partie.


Karpow zu langsam

Beide Exweltmeister aus Russland spielen in der drittgrößten Stadt Spaniens ein Match anlässlich des 25. Jahrestages ihres ersten WM-Kampfes. Obwohl Kasparow sich im März 2005 aus der Turnierarena zurückgezogen hat, glänzte er bei seinem Comeback wie in alten Tagen und bezwang Karpow zum Auftakt zweimal überraschend sicher.


Der Sieger des Tages

Dieses Bravourstück erstaunt Fachleute und Schachfans, weil sich die Schachtheorie in den letzten Jahren stürmisch weiter entwickelt hat. Karpow fand an diesem Abend jedenfalls kein Mittel gegen Kasparows Attacken, besonders im zweiten Spiel mit Schwarz.

Seine Bedenkzeit lief ab und konsterniert verließ der 58-Jährige die Bühne. Er kam dann auch nicht zur anschließenden Pressekonferenz. Hoffentlich ist damit nicht schon die Spannung aus dem Duell. Aber wir wissen ja, welche Wendungen im Schach immer möglich sind.



Rückblende

Bevor die Schachwelt ihren gespannten Blick auf Valencia richtete, wurde in vielen Medien an die unendliche Geschichte der beiden K. erinnert, die vor exakt 25 Jahren begann. Die Beziehung zwischen Karpow und Kasparow ist eine Story von großer Rivalität, zu unterschiedlich waren und sind ihre Ambitionen und Ansichten. Auch in politischer Hinsicht. Am Schachbrett aber hatten beide höchste Achtung voreinander. In ihren fünf WM-Matches (1984 -1990) spielten sie insgesamt 144 Partien - ein in der Schachgeschichte beispielloses Duell. Längster Zweikampf war der erste. Er ging 1984/85 in Moskau über 48 Partien. Nach fünf Monaten wurde er vom damaligen FIDE-Präsidenten Campomanes beim Stand von 5:3 für Karpow abgebrochen. Die Begründung lautete, beide Spieler seien zu erschöpft. Auch das nächste WM-Match (24 Spiele) fand in Moskau statt. Im November 1985 stand der 22-jährige Kasparow als neuer und bis dato jüngster Schachkönig fest. Er hatte seinen Vorgänger mit 13:11 entthront. Die Schachwelt feierte den unangepassten Rebellen, der die Fans durch sein ideenreiches Kombinationsspiel verzauberte.

1986 gab es ein Revanchematch in London und Leningrad, das Kasparow knapp mit 12,5:11,5 für sich entschied. Ein Jahr später erlebte Sevilla den dramatischsten aller Zweikämpfe. Nach 23 Partien führte Karpow mit 12:11. Ein Remis im Schluss-Spiel hätte ihm gereicht, um den WM-Titel wieder in seinen Besitz zu bringen. Aber ein falscher Springerzug Karpows in Zeitnot brachte Kasparow auf die Siegerstraße. Mit dem glücklichen Punktgewinn glich er zum 12:12 aus und verteidigte seine Schachkrone. Millionen Spanier verfolgten die letzte Partie live im Fernsehen.

Mit dem WM-Kampf 1990 in New York und Lyon fand die epische Serie der beiden ein Ende. Auch diesmal triumphierte Kasparow. Wie knapp es immer zwischen beiden zuging, zeigt die Statistik: Von ihren WM-Partien gewann Kasparow 21, Karpow siegte 19mal, alle übrigen Spiele endeten remis.

Rivalen mit Respekt

Nie waren die beiden Freunde, doch sie respektierten sich. „Bei aller Konkurrenz hatten wir immer diplomatische Beziehungen“, sagte Karpow 2007 in einem Interview. Da hatte er den alten Rivalen, der inzwischen Oppositionspolitiker geworden war, in einem Moskauer Gefängnis besuchen wollen. Diese Geste hat Kasparow sicher berührt und dazu beigetragen, sich jetzt mit Karpow wieder ans Brett zu setzen, obwohl er seine Schachkarriere vor vier Jahren beendet hatte.

Kasparow kam bei der ersten Pressekonferenz in Valencia auch noch einmal auf die noble Geste Karpows zu sprechen. Ein wichtiger Beweggrund für beide zu spielen dürfte natürlich auch die schöne Geldsumme sein, die sie von den spanischen Organisatoren für ihr Match erhalten. Auskünfte über die Höhe der Gage gab es keine. Wir fragten den milliardenschweren Scheich Sulaiman Al Fahim, der hier in Valencia weilt, ob er vielleicht Sponsor des Matchs sei. Der Scheich vereinte dies und sagte: „Ich bin hier als Ehrengast eingeladen“. Dennoch scheint da etwas – vielleicht in Zukunft - zu laufen, denn warum ist der Mann aus Dubai, der ganze Fußball-Klubs kaufen kann, vor Ort und eröffnet dann sogar das Match?

Schiedsrichter ist der Holländer Geurt Gijssen, der schon die beiden letzten WM-Kämpfe der Protagonisten leitete. Vor dem Match hatte er einen offenen Ausgang erwartet. „Sie spielen Schnellpartien, und Karpow ist noch immer blitzgescheit“, erklärte der 75-jährige Referee. Gijssen: „Es sind zwei Schachhelden, die jeder immer noch gern sehen will“. Im Internet tun es in diesen Tagen etliche Millionen.
Vorbereitet haben sich beide Spieler in aller Stille. Karpow weilt schon seit über einer Woche in Valencia. Sein Hauptsekundant ist der moldauische Großmeister Viorel Bologan. Karpows langjähriger Trainer Michail Podgajez war im Mai verstorben. Kasparow traf erst zwei Tage vor dem Wettkampf ein. Er ist zum ersten Mal in der spanischen Küstenmetropole. Mit dem Norweger Magnus Carlsen hatte er vorher einen Weltklasse- Sparringspartner. Beide arbeiten seit Monaten zusammen. Denn Kasparow will dem jungen Großmeister helfen, Nr. 1 der Schachwelt zu werden.

Ungewohnte Harmonie

Am Tag vor dem Nostalgie-Match ging es zwischen den Sportlegenden Karpow und Kasparow ungewohnt harmonisch zu wie bei einem Familientreffen.


Annatoli Karpow, Antonia Lys, Garri Kasparow

Die früheren Erzrivalen am und außerhalb des Schachbretts präsentierten sich bei der Auftakt-Pressekonferenz vor Journalisten aus vier Kontinenten gut gelaunt und hungrig auf neue Züge. „So viele WM-Partien haben wir schon gegeneinander gespielt“, das ist beispiellos in der Schachgeschichte“, resümierte Karpow.

Jetzt kommen in Spanien 12 Spiele mit verkürzter Bedenkzeit dazu, ohne dass es um einen Titel geht. Dennoch sei das Interesse an dem Event größer als an den Schachpartien der heutigen Weltelite, erklärte Karpow. Schuld sei u. a. das bisherige Hickhack des Weltschachbundes um die Ermittlung des Weltmeisters. Das WM-Format im K.-o.-System habe ausgedient. Ein Schach-Champion muss der Tradition entsprechend in Zweikämpfen ermittelt werden.


Kasparow pflichtete ihm bei und bemängelte, dass es derzeit im Schach keine echten Stars mehr gebe. Die Spitzenspieler von heute hätten zu wenig Persönlichkeit bzw. Charisma. Mit Karpow habe er in den 1980er Jahren die Ära des modernen Schachs begründet. Einig waren sich die beiden früheren Kampfhähne auch darin, dass man in dieser Sportart selbst nach 25 Jahren herausragende Leistungen zeigen könne. Das sei in Disziplinen wie Tennis nicht möglich. Ein Match zwischen Borg und McEnroe wäre heutzutage sicher auch noch ganz nett, aber würde nicht so viele Leute vom Sitz reißen. „Wir können hingegen noch interessante Partien zeigen“, meinte Kasparow.

Auf die Frage, ob die Weltelite im Schach früher stärker als heute war, erwiderte Garri, das sei relativ. „Überall im Sport nehmen Tempo und Dynamik zu. Dennoch kann keiner sagen, ob das Fußballteam der Brasilianer von 1970 besser war als das heutige.“ Deshalb sei die Frage eher müßig.

Und nach den beiden für ihn so erfolgreichen Auftaktpartien schrieb er seinen Kontrahenten noch nicht ab: „Karpow ist noch immer ein starker Gegner und mein 2:0-Vorsprung keine sichere Bank. Er hat bestimmt noch Überraschungen in petto“, wiegelte Kasparow auf die Frage ab, ob er sich schon als Sieger fühle. Schauen wir mal, wie Anatoli Karpow die beiden Schläge von gestern verdaut hat und sich heute am Abend präsentieren wird, wenn die Partien 3 und 4 gespielt werden.


Lothar Schmid


Klara Kasparov mit Familie Schmid


Scheich Sulaiman Al Fahim


Mutter Klara Kasparova und Ehefrau Dasha

Neben dem Match gibt es hier ein internationales Symposium zur Schachgeschichte, denn die Organisatoren werden nicht müde, Valencia als Wiege des modernen Schachs zu bezeichnen. Das Spiel habe im Mittelalter seinen Weg aus dem Orient nach Europa genommen. Schachsammler Lothar Schmid absolviert täglich ein großes Pensum. Erst konferiert der Großmeister aus Bamberg im Palast der Künste mit seinen Fachkollegen, danach schaut er sich im gleichen Saal die Partien der beiden K. an. Man kennt sich seit vielen Jahren. 1978 leitete Schmid das WM-Match von Karpow und Kortschnoi in Baguio und 1986 das von Kasparow und Karpow in London.





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