Kein halber Punkt mehr fürs Remis?

02.07.2015 – Im Fernschach rumort es - für die einen sind die Computer ein Fluch der Neuzeit, für die anderen ein Segen. Ratlosigkeit herrscht allerdings, was die Remisquoten anbetrifft. Sind 80-90% Remisen eine Art Naturgesetz im Fernschach? Ein führender Fernschachgroßmeister sagt "Nein" und schlägt der ICCF einen interessanten Modellversuch vor. Mehr...

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Vorschlag eines Modellversuchs mit erweiterter Punkteskala

– Offener Brief an den Weltfernschachbund (ICCF) –

Berlin, 15. Juni 2015

Zusammenfassung: Im Fernschach rumort es schon seit langem - die wachsende Dominanz der Computer sorgt seit den frühen Tagen von Fritz & Co. für Verunsicherung. Für die einen sind die Computer ein Fluch der Neuzeit, für die anderen ein Segen. Zweifellos hat der eröffnungstheoretische Wert von Fernpartien zugenommen. Noch nie wurde so ausgiebig in aktuellen Abhandlungen zu Sizilianisch, Französisch oder Slawisch, um nur ein paar Beispiele zu nennen, auf Fernpartien als bewährten Praxistest verwiesen. Doch für das Fernschach selbst hat der gesteigerte Erkenntniswert einen hohen Preis, denn die Remisquoten in Turnieren klettern kontinuierlich nach oben, auf derzeit ca. 83% in Spitzenturnieren, teilweise sogar schon auf 90%, wie ein führender Fernschach-Großmeister in einem Offenen Brief an die ICCF (International Correspondence Chess Federation) ausführt. Der bekannte Berliner Schachverleger und Autor Arno Nickel schlägt im Vorfeld des ICCF-Kongresses in Cardiff (16.-22. August 2015) Alarm und gibt gleichzeitig ein Rezept mit auf den Weg. Nicht alles, was bislang als remis gilt, soll auch künftig mit einem halben Punkt bedacht werden. Wer es schafft, seinen Gegner pattzusetzen, oder am Schluss eine Leichtfigur gegenüber dem blanken König übrig behält, soll einen 3/4 Punkt erhalten, der Unterlegene einen 1/4 Punkt. Nickel beruft sich auf alte Ideen von Lasker und Réti, die für mehr Leistungsdifferenzierung im vom Remistod bedrohten Fernschach sorgen sollen.

Fernschachgroßmeister Arno Nickel

Liebe Fernschachfreunde!

Als einer der international führenden Fernschachspieler möchte ich im Vorfeld des ICCF-Kongresses in Cardiff / Wales (16.-22.08.2015) eine konstruktive Diskussion zum Problem der kontinuierlich steigenden Remisquoten anstoßen. In Ermangelung eines ICCFMitgliederforums wähle ich dafür diesen Weg eines Rundbriefes per E-Mail.

Da ich mich mit dem Thema seit längerem eingehend beschäftigt habe, glaube ich, einen nützlichen Beitrag leisten zu können, während ich es gleichzeitig für wichtig halte, ein möglichst breites Meinungsbild aus der Mitgliederschaft einzuholen. Zu letzterem Zweck soll eine Umfrage dienen, die sich an alle interessierten ICCF-Mitglieder richtet.

Die Meinungen darüber, wie das „Remisproblem“ zu bewerten ist, ob es überhaupt ein solches Problem gibt – und falls ja, wie man ihm zu Leibe rücken kann –, gehen teilweise weit auseinander, doch habe ich aus vielen Einzelgesprächen den Eindruck gewonnen, dass es zwei Grundströmungen gibt: die einen, die etwas ändern und bewegen wollen, und die anderen, die allen Änderungsvorschlägen gegenüber skeptisch sind, nach dem Motto: „Es ändert sich sowieso nichts. Die Computer haben alles fest im Griff.“ Dem möchte ich hier und heute mit einer konkreten Initiative entgegentreten.

Nach meiner Überzeugung hat der Anstieg der durchschnittlichen Remisquote auf derzeit ca. 80 – 85 % in den höheren Spielklassen längerfristig negative Folgen für die Attraktivität des Fernschachs, da der Wettbewerbsgedanke ausgehöhlt wird. Leistungsbereitschaft läuft zunehmend ins Leere oder erscheint immer weniger als lohnenswert, wenn am Ende dann zwischen elektronisch hochgerüsteten Gegnern doch nur immer wieder ein Remis herausspringt. Auffälliges Zeichen ist, dass selbst in Großturnieren mit 15 oder 17 Teilnehmern zunehmend Spieler anzutreffen sind, die alle (oder fast alle) ihre Partien remisieren, während für den unerreichbar erscheinenden Turniersieg schon ein oder zwei Siege gegen schwächere oder indisponierte Gegner gereicht hätten. Wohin diese Entwicklung führt, wenn sich der Trend unvermindert fortsetzt, kann sich jeder selbst ausmalen.

Als Beleg für die genannte Remisquote von 80 – 85 % hier eine aktuelle Übersicht anhand der letzten WM-Finalrunden und WM-Kandidatenturniere:

Turnier Turnierstart
Remisquote
Partienanzahl
Laufende Partien
WC 26 Final 10.06.2010
81.5%
110 von 135
1
WC 27 Final 10.06.2011
88.2%
120 von 136
-
WC 28 Final 10.06.2013
90.1%
109 von 121
15
WC 31 /ct01 10.09.2011
82.0%
64 von 78
-
WC 31 /ct02 10.09.2011
75.6%
59 von 78
-
WC 31 /ct03 10.09.2011
82.0%
64 von 78
-
WC 31 /ct04 10.09.2011
79.5%
62 von 78
-
WC 31 /ct05 10.09.2011
83.3%
65 von 78
-
WC 31 /ct06 10.09.2011
84.6%
66 von 78
-
WC 32 /ct01 20.09.2012
84.9%
101 von 119
1
WC 32 /ct02 20.09.2012
67.5%
81 von 120
-
WC 32 /ct03 20.09.2012
78.0%
92 von 118
2
WC 33 /ct01 20.09.2013
84.7%
61 von 72
6
WC 33 /ct02 20.09.2013
81.3%
61 von 75
3
WC 33 /ct03 20.09.2013
84.9%
62 von 73
5
WC 33 /ct04 20.09.2013
90.7%
68 von 75
3

In der Summe entspricht dies einer durchschnittlichen Remisquote von 82,3 % auf der Basis von 1512 Partien, wobei der Trend in Richtung 85 – 90 % geht.

Vor diesem Hintergund möchte ich der ICCF einen Modellversuch mit einer erweiterten Punkteskala und einer modifizierten Remiswertung vorschlagen.

Lösungsansatz: die erweiterte Punkteskala mit modifizierter Remiswertung

Jeder Schachspieler kennt das Phänomen, dass man einen Gegner weitgehend überspielt hat, aber am Ende doch nicht das entscheidende Übergewicht erlangt hat, um ihn mattzusetzen. Weder ein Läufer noch ein Springer allein reicht dafür im Endspiel aus, es bedarf schon des Übergewichts eines ganzen Turmes. Allerdings wird ein solch entscheidender Vorteil im Fernschach zwischen guten oder jedenfalls aufmerksamen Spielern immer seltener erreicht. Die Spieler mögen sich noch so sehr abmühen, Vorteile zu erringen – am Ende zählt nur das Matt. Alle anderen Vorteile, ob groß oder klein, ob Mehrfigur oder Mehrbauer gegen den blanken König, fallen durch das grobkörnige Sieb der Wertungen. Alle Bemühungen, den erarbeiteten Vorteil in einer Partie zu verdichten, sei es ein Materialvorteil oder auch eine starke Initiative, werden am Ende einer Partie für null und nichtig erklärt und die erbrachten Leistungen genauso bewertet wie ein ereignisloses Remis.

Als Erster hat auf dieses Problem vor nunmehr hundert Jahren der damalige Weltmeister Dr. Emanuel Lasker hingewiesen und den höchst interessanten Vorschlag gemacht, quasi in einer Art Rückbesinnung auf das antike Schach, die Werteskala von Partieausgängen zu erweitern. Es gelte, auch Teilerfolge unterhalb eines zum Mattsetzen nötigen Übergewichts anzuerkennen und zu belohnen.(1)

Obwohl es sich also um einen alten Vorschlag handelt, der seinerzeit von vielen Großmeistern befürwortet, aber nie praktiziert wurde (am vehementesten hat sich der früh verstorbene Richard Réti (2) dafür eingesetzt), trifft er durchaus den Nerv der Zeit, insofern er mehr Leistungsdifferenzierung anmahnt. Während in beliebigen Sportarten hundertstel Sekunden oder von Kampfrichtern abgegebene subjektive Bewertungen über sportliche Leistungen entscheiden, ist das Schach in puncto Leistungsdifferenzierung immer recht sperrig geblieben. Dies mag im Nahschach angesichts der deutlich höheren Fehlerquoten weniger als Mangel empfunden werden (obwohl es auch hier immer mal wieder mächtig rumort), aber bei der enorm gestiegenen Leistungsdichte im Fernschach, wie sehr diese auch durch Computereinsatz auf Seiten der Spieler künstlich erzeugt worden sein mag, wird sich auf die Dauer der Ruf nach Alternativen immer stärker bemerkbar machen.

Ich schlage daher konkret vor, die Punkteskala um einen ¾ Punkt für solche Leistungen zu erweitern, die höher als ein normales Unentschieden zu bewerten sind:

     a) Pattsetzen des Gegners;
     b) Besitz einer Mehrfigur gegenüber dem blanken König.

Entsprechend soll die unterlegene Seite in diesen Fällen nur einen ¼ Punkt erhalten.

Mit einer solchen Regelung wird eine Reihe von landläufigen Remisstellungen, in die sich der Verteidiger gern rettet, erstmals differenzierter bewertet. Die Rettungen sind weiterhin möglich und erstrebenswert im Vergleich zur völligen Niederlage, aber sie werden nicht mehr gleich bewertet wie die Leistung des Gegners. (3)

Als Grundform eines zum Pattsetzen ausreichenden Übergewichts kann das Endspiel König + Bauer gegen König gelten. In fast allen Fällen, in denen die Bauernumwandlung nicht erreicht werden kann, verfügt der Angreifer wenigstens über das Mittel des Zugzwangs, um den Gegner pattzusetzen. Und dieser Vorteil, der in der Regel erarbeitet wurde und nicht zufällig zustandekam, verdient es, in der Tabelle Ausdruck zu finden ebenso wie der Besitz eines Springers oder Läufers gegen den blanken König, obwohl in diesem Fall das Material kurioserweise nicht ausreicht, um ein Patt zu erzwingen.

Die Einführung einer solchen erweiterten Werte- bzw. Punkteskala würde das Schach um keinen Deut ärmer, sondern um vieles reicher machen, wie Lasker zutreffend ausgeführt hat. Beide Seiten verfügen damit in einer Schachpartie über zusätzliche Spieloptionen und strategische Ziele, während die traditionellen Ziele des Matts oder der vollständigen Aufrechterhaltung des Gleichgewichts unverändert fortbestehen. Die in der Praxis am häufigsten vorkommende Remiswendung – die dreimalige Stellungswiederholung bzw. eine auf dasselbe hinauslaufende friedliche Remisvereinbarung – bleibt davon unbenommen und dürfte erfahrungsgemäß auch weiterhin vorherrschen.

Es ist befürchtet worden, ein solcher Eingriff ins Regelwerk könne das Schach in seinem Kerngehalt verändern. Abgesehen davon, dass weder Lasker, noch Réti und weitere Befürworter eine solche Befürchtung für fundiert gehalten haben, ließe sich durchaus darüber streiten, ob das inzwischen von der FIDE und der ICCF anerkannte Chess960 nicht einen viel größeren Eingriff in das Regelwerk darstellt. Solche Fragen lassen sich aber nicht objektiv klären, sondern beruhen letztlich auf Wertentscheidungen. Für den einen gehört die klassische Ausgangsstellung zu den Wesensmerkmalen des Schachspiels, für den anderen ist sie aus pragmatischen Gründen eher ein Hindernis, um frei aufzuspielen.

Gänzlich ungeeignet erscheinen mir Maßnahmen wie die sogenannte 3-Punkte-Regel, mit der ein Sieg höher bewertet wird als zwei Unentschieden, die jeweils nur einen Punkt zählen. Diese Regel mag in Sportarten wie dem Fußball gut funktionieren, im Schach, zumal im Fernschach, erzeugt sie bestenfalls einen künstlichen Druck, der ins Leere geht, von möglichen Ungerechtigkeiten und eventuellen Spielmanipulationen in Mannschaftsturnieren bzw. doppelrundigen Wettbewerben einmal abgesehen.

Auch eine immer wieder vorgeschlagene Verknappung der Bedenkzeit, um die Spieler stärker unter Druck zu setzen und die Fehlerquote zu erhöhen, entspricht kaum dem gewachsenen Selbstverständnis des Fernschachs.

IUm Erfahrungen mit der erweiterten Punkteskala zu sammeln und im Praxistest festzustellen, wie sich eine solche Änderung auf das Fernschach auswirkt, schlage ich vor, ein Einladungsturnier mit 15 Spielern als Modellversuch abzuhalten.

Die Zusammensetzung des Turnieres und die Zeitregelungen sollten den üblichen Vorgaben für Internationale Turniere der ICCF entsprechen, wobei ein möglichst starkes Feld mit hoher Leistungsdichte anzustreben ist.

Als Initiator eines solchen Turnieres, das ich dem früheren Weltmeister Dr. Emanuel Lasker widmen möchte, würde ich mich nachdrücklich um einen attraktiven Preisfond bemühen. Eine weitere Besonderheit könnte darin bestehen, auch den einen oder anderen FIDE-Großmeister für das Turnier einzuladen. Empfohlener Turnierstart: 01.01.2016.

Um ein breites Meinungsbild von Fernschachspielern der ICCF zu erhalten, bitte ich, den anliegenden Fragebogen auszufüllen und per Email (oder, falls gewünscht, postalisch) an mich zurückzusenden.

Mit freundlichen Grüßen,
Arno Nickel (ICCF GM)

Anmerkungen

1   Vgl. Wiener Schachzeitung 8/1929, S. 118; dort wird ein Aufsatz Laskers aus dem Jahre 1917 zitiert.
2   R. Réti, Die neuen Ideen im Schachspiel, Wien 1922; siehe Kap. 20 „Die Reform des Schachspiels“.
3  Auf die Forderung des englischen GM Nigel Short, das Patt überhaupt abzuschaffen, kann hier leider nicht näher eingegangen werden, doch halte ich davon weniger (siehe Diskussionen auf der ChessBase Website).

Beispiele zur Illustration: ¾ oder ½ Punkt?

1) Pattsieg ¾ – ¼ 

Schwarz am Zug (±)

 

2) Blanker König ¾ – ¼

Anzug beliebig (±)

3) Pattsieg ¾ – ¼

Weiß am Zug (±); 1.Kxf3 oder 1.Lxf3

 

4) Dauerschach ½ – ½

Schwarz am Zug (=)

5) Fortress ½ – ½

Anzug beliebig (=)

 

6) Philidor position ½ – ½

Anzug beliebig (=)

Post scriptum

Ich habe mich bemüht, diesen Brief so kurz wie möglich zu halten, doch folgende vier Punkte sollen nicht unerwähnt bleiben:

1. Besteht bei Einführung der 3/4-Punktregel nicht die Gefahr, dass das Wesen des Schachs verwässert wird, indem das eigentliche Ziel des Schachs – das Matt –  zugunsten minimalistischer Strategien aufgegeben wird?

Dieser Einwand ist sehr ernst zu nehmen, doch haben mich eine Reihe von Praxistests und Stellungsstudien zu der Überzeugung geführt, dass eine solche unerwünschte „Nebenwirkung“ nicht grundsätzlich zu befürchten ist. Zum einen hat sich gezeigt, dass es sehr schwer ist, gegen einen aufmerksamen Gegner einen Vorteil zu erreichen, der einen 3/4 Punkt einbringt. Es ist fast so schwer, wie einen Mattsieg zu erzielen, und bedarf schon ernster gegnerischer Fehler. Solche Fehler passieren meiner Erfahrung nach eher auf einem unübersichlichen und unklaren Schlachtfeld als in einer trockenen Positionspartie, also in solchen Stellungen, wo beide Seiten gewisse Risiken eingehen und große Problem lösen müssen. Ferner ist es so, dass zum Beispiel der Mehrbesitz eines Bauern für sich genommen noch keinen allzu großen Vorteil bedeutet, wenn er nicht mit Stellungsvorteilen und einer starken Initiative verbunden ist. So kann die besser stehende Seite in einem einfachen Turmendspiel ihren Mehrbauern keineswegs verwerten, wenn der Gegner die Philidor-Stellung erreicht hat und sich richtig verteidigt. (Vgl. z.B. Stellung 6 auf Seite 10).  Dieses Endspiel endet auch nach der 3/4-Punktregel nicht anders als remis. Ich bin also davon überzeugt, dass die dem Schachspiel innewohnende Dynamik auch weiterhin einen vollwertigen Kampf ermöglicht, wenn dies die Absicht wenigstens eines der beiden Spieler ist. Welche Annahmen letztlich zutreffen, soll allerdings der Modellversuch anhand von 105 Fernpartien zeigen.

2. Mit welchem Rückgang der Remisquote ist bei Einführung der 3/4-Punktregel zu rechnen?

Das ist eine nur sehr schwer zu beantwortende Frage, weil die Spieler noch über keinerlei Erfahrungen mit dieser Regel verfügen. Ganz grob schätze ich, dass durchschnittlich eine von zehn bisherigen Remispartien zukünftig mit einem Halbsieg enden wird. Das klingt statistisch erst einmal nach wenig, doch angesichts der extremen durchschnittlichen Remisquote von 80 - 85 % würde sich dies schon deutlich bemerkbar machen; vor allem aber nehme ich an (und dies scheint mir genauso wichtig zu sein), dass sich die positive Wirkung in den Partien selbst, in der Art des Kampfes und der Spannung klar zeigen wird. Schließlich könnten selbst wenige Partien mit 3/4 Punkten bzw. 1/4 Punkten im Sinne eines Tie-breaks befriedigender sein als die existierenden Hilfswertungen.

3. Muss man nicht auch andere Maßnahmen ins Auge fassen, um dem „Remisproblem“ zu begegnen?

Ich habe diese Frage offen gelassen und sie in den Fragebogen aufgenommen. Erwähnt habe ich einige Maßnahmen, von denen ich nichts halte, und ich habe Chess960, das ich im übrigen gern spiele (u.a. im Finale des 1. ICCF Weltpokals), am Rande gestreift, ohne diese Frage zu diskutieren. Nach meinem Empfinden ist Chess960 als Ergänzung des Spielangebotes gut, aber nicht als Ersatz für klassisches Schach, d.h. Schach nach der klassischen Ausgangsstellung. Ich denke, wir sollten offen sein für weitere Ideen, doch haben mich bisher noch keine überzeugt. Auch das prinzipielle Verbot von Remisangeboten scheint mir fürs Fernschach – im Unterschied zum Nahschach - nichts zu bringen und unangemessen zu sein. Es ließe sich im Fernschach viel zu leicht von zwei remis-gesonnenen Spielern unterlaufen, um wirklich durchgesetzt werden zu können, und es scheint mir auch nicht angemessen, Spieler zu monatelanger Zwangsarbeit an einer öden Remisstellung zu verpflichten. – Eher wäre schon der Gedanke, Dauerschachs oder Zugwiederholungen zu verbieten (analog dem chinesischen oder dem japanischen, teilweise auch dem Go) eine Überlegung und Prüfung wert. Doch diese bedürfte einer eingehenden schachtheoretischen Untersuchung und Klärung.

4. Wie wirkt sich die Einführung der 3/4-Punkt-Regel auf den Einsatz von Schach-Engines aus?

Prinzipiell lassen sich Schachprogramme so modifizieren, dass sie auch unter diesen veränderten Bedingungen hervorragende Analyseleistungen erbringen können, doch wird es gewisse Zeit dauern, bis entsprechende, ausreichend getestete Programmversionen vorliegen, und die Rechenvorgänge könnten durch die erhöhte Komplexität hier und da deutlich verlangsamt werden.  Unabhängig davon sollte die Regeländerung dem Menschen zugutekommen, da das Abwägen langfristiger Spieloptionen (welche Art von Angriffs- oder Verteidigungsplan soll ich wählen?)  zu seinen Kernkompetenzen zählt. Anderenfalls würden, wie Kritiker des Fernschachs nicht müde werden zu behaupten, tatsächlich nur noch die Maschinen gegeneinander spielen.

Umfrage

Die Adressaten dieses Rundbriefs werden gebeten, an der folgenden Email-Umfrage teilzunehmen und sie an ihnen bekannte, potenziell in Frage kommende ICCF-Mitglieder weiterzuleiten. Die Umfrage ist anonym. Sie wird in Deutsch und Englisch verbreitet. Sie hat keinen offiziellen Charakter und erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Dennoch kann sie bei entsprechender Beteiligung Meinungstrends aufzeigen. Der bisherige Rücklauf des Fragebogens zeigt, dass viele Fernschachspieler dringenden Handlungsbedarf sehen und den Modellversuch unterstützen, auch wenn dies nicht unbedingt eine vorbehaltlose Zustimmung zur Einführung der 3/4-Punkt-Regel bedeutet.

Es gibt jeweils drei Antwortmöglichkeiten:  Ja  /  Nein  /  Enthaltung.

(Bitte kopieren Sie die nachfolgenden Fragen in eine E-Mail an den Absender
und tragen Sie Ihre Antworten in die vorgesehenen Zeilen ein!)

Frage 1:

Halten Sie steigende Remisquoten für ein wesentliches Problem des Fernschachs?

Antwort:________________

Frage 2: 

Halten Sie steigende Remisquoten für eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Fernschachs, mit der man sich besser abfinden muss, als etwas dagegen zu tun?

Antwort:________________

Frage 3: 

Unterstützen Sie den Modellversuch mit einer erweiterten Punkteskala?

Antwort:________________

Falls ja, möchten Sie Ihren Namen öffentlich nennen? ICCF-Mitglieds-Nr.________________

Frage 4:

Sollte die ICCF lieber andere Maßnahmen (1) als den Modellversuch ins Auge fassen?

Antwort:________________

Frage 5:

Sollte die ICCF zusätzliche Maßnahmen (2) neben dem Modellversuch erwägen?

Antwort:________________

(1) Falls Sie andere Maßnahmen vorziehen, schreiben Sie bitte in Stichpunkten (oder auch ausführlicher) auf, an welche Art von Maßnahmen Sie denken.

(2) Falls Sie zusätzliche Maßnahmen befürworten, schreiben Sie bitte in Stichpunkten (oder auch ausführlicher) auf, an welche Art von Maßnahmen Sie denken.

Bitte mailen Sie Ihre Antwort bis zum 31.07.2015 an: arnonickel@t-online.de. (Falls Sie eine postalische Zusendung wünschen, schreiben Sie bitte an: Arno Nickel, c/o LASKER'S, Sophie-Charlotten-Str. 28, D-14059 Berlin.)

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renard01 renard01 05.07.2015 07:33
Guter Vorschlag!
Martin Rieger Martin Rieger 04.07.2015 02:30
@ICCF Grandmaster
Tut mir leid wenn Sie keine gegenteiligen Meinungen sachlich akzeptieren können.

ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 04.07.2015 12:42
@Klaus Wockenfuß. Off topic. Wie ich sehe, spielst Du noch ab und zu für Bayern München. Vielleicht sieht man sich mal bei einem Open oder beim Seniorenschach, falls Du da mal Ambitionen hast. Die OSEM in Büsum ist nicht so top-besetzt, aber reizvoll, frische Nordseeluft... Vivat SSH und Gruß zurück!
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 04.07.2015 12:32
Darf man noch opfern? - Natürlich. Man siehe als Beispiel die folgende Morra-Gambit-Partie zwischen Em. Berg (2539) und S. Rocha (Portugiesische Mannschaftsmeisterschaft 2013). Die Partie ist kommentiert in der MegaBase enthalten:
1.e4 c5 2.d4 cxd4 3.c3 dxc3 4.Sxc3 Sc6 5.Sf3 d6 6.Lc4 a6 7.0–0 Sf6 8.Lf4 Lg4 9.h3 Lxf3 10.Dxf3 e6 11.Tfd1 Dc7 12.Tac1 Le7 13.Lb3 Tc8 14.Sd5 exd5 15.exd5 Se5 16.De3 Dd7 17.Txc8+ Dxc8 18.Lxe5 0–0 19.Lf4 Dd7 20.Tc1 Ld8 21.Dd4 Te8 22.Db4 Le7 23.La4 b5 24.Lb3 Tc8 25.Txc8+ Dxc8 26.a4 Dc5 27.De1 Kf8 28.Le3 Dc7 29.axb5 axb5 30.Db4 Db7 31.g4 h6 32.Dd4 Sd7 33.De4 Lf6 34.Db4 Da6 35.Lc2 Se5 36.Kg2 Sc4 37.Lc1 g5 38.Ld3 Da1 39.Lxc4 bxc4 40.Dxc4 Lxb2 41.Le3 Lf6 42.Dc8+ Kg7 43.Df5 Dc3 44.De4 Db2 45.Df5 Dc3 46.De4 Db2 47.h4 gxh4 48.Df4 De5 49.Dxh6+ Kg8 50.Kg1 h3 51.Dxh3 ½–½

Weiß opfert im 3. Zug einen Bauern, den er im 18. Zug durch ein typisches vorübergehendes Figurenopfer zurückerhält. Er macht fortan ziemlichen Druck, aber Schwarz hält gut dagegen. Kleine Ungenauigkeiten auf beiden Seiten. Im 38. Zug hätte Weiß - laut Berg - durch b2-b3 (statt 38.Ld3?) und die Folge 38...Da1 39.Lxg5 hxg5 40.bxc4 bxc4 41.Dxc4 einen Bauern gewinnen können mit guten praktischen Gewinnaussichten.

Diese Partie hätte genau so - ohne irgendeine Änderung - nach der 3/4-Punkt-Wertung stattfinden können und hätte dann vermutlich genau so remis geendet, da keine der beiden Seiten einen Vorteil erreichen konnte. Wenn nun Berg 38.b3 mit Bauerngewinn gespielt hätte, wäre es eine offene Frage gewesen, ob dieser zum vollen Punktgewinn, zum 3/4 Punkt oder zum 1/2 Punkt geführt hätte. Auch hier muss ja erst noch von beiden Seiten sehr genau gespielt werden und es ist nicht einfach eine Frage der vielzitierten "Technik", so als ob diese ein Kinderspiel wäre.
Doch zur Hauptaussage zurück: Dass man auf Angriff spielen und opfern kann, wird durch die 3/4-Punkt-Wertung nicht in Frage gestellt.
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 04.07.2015 11:34
@Martin Rieger: Es ist leider sinnlos, mit ihnen weiter zu diskutieren, da sie einfach nur voreingenommen sind und willkürliche Behauptungen aufstellen. Sie führen subjektive Kriterien ein wie "kreativer spielen" und behaupten, dies sei vergleichbar der Logik, einen Pattsieg anzuerkennen.
Die Ideen von Lasker, Réti u.a. klassifizieren sie pauschal als "risikoloses, blutarmes, hochtechnisiertes Roboterschach". Das alles wissen Sie, ohne je eine Partie nach diesen Regeln gesehen oder selbst gespielt zu haben.
Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 04.07.2015 02:50
Arno, du hast recht. Kein Wunder dass du in Holstein gezogen bist :)
Martin Rieger Martin Rieger 04.07.2015 01:01
Noch ein kurzer Nachkommentar von meiner Seite:
Nach dieser Logik könnte morgen auch jemand kommen und behaupten, seine Verlustpartie gegen XX sollte nur mit 0,3-0,7 gewertet werden weil er ja die ganze Zeit angegriffen hat, kreativer gespielt hat, Mut bewisen und spekulative Opfer gebracht hat während sein Gegner nur passiv verteidigte und nichts machte und auf Fehler wartete. Ein anderer Punkt ist für mich fast noch wesentlicher, hängt teilweise aber mit dem bereits geschilderten zusammen: Durch die vorgeschlagenen Stellungen von Herrn Nickel würde das Spiel als solches ein risikoloses, blutarmes, hochtechnisiertes Roboterschach werden das nichts mehr mit Sport, Kreativität, Kunst usw. zu tun hat. Natürlich soll jeder dem es Spaß macht und darin sein Hobby findet damit glücklich werden, aber, und ich wiederhole mich, es ist definitiv kein Sport mehr, eine Wissenschaft aber auf jeden Fall. Man wirklich nur hoffen und beten, dass zukünftig nicht jemand im Nahschach auf eine solche Idee kommt. Das wäre wahrscheinlich wirklich der endgültige Gnadenstoß für das Schachspiel.
Krennwurzn Krennwurzn 03.07.2015 11:59
Gesagt werden sollte auch, dass durch die vorgeschlagene Reform nur die REMIS-Partien aufgesplittert werden, Gewinn- und Verlustpartien bleiben gleich, man kann sich nicht einmal aus einer Verluststellung in eine 1/4 Stellung retten.

Da die Remisbreite im Schach sehr hoch zu sein scheint, ist es durchaus denkbar, dass man mit einigem Geschick (Rechnerunterstützung) 1/4 Remisniederlagen wohl gut verhindern kann und damit den halben Punkt einfahren kann. Mein Eindruck: diese Reform ist ein Schuss ins Ofenrohr!!

Würde man das Problem seriös und nicht emotional oder romantisch verklärt angehen, so würde man die bereits bekannten Tablebasepositionen statistisch untersuchen, die Häufigkeit von 3/4 Positionen bestimmen und dann noch auswerten, ob man alternativ nicht auch 1/2 erreichen könnte!!
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 03.07.2015 09:30
@Stefan71Northeim. Vielen Dank für die interessanten Ausführungen und die teilweise Zustimmung. Die Erprobung der 3/4-Punkt-Wertung (bzw. wie Sie vorschlagen: der 2/3-Punkt-Wertung) beschränkt auf die Feinwertung ist in der Tat auch im Gespräch. Ob 3/4 oder 2/3 sinnvoller ist, wird sich bei Versuchen herausstellen. Ich erwarte eher eine geringere Anzahl von Halbsiegen, weshalb die Annahme, mit 4 Halbniederlagen 1:3 in Rückstand zu geraten, aus meiner Sicht ein sehr unwahrscheinliches Szenario ist. Lasker schlug übrigens (umgerechnet von seiner 10er Skala) sogar 0,8 Punkte für den Pattsieg vor.
Mit Ihren Argumenten gegen die Überlegung, Zugwiederholungen eventuell zu verbannen, haben Sie natürlich Recht; das wäre in der Tat ein ziemlich starker Eingriff. Allerdings nicht ganz uninteressant, wie sich unter diesen Voraussetzungen der Schachkampf entwickeln würde. Vielleicht 2050 diskutierbar?!
Die "Ausnahmestellung", wo der blanke König den von seinem a7-Bauern eingeklemmten König auf a8 pattsetzt, ist insofern interessant, als Schwarz hier entweder gepatzt hat (letzter Zug a6-a7 statt Ka8-a7 mit Remis durch Zugwiederholung) oder Opfer einer Kombination wurde, weil er eine Figur auf a8 schlagen musste. Will sagen: es bedarf keiner Ausnahmeregelungen.
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 03.07.2015 08:01
@Martin Erik: "Hier ist Patt ein wesentliches Motiv, z. B. in der Stellung: W: Ta6, Ke6, Bd6 S: Ta7, Ke8 mit Schwarz am Zug."

Die Stellung ist leider unsinnig, da fehlerhaft. Aus der klassischen Philidor-Position lassen sich m. E. keine Stellungen erzwingen (!), in denen der Verteidiger einen passiven Turm erhält und sich ins Patt retten muss.

"Das Patt bei großem Materialvorteil – z. B. Randbauer und falscher Läufer gegen blanken König – ist ein Remisschluss, auf den von Verteidigerseite z. T. bereits aus dem Mittelspiel hingearbeitet wird."

Ja und?? Es gibt m.E. mehr Leute, die dies als eine Art Geburtsfehler des Schachs betrachten, dass diese Rettungsoption mit einem 1/2 Punkt bewertet wird. Schach ist an sich ein Gleichgewichtsspiel. Der Verteidiger ist immer noch gut belohnt mit einem 1/4 Punkt.
Stefan71Northeim Stefan71Northeim 03.07.2015 05:14
hallo,
ich bins nochmal. Ich habe mir nach ein wenig Gartenarbeit noch einmal alles durchgelesen.

Nun zum Ausgangstext und den 6 Stellungen:

Im 3. Absatz unter dem grauen Rechteck (Kasten), der unter der Tabelle mit den =quoten ist: Dazu:

a) 3 x diese selbe Stellung: Sie halten sie für okay ich auch, wenn sie nicht gekünstelt hergestellt wurde. Der Schiedsrichter muss m.M.n. kommen und sollte auch bestimmen ob es Remis ist oder weiter gespielt werden muss.

b) Remisangebot: kann ich für das Fernschach nicht beurteilen. Im Turnierschach sollte es verboten werden, mit der Ausnahme, dass ein Spieler in Zeitnot (unter 5 Minuten) mit einer klaren Gewinnstellung remis anbieten darf, indem er die Uhr anhält und den SR um eine Entscheidung bittet.

zu Ihrem Pkt. 3. (unter den 6 Stellungen):
<< Eher wäre schon der Gedanke, Dauerschachs oder Zugwiederholungen zu verbieten (analog dem chinesischen oder dem japanischen, teilweise auch dem Go) eine Überlegung und Prüfung wert. Doch diese bedürfte einer eingehenden schachtheoretischen Untersuchung und Klärung. >>

Davon (das einzige!) halte ich nun gar nichts und ich denke, dass Sie das so auch nicht wirklich meinten, denn dann wären
6. Philidor-Stellung = Dauerschach,
5. Festung = Dauerschach bzw. Zugwiederhlg.,
4. 2 Damen gegen 1 D = Dauerschach,
3 "Verfolgungspatt = Dauerschacch oder ZW,
betroffen.

Weiter zu den 6 Stellungen:
Zustimmung der Weterung bei allen, mit der Änderung 2/3:1/3, statt 3/4:1/4.

Aus diesen Gründen und den erwähnten Gründen aus meinem vorherigen Text schlage ich vor, sehr viel mehr als 1 Modellturnier und alle verschiedenen Modelle in Modellturnieren zu testen.
Z.B. könnte die 37$.1/4-Regel bzw. 2/3.1/3-Regel auch als Feinwertung bei Punktgleichheit getestet werden, das alles und noch viel mehr ;-)

Zum Schluss: Ihre Stellung 1, aber schwarzer statt weißer Bauer und Brett gedreht & weißer König zieht (steht) auf c7 [schwarzer König a8, Bauer a7]: Weiß setzt patt - einige Ausnahmestellungen könnte es noch geben.(?)

Gern lese ich Eure Kommentare und wünsche allen ein schönes Wochenende.

Stefan
Lipecki Lipecki 03.07.2015 04:48
Hallo Zusammen, meines Erachtens ist die Idee ja nicht schlecht, doch ob dies der richtige Weg ist bezweifle ich. Denn wenn ein Spieler eine Figur opfert und grossen Angriff bekommt und sein Kontrahent sich Verteidigen konnte. Bekommt der der die Initiative ergriff 0.25 Punkte und der der sich "nur" Verteidigte 0.75 Punkte. Sprich der der die Partie gewinnen wollte, wird dann dafür bestraft. Da er dann am Schluss eine Figur mehr hat und dies sogar nur gegen den "nackten" König. Naja da werden die die kein Risiko eingehen sogar noch belohnt. Ja ok auch, dass sie sich Verteidigen konnten, doch der der Opfert kann fast nur noch "Verlieren"... Natürlich gibt es da auch beide Seiten...
Martin Erik Martin Erik 03.07.2015 04:22

Liebe Leser!

Ein in letzter Zeit oft angesprochenes Gebiet. Gerald Hertneck hat in „KARL“ in vergleichbarer Weise – wenn auch von der Idee her noch weitgehender – referiert.

Obwohl ich kein Titelträger bin, erlaube ich mir auf ein – m. E. wesentliches und ebenfalls m. E. bei diesem Thema oft übersehenes – „Detail“ hinzuweisen.

Die Regeländerung hätte wesentlich mehr Einfluss auf die Gesamtkonzeption einer Partie als üblicherweise – wie auch im vorliegenden Fall – vermittelt wird.

Exemplarisch – nicht abschließend – sei genannt:

Das Patt bei großem Materialvorteil – z. B. Randbauer und falscher Läufer gegen blanken König – ist ein Remisschluss, auf den von Verteidigerseite z. T. bereits aus dem Mittelspiel hingearbeitet wird.

Ähnliches gilt für das Endspiel Turm plus Bauer versus Turm: Die Remisfestung von Philidor soll gemäß Arno Nickel ein halber Punkt sein – wie ist es aber, wenn die Seite ohne Bauer diese Materialverteilung mit dem Turm auf der vorletzten Reihe verteidigt? Hier ist Patt ein wesentliches Motiv, z. B. in der Stellung:
W: Ta6, Ke6, Bd6 S: Ta7, Ke8 mit Schwarz am Zug.

Alles in allem: Es würde nicht einfach weiter Schach gespielt „wie bisher“, nur dass „ein paar“ Ergebnisse anders lauten würden: Wir hätten ein komplett anderes Spiel.

Ein konzeptionell anderes Spiel, bei dem die Sonderrolle des Königs in erheblichem Maße aufgehoben wäre.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Erik Lerch, Zugzwang München

Stefan71Northeim Stefan71Northeim 03.07.2015 01:12
hallo zusammen,

zuerst möchte ich dem Autor, Arno Nickel, ausdrücklich danken, dass er sich Gedanken über das "Remis" machte und es wie ich als Problem ansehe. Zudem finde ich die Kommentare von "ICCF Grandmaster" und "Michael Collins" interessant!

Ich selbst war 20 Jahre lang aktiv und habe über 70 Turniere gespielt. Lange vertrat ich die folgende Regel (für Turnierschach 5-7 Std.B.-zeit): 3 P. für Gewinn, 0 P. für Niederlage, 1,5 P. für Remis mit Schwarz und 1 P. für Remis mit Weiß.
Als ich dies mit einem befreundeten FM besprach, sagte er: "wenn man die = wegläßt, gewinnt Weiß 60% und Schwarz 40% der Partien. Beim PC: 55:45.
So gegann ich von neuem zu überlegen und da ich weder von der Buchholz- geschweige denn von der verfein. B-wertung etwas halte, kam ich zum Schluss:
Bei Punktgleichheit entscheidet der direkte Vergleich. Ist der oder die = dann gewinnt, der der die meißten Siege hat. (Bei Turnieren mit gerader Anzahl von Partieen, zur Abstimmung - teilen der Preise oder: Gewinner ist der, der mehr Siege mir Schwarz hat - als 3. Feinwertung.

Wer sich Gedanken über Remise mit unterschiedlichem Wert macht, ist in "guter Gesellschaft": WM Lasker wollte zur mittelalterlichen Regel zurück, zwischen einem "Mattsieg" , den man als den besten ansah, dem "Pattsieg" und dem "Beraubungssieg" (blanker König) zu unterscheiden.

WM Capablanca meinte, dass das Schachspiel eines Tages den "Remistod" sterben würde und wollte das Spielfeld um je zwei Felder erweitern (Janusschach).

WM Fischer hat das Chess960 auf den Weg gebracht.

In vielen WMs zählten nur die Siege.

Der Sinn des Spieles desteht darin, den gegnerischen König mattzusetzen! (Präambel der FIDE-Regeln)

Seit gut 100 Jahren sind die Regeln über die Gangart der Figuren so wie heute, Bauer kann zu Beginn auch 2 vor, Bauernumwandlung, Rochade, e.p. und später auch die Sanduhr usw.
Als ich 1986 meine erste Partie spielte, durfte ich am Brett noch rauchen, man hatte 2,5 Std. für 50 Züge und es gab noch die Hängepartie. Regeln änderten sich und werden es auch weiterhin!

Nun aber zum Fernschach und zu den Ideen und Beispielstellungen und deren Bewertungen:
Dort geht es ja offenbar um die Weltspitze bzw. sehr hohes Nivaue, denn als ich mit FS beginnen wollte, war klar, dass Spieler, die einen PC für sich spielen lassen, sich nur selbst betrügen und bald damit aufhören (es sei denn es liegt eine patalogisch....). Theoriebücher würden benutzt werden aber man sollte selber genau und weit im Voraus planen und spielen, mit dem PC höchstens (danach überprüfen, ob nicht ein sehr grober einfacher "Patzer" vorliegt).

Es scheint ja aber mehr als um die Ehre geht.

Und die Remisquote von 90% "schreit" ja förmlich nach Neuerung oder Differenzierung.

Früher galt mal: Wer pattsetzt bekommt 2/3 Punkte und wer pattgesetzt wird 1/3.

Mir scheint eine 3/4:1/4 - Regelung "übertrieben". Wenn ich z.B. im Zweikampf 4 x die Opposition halte, weil das Endspiel im Blumenfeldgambit mit dem Rand-Mehrbauerdes Gegners, dann liege ich aber schon 1:3 hinten.... ich muss hier unterbrechen, weil mir der PC groht abzustürzen....gleich mehr zu den oben gez.Stellungen.... sorry keine Korrekturlesung....
Krennwurzn Krennwurzn 03.07.2015 01:07
@ICCF Grandmaster
"Fernschach entwickelt sich immer mehr zu einer Art Wissenschaft statt einem bloßen"Spiel" oder "Sport".

Da liegt mM der Denkfehler begraben, Schach hat nur als "Spiel und Sport" zwischen Menschen eine Zukunft, damit müssen wir uns abfinden und ich denke wir können damit sehr gut leben.

Theoretisch wird Schach in absehbarer Zeit nicht komplett lösbar sein - und ich hoffe, dass wenn es eine Lösung gibt, diese nicht für Menschen erlernbar ist - aber wir werden erleben, dass die Computer immer stärker werden und möglicherweise spuckt schon in wenigen Jahren die Maschine nach 1.e4 d5 +3 also Gewinn für Weiß als Bewertung aus. Auch unpolemisch müssen wir uns der Tatsache stellen, dass Fernschach als Wettbewerb seine Faszination verlieren wird.

Nebenbei noch gefragt: wo liegt eine Änderung der "Gerechtigkeit" vor, wenn die Grundstellung möglicherweise statt REMIS mit 3/4 zu bewerten ist?
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 03.07.2015 12:47
@Martin Rieger: Billige Polemik. Sie ignorieren, dass im Rahmen der ICCF und des BdF Tausende von Fernschachspielern einem geliebten Hobby nachgehen. Viele Fernpartien haben einen außerordentlich hohen Standard, der nicht erreicht werden kann, wenn nur Computerprogramme gegeneinander spielen würden. Weltklassespieler und Eröffnungstheoretiker wissen das im Unterschied zu Ihnen zu würdigen.
Fernschach entwickelt sich immer mehr zu einer Art Wissenschaft statt einem bloßen"Spiel" oder "Sport". Das kann einem gefallen oder nicht, aber es ist sicherlich kein Grund für einen rethorischen Rundumschlag.
Die Titelvergabe im Fernschach steht auf einem völlig anderen Blatt. Ich wäre keineswegs abgeneigt, auch hier über Änderungen nachzudenken.
Nils-Hero Nils-Hero 03.07.2015 12:37
a) Die Leute, die sagen daß Fernschach mithilfe von Computern gleichzusetzten sind mit Engine-Meisterschaften, disqualifizieren sich als Laien, die die Komplexität des Schachspiels nicht erahnen. b) Nickels Idee finde ich gut, aber nur als Zweitwertung. Grund: Einer, der seinen Gegner einmal mattsetzt und dreimal Remis mit nackten Königen* macht, hat meines Erachtens mehr erreicht als einer der viermal nur pattsetzt. Mit der von Nickel vorgeschlagenen Punkteskala würde er aber weniger Punkte erzielen. Darum: Ja, einführen, aber nur als Zweitwertung. Drittwertung wird dann Elo der Gegner etc.

* ich meine nackte Könige auf, nicht am Brett
Kamikazeturm Kamikazeturm 03.07.2015 12:32
Der Vorschlag entwertet m. E. das Spiel an sich, auch im Nahbereich. Man denke an Pattkombinationen oder ähnliches. Grundlagen wie das Halten der Opposition o. ä. wären entwertet, weil man ja pattgesetzt werden kann. Ich denke, man sollte das Wesen des rechnergestützten Fernschachs akzeptieren oder nicht spielen.
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 03.07.2015 12:13
@Krennwurzn: "Fakt ist, dass eine Schachstellung nur einen der drei Zustände: gewonnen, verloren oder remis annehmen kann - das gilt für jede Schachstellung."
Dann wurde jahrhundertelang offenbar falsches Schach gespielt, wenn nämlich der pattgesetzte Spieler die Hälfte seines Einsatzes verlor.
Es handelt sich bei der Definition von "Zuständen" doch nicht um physikalische Grundeigenschaften des Schachspiels, sondern um Festlegungen, die Menschen für bestimmte Zwecke vereinbart haben. Und wenn diese Festlegungen (Regeln) nicht mehr ausreichend ihren Zweck erfüllen, dann ist es nur zu natürlich über Änderungen nachzudenken. Diese Diskussion ist im Fernschach weit überfällig. Der Offene Brief führt relativ detailliert aus, dass die 3/4-Punkt-Regel zu mehr Leistungsdifferenzierung und damit auch zu etwas mehr "Gerechtigkeit" führen soll. (In Anführungszeichen, weil der Begriff bezogen aufs Schach und speziell aufs Fernschach eher unklar ist. Absolute "Gerechtigkeit" kann es sowieso nicht geben.)
Ein Dauerschach drückt ein gewisses Gleichgewicht aus (Gleichgewicht definiert sich ja nicht einfach nach Material.) Wenn ich jemanden pattsetze, kann ich dies in der Regel nur mit Anwendung von Zugzwang tun, der auf einem Übergewicht beruht. Selbst die Möglichkeit, Dauerschach zu geben, ist keine unumstößliche Eigenschaft des Schachspiels, sondern beruht (wie die Möglichkeit der Zugwiederholung) auf einer Regelvereinbarung.
Martin Rieger Martin Rieger 03.07.2015 12:12
Es ist doch eine Tatsache, dass einige Fernschachgroßmeister im Turnierschach eine DWZ um die 1600 haben. Sprich, alles wird mit Computerhilfe gespielt. Nur weil jetzt sich langsam jeder eine Highendmaschine leisten kann und man nicht mehr so einfach gewinnt gegen die "Patzer", jetzt will man auf einmal bestehende Regeln ändern aufgrund einer nicht zu Ende gedachten obskuren Idee damit man doch noch irgendwie mehr als den halben Punkt macht. Ich finde das lächerlich. Außerdem sollte sich der DSB endlich vom Fernschach deutlich distanzieren, den ein Sport oder ein faires Spiel ist das FS doch schon lange nicht mehr.
Stefan71Northeim Stefan71Northeim 03.07.2015 10:46
Test2 - sorry
Michael Collins Michael Collins 03.07.2015 10:38
Ich sehe dies eher wie Krennwurzn. Die vorgeschlagene Lösung führt zu mehr Unebenheiten in der Wertung als wir sie bisher haben. Denn eine klare Definition, welche Art von Endstellung mit 0,75:0,25 bewertet werden soll, wird es ohne vereinfachende Ungerechtigkeiten, die wir jetzt mit 0,5:0,5 auch schon haben, nicht geben. Sie werden eher noch zunehmen. Und eine weitere Frage muss auch noch beantwortet werden: Dürfen sich Spieler auf 0,25:0,75 einigen. Und wenn ja, warum nicht auf eine andere Quote?
Meine Einschätzung ist die, dass das Spiel durch diese Quoten etwas anderes wird als Schach (wie wir es kennen). Kann man natürlich machen, aber dann ist es halt nicht mehr Schach. Darüber sollte man sich klar sein.
Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 03.07.2015 04:50
Interessante Idee, Arno.
In alter holsteinischer Verbundenheit ---
knight100 knight100 03.07.2015 01:20
ich versteh nicht, dass die FS-spieler die hohe remisquote kritisieren, die sie selbst durch einsatz stärkster engines verursachen. und was ist hier die menschliche herausforderung/leistung? wenn ein schachspieler gegen SF6 oder KOMO9 gewinnen würde - das wär ne echte leistung - aber den wirst du mir nicht zeigen können...!? WAS IST DER REIZ AN DIESER ART SCHACHSPIEL??? das macht doch überhaupt keinen sinn. den einzigen sinn seh ich wirklich nur in der verbesserung der engines, oder was?

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ICCF Grandmaster vor 2 Stunden
Die moderne Eröffnungstheorie stützt sich immer mehr auf Erkenntnisse aus Fernpartien, weil kritische Züge dort systematisch untersucht werden. Das sind nicht immer die Nr. 1 Züge von Engines, und es ist bekannt, dass Engines trotz ihrer Rechenstärke mit bestimmten Stellungstypen schlecht zurechtkommen. Mit einfach nur Züge eingeben kann man Eröffnungen, die einen langfristigen Plan verlangen, wie zum Beispiel Könisgindisch oder Französisch, kaum sinnvoll und gegen gute Gegner auch kaum erfolgreich spielen. Da nützt auch die stärkste Hardware nichts. Der "Bedienier" muss schon wissen, worum es geht und wo es lang geht. Im Idealfall zeigt er der Engine, wo es langgehen soll, auch wenn die ihm taktisch tausendmal überlegen ist. Engines zeigen in vielen Stellungen mehrere Züge als gleichwertig an oder sind sich untereinander uneinig, welches der beste Zug ist. Das zu ermitteln, ist einer der Herausforderungen, denen sich Fernschachspieler immer wieder stellen müssen.
Krennwurzn Krennwurzn 03.07.2015 12:39
Nun der Vorschlag löst das Problem nicht - möglicherweise wird es gar nicht einmal erkannt. Fakt ist, dass eine Schachstellung nur einen der drei Zustände: gewonnen, verloren oder remis annehmen kann - das gilt für jede Schachstellung. Was nun eine Änderung auf mehr Zustände bringen sollte, bzw. die Aufsplittung von Remis in verschiedene Wertigkeiten bringen sollte, diese Antwort bleibt der Autor schuldig.

Fernschach wird wohl als Sport verschwinden, das zeichnet sich am Horizont ab und so eine Bewertungsabänderung bringt dabei keine wesentliche Verzögerung, zumal ja die meisten Pattsiege sich in den Tablebases abspielen und jene die in echten Stellungen vorkommen, statistisch eher unrelevant sein dürften.

Zudem stellt sich die Gerechtigkeitsfrage, warum man bei einem Damenopfer mit anschließendem Dauerschach einen halben Punkt bekommen sollte und nach einem Damenopfer mit anschließendem Patt nur einen viertel Punkt.
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 02.07.2015 11:25
Die moderne Eröffnungstheorie stützt sich immer mehr auf Erkenntnisse aus Fernpartien, weil kritische Züge dort systematisch untersucht werden. Das sind nicht immer die Nr. 1 Züge von Engines, und es ist bekannt, dass Engines trotz ihrer Rechenstärke mit bestimmten Stellungstypen schlecht zurechtkommen. Mit einfach nur Züge eingeben kann man Eröffnungen, die einen langfristigen Plan verlangen, wie zum Beispiel Könisgindisch oder Französisch, kaum sinnvoll und gegen gute Gegner auch kaum erfolgreich spielen. Da nützt auch die stärkste Hardware nichts. Der "Bedienier" muss schon wissen, worum es geht und wo es lang geht. Im Idealfall zeigt er der Engine, wo es langgehen soll, auch wenn die ihm taktisch tausendmal überlegen ist. Engines zeigen in vielen Stellungen mehrere Züge als gleichwertig an oder sind sich untereinander uneinig, welches der beste Zug ist. Das zu ermitteln, ist einer der Herausforderungen, denen sich Fernschachspieler immer wieder stellen müssen.
Smurskie Smurskie 02.07.2015 10:12
Formel 1 Piloten haben selber nicht die Stärke aber sie können die PS lenken. Ich sehe in diese Richtung das Fernschach. Die Resultate des Computers zu interpretieren und versuchen situativ bestens einzusetzen.
ebit ebit 02.07.2015 08:36
"Als einer der international führenden Fernschachspieler möchte ich ..."
Angesichts des überwältigenden Einsatzes von Engines mit entsprechender Hardware, kann man nicht von "Spieler", sondern nur von Bediener sprechen.
knight100 knight100 02.07.2015 06:21
kann mir einer mal erklären, was menschliches fernschach (mit hilfe von stärksten schachengines) überhaupt soll? es ist doch gleichzusetzen mit engine-meisterschaften? viell. ergibts noch einen sinn, diese engines zu verbessern/optimieren - aber sonst???
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