Kein halber Punkt mehr fürs Remis?

02.07.2015 – Im Fernschach rumort es - für die einen sind die Computer ein Fluch der Neuzeit, für die anderen ein Segen. Ratlosigkeit herrscht allerdings, was die Remisquoten anbetrifft. Sind 80-90% Remisen eine Art Naturgesetz im Fernschach? Ein führender Fernschachgroßmeister sagt "Nein" und schlägt der ICCF einen interessanten Modellversuch vor. Mehr...

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Vorschlag eines Modellversuchs mit erweiterter Punkteskala

– Offener Brief an den Weltfernschachbund (ICCF) –

Berlin, 15. Juni 2015

Zusammenfassung: Im Fernschach rumort es schon seit langem - die wachsende Dominanz der Computer sorgt seit den frühen Tagen von Fritz & Co. für Verunsicherung. Für die einen sind die Computer ein Fluch der Neuzeit, für die anderen ein Segen. Zweifellos hat der eröffnungstheoretische Wert von Fernpartien zugenommen. Noch nie wurde so ausgiebig in aktuellen Abhandlungen zu Sizilianisch, Französisch oder Slawisch, um nur ein paar Beispiele zu nennen, auf Fernpartien als bewährten Praxistest verwiesen. Doch für das Fernschach selbst hat der gesteigerte Erkenntniswert einen hohen Preis, denn die Remisquoten in Turnieren klettern kontinuierlich nach oben, auf derzeit ca. 83% in Spitzenturnieren, teilweise sogar schon auf 90%, wie ein führender Fernschach-Großmeister in einem Offenen Brief an die ICCF (International Correspondence Chess Federation) ausführt. Der bekannte Berliner Schachverleger und Autor Arno Nickel schlägt im Vorfeld des ICCF-Kongresses in Cardiff (16.-22. August 2015) Alarm und gibt gleichzeitig ein Rezept mit auf den Weg. Nicht alles, was bislang als remis gilt, soll auch künftig mit einem halben Punkt bedacht werden. Wer es schafft, seinen Gegner pattzusetzen, oder am Schluss eine Leichtfigur gegenüber dem blanken König übrig behält, soll einen 3/4 Punkt erhalten, der Unterlegene einen 1/4 Punkt. Nickel beruft sich auf alte Ideen von Lasker und Réti, die für mehr Leistungsdifferenzierung im vom Remistod bedrohten Fernschach sorgen sollen.

Fernschachgroßmeister Arno Nickel

Liebe Fernschachfreunde!

Als einer der international führenden Fernschachspieler möchte ich im Vorfeld des ICCF-Kongresses in Cardiff / Wales (16.-22.08.2015) eine konstruktive Diskussion zum Problem der kontinuierlich steigenden Remisquoten anstoßen. In Ermangelung eines ICCFMitgliederforums wähle ich dafür diesen Weg eines Rundbriefes per E-Mail.

Da ich mich mit dem Thema seit längerem eingehend beschäftigt habe, glaube ich, einen nützlichen Beitrag leisten zu können, während ich es gleichzeitig für wichtig halte, ein möglichst breites Meinungsbild aus der Mitgliederschaft einzuholen. Zu letzterem Zweck soll eine Umfrage dienen, die sich an alle interessierten ICCF-Mitglieder richtet.

Die Meinungen darüber, wie das „Remisproblem“ zu bewerten ist, ob es überhaupt ein solches Problem gibt – und falls ja, wie man ihm zu Leibe rücken kann –, gehen teilweise weit auseinander, doch habe ich aus vielen Einzelgesprächen den Eindruck gewonnen, dass es zwei Grundströmungen gibt: die einen, die etwas ändern und bewegen wollen, und die anderen, die allen Änderungsvorschlägen gegenüber skeptisch sind, nach dem Motto: „Es ändert sich sowieso nichts. Die Computer haben alles fest im Griff.“ Dem möchte ich hier und heute mit einer konkreten Initiative entgegentreten.

Nach meiner Überzeugung hat der Anstieg der durchschnittlichen Remisquote auf derzeit ca. 80 – 85 % in den höheren Spielklassen längerfristig negative Folgen für die Attraktivität des Fernschachs, da der Wettbewerbsgedanke ausgehöhlt wird. Leistungsbereitschaft läuft zunehmend ins Leere oder erscheint immer weniger als lohnenswert, wenn am Ende dann zwischen elektronisch hochgerüsteten Gegnern doch nur immer wieder ein Remis herausspringt. Auffälliges Zeichen ist, dass selbst in Großturnieren mit 15 oder 17 Teilnehmern zunehmend Spieler anzutreffen sind, die alle (oder fast alle) ihre Partien remisieren, während für den unerreichbar erscheinenden Turniersieg schon ein oder zwei Siege gegen schwächere oder indisponierte Gegner gereicht hätten. Wohin diese Entwicklung führt, wenn sich der Trend unvermindert fortsetzt, kann sich jeder selbst ausmalen.

Als Beleg für die genannte Remisquote von 80 – 85 % hier eine aktuelle Übersicht anhand der letzten WM-Finalrunden und WM-Kandidatenturniere:

Turnier Turnierstart
Remisquote
Partienanzahl
Laufende Partien
WC 26 Final 10.06.2010
81.5%
110 von 135
1
WC 27 Final 10.06.2011
88.2%
120 von 136
-
WC 28 Final 10.06.2013
90.1%
109 von 121
15
WC 31 /ct01 10.09.2011
82.0%
64 von 78
-
WC 31 /ct02 10.09.2011
75.6%
59 von 78
-
WC 31 /ct03 10.09.2011
82.0%
64 von 78
-
WC 31 /ct04 10.09.2011
79.5%
62 von 78
-
WC 31 /ct05 10.09.2011
83.3%
65 von 78
-
WC 31 /ct06 10.09.2011
84.6%
66 von 78
-
WC 32 /ct01 20.09.2012
84.9%
101 von 119
1
WC 32 /ct02 20.09.2012
67.5%
81 von 120
-
WC 32 /ct03 20.09.2012
78.0%
92 von 118
2
WC 33 /ct01 20.09.2013
84.7%
61 von 72
6
WC 33 /ct02 20.09.2013
81.3%
61 von 75
3
WC 33 /ct03 20.09.2013
84.9%
62 von 73
5
WC 33 /ct04 20.09.2013
90.7%
68 von 75
3

In der Summe entspricht dies einer durchschnittlichen Remisquote von 82,3 % auf der Basis von 1512 Partien, wobei der Trend in Richtung 85 – 90 % geht.

Vor diesem Hintergund möchte ich der ICCF einen Modellversuch mit einer erweiterten Punkteskala und einer modifizierten Remiswertung vorschlagen.

Lösungsansatz: die erweiterte Punkteskala mit modifizierter Remiswertung

Jeder Schachspieler kennt das Phänomen, dass man einen Gegner weitgehend überspielt hat, aber am Ende doch nicht das entscheidende Übergewicht erlangt hat, um ihn mattzusetzen. Weder ein Läufer noch ein Springer allein reicht dafür im Endspiel aus, es bedarf schon des Übergewichts eines ganzen Turmes. Allerdings wird ein solch entscheidender Vorteil im Fernschach zwischen guten oder jedenfalls aufmerksamen Spielern immer seltener erreicht. Die Spieler mögen sich noch so sehr abmühen, Vorteile zu erringen – am Ende zählt nur das Matt. Alle anderen Vorteile, ob groß oder klein, ob Mehrfigur oder Mehrbauer gegen den blanken König, fallen durch das grobkörnige Sieb der Wertungen. Alle Bemühungen, den erarbeiteten Vorteil in einer Partie zu verdichten, sei es ein Materialvorteil oder auch eine starke Initiative, werden am Ende einer Partie für null und nichtig erklärt und die erbrachten Leistungen genauso bewertet wie ein ereignisloses Remis.

Als Erster hat auf dieses Problem vor nunmehr hundert Jahren der damalige Weltmeister Dr. Emanuel Lasker hingewiesen und den höchst interessanten Vorschlag gemacht, quasi in einer Art Rückbesinnung auf das antike Schach, die Werteskala von Partieausgängen zu erweitern. Es gelte, auch Teilerfolge unterhalb eines zum Mattsetzen nötigen Übergewichts anzuerkennen und zu belohnen.(1)

Obwohl es sich also um einen alten Vorschlag handelt, der seinerzeit von vielen Großmeistern befürwortet, aber nie praktiziert wurde (am vehementesten hat sich der früh verstorbene Richard Réti (2) dafür eingesetzt), trifft er durchaus den Nerv der Zeit, insofern er mehr Leistungsdifferenzierung anmahnt. Während in beliebigen Sportarten hundertstel Sekunden oder von Kampfrichtern abgegebene subjektive Bewertungen über sportliche Leistungen entscheiden, ist das Schach in puncto Leistungsdifferenzierung immer recht sperrig geblieben. Dies mag im Nahschach angesichts der deutlich höheren Fehlerquoten weniger als Mangel empfunden werden (obwohl es auch hier immer mal wieder mächtig rumort), aber bei der enorm gestiegenen Leistungsdichte im Fernschach, wie sehr diese auch durch Computereinsatz auf Seiten der Spieler künstlich erzeugt worden sein mag, wird sich auf die Dauer der Ruf nach Alternativen immer stärker bemerkbar machen.

Ich schlage daher konkret vor, die Punkteskala um einen ¾ Punkt für solche Leistungen zu erweitern, die höher als ein normales Unentschieden zu bewerten sind:

     a) Pattsetzen des Gegners;
     b) Besitz einer Mehrfigur gegenüber dem blanken König.

Entsprechend soll die unterlegene Seite in diesen Fällen nur einen ¼ Punkt erhalten.

Mit einer solchen Regelung wird eine Reihe von landläufigen Remisstellungen, in die sich der Verteidiger gern rettet, erstmals differenzierter bewertet. Die Rettungen sind weiterhin möglich und erstrebenswert im Vergleich zur völligen Niederlage, aber sie werden nicht mehr gleich bewertet wie die Leistung des Gegners. (3)

Als Grundform eines zum Pattsetzen ausreichenden Übergewichts kann das Endspiel König + Bauer gegen König gelten. In fast allen Fällen, in denen die Bauernumwandlung nicht erreicht werden kann, verfügt der Angreifer wenigstens über das Mittel des Zugzwangs, um den Gegner pattzusetzen. Und dieser Vorteil, der in der Regel erarbeitet wurde und nicht zufällig zustandekam, verdient es, in der Tabelle Ausdruck zu finden ebenso wie der Besitz eines Springers oder Läufers gegen den blanken König, obwohl in diesem Fall das Material kurioserweise nicht ausreicht, um ein Patt zu erzwingen.

Die Einführung einer solchen erweiterten Werte- bzw. Punkteskala würde das Schach um keinen Deut ärmer, sondern um vieles reicher machen, wie Lasker zutreffend ausgeführt hat. Beide Seiten verfügen damit in einer Schachpartie über zusätzliche Spieloptionen und strategische Ziele, während die traditionellen Ziele des Matts oder der vollständigen Aufrechterhaltung des Gleichgewichts unverändert fortbestehen. Die in der Praxis am häufigsten vorkommende Remiswendung – die dreimalige Stellungswiederholung bzw. eine auf dasselbe hinauslaufende friedliche Remisvereinbarung – bleibt davon unbenommen und dürfte erfahrungsgemäß auch weiterhin vorherrschen.

Es ist befürchtet worden, ein solcher Eingriff ins Regelwerk könne das Schach in seinem Kerngehalt verändern. Abgesehen davon, dass weder Lasker, noch Réti und weitere Befürworter eine solche Befürchtung für fundiert gehalten haben, ließe sich durchaus darüber streiten, ob das inzwischen von der FIDE und der ICCF anerkannte Chess960 nicht einen viel größeren Eingriff in das Regelwerk darstellt. Solche Fragen lassen sich aber nicht objektiv klären, sondern beruhen letztlich auf Wertentscheidungen. Für den einen gehört die klassische Ausgangsstellung zu den Wesensmerkmalen des Schachspiels, für den anderen ist sie aus pragmatischen Gründen eher ein Hindernis, um frei aufzuspielen.

Gänzlich ungeeignet erscheinen mir Maßnahmen wie die sogenannte 3-Punkte-Regel, mit der ein Sieg höher bewertet wird als zwei Unentschieden, die jeweils nur einen Punkt zählen. Diese Regel mag in Sportarten wie dem Fußball gut funktionieren, im Schach, zumal im Fernschach, erzeugt sie bestenfalls einen künstlichen Druck, der ins Leere geht, von möglichen Ungerechtigkeiten und eventuellen Spielmanipulationen in Mannschaftsturnieren bzw. doppelrundigen Wettbewerben einmal abgesehen.

Auch eine immer wieder vorgeschlagene Verknappung der Bedenkzeit, um die Spieler stärker unter Druck zu setzen und die Fehlerquote zu erhöhen, entspricht kaum dem gewachsenen Selbstverständnis des Fernschachs.

IUm Erfahrungen mit der erweiterten Punkteskala zu sammeln und im Praxistest festzustellen, wie sich eine solche Änderung auf das Fernschach auswirkt, schlage ich vor, ein Einladungsturnier mit 15 Spielern als Modellversuch abzuhalten.

Die Zusammensetzung des Turnieres und die Zeitregelungen sollten den üblichen Vorgaben für Internationale Turniere der ICCF entsprechen, wobei ein möglichst starkes Feld mit hoher Leistungsdichte anzustreben ist.

Als Initiator eines solchen Turnieres, das ich dem früheren Weltmeister Dr. Emanuel Lasker widmen möchte, würde ich mich nachdrücklich um einen attraktiven Preisfond bemühen. Eine weitere Besonderheit könnte darin bestehen, auch den einen oder anderen FIDE-Großmeister für das Turnier einzuladen. Empfohlener Turnierstart: 01.01.2016.

Um ein breites Meinungsbild von Fernschachspielern der ICCF zu erhalten, bitte ich, den anliegenden Fragebogen auszufüllen und per Email (oder, falls gewünscht, postalisch) an mich zurückzusenden.

Mit freundlichen Grüßen,
Arno Nickel (ICCF GM)

Anmerkungen

1   Vgl. Wiener Schachzeitung 8/1929, S. 118; dort wird ein Aufsatz Laskers aus dem Jahre 1917 zitiert.
2   R. Réti, Die neuen Ideen im Schachspiel, Wien 1922; siehe Kap. 20 „Die Reform des Schachspiels“.
3  Auf die Forderung des englischen GM Nigel Short, das Patt überhaupt abzuschaffen, kann hier leider nicht näher eingegangen werden, doch halte ich davon weniger (siehe Diskussionen auf der ChessBase Website).

Beispiele zur Illustration: ¾ oder ½ Punkt?

1) Pattsieg ¾ – ¼ 

Schwarz am Zug (±)

 

2) Blanker König ¾ – ¼

Anzug beliebig (±)

3) Pattsieg ¾ – ¼

Weiß am Zug (±); 1.Kxf3 oder 1.Lxf3

 

4) Dauerschach ½ – ½

Schwarz am Zug (=)

5) Fortress ½ – ½

Anzug beliebig (=)

 

6) Philidor position ½ – ½

Anzug beliebig (=)

Post scriptum

Ich habe mich bemüht, diesen Brief so kurz wie möglich zu halten, doch folgende vier Punkte sollen nicht unerwähnt bleiben:

1. Besteht bei Einführung der 3/4-Punktregel nicht die Gefahr, dass das Wesen des Schachs verwässert wird, indem das eigentliche Ziel des Schachs – das Matt –  zugunsten minimalistischer Strategien aufgegeben wird?

Dieser Einwand ist sehr ernst zu nehmen, doch haben mich eine Reihe von Praxistests und Stellungsstudien zu der Überzeugung geführt, dass eine solche unerwünschte „Nebenwirkung“ nicht grundsätzlich zu befürchten ist. Zum einen hat sich gezeigt, dass es sehr schwer ist, gegen einen aufmerksamen Gegner einen Vorteil zu erreichen, der einen 3/4 Punkt einbringt. Es ist fast so schwer, wie einen Mattsieg zu erzielen, und bedarf schon ernster gegnerischer Fehler. Solche Fehler passieren meiner Erfahrung nach eher auf einem unübersichlichen und unklaren Schlachtfeld als in einer trockenen Positionspartie, also in solchen Stellungen, wo beide Seiten gewisse Risiken eingehen und große Problem lösen müssen. Ferner ist es so, dass zum Beispiel der Mehrbesitz eines Bauern für sich genommen noch keinen allzu großen Vorteil bedeutet, wenn er nicht mit Stellungsvorteilen und einer starken Initiative verbunden ist. So kann die besser stehende Seite in einem einfachen Turmendspiel ihren Mehrbauern keineswegs verwerten, wenn der Gegner die Philidor-Stellung erreicht hat und sich richtig verteidigt. (Vgl. z.B. Stellung 6 auf Seite 10).  Dieses Endspiel endet auch nach der 3/4-Punktregel nicht anders als remis. Ich bin also davon überzeugt, dass die dem Schachspiel innewohnende Dynamik auch weiterhin einen vollwertigen Kampf ermöglicht, wenn dies die Absicht wenigstens eines der beiden Spieler ist. Welche Annahmen letztlich zutreffen, soll allerdings der Modellversuch anhand von 105 Fernpartien zeigen.

2. Mit welchem Rückgang der Remisquote ist bei Einführung der 3/4-Punktregel zu rechnen?

Das ist eine nur sehr schwer zu beantwortende Frage, weil die Spieler noch über keinerlei Erfahrungen mit dieser Regel verfügen. Ganz grob schätze ich, dass durchschnittlich eine von zehn bisherigen Remispartien zukünftig mit einem Halbsieg enden wird. Das klingt statistisch erst einmal nach wenig, doch angesichts der extremen durchschnittlichen Remisquote von 80 - 85 % würde sich dies schon deutlich bemerkbar machen; vor allem aber nehme ich an (und dies scheint mir genauso wichtig zu sein), dass sich die positive Wirkung in den Partien selbst, in der Art des Kampfes und der Spannung klar zeigen wird. Schließlich könnten selbst wenige Partien mit 3/4 Punkten bzw. 1/4 Punkten im Sinne eines Tie-breaks befriedigender sein als die existierenden Hilfswertungen.

3. Muss man nicht auch andere Maßnahmen ins Auge fassen, um dem „Remisproblem“ zu begegnen?

Ich habe diese Frage offen gelassen und sie in den Fragebogen aufgenommen. Erwähnt habe ich einige Maßnahmen, von denen ich nichts halte, und ich habe Chess960, das ich im übrigen gern spiele (u.a. im Finale des 1. ICCF Weltpokals), am Rande gestreift, ohne diese Frage zu diskutieren. Nach meinem Empfinden ist Chess960 als Ergänzung des Spielangebotes gut, aber nicht als Ersatz für klassisches Schach, d.h. Schach nach der klassischen Ausgangsstellung. Ich denke, wir sollten offen sein für weitere Ideen, doch haben mich bisher noch keine überzeugt. Auch das prinzipielle Verbot von Remisangeboten scheint mir fürs Fernschach – im Unterschied zum Nahschach - nichts zu bringen und unangemessen zu sein. Es ließe sich im Fernschach viel zu leicht von zwei remis-gesonnenen Spielern unterlaufen, um wirklich durchgesetzt werden zu können, und es scheint mir auch nicht angemessen, Spieler zu monatelanger Zwangsarbeit an einer öden Remisstellung zu verpflichten. – Eher wäre schon der Gedanke, Dauerschachs oder Zugwiederholungen zu verbieten (analog dem chinesischen oder dem japanischen, teilweise auch dem Go) eine Überlegung und Prüfung wert. Doch diese bedürfte einer eingehenden schachtheoretischen Untersuchung und Klärung.

4. Wie wirkt sich die Einführung der 3/4-Punkt-Regel auf den Einsatz von Schach-Engines aus?

Prinzipiell lassen sich Schachprogramme so modifizieren, dass sie auch unter diesen veränderten Bedingungen hervorragende Analyseleistungen erbringen können, doch wird es gewisse Zeit dauern, bis entsprechende, ausreichend getestete Programmversionen vorliegen, und die Rechenvorgänge könnten durch die erhöhte Komplexität hier und da deutlich verlangsamt werden.  Unabhängig davon sollte die Regeländerung dem Menschen zugutekommen, da das Abwägen langfristiger Spieloptionen (welche Art von Angriffs- oder Verteidigungsplan soll ich wählen?)  zu seinen Kernkompetenzen zählt. Anderenfalls würden, wie Kritiker des Fernschachs nicht müde werden zu behaupten, tatsächlich nur noch die Maschinen gegeneinander spielen.

Umfrage

Die Adressaten dieses Rundbriefs werden gebeten, an der folgenden Email-Umfrage teilzunehmen und sie an ihnen bekannte, potenziell in Frage kommende ICCF-Mitglieder weiterzuleiten. Die Umfrage ist anonym. Sie wird in Deutsch und Englisch verbreitet. Sie hat keinen offiziellen Charakter und erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Dennoch kann sie bei entsprechender Beteiligung Meinungstrends aufzeigen. Der bisherige Rücklauf des Fragebogens zeigt, dass viele Fernschachspieler dringenden Handlungsbedarf sehen und den Modellversuch unterstützen, auch wenn dies nicht unbedingt eine vorbehaltlose Zustimmung zur Einführung der 3/4-Punkt-Regel bedeutet.

Es gibt jeweils drei Antwortmöglichkeiten:  Ja  /  Nein  /  Enthaltung.

(Bitte kopieren Sie die nachfolgenden Fragen in eine E-Mail an den Absender
und tragen Sie Ihre Antworten in die vorgesehenen Zeilen ein!)

Frage 1:

Halten Sie steigende Remisquoten für ein wesentliches Problem des Fernschachs?

Antwort:________________

Frage 2: 

Halten Sie steigende Remisquoten für eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Fernschachs, mit der man sich besser abfinden muss, als etwas dagegen zu tun?

Antwort:________________

Frage 3: 

Unterstützen Sie den Modellversuch mit einer erweiterten Punkteskala?

Antwort:________________

Falls ja, möchten Sie Ihren Namen öffentlich nennen? ICCF-Mitglieds-Nr.________________

Frage 4:

Sollte die ICCF lieber andere Maßnahmen (1) als den Modellversuch ins Auge fassen?

Antwort:________________

Frage 5:

Sollte die ICCF zusätzliche Maßnahmen (2) neben dem Modellversuch erwägen?

Antwort:________________

(1) Falls Sie andere Maßnahmen vorziehen, schreiben Sie bitte in Stichpunkten (oder auch ausführlicher) auf, an welche Art von Maßnahmen Sie denken.

(2) Falls Sie zusätzliche Maßnahmen befürworten, schreiben Sie bitte in Stichpunkten (oder auch ausführlicher) auf, an welche Art von Maßnahmen Sie denken.

Bitte mailen Sie Ihre Antwort bis zum 31.07.2015 an: arnonickel@t-online.de. (Falls Sie eine postalische Zusendung wünschen, schreiben Sie bitte an: Arno Nickel, c/o LASKER'S, Sophie-Charlotten-Str. 28, D-14059 Berlin.)

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